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Siemerling-Sozialpreis
Bildquelle: Neue KirchenZeitung / A. Hüser

Ehrung für Bruder Gabriel

Der Siemerling-Sozialpreis wird in diesem Jahr im Gefängnis verliehen.
Geehrt wird Franziskanerbruder Gabriel Zörnig. Seit acht Jahren ist er Seelsorger für Gefangene. Dort wird ein Mann wie er dringend gebraucht

Man muss durch den Wald fahren, um zur Jugendanstalt Neustrelitz zu kommen. Das Gefängnis, ein Neubau, gleicht von außen einer Fabrik. Eine glatte, fünf Meter hohe Betonmauer umgibt das ganze Areal. Innen öffnen sich weite Rasenflächen, dazwischen zweistöckige Wohnhäuser, Werkstätten, Fußballplatz, sogar einen kleinen Zoo mit Pferden und anderen Nutztieren gibt es. „Wie eine Jugendherberge", schwärmen ehemalige Gefangene im Knastblog „knast.net". Im Vergleich zu anderen, alten Gefängnissen, stimmt das. Aber das äußere Bild trügt. Die Enge liegt innen. Wer im Jugendgefängnis sitzt, darf nicht raus. Der Alltag ist öde, spätestens dann, wenn Feierabend ist nach Schule oder Ausbildung. Die Kommunikationsmöglichkeiten sind stark beschränkt. Es gibt kein Internet und keine Handys. Und zwischen den Gefangenen herrscht eine strenge „Knastordnung".

„Im Knast muss man hart und stark sein, sonst geht man hier unter", sagt Bruder Gabriel Zörnig. „Man darf auch nicht weinen. Hier darf man es." Hier, das ist der Bereich der katholischen und evangelischen Gefängnisseelsorge. Nur in den beiden Räumen mit Küche und Kapelle sind die Fenster nicht vergittert. Nur hier trägt niemand andere Kleidung als einen dunkelblauen Jogginganzug oder die Justizuniform. Bruder Gabriel hat einen grauen Pullover an. Das Tau-Kreuz der Franziskaner hängt um seinen Hals. Für besondere Gelegenheiten hängt auch noch die braune Kutte im Schrank. Bruder Gabriel ist ungemein beliebt in der Jugendanstalt. Denn die Seelsorge ist wie eine Insel im straff geordneten Knastalltag. „Bei ihm wird man mal nicht als Straftäter behandelt, sondern als Mensch", sagt einer der Jungen in blauer Jogginghose. „Der gibt einem die Hand, den kann man auch mal duzen, oder einfach reden." Allein deshalb lassen sich viele einen Termin beim katholischen Seelsorger oder seinem evangelischen Kollegen Matthias Vogel geben. Dazu stellt man einen Antrag, wird in seiner Zelle abgeholt und nach dem Gespräch wieder hineingebracht. Auch innerhalb der Betonmauer dürfen sich die Gefangenen nicht frei bewegen.

Bei den Gesprächen geht es um Gott und die Welt – meistens eher um die Welt als um Gott. Es gibt genug, was die Gefangenen auf dem Herzen haben. Während sie drinsitzen, dreht sich die Welt draußen weiter. Einige haben Kinder, Freundinnen (die fast immer Ex-Freundinnen sind), Freunde aller Art. Wenn tatsächlich Gott ins Gespräch kommt, dann kann es hart werden. „Fast keiner ist irgendwie religiös", sagt der Franziskaner, „und das, was von religiösen Vorstellungen übrig ist, muss ich erst einmal gerade rücken. Da sagen mir Leute: Nach dem, was ich getan habe, kann ich nur in die Hölle kommen." Dass der Glaube der Christen der Glaube an einen barmherzigen, zugewandten Gott ist, wird etwa in den Gottesdiensten deutlich. Mehrmals im Monat kommen die Insassen der Jugendanstalt in der Kapelle zusammen. Die Gottesdienstbesuchs-Zahlen sind damit weit besser als jenseits der Mauer. Und am Sonntag nimmt Bruder Gabriel immer Leute in die katholische Kirche seiner Pfarrei mit; solche, die in der ersten Stufe der „Hafterleichterung" in Begleitung hinausdürfen. Dazu fährt er von Waren nach Neustrelitz, holt die Gefangenen ab, fährt nach Röbel in die Messe, und bringt sie wieder nach Neustrelitz. Warum tut sich der Mann das an? Manchmal kommen Fragen, angefangen mit der Standardfrage: „Sie sind doch katholischer Priester? Stimmt es, dass Sie keinen Sex haben dürfen?" Bruder Gabriel: „Ja, diese Eigenschaft teile ich mit euch. Ich bin solo hier." Ein Gefangener hat noch einen guten Vorschlag. „Wenn es einen Preis für den besten Mann gäbe, ich würde Bruder Gabriel nominieren." Wenige Tage später wurde bekannt: Bruder Gabriel bekommt den Siemerlingpreis des Neubrandenburger Dreikönigsvereins.
Der Preis wird am 27. Februar verliehen. Und zwar in der Jugendanstalt Neustrelitz.
Die Lobrede wird Justizministerin Katy Hoffmeister halten. Es wird ohnehin viel Lob geben für den Franziskaner. Aber kein Satz wird das Jesuswort erreichen: „Ich war im Gefängnis, und ihr seid zu mir gekommen."

Zur Person: 
Bruder Gabriel Zörnig (54), wurde in Woltersdorf bei Berlin geboren. 1996 trat er in den Franziskanerorden ein, wurde 1999 zum Priester geweiht. Seit 2006 lebt Bruder Gabriel in Waren. Vier Jahre lang war er Jugendseelsorger für die Dekanate Güstrow und Neubrandenburg, seit 2010 ist er Leiter der katholischen Gefängnisseelsorge in Mecklenburg, tätig in der Jugendanstalt Neustrelitz und in den Justizvollzugsanstalten Bützow und Neubrandenburg.

(Text: A. Hüser/ Neue KirchenZeitung)