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"Fratelli tutti"

Erzbischof Heße zur neuen Enzyklika

Als eine Vision weltweiter Geschwisterlichkeit und Gemeinschaft aller Menschen hat Erzbischof Stefan Heße die heute (4. Oktober) veröffentlichte Enzyklika „Fratelli tutti" von Papst Franziskus gewürdigt. Der Papst vertrete die Überzeugung, dass es keine „Anderen" gebe, sondern nur ein einziges „Wir", das von allen Menschen gebildet werde. Diese Vision vertrete der Papst vor allem als Anwalt der ausgestoßenen, ja weggeworfenen Menschen. Dabei richte er seinen Blick immer wieder auch auf die Migranten. Jeder einzelne von ihnen hätte das Recht, einen Ort zu finden, wo er sich entwickeln könne.

Heße resümiert: „Papst Franziskus möchte uns begeistern und inspirieren, uns die weltweite Sehnsucht nach Geschwisterlichkeit zu eigen zu machen und zu verwirklichen, ganz im Sinne des Titels: fratelli tutti: Wir sind alle Geschwister."

Das gesamte Statement von Erzbischof Stefan Heße zur neuen Enzyklika: 

Fratelli tutti - mit diesen italienischen Worten beginnt Papst Franziskus seine neueste Enzyklika. Er zeichnet darin seinen Traum von Geschwisterlichkeit und Freundschaft für alle Menschen (6).

Hatte er in früheren Rundschreiben gerne über die Freude des Evangeliums oder die Freude der Liebe gesprochen, so stellt sich der Heilige Vater jetzt ganz in eine Linie mit dem Heiligen aus Assisi. Auch das ist nichts Ungewöhnliches für ihn, hatte er es doch schon in der Enzyklika Laudato si so gemacht. Diese neueste Enzyklika greift mit ihrem Titel ein Wort des Heiligen Franz von Assisi auf, der Papst unterzeichnet sie darüber hinaus nicht in Rom, sondern bewusst in Assisi und lässt sie am Fest des heiligen Franz, dem 4. Oktober, veröffentlichen.

Immer wieder kommt Papst Franziskus auf die Corona Pandemie zu sprechen. Offenbar hatte er dieses Schreiben schon länger in der Planung, aber durch die Pandemie kommt es etwas später in die Öffentlichkeit und gewinnt eine aktuelle Zuspitzung. Corona hat einerseits unsere falschen Sicherheiten entlarvt und andererseits unsere Zersplitterung untereinander. Gleich im ersten Kapitel unternimmt er eine Darstellung der Zeitphänomene, der Schatten einer abgeschotteten Welt. Er spricht von ausgestoßenen, ja weggeworfenen Menschen, in Verwirrung, Einsamkeit und Leere. Wir leben in einer Art „Dritten Weltkrieg in Abschnitten" (25). Gerade in den Tagen, in denen wir Deutsche 30 Jahre Einheit feiern, spricht der Papst von der Konstruktion von Mauern, die Begegnung verhindern (27).

Im zweiten Kapitel legt der Heilige Vater eine geistliche Meditation über das Gleichnis vom barmherzigen Samariter vor. Wir können uns offenbar in jeder der Personen des Gleichnisses ein wenig wiederfinden: im Verletzten selbst, aber auch im Priester oder Pharisäer, im Gastwirt und sicherlich auch im Samariter. Weitergehen und wegschauen oder stehen bleiben und handeln, das sind die Möglichkeiten, die sich uns Tag für Tag öffnen.

Gott ist universale Liebe, von der wir leben und die weiterzugeben, wir berufen sind. Deswegen gibt es keine „anderen", es gibt nur ein einziges „wir" aller Menschen. Wir sind – und das ist der Traum von Papst Franziskus – zu einer universalen Geschwisterlichkeit aufgerufen.
Für den Papst braucht es dazu eine „offene Welt" ohne Mauern, ohne Grenzen und ohne Ausgeschlossene (Kapitel 3). Inklusion statt Exklusion! Eine solche offene Welt braucht als Grundvoraussetzung Menschen mit ebenso offenen Herzen (Kapitel 4). Die Gastfreundschaft ist ein konkreter Weg für die Öffnung und Begegnung (90). Dazu muss -und jetzt gebraucht der Papst bewusst den Superlativ – die „beste Politik" gemacht werden, die von der Würde jedes einzelnen Menschen ausgeht. Jeder einzelne Mensch ist wertvoll und hat das Recht, in Würde zu leben und sich zu entwickeln: von seinen ersten Anfängen bis hin zum letzten Atemzug. Dieses Grundrecht kann ihm von niemandem aberkannt werden.

