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Erzbischof

Predigten und Texte

  • Ökumenischer Gottesdienst zu Beginn des CDU-Bundesparteitages / Hamburger Michel / 07. 12. 2018

    Liebe Schwestern und Brüder,

    viele von Ihnen, gerade die Delegierten, bringen sich immer mit ihrem ganz persönlichen Leben und ihren Kräften ins Spiel des öffentlichen Lebens. Sie nehmen ihre persönliche Verantwortung wahr und sie delegieren sie nicht ins Unverbindliche weg. Das braucht die Gesellschaft und dafür bin ich Ihnen von ganzem Herzen dankbar.

    Sie stehen aber nicht nur ganz persönlich da, mit Ihrer je eigenen Verantwortung, sondern als Delegierte sind Sie Menschen, die von anderen gesandt werden, die ein Mandat haben. Sie merken dann oft genug, wie schwierig es ist, sozusagen zwischen allen Seiten stehen zu müssen, z. B. von der Basis etwas dem Parlament zu vermitteln und umgekehrt, Beschlüsse wiederum an die Basis weiterzugeben und dort zu kommunizieren. Da wird man manchmal zerrieben in ganz existentieller Art und Weise.

    Vielleicht können Sie sich deswegen auch ganz gut hineinversetzen in diesen Johannes den Täufer, von dem wir gerade im Evangelium gehört haben. Johannes der Täufer ist auch ein Mensch mit einem Mandat. Vielleicht nicht ganz so eines, wie viele von Ihnen tragen. Johannes der Täufer ist ein Delegierter, er ist ein Gesandter. Der heilige Augustinus hat das sehr pointiert in einer Predigt zum Ausdruck gebracht und kommentiert, wenn er sagt: „Johannes ist die Stimme, aber Christus das Wort.“ Man könnte sagen, Johannes ist nur Stimme und eben nicht Wort, aber was wäre das Wort ohne Stimme? Das Wort an sich ohne Stimme würde gar nicht zum Durchbruch kommen. Keiner würde es wahrnehmen, keiner würde es hören. Und eine Stimme ohne Wort, das wäre ein weiteres hohles Wort, von dem wir, weiß Gott, ziemlich viele haben. Beides gehört also zusammen: Stimme und Wort. Johannes als Mandatsträger dieses Wortes, als der Delegierte des Wortes Gottes.

    Ich lade Sie ein, dieses Wort immer wieder wahrzunehmen, dieses Wort Gottes. Gönnen Sie sich nicht unbedingt den Luxus, sondern viel mehr das Lebenselixier, als Mitglieder der CDU dieses Wort an sich heranzulassen. Vielleicht hilft da der kluge Rat von Frère Roger aus Taizé: „Es kommt nicht auf die Masse an, sondern eher auf die Intensität.“ Vielleicht jeden Tag ein wenig in diesem Wort, das sich in der Heiligen Schrift verdichtet, lesen und genau das herausnehmen, was Sie in Ihrer konkreten Situation anspricht und angeht. Sozusagen Gottes Wort für Sie persönlich im Hier und im Jetzt. Denn dieses Wort ist nicht nur allgemeine Botschaft, die mit großen Lautsprechern durch die Welt posaunt würde, sondern es ist eine persönliche, eine konkrete Botschaft Gottes an jeden Einzelnen von uns.

    Und hören Sie auf dieses Wort, das weiter verbreitet und weiter gesprochen wird durch Menschen. Hören Sie auf dieses Wort mitten im Alltag des Lebens, auf das Wort der ganz Kleinen, der Schwachen, derer, die kein Dach über dem Kopf haben und auf dem Weg sind, auf die Menschen auf der Flucht und Migration, besonders auf die, die Schleusern und Menschenhändlern zum Opfer fallen. Und hören Sie auf das Wort, das aus dem Leben von Menschen herausspricht gerade am Ende in Alter und Krankheit und in den großen Herausforderungen des Lebens, wenn die Kräfte des Menschen schwinden.

    Viele Ihrer Vorhaben spiegeln wider, dass Sie auf diese Stimme hören. Aber oft ist es schwierig, in den vielen Stimmen dieser Zeit die konkrete Stimme herauszuhören. Seien Sie als Politikerin oder Politiker zuallererst immer Hörende.

    Und schließlich hören wir auf die Stimme der Schöpfung, von der ich manchmal den Eindruck habe, dass Sie uns anwimmert und sie dann fleht, dass wir auf sie hören. Der heilige Franz von Assisi war ein Mensch, der mit der Schöpfung auf Du und Du lebte. Und deswegen konnte er vom Bruder Mond oder der Schwester Wasser und von der Erde überhaupt als einem Geschwisterkind reden und denken. Hören wir auf diese Schöpfung, die wie ein Geschwisterkind uns immer wieder ansprechen möchte und gewinnen möchte.

    Liebe Schwestern und Brüder,

    der Heilige Johannes der Täufer ging nicht auf die Plätze und der Märkte der Stadt, sondern rief seine Zuhörer heraus in die Wüste. Offenbar hat er selber genau dort gelebt. Vielleicht brauchen wir manchmal solche Wüstenzeiten, Zeiten, in der wir auf die Stille lauschen. Das kann man nur, wenn man so eine kleine Wüste um sich hat. Das brauche ich, das brauchen Sie. Der Advent bietet uns dazu Gelegenheit. Wenn wir dann gehört haben und uns eingehört haben, dann können wir still werden sein für das Wort. Ich bitte Sie, seien Sie als Politikerin und Politiker große Hörerinnen und Hörer und dann Stimme für das Wort wie Johannes. Die klare und eindeutige Stimme für Gottes Wort braucht gerade unsere Zeit.!

  • Predigt zum Christ König Sonntag und zum Gedenktag an Niels Stensen / Propsteikirche St. Anna / Schwerin / 25. 11. 2018

    Es gilt das gesprochene Wort!


    Liebe Schwestern und Brüder,

    in den vergangenen Tagen bin ich auf ganz verschiedene Art und Weise mit dem Thema König und Macht in Berührung gekommen.

    Ich denke zurück an die Visitation in Lübeck Anfang des Monats, bei der ich u.a. auch die Kindertagesstätten besucht habe. Hier begegneten mir Kinder, denen es eine Freude war, in königlichen Gewändern zu spielen und wie ein König oder eine Prinzessin daher zu stolzieren. Ich denke an den kleinen Jungen, der just am Tag des Besuches seinen Geburtstag feiern konnte und wie auf einem kleinen Thron in der Runde seiner Gruppe saß und dabei natürlich eine Geburtstagskrone auf dem Kopf trug.

    Ganz anders sind die Erfahrungen, die ich in den letzten Tagen bei der Vollversammlung des Zentralkomitees der deutschen Katholiken in Bad Godesberg machen konnte. Hier wurde über den Missbrauch in unserer katholischen Kirche diskutiert, in aller Schärfe und aller Offenheit. Es ist in unseren eigenen Reihen in den letzten Jahrzehnten – so das Ergebnis der MHG-Studie – zu Miss-brauch gekommen, zu Gewalt und Machtmissbrauch, aber auch in großem Maße zu sexuellem Missbrauch vor allen Dingen an Kindern und Jugendlichen. Wir haben miteinander über Maßnahmen diskutiert, um darauf zu reagieren, um vorzubeugen, um Kinder und Jugendliche zu schützen und den Betroffenen zu helfen. Da ist noch viel zu tun. Nach meinem Dafürhalten sind wir gerade erst am Anfang. Wer meint, wir würden es mit ein paar Maßnahmen lösen können, der irrt. Ich gehe davon aus, dass diese Aufgabe mich in meinen 20 /25 Jahren, die ich, so Gott will, als Erzbischof von Hamburg tätig sein darf, ganz und gar einfordern werden. Es ist eine Daueraufgabe, der wir uns alle stellen müssen. Deswegen können wir das Thema nicht wegdrücken, sondern müssen uns stellen und in unserer Kirche Räume schaffen, in denen wir darüber sprechen können, ja lernen, anfangen darüber zu sprechen.

