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Predigt von Erzbischof Dr. Werner Thissen in der Christmette 2012
24. Dezember 2012 / St. Marien Dom Hamburg
Liebe Schwestern und Brüder,

„Das Volk, das im Dunkel lebt, sieht ein helles Licht.“ So begann vorhin die bibli-sche Weihnachtsverkündigung. Jetzt sind wir dieses Volk im Dunkel der Nacht. Dunkelheit irritiert. Dunkelheit macht Angst. Ich meine nicht so sehr die Dunkel-heit draußen. Dafür gibt es Straßenlaternen. Ich meine das Dunkel drinnen, im Menschen, und auch das Dunkel in uns.

Die Dunkelheit gehört zu Weihnachten. In den biblischen Texten vorhin war die Rede von Gewalt. Denken Sie an den Soldatenstiefel, der dröhnend daherstampft. Oder an den Mantel, der mit Blut befleckt ist. Das gibt es auch heute: Gewalt und Blutvergießen. Nicht nur in Syrien, Ägypten oder Afghanistan. Nicht nur in der amerikanischen Grundschule in Newtown im Staat Connecticut. Unsere Welt ist voll von Gewalt. Und wir in Deutschland tragen dazu bei. Panzer und weiteres Kriegsmaterial verkaufen wir zum Fest des Friedens in den Süden. Zum Fest des Lebens wird organisierte Sterbehilfe propagiert. All das gehört zu Weihnachten 2012. Es passt, dass die Dunkelheit, die Nacht, schon im Namen „Weihnacht“ vor-kommt.

„Das Volk, das im Dunkel lebt, sieht ein helles Licht.“ Wenn ich die Dunkelheit nicht verdränge, wenn ich den Mut habe, die Dunkelheit anzuschauen, auch die Dunkelheit in mir selbst, dann kann ich auch das Licht wahrnehmen. So wie die Hirten auf den Feldern Bethlehems in der Dunkelheit der Nacht das Licht erfahren. „Der Glanz des Herrn umstrahlte sie“, hörten wir im Weihnachtsevangelium. Kann uns hier im Mariendom auch der Glanz des Herrn umleuchten, erleuchten? Kann uns ein Licht aufgehen, das Licht der Weihnacht?

Drei Hinweise können dafür hilfreich sein.

Als erstes finde ich wichtig, dass wir vor der Dunkelheit in unserer Welt, in unserer Gesellschaft und vor der Dunkelheit in uns selbst nicht die Augen verschließen. Dass wir nicht wegschauen, sondern hinschauen. Die Dunkelheit anschauen, wahrnehmen.

Als zweiter Hinweis, damit mir das Licht der Weihnacht aufgehen kann, hilft mir, dass ich in mich hineinhorche. Was sagt mir mein Gefühl, mein Gewissen, meine innere Stimme? Was wollte ich vielleicht schon längst tun und habe es bis jetzt auf-geschoben? Zu welchem Handeln drängt mich das Licht der Weihnacht, zu wel-chem Aufbrechen, so wie die Hirten zum Stall mit dem Jesuskind aufbrechen?

Und ein letzter Hinweis schließlich noch, damit mir das Licht der Weihnacht auf-geht: Ich sage das, was mir in dieser Nacht durch den Kopf geht und durchs Herz geht, dem Kind in der Krippe. Gott hört mich an in der Gestalt dieses Kindes. Er fällt mir nicht ins Wort. Er beurteilt mich nicht. Er verurteilt mich nicht. Wenn ich mich in Stille Gott zuwende, dann lässt er mich erfahren, was für mich dran ist, was ich zu tun habe und zu lassen, was sein Auftrag für mich ist, was der Sinn meines Daseins ist.

Vom Sinn spricht auch Papst Benedikt in seinem neuen Buch zu den Kindheitsge-schichten Jesu. Er weist darauf hin, dass die biblische Aussage „das Wort ist Fleisch geworden“ auch übersetzt werden kann mit „der Sinn ist Fleisch geworden“. Das bedeutet: Jesus Christus, das Wort Gottes, ist in die Welt gekommen, damit ich den Sinn meines Lebens erkennen kann. In Verbindung mit Jesus Christus be-kommt mein Leben Sinn, und ich kann den Sinn besser erkenne, auch in Krisen, auch in Dunkelheiten, auch in dem, was mich bedrückt und quält. In die Dunkel-heit fällt Licht.

Dann wird es hell in mir. Dann sehe ich eine Perspektive für mein Leben. Dann hält mich nicht die Dunkelheit in der Welt und auch nicht die Dunkelheit in mir selbst davon ab, Sinnvolles zu tun, Gutes zu tun. Denn der Sinn meines Lebens ist für mich greifbar, begreifbar geworden, hat Hand und Fuß bekommen durch das Kind von Bethlehem, in welchem Gott selbst zu uns kommt.

Schwestern und Brüder, wir brauchen vor der Dunkelheit nicht zu verzagen und nicht zu resignieren. Wir können mutig Schritte durch unsere Dunkelheit hindurch gehen und sie überwinden. Denn das Licht von Bethlehem leuchtet uns. Es gibt uns Sinn und Ziel auf unserem irdischen Pilgerweg. Amen.