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Marie bekommt eine Mutter
Bildquelle: Erzbistum Hamburg / A. Hüser

Eine Geschichte aus dem Marienkrankenhaus Hamburg

Ein Kind wird geboren. Aber seine Eltern sind überfordert, weil das Kind behindert ist. Sie wollen es nicht haben. Solche Dinge geschehen. Aber es geschehen auch Wunder – vor unseren Augen, zum Beispiel im Hamburger Marienkrankenhaus.

„Für mich ist das eine richtige Weihnachtsgeschichte" findet Astrid Schmitt-Habersack. Die Weihnachtsgeschichte, die die katholische Seelsorgerin im Hamburger Marienkrankenhaus erzählt, hat sie selbst erlebt. Es kommen darin zwar keine Hirten vor, es gibt keine Engelserscheinungen und auch keinen Stall. Die Krippe ist ein Brutkasten in der Gynäkologie. Das Kind wird im Laufe der Geschichte ein Geschwisterkind bekommen. Aber es gibt „Könige", die Gaben bringen. Und es gibt natürlich Mutter und Vater, genauer gesagt zwei Mütter. Und vor allem: Es ist die Geschichte eines Wunders.

Alles beginnt an einem Martinstag, vor vier Jahren. Damals wurde Astrid Schmitt-Habersack zu einem Noteinsatz in einen Kreissaal gerufen. Was nicht selten geschieht, denn nicht immer gehen Geburten glatt. Nicht alle Kinder sind Wunschkinder, nicht alle kommen gesund zur Welt, und der Beginn des Lebens ist oft nahe am Tod.

Was lag jetzt an? „Wir haben ein Problem", bekam die Seelsorgerin gesagt. Eine Mutter lag in den Wehen. Bei den Voruntersuchungen war festgestellt worden, dass das Kind mit Trisomie 21, dem so genannten Down Syndrom zur Welt kommen würde. Danach hatten die Eltern versucht, das Kind abtreiben zu lassen. Die Diagnose aber erfolgte nach dem dritten Schwangerschaftsmonat. In einem solchen Fall entscheidet die Ethik Kommission eines Krankenhauses über Ja oder Nein eines Schwangerschaftsabbruchs. Die Eltern waren schon in mehreren Krankenhäusern gewesen. Aber da sowohl Mutter als auch Kind (bis auf die Genanomalie) gesund waren, hatten alle Kliniken eine Abtreibung abgelehnt. Am Ende landete die Frau – ausgerechnet – im katholischen Marienkrankenhaus.

„Aber jetzt stand die Geburt unmittelbar bevor", berichtet Astrid Schmitt-Habersack. Das Problem der Hebammen und der Ärztin war. Die Mutter wollte das Kind nicht sehen. Die Ärztin sagte: Das kann ich nicht machen. „Und nun", sagt die Theologin, „blieb nur noch ich, um die Situation irgendwie zu schlichten." Es gibt solche Situationen, nicht zum ersten Mal hat die Theologin vor einer unmöglichen Aufgabe gestanden. „Ich wusste. Ich kann da gar nichts machen. Ich kann da hineingehen – und darauf vertrauen, dass Gott mich nicht allein lässt und das Unmögliche möglich macht."

Die Praktikantin hatte gerade etwas Zeit

Irgendwie ging es. Astrid Schmitt-Habersack sprach mit der Mutter und mit der Ärztin. Marie kam zur Welt, die Mutter hat den ersten Schrei ihres Kindes gehört. Gesehen hat sie das Kind bis heute nicht.

Was geschieht mit einem winzigen Menschen, der ohne Eltern ist, mit einer Behinderung geboren wurde und zwei Monate zu früh kam? Zunächst nichts Außergewöhnliches. Marie blieb als Frühgeburt (im 7. Monat) erst einmal in der Geburtshilfeklinik des Marienkrankenhauses und erlebte die ersten Wochen im Brutkasten.

Normalerweise sind die Mütter da. Sie dürfen ihr Kind einige Stunden aus dem Brutkasten herausnehmen, an sich drücken, damit sie die Mutter fühlen. „Bonding" heißt das in der Fachsprache. Wer konnte das machen? An diesem Punkt der Geschichte kommt Linda Bornemann ins Spiel. Die Theologiestudentin hatte gerade ihr Studium abgeschlossen, vor dem Vikariat hatte sie ein Praktikum bei der evangelischen Klinikseelsorge im Marienkrankenhaus angefangen. „Ich hatte nicht so viel zu tun. Also bin ich hingegangen, habe dem Kind Gottes Segen gewünscht und ein Gebet gesprochen." Und dann wurde jemand für das Bonding gesucht. Linda Bornemann war gerade da. Sie nahm das Kind in die Arme und kuschelte es. „Das hat gut funktioniert." Auch am nächsten Tag war die Praktikantin da, und am übernächsten. Als das Kind ins Kinderkrankenhaus Wilhelmstift verlegt wurde, fuhr Linda Bornemann jeden Tag nach Rahlstedt und blieb einige Stunden bei Marie. „Und irgendwann konnte ich mir nicht vorstellen, dass ich Marie wieder abgeben sollte", sagt die Theologin.

Wenn Marie auftaucht, ist es wie ein Fest

Aber an wen abgeben? Pflegeeltern oder gar Adoptiveltern für ein Down Syndrom Kind zu finden ist, so hieß es, fast unmöglich. „Und ich", erzählt Linda Bornemann, „war alleinstehend und arbeitslos." Sie hätte eigentlich längst ihre Bewerbung für eine Vikariatsstelle abgeben müssen. „Aber wie? Ich dachte damals. Ich kann das nicht machen. Ich bin doch gerade Mama geworden!" Vier Monate lang dauerten die Verhandlungen mit dem Jugendamt und dem Pflegekinderdienst. Dann sagte das Amt Ja und Linda und Marie durften zusammenbleiben.

Diese Ereignisse blieben im Marienkrankenhaus natürlich das Gesprächsthema Nummer eins. Es wurde gesammelt, Kleider und Spielzeug wurde gespendet. Astrid Schmitt Habersack: „Alle hatten die kleine Marie ins Herz geschlossen. Sie war unser Marienkrankenhaus Kindl, und immer wenn sie kommt, ist das wie ein Fest."

Marie ist jetzt vier Jahre alt. Ihre Mama Linda kam von Anfang an gut zurecht – dank der Hilfe von allen Seiten und dank gut geregelter finanzieller Unterstützung. Leicht war ihre Rolle als alleinerziehende Mutter nicht. „Mir war auch bewusst. Als Mutter eines behinderten Kindes werde ich nie einen Mann finden. Oder einen ganz tollen..."

Das vorerst letzte Kapitel dieser Weihnachtsgeschichte spielt im Advent 2019. Da kam Linda Bornemann wieder ins Marienkrankenhaus. Diesmal als Schwangere. Am 9. Dezember brachte sie Joshua zur Welt. Denn sie hat tatsächlich einen „tollen Mann" gefunden, der jetzt Vater ihres ersten – nein, ihres zweiten Kindes ist. Und wie geht es weiter? Erst einmal mit dem Weihnachtsfest zu viert. „Wir werden ganz ruhig als Familie feiern."

Und die Geschichte von Maria, Josef und Jesus, von den Hirten, den Engeln und den Magiern wird für die vier kein phantastisches Märchen sein. Denn Wunder gibt es wirklich.

(Text: Andreas Hüser / Neue Kirchenzeitung)