    Gott sei Dank liefert uns der heutige Christ König Sonntag ein Evangelium, das eine ganz andere Sprache spricht. Es ist ein Abschnitt aus den Passionsberichten. Hier geht es nicht um einen König auf einem glanzvollen Thron mit Garnisonen in Saus und Braus, sondern hier steht Christus vor Pilatus. Pontius Pilatus stellt ihm die Frage: „Bist du nun ein König oder nicht?“ Jesu Antwort ist unmissverständlich: „Ja, ich bin ein König.“

    Aber dieser König gleicht so gar nicht den Königen und Prinzessinnen, die wir vor Augen haben o-der in den Illustrierten wiederfinden. Dieser König steht mit einer Dornenkrone da, mit gefesselten Händen, alles andere als machtvoll. Dieser König hält keine schallenden Reden, sondern ist eher schweigsam, still und sagt ein paar wesentliche klare Sätze. Dieser König steht da. Er lässt sich nicht in die Knie zwingen, sondern steht aufrecht. Wahrscheinlich wird sich Pilatus in seinen Thron gefläzt haben. Jesus aber steht aufrecht ihm gegenüber. Das ist für mich ein Zeichen seiner Würde und seiner Geradlinigkeit.

    Liebe Schwestern und Brüder, in unserer Propsteikirche Herz Jesu in Lübeck ist diese Szene in einer Bronze von Hans Dinnendahl dargestellt. Aber der Künstler hat noch eine Figur hinzugefügt. Gleich hinter Christus im Rücken steht noch ein Weiterer, einer von dem man sagt, er habe die Gesichtszüge, eines der Lübecker Märtyrer. Dieser Mensch könnte auch die Gesichtszüge des seligen Niels Stensen haben, dessen Gedächtnis wir hier heute in Schwerin feiern. Da könnte auch ein Platz für uns sein. Alle unsere Seligen und Heiligen und wir mit ihnen stehen in den Fußstapfen Jesu. Wir sollten uns nicht zu sehr an den Thron des Pilatus heranschleichen und zu seinen Thronassistenten werden. Unser Platz ist hinter dem Christ König Jesus. Und das ist der König in der Passion und der König am Kreuz. Vielleicht lehren uns die jetzigen Ereignisse dort immer mehr hinzufinden. Amen.

  • Ansprache bei Gedenkstunde für die Opfer der Kriege und Gewaltherrschaft am Volkstrauertag / Landtag Kiel / 18. 11. 2018

    Es gilt das gesprochene Wort


    Sehr geehrter Herr Landtagspräsident Schlie,
    sehr geehrter Herr Dr. Klug,
    sehr geehrte Frau Ministerin Dr. Sütterlin-Waack,
    sehr geehrte Damen und Herren Abgeordnete,
    sehr geehrter Bischof Magaard,
    sehr geehrte Damen und Herren,

    es ist schon etwas Besonderes, die Gedenkrede zum Volkstrauertag ausgerechnet 100 Jahre nach dem Ersten Weltkrieg hier in Kiel halten zu dürfen. Der Kieler Matrosenaufstand und seine Bedeutung für die Geschichte sind in den letzten Wochen nicht nur hier an dieser Stelle, sondern bundesweit gewürdigt worden und endlich – so muss man es fast sagen – wieder in den Blick gerückt. Im November 1918 verbreitet sich hier von Kiel und anderen Häfen aus die Revolution schnell im Deutschen Reich. Alle 22 gekrönten Häupter treten zurück oder werden abgesetzt. Am 9. November wird die Abdankung von Kaiser Wilhelm II. bekanntgegeben und die Republik ausgerufen. Am 11. November vor hundert Jahren schließlich unterzeichnet Matthias Erzberger den Waffenstillstand, der die Kampfhandlungen des Ersten Weltkriegs beendet.

    2018 ist voller Jahrestage von Krieg und Frieden, von Gewalt und Neuaufbruch: Vor 400 Jahren begann der Dreißigjährige Krieg. Vor 80 Jahren ereigneten sich die Novemberpogrome. Vor 75 Jahren verfasste der Kreisauer Kreis um das Ehepaar von Moltke die „Grundsätze für die Neuordnung“ Deutschlands nach dem Kriege. Vor 65 Jahren kam es zum Waffenstillstand im Koreakrieg. Vor 50 Jahren schlugen Truppen des Warschauer Paktes den Prager Frühling nieder. Und so weiter – wir kennen diese Zahlen. Die bittere Realität ist: Die Jahrestage werden zahlreicher. Bald werden wir – werden die Menschen, die zu uns flüchten – den zehnten Jahrestag des Beginns des Syrienkrieges erleben. Ich hoffe inständig, dass es zuvor Frieden geben wird.

    Sehr geehrte Damen und Herren,

    Krieg und Gewalt hinterlassen Spuren im Kalender – aber zuerst Spuren in Menschen und Gesellschaften. Daher halte ich es für wichtig, dass wir in Deutschland alljährlich den Volkstrauertag begehen. Wir trauern um die Menschen, die die Folgen von Unfrieden, von Ideologien und Verfolgungen zu tragen hatten und haben. Der jährliche Volkstrauertag will das Gedenken verstetigen. Wir schließen die Trauer nicht ab. Im Gegenteil: Wir kultivieren sie sogar. Wir haben sie uns verordnet, pflegen sie wie die Grabstätten. Auch heute noch, da das persönliche Kriegserleben in unserem Land immer weniger im Vordergrund steht. Ich kenne es – Gott sei Dank – nur aus den Erzählungen in der Familie: Meine Mutter ist 1942 in einem Bunker geboren und mein Vater war mit seiner Familie im Bergischen Land bei Köln evakuiert. Demgegenüber ist Krieg für einige Menschen auch heute eine Realität – etwa für die deutschen Soldaten, die im Ausland eingesetzt sind. Über hundert sind seit den 199er Jahren verstorben. Kriegserleben ist auf einmal ganz nah gekommen mit den Geflüchteten, die bei uns Schutz suchen. Die Erlebnisse, von denen diese Menschen erzählen – Menschenhandel, Missbrauch, Vertreibung, Zerstörung – das bewegt viele. Bei Älteren kommen Erinnerungen hoch. Die Jüngeren sind auf einmal hautnah mit dieser Wirklichkeit konfrontiert, die ihnen eigentlich unbekannt ist.

