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Flüchtlingsarbeit im Erzbistum
Bildquelle: Erzbistum Hamburg / A. Hüser

Die Krise ist vergessen, aber nicht vorbei

2015 war das Jahr der Flüchtlingsströme. Was ist aus den Menschen geworden, die damals gekommen sind? Was wurde aus den vielen Hilfen, die damals von Gemeinden kamen? Diakon Jörg Kleinewiese ist Beauftragter für Flüchtlingsarbeit im Erzbistum Hamburg. Diakon Andreas Petrausch kümmert sich als Flüchtlingsseelsorger des Bistums um so genannte Härtefälle. Sie wissen, wie es aussieht – fünf Jahre danach.

Kaffee kochen, Decken bringen, Notunterkünfte schaffen. Die Menschen, die vor fünf Jahren auf den Bahnhöfen campierten – was ist aus ihnen geworden?

Kleinewiese: Ihre Wege sind natürlich unterschiedlich verlaufen. Nicht alle durften in Deutschland bleiben. Einige haben sich gut integriert, haben heute einen Job und Kinder, die schon in Deutschland aufgewachsen sind. Die „Flüchtlinge" sind ja auch keine homogene Gruppe. Es kamen Menschen ganz unterschiedlicher Herkunft.

Sie meinen: aus verschiedenen gesellschaftlichen Schichten?

Petrausch: Sicher, aber erst einmal kommen sie auch aus ganz verschiedenen Ländern. Syrien ist ein hochentwickeltes Land. Viele der Geflüchteten, die aus Syrien kommen, sind gebildet und hatten anspruchsvolle Berufe. Aus Eritrea kommen viele Christen, die unter staatlichem Druck und Rechtlosigkeit leiden. Etwas ganz anderes ist das Herkunftsland Afghanistan. Krieg, Terror und die Herrschaft der Taliban dauern dort schon so lange, dass ein normales Leben, eine qualifizierte Ausbildung häufig gar nicht möglich ist.

Kleinewiese: Entscheidend für den Erfolg in Deutschland sind verschiedene Dinge: Wie engagiert ist jemand? Wie traumatisiert ist jemand durch das, was er erlebt hat? Das darf man nie unterschätzen. Und oft scheitert ein guter Start an Problemen, die erst in der neuen Umgebung auftauchen.

Zum Beispiel?

Kleineweise: Ein junger Mann kommt aus Syrien und lebt sich in Deutschland ein. Er arbeitet erst als Fensterputzer, dann bekommt er eine Ausbildungsstelle im IT-Bereich. Alles könnte gut sein. Aber der Mann macht immer mehr Schulden. Der Grund: Zwei seiner Brüder leben im Lager, die Familie bittet um Geld. Der Flüchtling hat natürlich nur ein kleines Gehalt. Er will aber auch nicht Nein sagen. Also borgt er sich Geld von Bekannten, das er nicht zurückzahlen kann.

Petrausch: Ja, das Problem der Verschuldung ist nicht selten. Im Vergleich zu den Herkunftsländern ist ja auch fast jeder wohlhabend, der in Deutschland wohnt. In vielen Ländern reicht ein Tagelohn gerade für das Essen. Das ist hier kein Thema. Man geht zur Tafel und bekommt etwas. Viele wollen ihren Angehörigen helfen, andere geben viel Geld für Behörden ihres Heimatlandes aus, um wichtige Dokumente wie Heiratsurkunden oder Berufsabschlüsse zu erhalten. Und einige werden von den Institutionen ihres Heimatlandes sogar erpresst. Um ihre Unterlagen zu bekommen, müssen sie Papiere unterschreiben und darin behaupten, sie hätten nie staatliche Repressionen erlebt.

Die Erlebnisse von Verfolgung oder Krieg lassen sich sicherlich nicht leicht verarbeiten. Niemand fängt ja bei Null an. Welche Rolle spielen diese Nachwirkungen fünf Jahre nach der Flucht?

Kleinewiese: Traumatisierung ist ein großes Thema, vielleicht größer als es gesehen wird. Ich treffe immer wieder auf traumatisierte Menschen. Ein Mann zum Beispiel, der im Gespräch auffällig unruhig ist. Es stellt sich heraus: Er ist gefoltert worden, seine Frau ist auf der Flucht ertrunken. Ich würde mir wünschen, dass wir noch viel mehr Projekte hätten, die bei Traumatisierung Hilfe geben. Das Problem ist: Von sich aus werden die meisten nicht aktiv werden. Dass etwa ein afghanischer Mann von sich aus zugibt, dass er psychisch angeschlagen ist und Hilfe braucht, das wird kaum passieren.

Wie steht es heute mit der Asylbewilligung und Abschiebung? Hat sich da etwas normalisiert?

Petrausch: Ich habe den Eindruck, die Behörden sind heute gut aufgestellt. Es gibt weniger Asylanträge, aber der Anteil der Ablehnungen ist höher. Die Verfahren laufen heute schneller als vor fünf Jahren, die Begründungen sind professioneller erstellt mit mehr Wissen über die Zustände in den Herkunftsländern. Trotzdem gibt es immer wieder so genannte „Härtefälle". Das heißt Fälle, in denen zum Beispiel eine Abschiebung eine menschliche Notsituation hervorrufen würde oder nicht richtig begründet ist. Deshalb haben wir in Hamburg bei der Caritas eine Härtefallberatung – es ist eine von nur zwei solcher Beratungen in der Stadt.

