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Weihbischof Horst Eberlein
Bildquelle: Erzbistum Hamburg / K. Erbe

„Es gibt inzwischen ein gutes Miteinander“

Das Erzbistum Hamburg verbindet in einzigartiger Weise ost- und westdeutsche Katholiken. Zum Gebiet der Diözese gehören Hamburg, Schleswig-Holstein und Mecklenburg. Im Interview mit der Katholischen Nachrichten-Agentur spricht Weihbischof Horst Eberlein über das Zusammenwachsen der Bistumsteile.

Horst Eberlein (68) wurde in Sachsen-Anhalt geboren und war unter anderem Pfarrer in Rostock und Schwerin. Seit 2017 ist er Weihbischof in Hamburg.

Wie hat der Mauerfall vor 30 Jahren das kirchliche Leben verändert?

Ich weiß noch, dass ich mich am Tag des Mauerfalls als Pfarrer mit einer Gruppe von Lehrlingen in Neubrandenburg traf. Wir hatten uns zum Tanzen in den Gemeinderäumen im Keller verabredet. Plötzlich kam ein Pastorenkollege die Treppe hinunter und rief: „Die Mauer ist auf!" Alle blieben dort stehen, wo sie waren, und die Musik wurde ausgestellt. Das ist vielleicht ein Sinnbild für das, was mit der Gesellschaft und der Kirche insgesamt passierte. Der normale Lauf der Dinge wurde unterbrochen. Auch das kirchliche Leben stand für eine Zeit still. Niemand ahnte, was für Veränderungen vor uns liegen.

Sie auch nicht?

Meine Überzeugung damals war, die Kirche müsse sich gar nicht ändern. Der Marxismus ist tot, aber Jesus lebt weiter. Vielmehr dachte ich, der Staat und die Gesellschaft müssten sich ändern. Im Nachhinein muss ich sagen, dass das ziemlich hochmütig war. Natürlich mussten wir uns auch als Kirche stark ändern.

Was veränderte sich konkret?

Mit der Mauer brach auch der Horizont unseres Denkens auf. Als Katholiken waren wir plötzlich nicht mehr auf Mecklenburg und die DDR begrenzt, sondern sahen uns einer pluralen, vielstimmigen Weltkirche gegenüber. Wir hatten Geld für neue Kirchen, Pfarrhäuser und Kindergärten. Daneben änderte sich das Verhältnis zum Staat. Aus Misstrauen wurde Miteinander. Der Bürgermeister lud die Kirche ein, am Geschehen der Stadt teilzunehmen. Das war völlig neu für mich. Plötzlich wurden wir gefragt, als Seelsorger in die Schulen, Kasernen oder Gefängnisse zu kommen. Das wäre zu DDR-Zeiten undenkbar gewesen.

Das früher zum Bistum Osnabrück gehörende Mecklenburg wurde 1995 dem neugegründeten Erzbistum Hamburg zugeschlagen. Wie haben Sie das erlebt?

Zu dieser Umstrukturierung gab es damals in Mecklenburg sehr unterschiedliche Meinungen. Den meisten Menschen war klar, dass Mecklenburg nicht für sich als eigene Ortskirche existieren kann. In meinem damaligen Pfarrgemeinderat war die Mehrheit dafür, sich einem neuen Erzbistum Hamburg anzuschließen. Für die meisten Gemeindemitglieder war das gar kein Problem, eher für die älteren Priester, die aus alter Gewohnheit immer noch eine starke Verbundenheit mit dem Bistum Osnabrück spürten. Doch nach der Gründung des Erzbistums Hamburg setzte unter den Priestern schnell eine Austauschbewegung zwischen Ost und West ein, die zum besseren Zusammenwachsen beitrug.

Viele Ostdeutsche haben heute das Gefühl, abgehängt zu sein von der Entwicklung im Westen. Ist das bei den ostdeutschen Katholiken im Erzbistum Hamburg auch so?

In den ersten Jahren gab es dieses Gefühl tatsächlich bei vielen Mecklenburger Katholiken. Es hieß immer: „Ja, ja, die besten Priester gehen nach Hamburg, und wir bleiben hier alleine." Das war natürlich Quatsch. Doch das Klagen ließ schnell nach, weil sich besonders in den großen Städten die Gemeinden mischten. Westdeutsche Katholiken zogen nach Schwerin, Rostock und Neubrandenburg. Ich halte grundsätzlich nichts davon zu jammern. Das eigentliche Problem für uns Christen ist doch nicht die Frage, wie wir als Ost- und Westdeutsche zusammenleben können, sondern wie wir in dieser Gesellschaft den Glauben leben können.

Wie gut sind Ost- und Westteil des Erzbistums Hamburg heute zusammengewachsen?

Man spürt schon noch, dass die Situation in Ost und West jeweils anders ist. Aber es gibt inzwischen ein gutes Miteinander. Früher haben die Mecklenburger gedacht: Wir haben die Krise überstanden, wir wissen schon, wie man den Glauben lebt. Und die Wessis dachten über die Ossis: Die leben dort in ihrem Ghetto und haben keine Ahnung von der weiten Welt. Inzwischen hat das nachge la s sen , niemand hält sich mehr für den Besseren.

Was können die beiden Teile voneinander lernen?

Der Osten kann vom Westen die Vielfalt lernen. Die Internationalität der Kirche zeigt sich vor allem in Hamburg viel stärker als in Mecklenburg. In vielen Gemeinden gibt es Menschen anderer Nationalität und Hautfarbe. Auch das kirchliche Schulwesen und die Arbeit der Verbände wie Malteser oder Pfadfinder sind im Osten nicht so stark ausgeprägt. Die Wessis können von den Ossis wiederum die Entschiedenheit lernen, mit der viele Christen – bedingt durch ihre Lebensgeschichten – ihren Glauben leben. Daneben gibt es im Ostteil unseres Erzbistums eine starke Caritas. Auf dem Feld der sozialen Arbeit und der Beratungsdienste wurde auch zu DDR-Zeiten kirchliches Engagement erwartet. Die Kirche hat diese Gelegenheit beim Schopfe gepackt und in diesem Bereich eine Präsenz erreicht, die viel stärker ist, als die Zahl der Gläubigen es vermuten ließe.

Was dürfte sich in Zukunft noch weiterhin verbessern im Zusammenleben?

In meiner Zeit in Rostock war ich auch für die dortige Studentengemeinde zuständig. Dort habe ich gemerkt, dass die Unterschiede zwischen Ost und West für die jungen Menschen überhaupt kein Thema waren. So würde ich mir das für unsere gesamte Gesellschaft wünschen. Natürlich trägt jeder die Prägung seiner Heimat in sich. Aber die ostdeutsche Prägung sollte genauso gewichtet werden wie die bayerische oder norddeutsche – nicht stärker und nicht schwächer.

Zahlreiche Studien behaupten, dass die gesellschaftliche Spaltung zwischen Ost und West aktuell wieder zunimmt. Macht Ihnen das Angst?

Die zunehmende Beliebtheit der AfD und ihre ausgrenzende Sprache halte ich natürlich für gefährlich. Aber ich möchte betonen, dass das nicht ausschließlich ein ostdeutsches Problem ist. In den mecklenburgischen Kirchengemeinden sind Nationalismus und Ausgrenzung kein Thema. Ich nehme die populistischen Stimmen wahr. Aber die Wirkkraft der Menschen, die konstruktiv und zukunftsoffen gesinnt sind, ist größer.

Quelle: KNA/Michael Althaus