    Dennoch erinnern wir heute nicht nur, wir trauern. Das macht deutlich: Die Toten sind keine zufälligen oder unvermeidbaren Opfer, keine Betroffenen von Unfällen oder Naturkatastrophen, keine sogenannten Kollateralschäden. Ursachen für ihre Tode waren und sind der menschliche Unwille und die menschliche Unfähigkeit zum Frieden, nicht zuletzt aufgeheizt durch Ideologien wie den Nationalismus. Die Toten mahnen uns nicht nur, sie fehlen auch. Wir trauern, weil offene Lücken bleiben: Menschen fehlen und damit ihre Kinder und Kindeskinder. Fragen bleiben: Warum? Was wäre wenn? Die heutige Gedenkveranstaltung und sehr sinnbildlich das Bücken und das Verneigen bei Kranzniederlegungen sind ein Zeichen der Demut: „Wir haben verstanden.“ und „Nie wieder.“

    Sehr geehrten Damen und Herren,

    „Suche Frieden“, unter diesem Motto stand der Katholikentag im Frühjahr dieses Jahres. Angesichts der zahlreichen Kriegs- und Friedensjahrestage hat das Vorbereitungskomitee ganz bewusst diesen Titel gewählt – nicht zuletzt auch deshalb, weil der Katholikentag in Münster stattgefunden hat. Also der Stadt, in der neben Osnabrück vor 370 Jahren der Westfälische Frieden geschlossen wurde. Für mich persönlich war wieder neu beeindruckend, im Friedenssaal des historischen Rathauses in Münster zu stehen und mir vorzustellen, dass dort der langersehnte Frieden geschlossen wurde. „Pax sit – Es soll Frieden sein“, beginnt der ausgehandelte Vertragstext. Es sollen ein immerwährender Friede sein und wahre und aufrichtige Freundschaft herrschen: Darauf haben sich die Vertragsparteien geeinigt. Im Letzten war es weniger die Müdigkeit nach dreißig Jahren Krieg, als der erwartete Nutzen eines Friedens, eine wachsende Kompromissbereitschaft sowie die gemeinsam getragenen Wertvorstellungen, die den Westfälischen Frieden ermöglicht haben. Ich frage mich, was diese Wertvorstellungen waren? Und vor allem: Was dient dem Frieden heute?

    Sicherlich lassen sich solche Wertvorstellungen nicht auf einen einzigen Punkt bringen. Aber ich möchte heute gerne eine Fähigkeit hervorheben, die mir besonders wichtig erscheint: das Mitfühlen. Zwei Aspekte möchte ich benennen:

    Ein erster Aspekt: Mitfühlen ist nicht Empathie. Empathie ist nur ein erster Schritt zum Mitfühlen. Mitgefühl will nicht nachempfinden, sondern nach vorne schauen; will nicht passiv empfinden, sondern aktiv sorgen. Die Hirnforschung sagt, Mitgefühl ist trainierbar. Es kostet mich zwar etwas, mich für Mitgefühl zu entscheiden, aber je öfter ich diese Entscheidung fälle, desto leichter fällt es mir. Ich gebe zu, das kann durchaus anstrengend und unbequem sein. Eine Journalistin brachte es vor kurzem auf den Punkt: „Das anhaltende Mitfühlen lernt der Mensch ‚im Sturm der Zeit‘: beim Erste-Hilfe-Einsatz in einem bundesdeutschen Bahnhofsviertel, bei einer Dresdener Podiumsdiskussion, auf Schulhöfen, an ausgefransten Stadträndern, in der U-Bahn, beim Verteilen von Kleidern an Flüchtlinge, an Kneipentresen, und und und“ Mitfühlen – so könnte man feststellen – ist schon eine der großen Lektionen im Kindergarten – und dennoch ein Leben lang einzuüben.

    Ein zweiter Aspekt: Mitgefühl ist nicht Mitleid, sondern passiert auf Augenhöhe, bedeutet Anerkennung. Wer Mitgefühl lebt, macht dem anderen deutlich: Du bist ein Mensch mit Würde Wir gehören als Menschen zusammen, sind im Letzten eine Familie. Dein Anderssein ist für mich keine Bedrohung, sondern eine Bereicherung. Denn erst dadurch, dass du anders bist als ich, lerne ich mich durch dich selber besser kennen. Wir erleben das alle in unserem Alltag: Durch neue Bekanntschaften eröffnen sich uns ganz neue Horizonte. Der Umzug in eine andere Stadt und Umgebung bringt uns unsere eigene Herkunft neu zu Bewusstsein. Im Engagement für und mit anderen bin ich letzten Endes selber oft der Beschenkte. Andersherum gilt: „Wer sich verschließt, der wird auch sich selbst nie kennen lernen.“ Damit ist Mitgefühl „die Grundlage einer gelingenden sozialen Kultur. Sie ist das Bindemittel. Ohne Mitgefühl kein Miteinander.“ Mitgefühl ist ein Gegenmittel gegen den vielbeklagten gesellschaftlichen Riss, der durch unser Land geht, der durch Europa geht, ja durch unsere Welt. Es ist ein Gegenmittel gegen Angst, Neid, Hass und Aggression. Mitgefühl dient dem Frieden.

    Sehr geehrte Damen und Herren,

    der November ist nicht nur der ‚Totenmonat‘, wir begehen auch andere Jahrestage: Im November feiern wir den Heiligen Martin und die Heilige Elisabeth von Thüringen. Wir gedenken der Hinrichtung der Lübecker Märtyrer – in diesem Jahr vor 75 Jahren. Martin, Elisabeth und die vier Lübecker Märtyrer geben bis heute ein Beispiel davon, was es heißt, Mitgefühl zu leben, den anderen nicht zuerst als Fremden oder Konkurrenten, sondern als Mensch mit der gleichen Würde zu sehen. Der Heilige Martin gab die Hälfte seines Mantels dem Bettler. Die Heilige Elisabeth verteilte Brot an Arme und hat sich um deren medizinische Versorgung gekümmert. Die Lübecker Märtyrer hielten im Nationalsozialismus mit ihrer Meinung nicht hinter dem Berg und kümmerten sich um polnische Zwangsarbeiter.

    Auch das Engagement vieler Menschen heute in unserem Land und weltweit wie beispielsweise des Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge unter dem Leitwort „Versöhnung über den Gräbern“ machen mich zuversichtlich: Mitgefühl kann wachsen, unser Bewusstsein als Menschen zusammenzugehören kann wachsen – und damit: Frieden kann wachsen.

  • Predigt zum 75. Todestag der Lübecker Märtyrer / Propsteikirche Herz Jesu zu Lübeck / 10. 11. 2018

    Es gilt das gesprochene Wort!


    (Lesungstexte: 1, Sam 8; Röm 13,1-8a; Mt 22,15-21)

    Liebe Schwestern und Brüder,

    die Pharisäer wollen Jesus eine Falle stellen. Die ganze Situation wird dadurch noch ein bisschen perfider, dass sie selbst den Plan aushecken, aber dann ihre unteren Chargen schicken, um die Falle sozusagen aufzubauen. Sie schicken ihre Schüler, die sich mit Jesus abgeben sollen. Sie selbst wollen diese Arbeit nicht ausführen. Klar ist, die Falle soll zuschlagen und Jesus stellen, letztlich dafür sorgen, dass er beseitigt wird und zum Tode verurteilt werden kann. Sie wollen ihn aus dem Verkehr räumen, weil er ihnen nicht in den Kram passt.
    Es fällt nicht schwer, diese Situation des Evangeliums auf unsere vier Lübecker Märtyrer zu beziehen, auch wenn wir 75 Jahre danach leben und es nur noch wenige Zeitzeugen gibt, die die Märtyrer kennengelernt haben und aus eigenem Erleben von der damaligen Zeit und den Umständen wissen. Wir können uns durch die vielen Aufarbeitungen, durch die Dokumentationen und nicht zuletzt auch durch unsere Gedenkstätte, hier in der Propstei, aber auch in der Lutherkirche hier in Lübeck, ein Bild machen davon, dass auch die vier Märtyrer in einer ähnlichen Situation wie Jesus waren. Man wollte sie stellen, man wollte ihnen eine Falle stellen, in die sie hineintapsen, um sie dann zu schnappen und aus dem Weg zu räumen. Die Falle sollte sie endgültig zu Fall bringen.