Konkrete Fragen, die ein Politiker sich im Hinblick auf die Qualität seines Handelns stellen könnte, sind nach Ansicht von Papst Franziskus folgende: „Wie viel Liebe habe ich in meine Arbeit gelegt? Wo hat sie das Volk vorangebracht? Welche Spur habe ich im Leben der Gesellschaft hinterlassen? Welche realen Bindungen habe ich aufgebaut? Welche positiven Kräfte habe ich freigesetzt? Wie viel gesellschaftlichen Frieden habe ich gesät? Was habe ich an dem Platz, der mir anvertraut wurde, bewirkt?" (197). Fragen sicher nicht nur für Politiker!

Auf dem Weg zu dieser universalen Geschwisterlichkeit sind Dialog und Wege zu einer neuen Begegnung unabdingbar (Kapitel 6+7). Das Leben ist die Kunst der Begegnung. Dazu braucht es unter uns Menschen eine „Kultur der Begegnung", also nicht nur eine Idee oder Vision, sondern einen echten Lebensstil von Begegnung und Dialog. Jeder Dialog lässt eine solche Kultur der Begegnung entstehen. Dialog geht nicht ohne Standpunkte, ist freundlich und respektvoll, er sucht nach der Wahrheit und bemüht sich um Vergebung und Frieden. Gewalt ist dabei keinesfalls akzeptabel, ebenso inakzeptabel sind Krieg und die Todesstrafe, die ausgemerzt werden muss.
Die universale Offenheit ist nicht bloß eine geographische Größe, sondern eine existenzielle. Es geht darum, tagtäglich den engen Radius meines Lebens ein Stück zu erweitern, indem ich an den Rand gehe zu denen, die zunächst nicht zu meiner Interessensphäre gehören. Papst Franziskus hat hier neben den sichtbaren auch die „verborgene Exilanten"(98) im Blick; er denkt zum Beispiel an die Alten und Kranken, an Menschen mit Behinderung.

Selbstverständlich sieht Franziskus auch die vielen Migranten dieser Erde. Solange es keinen Fortschritt in der Beseitigung der Fluchtursachen gibt, ist es unsere Pflicht, das Recht jedes Einzelnen zu respektieren, einen Ort zu finden, wo er sich entwickeln kann (129). Migranten sind aufzunehmen, zu schützen, zu fördern und zu integrieren. Sie werden für uns zu einem Geschenk, wenn wir sie aus ganzem Herzen willkommen heißen (134). Der Papst wird nicht müde, zum wiederholten Mal konkrete Verbesserungsvorschläge für die Bewältigung der Migration anzubringen.

Die verschiedenen Religionen dieser Welt sind aufgerufen zum Dienst an der Geschwisterlichkeit aller (Kapitel 8). Papst Franziskus bekennt sich zum Dialog der Religionen. Am Ende der Enzyklika steht deshalb auch der Aufruf zu Frieden, Gerechtigkeit und geschwisterliche, den er zusammen mit dem Großimam Ahmad Al-Tayyib verfasst hat, sowie die Bitte von Charles de Foucauld an einen Freund: „Bete zu Gott, damit ich wirklich der Bruder aller werde".

Papst Franziskus möchte uns mit seiner neuesten Enzyklika begeistern und inspirieren, uns die weltweite Sehnsucht nach Geschwisterlichkeit zu eigen zu machen und sie zu verwirklichen, ganz im Sinne des Titels dieses jüngsten Schreibens: fratelli tutti. Wir sind alle Geschwister!

Erzbischof Dr. Stefan Heße

Den Wortlaut der Enzyklika finden Sie auf der Vatikanseite.