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Seid ihr ganz sicher?

80. Geburtstag von Alterzbischof Werner Thissen

Die Kraft ist noch da, aber die Jahre lassen sich nicht leugnen. „Nachspielzeit" nennt Alterzbischof Werner Thissen sein Leben mit 80 Jahren. Aber selbst nicht-Fußballer wissen: Bis zum Schlusspfiff kann noch viel passieren.

Werner Thissen, der sich seit knapp fünf Jahren „Alterzbischof" nennen darf, wird am 3. Dezember 80 Jahre alt. Keinen Gästeauflauf, keinen Festgottesdienst wird es geben. Er wird sich in die Stille eines Klosters zurückziehen. „Ich merke, das ist diesmal für mich dran", sagt er. Was sind 80 Jahre? „Die Zeit unseres Lebens währt siebzig Jahre, wenn es hochkommt, achtzig", so steht es im Psalm 90. 80 Jahre wurde zur Zeit der Psalmdichtung kaum jemand. Heute sind Menschen dieses Alters oft noch fit und aktiv. Werner Thissen gehört dazu. „Ich wohne im fünften Stock", sagt er auf die Frage, warum er einen so sportlichen Eindruck mache.

Die Pflichten des Bischofsamtes sind vorbei. Aber die Tage sind ausgefüllt. „Ich mache nicht nur Vertretungen bei Gottesdiensten. Viel Zeit verbringe ich bei Exerzitien und Besinnungstagen, zu denen ich eingeladen werde. Fast alle davon sind außerhalb des Erzbistums Hamburg." Deshalb musste der Alterzbischof mit 75 noch etwas lernen, besser gesagt auffrischen. „Das Autofahren. All die Jahre vorher hatte ich einen Fahrer." Noch einmal selber fahren, wie ein verspäteter Fahranfänger? „Alle, die mich kennen, haben mir abgeraten. Ich hab es trotzdem gewagt. Und siehe da, ich fahre gern!"

Aber nicht alles kann so weitergehen. Erzbischof Thissen: „Ich merke, dass die Besinnungstage langsam zu anstrengend für mich werden. Mehrere Tage Vorträge halten und intensive Gespräche führen, das werde ich bald einschränken müssen."

Da sind sie dann doch nicht zu leugnen, die 80 Jahre und die Einsicht: Es geht nicht immer so weiter. „Die Alten sind immer die anderen? Langsam begreife ich, dass ich dazu gehöre." Er habe in den vergangenen Jahren gelernt, die Jahreszeiten neu zu sehen, auch die Tage und ihre Zeiten. Morgen und Abend, Aufgang und Niedergang der Sonne, Kommen und Schwinden des Lichts. „Das Stundengebet und die Besinnung helfen mir, diese Zeiten des Übergangs auszuloten. Denn auch mein Alter wird ja jetzt immer stärker geprägt vom Übergang. Von der Zeit zur Ewigkeit. Morgen und Abend sind mir dabei wie Geschwister, die mir diesen Übergang bewusst machen." Am Abend auf den Tag zurückzublicken, das gehört zum geistlichen Leben eines Christen. „Manchmal regt sich in mir die Frage, wie wohl mein Leben verlaufen wäre, wenn ich mich anders entschieden hätte. Für einen anderen Beruf, eine Frau, Kinder. Welche Möglichkeiten! Dann träume ich von meiner Familie. Ich hätte jetzt Kinder, Enkelkinder, Schwiegersöhne und -Töchter. Was für komische Phantasien! Entscheidend ist doch die Wirklichkeit, die ich lebe, mit allen Höhen und Tiefen. Das ist das Leben, das mir anvertraut wurde, zu dem ich mit ganzem Herzen Ja gesagt habe, und für das ich überaus dankbar bin."

Nicht immer ist es leicht zurückzublicken, Veränderungen wahrzunehmen, die keine großen Aufbrüche mehr auslösen werden. „Ja, es gibt auch brüchige Stellen. Früher musste ich lernen, mit Leichtsinn umzugehen, heute mit Schwermut."

Aber es geht auch anders. „Endlich besoffen und ehrlich!" Diese Worte stammen nicht vom Hamburger Alterzbischof. Geschrieben hat sie die Dichterin Ulla Hahn. Aber als langjähriger Kenner schätzt Werner Thissen dieses Gedicht besonders. Und er hat es begeistert ausgelegt, als er vor wenigen Tagen im Hamburger Rathaus die Rede zur Verleihung des „Hannelore-Greve-Literaturpreises" an Ulla Hahn gehalten hat.

„Endlich besoffen und ehrlich!" In dem Gedicht spricht jemand, der alles! hat und dennoch nicht zufrieden ist: „Mir geht es gut, ich halt ja schon den Mund. Nur eine Frage sei noch zugegeben. Seid ihr ganz sicher, dass ihr lebt? Und heißt Nichttotsein schon Leben?"

„Für mich hat das Gedicht seinen Reiz vor allem in dieser abschließenden Frage", sagt Werner Thissen. „Lebe ich wirklich? Bin ich lediglich nicht tot? Ist mein Leben schon annähernd so, wie es zu meiner Sehnsucht passt? Oder fehlt da immer noch etwas? Nämlich die Dimension, die es mit Gott zu tun hat und mit dem ewigen Leben? Und die auch im Alter noch einmal Möglichkeiten zur Entfaltung bietet." Und er sagt: „Für mich hat ja schon die Nachspielzeit begonnen. Aber auch da ereignet sich oft noch Entscheidendes. Ich denke vor allem an drei Treffer: Sie heißen: Heute – Danken – Begegnen. Gerade habe ich dazu einen Artikel geschrieben. Er ist für mich wie ein Trainingsplan."

Der genannte Artikel ist erschienen in einem Sammelband mit dem Titel „Ich bin gespannt, was Gott noch mit mir vorhat", Benno-Verlag, Leipzig 2018.

(Text: Andreas Hüser/ Neue KirchenZeitung; 2. Dezember 2018)