    Liebe Schwestern und Brüder,
    ich finde es bemerkenswert, dass Jesus diese Bedrohung so nah an sich heranlässt. Ich bin mir sicher, dass er von Anfang an die Absicht durchschaut hat, aber er bannt sie nicht in Bausch und Bogen, sondern bleibt als der Sohn Gottes der Mensch schlechthin, der Mensch, der sich bis in die letzte Tiefe erniedrigt. Zu dieser Tiefe gehört es, sich dieser Anfrage, dieser Falle, dieser Herausforderung zu stellen. Mich bewegt immer wieder, dass Jesus diese Situation in seinem Leben nicht ausklammert. Es beginnt mit seiner Geburt im Stall von Bethlehem, die gleich den Herodes auf den Plan ruft. Es ist die Menschlichkeit seines öffentlichen Wirkens, die Anlass zu Fragen, zu Zweifel und zu Ablehnung gibt. Es sind gerade die letzten Stunden, in denen er vor Pilatus steht, verleugnet wird und am Kreuz bis in die Gottverlassenheit hineinfällt. Sein Leben ist nicht einfach beschaulich schön, abgeschieden, einfach und sorglos, sondern permanent herausgefordert und angefragt. Zu unserem christlichen Glauben gehört, dass Christus dies aushält.
    Für unsere vier Märtyrer hier in Lübeck ging es auch um das Aushalten. Sie waren keineswegs naiv und wogen sich in Sicherheit. Jeder von ihnen wusste um die Gefahr, die ihm drohte. Er stand mittendrin. Und alle vier haben diese Situation schlussendlich ausgehalten. Mich hat sehr bewegt, vor einigen Tagen im Rahmen der Visitation, in der Lutherkirche gewesen zu sein, in der Kirche, wo Karl-Friedrich Stellbrink seine berühmte Palmsonntagspredigt gehalten hat. Die Spitzel saßen im Kirchenraum. Man hat mir die Bänke gezeigt, wo das gewesen sein muss. Stellbrink ist nach dem Gottesdienst in die Sakristei gekommen und hat schon gleich von ihnen gesprochen. Ihm war das bewusst und er hat es getragen. Wahrscheinlich sind gerade diese Stunden und Tage für ihn eine schwere Prüfung und eine Zeit des Aushaltens gewesen. Und von Johannes Prassek wissen wir, dass man ihm geraten hat: „Lehn dich bei deinen Predigten nicht so deutlich aus dem Fenster.“ Aber auch Prassek hat das ausgehalten und ist vor dieser Herausforderung nicht zurückgeschreckt.

    Liebe Schwestern und Brüder,
    ich glaube, dass dieses Moment des Aushaltens, des nicht vor der Realität fliehen, sich nicht in irgendwelche Sonderwelten zurückzuziehen, ein ganz wichtiges Moment unseres Glaubens ist. Im Moment wird es für mich sehr deutlich, durch die sogenannte MHG-Studie über den sexuellen Missbrauch in der Katholischen Kirche in Deutschland. Hier kommt eine schmerzhafte Wahrheit über unsere Kirche ans Tageslicht. Vieles, was bisher verdeckt war, tritt an die Oberfläche. Das, was verschwiegen und vertuscht worden ist, sprechen wir aus und wir fangen gerade erst an. Ich bin der Überzeugung, dass für die nächsten Jahre, ja Jahrzehnte, das Thema der Aufarbeitung schlechthin für unsere Kirche sein wird. Dieses Thema nicht kleinzureden und wieder wegzudrücken, darauf kommt es an, es vielmehr auszuhalten und durchzuhalten. Das wird entscheidend sein, um daran zu wachsen und zu reifen und sich der Herausforderung zu stellen. Deswegen bin ich dankbar, dass wir nicht nur auf der Bischofskonferenz so intensiv darüber diskutiert haben, sondern auch in verschiedenen Kreisen unserer Erzdiözese: im Erzbischöflichen Rat, im Diözesanpastoralrat mit der Laienvertretung unserer Erzdiözese, im Priesterrat und sicher in vielen Kreisen in unseren Gemeinden.

    Liebe Schwestern und Brüder,
    die Pharisäer fragen Jesus, ob es erlaubt ist, dem Kaiser Steuern zu zahlen oder nicht. Das Zahlen von Steuern könnte ihm den Vorwurf einbringen, ein Freund der Besatzungsmacht, also der Rö-mer, zu sein. Das Verweigern der kaiserlichen Steuer hätte dazu geführt, ihn bei der römischen Besatzungsmacht anzuklagen. Er war also wirklich in eine Klemme geraten. In eine Klemme zwischen den ganz Frommen, die für die Sache Gottes stehen und nichts anderes kennen und den eher Liberalen, die es mit dem Gesetz nicht so genau nahmen und mit der Besatzungsmacht zusammenarbeiteten. In dieser Klemme muss Jesus Partei beziehen – so die Auffassung der Heuchler.

    Aber Jesu Antwort ist souverän. Steuern zu zahlen ist für Jesus kein Problem, denn das bedeutet keine Vergöttlichung des Staates oder des Kaisers. Nur da, wo sich Kaiser und Könige oder andere Herrscher göttliche Ansprüche anmaßen, da darf man ihnen nicht gehorchen. „Man muss Gott mehr gehorchen als den Menschen“, wie die Apostelgeschichte sagt (Apg 5,29 b) und wie es auch auf dem Grabstein von Karl-Friedrich Stellbrink festgehalten ist. Wenn man Gott Gott sein lässt und ihm den ersten Platz einräumt, dann ist klar, dass der Mensch höchstens der zweite ist. Und dann ordnen sich die Dinge, dann entsteht Freiraum für die Gestaltung dieser Welt und unseres politischen, gesellschaftlichen und sozialen Zusammenlebens.

    Liebe Schwestern und Brüder,
    Jesus lässt sich die Münze zeigen und schaut darauf. Vielleicht hilft auch uns ein Blick auf die Münze. Jede Münze hat ihren Wert durch das Material aus dem sie ist, aber ihren eigentlichen Kurs-wert bekommt sie erst durch die Prägung, die auf ihr zu sehen ist. Eine Münze ohne Prägung ist wertlos, aber eine mit Prägung wird zu einem Zahlungsmittel von unter Umständen hohem Wert. Denken wir an Golddukaten oder Ähnliches. Jeder von uns ist geprägt – und zwar nicht nur durch seine Erziehung oder durch die Umstände, in denen er aufwächst und lebt. Jeder Christ ist geprägt durch Christus. Jeder Christ ist Ebenbild Gottes und trägt Gottes Bild in sich. Jeder von uns ist wie eine Münze, die den unendlichen Wert Gottes in sich trägt. Das wussten unsere vier Märtyrer. Und deswegen haben sie sich für das Leben und jeden Menschen eingesetzt, egal ob alt oder jung, ob von hier oder aus der Fremde, ob arm oder reich. Jeder Einzelne ist Gottes Ebenbild und trägt deswegen einen unendlichen Wert. Und das dürfen wir auch 75 Jahre nach ihrem Martyrium niemals vergessen.