Sie selbst sind Mitglied im Team für Härtefallberatungen und machen diese. Auf welche Menschen treffen Sie da?

Petrausch: Ich erlebe Menschen, die einen Brief im Kasten finden: „Beschluss – Verlassen Sie Deutschland in 30 Tagen". Diese Menschen sind natürlich verschüchtert und verängstigt. Sie rechnen damit, dass bei der nächsten Kontrolle der Ausweis einkassiert wird und sie in ein Flugzeug gesetzt werden. Wer sich dann nicht beraten lässt, ist schnell verloren.

Was kann eine solche Beratung bringen?

Petrausch: Zuerst geht es darum, den bürokratisch gefassten Beschluss zu erklären und zu übersetzen. Manchmal kann man einen Aufschub erreichen oder eine Entscheidung anfechten und Tatsachen vorbringen, die bisher nicht berücksichtigt wurden. Es ist nicht selten, dass Geflüchtete ihre Erlebnisse bei einer Befragung kurz nach der Ankunft durch einen fremden Beamten nicht vollständig erzählen. Sei es etwa bei Vergewaltigungen oder bei eigenem schambesetztem Verhalten. Und dann kommt es vor, dass die Verordnungen eine Abschiebung vorsehen, der menschliche Verstand aber eindeutig sagt: „Das kann man doch in diesem Fall nicht tun." Da haben wir die Möglichkeit einer Petition oder eines Härtefalldossiers, das zu einer erneuten Prüfung führt. Und manchmal ist an einer Entscheidung auch nichts zu ändern. Dann bleibt mir als Seelsorger noch, den Menschen nicht allein zu lassen, die schwere Situation mit allen Ängsten auszuhalten und zu vermitteln: „Du bist in dieser schweren Zeit nicht allein."

Vor fünf Jahren haben sich in vielen Gemeinden Initiativen gefunden, um Flüchtlinge zu unterstützen. Mit Sprachkursen, Hausaufgabenhilfe, Nähkreisen, Patenschaften ... Was ist daraus geworden?

Kleinewiese: Viele laufen bis heute weiter. Und das ist auch gut. Wo Menschen sich begegnen, kommt meistens Gutes heraus. Und der Fremde, den ich kenne, ist nicht mehr mein Feind. Allerdings hat sich auch einiges verändert. Sprachkurse werden heute von der öffentlichen Hand gut gefördert, man muss sie nicht mehr privat anbieten. Obwohl auch in einigen Ausnahmesituationen private Kurse auch heutzutage noch hilfreich sein können. Zwischen vielen, die sich vor fünf Jahren kennengelernt haben, sind dauerhafte Kontakte entstanden. Aber hier und da gab es auch Enttäuschungen. Zum Beispiel, wenn eine Familie sich um einen Flüchtling gekümmert hat – und dann taucht er irgendwann vielleicht nicht mehr auf.

Petrausch: Es ist gut, dass es ehrenamtliche Initiativen gibt. Aber Ehrenamt, das fordert von den Ehrenamtlichen viel Kraft. Über lange Zeit zuverlässig eine Aufgabe nach der nächsten zu bearbeiten, das stößt oft an die Grenzen des Ehrenamts. Deshalb ist es richtig, dass viele Dienste von professionellen Kräften übernommen wurden. Aber es ist auch richtig, dass sich Christen in ihrer Freizeit für andere einsetzen. Die haben erlebt, dass Menschen sie mit offenen Armen empfangen haben. Obwohl sie nicht die gleiche Nation und meist auch nicht die gleiche Religion haben. Und vielleicht sagen sie einmal: „So sind Christen."

Wie geht es weiter? Die Flüchtlingskrise von 2015 ist heute fast vergessen. Vieles hat sich stabilisiert. Aber so muss es ja nicht bleiben. Was ist Ihre Prognose?

Kleinewiese: Die Flüchtlingskrise ist nicht kleiner geworden. Es gibt heute nicht weniger Flüchtlinge als 2015. Es kommen aber nicht mehr so viele nach Deutschland hinein. Das Leid der Geflüchteten in den Lagern, das Leid der Menschen in Krisenländern wird immer größer, und die Corona-Pandemie verschärft noch die Missstände. Und wir haben mehr Anteil an der Situation der Menschen in diesen Ländern, als wir glauben. Auf Kriege haben wir in Europa wenig Einfluss. Aber wir haben Einfluss auf den Druck, der in den Krisenländern herrscht.

Petrausch: Die Situation wird sich noch verschärfen. Das Klima als Fluchtursache wird das Thema der Zukunft sein – und die Versuche, etwas dagegen zu tun, werden die Lage nicht verbessern. Wenn ich die großen Zusammenhänge sehe, dann fühle ich mich wie verloren. Dann bin ich froh, dass ich nur Seelsorger bin, der sich um den Einzelnen kümmern muss. Was mir Sorgen macht, ist: Die Situation der Geflüchteten stößt bei den Menschen in Deutschland nicht mehr so sehr auf Interesse. Alles, was nicht mehr neu ist, verliert an Attraktivität. Die menschliche Unterstützung und auch die große finanzielle Unterstützung durch Spenden hat massiv nachgelassen. Die finanzielle Unterstützung aber wird unbedingt gebraucht. Auch die so wichtige Härtefallberatung in Hamburg ist nur noch für den Rest dieses Jahres gesichert.

Interview: Andreas Hüser, Anna Neumann / Neue Kirchenzeitung