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„Macht ist nicht bloß negativ"
Bildquelle: Erzbistum Hamburg / Marco Heinen

Weihbischof Eberlein im Interview

Weihbischof Horst Eberlein vertritt das Erzbistum Hamburg beim Synodalen Weg. Im Interview sagt er, warum die Botschaft Christi auch dort ein Ziel sein sollte und warum Macht durchaus Positives bewirken kann.

Wie zufrieden sind Sie mit dem bisherigen Synodalen Weg?

Ich frage lieber: Ist dieser Weg wichtig? Ich finde, ja. Durch die MHG-Studie ist der Grund für den Synodalen Weg ein belastender. Wir sind zusammengekommen, weil wir enttäuscht oder wütend sind. Eine schwierige Ausgangssituation, aber es gibt keine Alternative. Die Menschen, mit denen ich bisher sprechen konnte, waren zugewandt. Und besonders die persönlichen Begegnungen machen mir Mut.

Sie sprachen von Wut, von einer Last. Mit welchem Gefühl gehen Sie in diesen Weg?

Ich trage auch eine Last. Die muss ich annehmen und sie darf mich nicht daran hindern, diesen Weg zu gehen. Genau wie Pilger auf einem Pilgerweg brauchen wir auch beim Synodalen Weg ein inneres Ziel. Da fiel mir Paulus ein. Er hat auf seinen Wegen etwas in sich getragen, was ihn bewegt hat. Das war natürlich die Botschaft Christi.

Ist das auch Ihr Ziel beim Synodalen Weg?

Der Weg wäre mit Erfolg beschenkt, wenn er helfen würde, hellhöriger für Christi Wirken und Botschaft zu werden. Jetzt haben wir ja den Eindruck, dass vieles in der Kirche das verstellt, was Jesus wollte. Also ja.

Die Online-Konferenz war ja erst der zweite Termin, bei dem Sie mit dabei sein konnten. Wie sinnvoll fanden Sie das als Ersatz für die nächste Synodalversammlung?

Videokonferenzen sind schon eine erstaunliche Möglichkeit zu kommunizieren. Ich habe in den letzten Monaten meine ersten Erfahrungen damit gemacht und war skeptisch. Über die Medien kann aber eine Nähe zu anderen entstehen und man kann miteinander beten. Schön fand ich auch die Kleingruppen in der Videokonferenz. Mir fehlt aber dieses „Zwischendurch". Die Gespräche, der Austausch, das Kennenlernen. Jetzt kenne ich nur ganz wenige vom Synodalen Weg. Aber der Geist, der zusammenfindet, kann auch über die Medien tief erfahrbar sein.

Über welches Thema würden Sie auf dem Synodalen Weg gerne noch mehr sprechen?

Die Frage nach Macht durchzieht alle Themen des Synodalen Weges. Macht ist nicht bloß negativ. Mir hat mal jemand dazu gesagt: „Ich möchte Macht haben, weil ich damit gestalten kann." Für mich ist sie eine Kraft, mit der ich gestalten kann, wenn ich sie verantwortlich und transparent wahrnehme. Aber es geht nur mit Verantwortung zusammen. Macht kann ich zum Wohle, aber auch zerstörerisch gebrauchen. Das müssen wir in der Kirche unterscheiden lernen.

In der Kirche ist Macht ja sehr ungleich verteilt. Wäre es nicht gut, wenn mehr Leute mit ihr gestalten könnten?

Meine Lebenserfahrung ist, dass ich alleine nichts bewirken kann. Ich bin darauf angewiesen, dass andere mitgehen. Und ich habe auch schon Entscheidungen mitgetragen, wo ich nicht dafür war. Ich kann mir mein Leben nicht vorstellen, ohne andere in Entscheidungen einzubringen. Dadurch führe ich mein Leben dialogisch. Das wünsche ich auch der Kirche. Dafür muss sich etwas ändern in den höheren Positionen, bis hin zu den Bischöfen. Sie sind nicht nur Entscheider, sondern müssen letztendlich Entscheidungen mittragen und Menschen motivieren, mitzugehen.

Beim Synodalen Weg sind ja auch viele Meinungen in einem Raum. Sollte man versuchen, die unter einen Hut zu bekommen?

Wir gehen unterschiedlich schnell. Manche stürmen, manche sind vorsichtig und wollen bewahren. Und es gibt die Bremser, die keine Lust haben. Sympathisch sind mir die, die was verändern wollen. Die Mehrheit ist aber nicht immer das Einzige, was gilt. Ich finde es dabei wichtig, dass wir die nicht vergessen, die nicht zu der Mehrheit gehören.

Wir sollten uns auch Zeit lassen. Es ist ein hoher Zeitdruck da. Aber da wächst auch etwas in uns, mit den Fragen und Problemen. Das darf man nicht wegschieben. Deswegen, würde ich sagen, geht der Synodale Weg über die Zeit, für die er angesetzt ist, hinaus.

Sie sind ja schon sehr lange hier im Erzbistum Hamburg. Was nehmen Sie aus dieser Gegend mit in den Synodalen Weg?

Erstens: Es ist nicht selbstverständlich zu glauben. Zweitens: Menschen, die nicht glauben, sind genauso Mensch wie ich. Sie können Antworten haben, die mir weiterhelfen. Dann: In der Diaspora braucht man keine Privilegien. Die Schriftstellerin Ljudmila Ulizkaja hält es für gefährlich, dass die Kirche ihren Blick so wenig zu den Armen, Notleidenden und Bedürftigen hinlenkt, dass sie zu selbstherrlich ist. Sie meinte damit die orthodoxe Kirche, aber ich würde das für uns genau so sehen. Alles, was wir tun, muss uns helfen, die Not der Menschen als unsere eigene Not anzusehen und nicht selbstherrlich zu sein. Selbstherrlichkeit ist nicht die Art Jesu. Das bringe ich hoffentlich aus meiner Erfahrung hier mit.

Das heißt, die Umsetzung der Beschlüsse des Synodalen Weges wird sehr unterschiedlich sein?

Ja. Die Polarisierung ist durch unterschiedliche Sichtweisen und abwehrende Kräfte stark geworden. Wenn der Weg an eine Etappe gekommen ist, sollten wir Christen das Ergebnis aufnehmen und uns damit beschäftigen. In den Gemeinden, in der Theologie. Das soll nicht fromm klingen; aber ich finde es auch wichtig, um den Weg und die Erneuerung, die wir brauchen, zu beten.

Was würden Sie mir als Vertreterin junger Menschen auf dem Synodalen Weg gerne mitgeben?

Das mache ich eigentlich nicht so gerne (lacht). Als Jugendlicher hat mir ein älterer Pfarrer mal gesagt „Vergesst nicht, dass ihr Menschen seid." Das Menschsein in allem was ich tue, gerade wenn wir in der Kirche zusammen sind. Das im Anderen und in mir selbst zu sehen. Das möchte ich mitgeben. Eine andere Sache hat damals an der Uni ein russisch-orthodoxer Metropolit gesagt: „Glauben Sie nicht, dass Sie die Kirche retten müssen. Die Kirche rettet Sie." Das heißt, wir müssen alles tun, um die Kirche zu erneuern, aber das im Hinterkopf haben: Die Kraft, die erneuert, kommt von Gott. Und was das jetzt konkret für Sie bedeutet – das müssen Sie selbst gucken.

Interview: Melanie Giering / Neue Kirchenzeitung

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