  • Predigt zum 100jährigen Jubiläum der Unabhängigkeit Polens / St. Marien-Dom/Hamburg / 09. 11. 2018

    Es gilt das gesprochene Wort!


    Sehr geehrter Herr Generalkonsul,
    liebe Schwestern und Brüder,

    ich freue mich außerordentlich, heute mit Ihnen diesen Gedenk- und Dankgottesdienst zum 100jährigen Gedächtnis der Unabhängigkeit Polens zu feiern.

    Gerne erinnere ich mich daran, dass ich als Student vor vielen Jahren zum ersten Mal in Polen war und seinerzeit sehr beeindruckt war von der Frömmigkeit der Polen. Es war ein Sonntagmorgen und aufgrund unseres Reiseprogramms besuchten wir schon recht früh die Heilige Messe, die bis auf den letzten Platz voll war. Natürlich will ich nicht vergessen den großen polnischen Papst, Johannes Paul II., dem ich als Seminarist begegnen durfte. Er war ein Mann, der aus einer tiefen Frömmigkeit herauskam aber gleichzeitig auch sehr politisch dachte. Sicher war ihm dies in die Persönlichkeit hineingelegt, wenn ich daran denke, wie er bereits als junger Priester agierte, als Professor und später als Bischof. Bemerkenswert finde ich immer wieder die große Geste, dass er am Heiligen Abend die Christmette in Nowa Huta feierte, in der Stadt ohne Gott, und den Gottesdienst unter freiem Himmel hielt, selbst in bitterer Kälte.

    In diesem Jahr durfte ich mit Pfarrer Bystron zusammen einige Tage in Danzig und Pelplin verbringen, für die ich sehr dankbar bin.

    Der heutige Tag, der 9. November wird oft als der Schicksalstag der Deutschen genannt. An diesem Tag kam es zu Ereignissen, die die deutsche Geschichte prägten: Die Abdankung des Deutschen Kaisers vor 100 Jahren, die Novemberpogrome im Jahr 1938 und der Mauerfall im Jahre 1989, um nur einige zu nennen.

    Ich freue mich vor allem deshalb über unseren gemeinsamen Gottesdienst, weil ein gemeinsames Gedenken für uns heute im Gegensatz zu Früher selbstverständlich ist. Das Auf-und-ab der deutschen Geschichte ist oftmals eng – und leidvoll – mit der des polnischen Volkes verbunden. Im Ersten Weltkrieg existiert Polen faktisch nicht. Es war aufgeteilt auf das Deutsche Reich, auf Österreich-Ungarn und Russland. Polen kämpften in allen drei Armeen im Ersten Weltkrieg. Immer wieder gab es Bestrebungen nach polnischer Autonomie und Souveränität. Im Jahr 1918 geschah das, womit kaum jemand gerechnet hatte: alle drei Mächte, die Polen unter sich aufgeteilt hatten, brachen zusammen. Reichskanzler Max von Baden verkündet die Abdankung des Deutschen Kaisers und Philipp Scheidemann ruft vom Fenster des Reichstagsgebäudes die Republik aus. Kurz darauf reist der deutsche Generalgouverneur aus Warschau ab und am 11. November erreichte Polen schließlich nach 123 langen Jahren der Fremdherrschaft die Unabhängigkeit. Sie verdankt sich zu gleichen Teilen äußeren Umständen und einer Selbstbefreiung. Doch wir alle wissen, damit war die Unabhängigkeit noch nicht für immer errungen. Das polnische Volk musste nicht zuletzt durch uns Deutsche leidvoll erfahren, dass Freiheit stets neu gegen Ideologien errungen werden muss. Umso dankbarer dürfen wir sein, dass Polen heute Teil eines freien, vereinten und friedlichen Europas ist.

    Aber was heißt denn eigentlich Freiheit? Was macht Freiheit aus? Der große polnische Papst Johannes Paul II. hat es sehr provokant formuliert: „Freiheit bedeutet Selbsthingabe.“ Das mag uns nicht recht einleuchten. Ist nicht Freiheit das höchste Gut? Ist nicht ohne Freiheit alles nichts? Wie kann er als Pole sagen, dass die Freiheit, die so leidvoll errungen, dass die eigentliche Freiheit die Selbsthingabe ist? Der Apostel Paulus bekennt in unserer heutigen Lesung: „Denn einen anderen Grund kann niemand legen als den, der gelegt ist: Jesus Christus.“ Jesus Christus ist der Grund und das Bild unserer Freiheit. Aus Freiheit und aus Liebe zu uns Menschen ist er Mensch geworden und hat sich für uns hingegeben. Er hat uns aus der Knechtschaft des Bösen befreit und befreit uns immer wieder aus Verstrickungen von Schuld. Er befähigt uns, ohne Sorge unsere Freiheit hinzugeben. Denn erst in der Hingabe werden wir selber und damit wirklich frei. Die Entscheidung für Gott nimmt dem Leben nichts von seiner Freiheit und Schönheit. Die Entscheidung für ein zölibatäres Leben oder für eine Ehe sind nicht das Ende der Freiheit, sondern erst der Anfang einer viel größeren. Die Hingabe wird aber auch konkret, wenn ich an die große Bereicherung denke, die Sie als Gläubige mit polnischen Wurzeln in unseren Pastoralen Räumen und in den Missionen darstellen. Ihr unermüdliches Engagement für die Katechese, Ihr Einsatz in unseren Gemeinden und nicht zuletzt Ihr ständiges Gebet machen mich sehr dankbar. Ich wüsste nicht, was die Kirche von Hamburg ohne Sie wäre.

    Was im persönlichen Leben gilt, gilt auch gesellschaftlich und politisch. Die Nationen Europas werden nicht dadurch freier, dass sie sich gegeneinander abschotten. Erst das Miteinander macht Frieden und Entwicklung möglich. Besonders deutlich wird das an der polnischen, an Ihrer Bereitschaft zur Versöhnung gegenüber uns Deutschen. Mich beeindruckt immer wieder ein Satz aus dem Aufruf der polnischen Bischöfe an ihre deutschen Amtsbrüder von 1965. 20 Jahre nach den leidvollen Erfahrungen des Zweiten Weltkrieges schreiben sie: „Wir vergeben und bitten um Vergebung.“

    Wir feiern heute den Weihetag der Lateranbasilika in Rom. Sie ist die Mutter und das Haupt aller Kirchen des Erdkreises – so Ihr Ehrentitel. Wir feiern also nicht irgendeinen Weihetag einer Kirche in Rom. Sondern dieses Fest zu Ehren unserer gemeinsamen „Mutter“ macht deutlich, dass wir als katholische Christen eine große Familie bilden – über alle Länder- und Kulturgrenzen hinweg. Ich bin darum der Überzeugung: Wir haben als Kirchen eine besondere Verantwortung für die Versöhnung und das Miteinander unter den Völkern. Wir dürfen für die Überzeugung einstehen, dass sich Freiheit nicht im Gegeneinander, sondern im Miteinander verwirklicht – im Miteinander mit Gott und den Menschen.

  • Predigt zur Sendungsfeier der neuen Pastoralreferenten / St. Marien-Dom/ Hamburg / 22. 09. 2018

    Es gilt das gesprochene Wort

    Lesungstexte: 2 Tim 4,1-5; Ev: Mk 16,14a15-20


    Liebe Schwestern und Brüder,

    eigentlich müsste ich heute gar nicht predigen. Wir haben gerade den Auftrag Jesu aus dem Markusevangelium gehört: „Geht hinaus in die ganze Welt, und verkündet das Evangelium allen Geschöpfen!“ Das ist ein sehr klarer Auftrag, an dem es höchstens zu deuteln gibt, wie wir ihn angehen. Aber auch das Wie ist schon beantwortet: Wir sind hier zusammengekommen, um drei junge Menschen für diesen Dienst zu beauftragen. Dass Sie, Frau Altendorf, Herr Dr. Anbergen und Herr Dr. Bender, heute hier sind, ist sozusagen die Fleisch gewordene Predigt zu diesem Evangelium. Heute werden drei Menschen ausgesandt, das Evangelium zu verkünden. Sehr sinnfällig wird das, wenn ich Ihnen gleich das Evangeliar überreiche.

    Natürlich können wir fragen, warum müssen wir Christen eigentlich in die ganze Welt hinausgehen? Leben wir nicht in der Welt? Unser St.-Marien-Dom hier ist doch keine katholische Insel? Christen gibt es auf der ganzen Welt, in jedem Land. Was heißt also hinausgehen? Ich glaube, heute in die ganze Welt hinaus zu gehen heißt, sich auf das ganze Leben der Menschen einzulassen. Sich auf die Vielfalt des Lebens einzulassen mit seinen grandiosen Höhenflügen und seinen tiefsten Abgründen – bis zu den existentiellen Rändern, von denen Papst Franziskus immer wieder spricht und auf die er unermüdlich hinweist. Sie, liebe Pastoralreferenten, machen ja nicht irgendeinen Job, machen nicht irgendwelche Angebote, sitzen nicht nur in Besprechungen – all das ist es vielleicht auch. Aber zu allererst lassen sich in den Dienst nehmen, von Christus zu den Menschen senden und wie er in die existenziellen Fragen des Menschen hineinnehmen.

    Ich bin dankbar, dass wir in unserer Kirche hauptamtliche „Laien“ im pastoralen Dienst haben. So sehr ich persönlich von meinem Weg als zölibatär lebender Priester überzeugt bin, halte ich in der gleichen Weise Ihren Lebensstand in der Seelsorge für notwendig. Sie sind als Christen andere Ansprechpartner als Priester und Diakone. Ihr Dienst ruht auf dem Apostolat der Laien, das in Taufe und Firmung grundgelegt ist und eigene Charismen umfasst. Sie sind mit oder ohne Familie ganz in der Welt, ganz im Leben vieler Menschen. Sie kennen die Spannung und das Austarieren zwischen Beruf und Familie. Sie kennen die Frage, was tun, wenn die Kinder krank sind, wenn Betreuung ausfällt und so weiter. Und sie wissen eben auch, was es heißt, in all dem Alltäglichen des Lebens als Christen den Glauben zu finden, ja gerade den Alltag als Ort des Glaubens wahrzunehmen.

    Verkündigung ist keine Sache allein für Hauptberufliche. Das Leben von jede und jedem, unsere Erfahrungen sind Orte des Glaubens, sind Ausgangspunkte für Glaube. Von Franz von Assisi stammt die Aufforderung: „Verkünde das Evangelium. Wenn nötig, nimm Worte dazu.“ Leben und Glauben sind keine Gegensätze, sondern der Alltag ist der Ort der Gotteserkenntnis und des Gottesdienstes. Christus selber ist es, der in die ganze Welt hinausgegangen ist. Er ist Fleisch geworden und hat das ganze Leben des Menschen angenommen mit jeder Faser, hat sich unsere Existenz zu Eigen gemacht. Jeden Höhepunkt und jeden Tiefpunkt durchleben wir mit und in ihm. In diese Dynamik sind wir als Christen, sind Sie als Pastoralreferenten hineingenommen. Und diese Dynamik kann und wird auf andere ausstrahlen.

    Liebe Schwestern und Brüder,

    Verkündigung ist keine Einbahnstraße. Verkündigung ist immer ein Beziehungsgeschehen – ein Beziehungsgeschehen zwischen Gott und Mensch und Mensch und Mensch. Vor kurzem berichtete die Zeitschrift „Christ in der Gegenwart“ von einem Ordensmann, der den polnischen Priester und Philosophen Józef Tischner im Krankenhaus besucht hat, in dem dieser wegen einer schweren Kehlkopferkrankung lag. Der Ordensmann stellt Tischner die Frage: „Wie leben?“ Der schwerkranke Philosoph entgegnet ihm: Nicht „Wie?“, sondern „Mit wem?“. Nicht das Wie ist wichtig, sondern das Wer bzw. Mit wem. Das gilt im hohen Maße auch für die Verkündigung. Das persönliche Glaubensleben ist wichtig – und ich bitte Sie, liebe Pastoralreferenten, das in Ihrem Dienst nicht zu verlieren. Auch eine gute Ausbildung und Weiterbildung sind wichtig. Mit ihrem Studium und der anschließende Berufseinführung sind sie sehr gut auf ihren Dienst vorbereitet. Aber das entscheidende ist jetzt, das nicht isoliert für sich zu leben, sondern mit den Menschen. Mit den Menschen den Glauben zu leben, das kann vieles vereinfachen, das kann aber auch immer wieder zur Anfrage werden. Nur ein angefragter Glaube ist ein reifer Glaube. Ich bin dankbar, dass wir diese Perspektive auch in unserem Pastoralen Orientierungsrahmen verankert haben: „Als Kirche mitten in der Welt hören, entdecken und lernen wir. Wir hören, was Menschen bewegt. Mit ihnen suchen wir nach Spuren der Präsenz Gottes. Wir lernen gemeinsam mit ihnen, das Evangelium der Barmherzigkeit und Menschenfreundlichkeit Gottes zu leben.“

    Mit wem gehen wir? Mit wem gehen Sie? Liebe Frau Altendorf, lieber Herr Dr. Anbergen und Herr Dr. Bender, die heutige Sendungsfeier bekräftigt auch noch einmal das, was in der Taufe und der Firmung grundgelegt wurde: Gott geht mit Ihnen! Er nimmt Sie in den Dienst und darum will er sich auch für Sie in den Dienst nehmen lassen.

  • Medienempfang / Hamburg / 17. 09. 2018

    Es gilt das gesprochene Wort

    Sehr geehrte Damen und Herren,

    ich begrüße Sie herzlich zu unserem diesjährigen Medienempfang.

    Ich freue mich, dass Pater Hagenkord den Weg aus Rom geschafft hat, vor Jahren hatte ein Streik der Alitalia ihren Besuch verhindert, heute sind Sie da, wir freuen uns auf die Neuigkeiten aus Rom. Die Medienarbeit wurde umgebaut und auch sonst ist viel los im Vatikan. Ich bin gespannt, was Sie uns berichten können.

    Im letzten Jahr hat uns ein mächtiger Sturm hier fast vom Dach gefegt. Heute können Sie hoffentlich ungestört und angeregt miteinander und mit mir in Kontakt kommen.

    Themen gibt es viele. Die römischen Themen habe ich angedeutet. Auch in Hamburg und im Erzbistum haben wir für Schlagzeilen gesorgt. Ich danke Ihnen ausdrücklich, dass Sie unsere Entscheidungen so intensiv in Ihrer Berichterstattung begleitet haben, kritisch begleitet haben.

    Wie Mitte Januar bekannt gegeben, stehen wir vor einem großen bilanziellen Schuldenberg. Den wollen und können wir nicht den nächsten Generationen überlassen. Das wäre unfair. Die Experten sagen uns, dass wir dies bewältigen können, wenn wir jetzt entscheidend handeln. Deshalb müssen wir auch weiterhin manch schmerzliche Entscheidung treffen.

    Dies geschieht vor dem Hintergrund, dass das Erzbistum Hamburg nicht nur aus Hamburg besteht, sondern auch noch Schleswig-Holstein und Mecklenburg umfasst.
    Wir werden also einen Ausgleich schaffen, der alle Bereiche umfasst. So schwer das für manche auch zu verstehen ist.

    In der Frage der Schulen in Hamburg ist es mir wichtig, dass wir die Entscheidung, die wir bald zu den drei Moratoriumsschulen treffen werden, mit den Gremien besprechen. Es bleibt für mich aber dabei, dass wir im Rahmen unserer Erneuerung 13 Schulen gut ertüchtigen können, um auch in Zukunft gute Schulen anbieten zu können. Bei den drei anderen brauchen wir finanzielle Unterstützung.

    Den Weg der Sanierung und Erneuerung müssen wir weitergehen. Und ich möchte betonen, dass wir mit dem Schulthema in Mecklenburg und Hamburg die größten Brocken sofort angegangen sind. Mit dem neuen Wirtschaftsrat, der sich in der nächsten Woche konstituieren wird, haben wir eine Beteiligung von Vertretern aus allen Pfarreien und Pastoralen Räumen am Tisch. Er ist damit zugleich ein Forum, die Interessen der drei Regionen und der vielfältigen Formen kirchlichen Lebens auszutarieren. Dieses Austarieren soll nicht im luftleeren Raum geschehen. Im Februar werden wir bei einem Bistumstag über die pastoralen Kriterien entscheiden, die für die Aufstellung unseres Wirtschaftsplans ab 2020 wichtig sind. Die Leitfrage ist immer: Was ist für uns als katholische Kirche im Norden im Rahmen unserer Möglichkeiten heute dran?

    In der nächsten Woche bei der Vollversammlung der Bischofskonferenz werden wir über die Ergebnisse der Studie zum sexuellen Missbrauch beraten, die wir als Bischöfe in Auftrag gegeben haben. Ich kenne die ganze Studie noch nicht. Die ersten Zahlen lassen mich aber schon erahnen, was wir als Bischöfe mit Scham und Trauer wahrnehmen müssen: Es hat sehr viele Betroffene gegeben, Priester waren Täter, sie sind manchmal einfach versetzt, ihre Untaten vertuscht worden. Hier haben kirchliche Verantwortliche auf allen Ebenen Schuld auf sich geladen und den Betroffenen dadurch zusätzlich Leid zugefügt. Ich hoffe, dass wir in der Vollversammlung zu einschneidenden und verbindlichen Entscheidungen kommen, die gemeinsam mitgetragen werden. Ein „Weiter so“ kann es nicht geben. Vorschnelle Versprechungen helfen aber auch nicht weiter. Das war nicht die Absicht, als wir die Studie in Auftrag gegeben haben. Zurückreichend bis 1945 wurden Personalakten durchleuchtet, um belastbare Zahlen aus dem Hellfeld zu haben und genauer zu erfahren, ob es strukturelle und systemische Ursachen beim Missbrauch gegeben hat. Ohne Einzelheiten zu kennen, werden wir uns Gedanken machen müssen über Fragen von Macht und Hierarchie, über die Sexualethik, über strengste Auswahlkriterien in unseren Seminaren sowie über unsere Verfahren. Seit 2010 steht das Thema Kinder- und Jugendschutz oben auf der Tagesordnung. Im Erzbistum gibt es daher eine intensive Präventionsarbeit durch die Schulung vieler tausend kirchlicher Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern.
    Das Gespräch mit Betroffenen findet statt, auch ich persönlich führe Gespräche. In Neubrandenburg hatten wir einen besonders schweren Fall von Missbrauch in den Jahrzehnten nach dem Zweiten Weltkrieg. Vor den Sommerferien war ich bei einer Gemeindeversammlung dort. Ich habe angekündigt, dass wir externe Experten mit einer Aufarbeitung beauftragen werden.

    Nun lenke ich den Blick auf Pater Bernd Hagenkord, er ist Jesuit und einer der drei Chefs von Vatikan News, worin ja das alterwürdige Radio Vatikan aufgegangen ist:

    Drei weltkirchliche Versammlungen stehen an, die Papst Franziskus angeregt hat, die ihm am Herzen liegen:
    Die Jugendsynode im Herbst, das Treffen der Vorsitzenden der Bischofskonferenzen zum Thema Missbrauch im Februar und im Herbst 2019 die Amazonas-Synode. Die Erwartungen an die Beratungen und die Reform der Kurie sind hoch.

    Ich freue mich, dass wir Sie heute hier als Redner haben:

    Was ist los ist Rom, lieber Pater Hagenkord?

  • Predigt zur Gründung des neuen Diözesancaritasverbandes / Kath. Kirche St. Andreas Schwerin / 08. 09. 2018

    Es gilt das gesprochene Wort


    Liebe Schwestern und Brüder,
    sehr geehrte Damen und Herren,

    wir feiern heute Mariä Geburt, den Geburtstag von Maria, der Mutter Jesu. Es gibt vermutlich kaum katholischere Feiertage als Marienfeste. Deswegen passt der heutige Feiertag zum heutigen Festakt: Es gibt kaum etwas Katholischeres als die Caritas. Damit meine ich nicht, dass es Caritas, dass es tätige Nächstenliebe nur auf katholisch gäbe. Im Gegenteil: Katholische Kirche gibt es nur mit Caritas, nie ohne. Die Kirche ist nicht nur – etwas salopp sagt – für den Kontakt zwischen Gott und Mensch zuständig, sondern auch für den von Mensch zu Mensch. Jesus hat in seinen Verkündigung immer wieder deutlich gemacht, Gottesdienst ohne Dienst am Nächsten kann es nicht geben. Gottesliebe und Nächstenliebe sind zwei Seiten derselben Medaille. Deshalb ist der Diözesancaritasverband ja auch nichts völlig neues. 1861 begann die Geschichte der verfassten Caritas im Norden mit der Gründung eines Waisenhauses im Hamburger Viertel St. Georg. Die damalige Kapelle des Waisenhauses ist der Ursprung unserer heutigen Domkirche. Weitere Gründungen folgten in Schleswig-Holstein und 1946 schließlich auch in Mecklenburg.

    Ich möchte mit meinem Hinweis auf Maria keine ökumenischen Untiefen beschreiten. Aber ich bin überzeugt, dass das heutige Marienfest aus einem zweiten Grund gut zu unserem Anlass passt. Maria, so wie sie im Neuen Testament in Erscheinung tritt, ist ein sprechendes Bild für unsere Caritas. Sie ist eine unbekannte Frau in einem kleinen Dorf am Rande des römischen Reiches. Aber genau sie bringt den Sohn Gottes zur Welt. Das wirklich bedeutende geschieht nicht immer auf der großen Bühne – vermutlich sogar sehr selten. Nachdem Maria mit Jesus schwanger geworden ist und merkt, welche Wunder Gott an ihr vollbringt, singt sie: „Meine Seele preist die Größe des Herrn und mein Geist jubelt über Gott meinen Retter. … Er stürzt die Mächtigen vom Thron und erhöht die Niedrigen. Die Hungernden beschenkt er mit seinen Gaben und lässt die Reichen leer ausgehen.“ (Lk 1,46f,52f). An Maria wird deutlich, dass Gott auf der Seite der Menschen steht, die am Rand sind, an der Seite der Namenlosen und Hilfsbedürftigen.

    Als Priester bin ich verpflichtet, dieses Gebet von Maria jeden Abend zu beten. Dieses Gebet erinnert uns jeden Abend daran, dass es die Kirche wie Gott halten muss; dass auch die Kirche genau auf der Seite stehen muss, auf der auch Gott steht: auf der Seite der Benachteiligten. Die Kirche muss Hilfe sein für die Suchenden und Anwältin für die Stimmlosen. Das ist zum einen meine persönliche Aufgabe als Christ. Caritas ist das persönliche Engagement, die persönliche Hinwendung zum Nächsten. Das ist aber auch Aufgabe der ganzen Kirche. Deswegen bin ich sehr dankbar, dass wir Sie, die verbandliche Caritas haben. Mit Ihnen wirken wir verbindlich und professionell, mit und für die Menschen – und nicht zuletzt in die Gesellschaft und Politik hinein. Beide Dimensionen – das persönliche und das verbandliche, das ehrenamtliche und hauptamtliche Engagement – schließen sich nicht aus. Im Gegenteil, sie gehören zutiefst zusammen.

    Vor kurzem hat ein Kunsthistoriker gesagt: „Die Welt wird nicht durch die Erledigung des Notwendigen gestaltet, sondern durch das Mehr über das Notwendige hinaus.“ Das gilt nicht nur für die Kunst. Ich bin der Überzeugung, Ihr Engagement in der Caritas ist nicht einfach nur ein Job, eine Dienstleistung, nicht einfach nur Hilfe oder Beratung. Die konkrete Zuwendung zum Menschen macht immer auch deutlich: „Du hast Würde!“. „Mein Beruf ist, die Würde des Menschen zu pflegen.“ hat es eine Pflegerin Ihrer evangelischen Schwesterorganisation, der Diakonie, auf den Punkt gebracht.

    Liebe Schwestern und Brüder, Maria war nicht allein. Sie hatte Josef an ihrer Seite. Josef, der Vater Jesu, sagt in der ganzen Bibel kein einziges Wort. Wir wissen auch sonst fast nichts über ihn. Er gehörte nicht zur Oberschicht, war nicht reich und hatte keine gesellschaftlich bedeutende Stellung. Und wie schon Maria ist er auserwählt, der „Ziehvater Jesu“ zu sein. Wir haben es gerade in Evangelium gehört: Ein Engel erscheint ihm im Traum und sagt ihm: „Josef, Sohn Davids, fürchte dich nicht, Maria als deine Frau zu dir zu nehmen; denn das Kind, das sie erwartet ist vom Heiligen Geist.“ (Mt 1,20) Josef bietet Jesus ein Zuhause und lehrt ihm vermutlich seinen Beruf. Auch wie Josef ist die Caritas: Menschen vorbehaltlos annehmen und lehren. Lehren aber nicht die Menschen, sondern die Kirche! Sie sind gewissermaßen das Auge der Kirche für die Nöte der Menschen heute. In unserem Pastoralen Orientierungsrahmen haben wir uns als Erzbistum verpflichtet, menschennah, aufsuchend und solidarisch zu sein. Bei Ihnen können wir als ganzes Erzbistum lernen, wie das geht.

    Maria und Josef sind bei allem verbindenden sehr unterschiedlich – wie auch die vier ehemaligen Caritasverbände. Aber zusammen ergänzen sie sich und ziehen den Sohn Gottes groß! Das ist mein Wunsch heute an den neuen Diözesancaritasverband, dass Sie zusammenwachsen und gemeinsam weiter wachsen. Ich möchte Sie ermutigen, weiter nah bei den Menschen zu sein, sich immer neu in den Dienst nehmen lassen, wo sie gebraucht werden. Und ich möchte vor allem noch eines sagen: Vielen, vielen Dank!

  • Sommerfest in Schwerin – Anregung für die Predigt / Schwerin / 04. 09. 2018

    Es gilt das gesprochene Wort


    Sehr geehrte Damen und Herren,
    liebe Schwestern und Brüder,

    immer wieder gerne lese oder höre ich die Schöpfungsgeschichten aus der Bibel. Gerade jetzt im Spätsommer im Übergang zum Herbst können wir den Reichtum und die Schönheit der Schöpfung sehen und bestaunen. Wir mussten in diesem Jahr aber leider einmal mehr erkennen, wie bedroht diese Schöpfung ist. Und noch eines: Wie sehr wir von ihr abhängen. Innerhalb von 15 Jahren haben wir zwei für unsere Verhältnisse extreme Dürren erlebt. Hier in Mecklenburg-Vorpommern etwa lagen die Ernteeinbußen der verschiedenen Getreidesorten zwischen 20 und 30 %.

    Zu Beginn unserer Andacht haben wir die Schönheit der Schöpfung besungen und gleichzeitig wissen wir um ihre Zerbrechlichkeit. Der Klimawandel ist ja nur ein, wenn auch das bedrohlichste Phänomen der Veränderungen. Hinzu kommen noch Bodenerosion, Rückgang der Artenvielfalt… – von den Folgen auf den Menschen und das menschliche Zusammenleben ganz zu schweigen. Papst Franziskus hat angesichts dieser Entwicklungen ein Schreiben unter dem Titel Laudato si´ veröffentlicht. Laudato si´ ist ein Zitat aus dem Sonnengesang, einem Gebet seines Namenspatrons, des heiligen Franziskus von Assisi. Ganz bewusst hat sich der Papst Franziskus nach dem Heiligen Franziskus benannt. „Gelobt seist du, mein Herr, mit all deinen Geschöpfen“. Und dann zählt der heilige Franziskus auf: Gelobt seist du für Schwester Sonne, für Bruder Mond, für Bruder Wind, für Schwester Wasser…

    Was mich an diesem Lobgesang bewegt, ist seine Sicht auf die Schöpfung. Die Schöpfung ist nicht unser Feind oder ein reines Gegenüber, das wir in den Griff bekommen müssten. Die Schöpfung ist unsere Lebensgrundlage, ja wir selber sind Teil von ihr. Entsprechend schreibt Papst Franziskus, dass wir uns um das „gemeinsame Haus“ sorgen müssen. Wir leben als Menschen alle auf der gleichen Erde, teilen uns ein Haus. Das heißt auch: Die Probleme dieser Welt sind komplex und miteinander verbunden. Klimawandel ist nicht einfach nur Klimawandel, Klimawandel ist auch Fluchtursache und so weiter. Gemeinsam können wir Lösungen finden und umsetzen. Die gute Nachricht ist: Gott traut uns das zu. Er hat uns die Freiheit gegeben, aktiv zu werden und zu handeln. „Gott, der Herr nahm den Menschen und gab ihm Wohnsitz im Garten Eden, damit er ihn bearbeite und hüte.“, haben wir gerade in der Lesung gehört.

    Ich bin dankbar, dass wir heute Nachmittag hier zusammen gekommen sind. Ein Stück weit wird dadurch unser gemeinsames Engagement für das gemeinsame ‚Haus‘ Mecklenburg-Vorpommern erlebbar: gemeinsam als Kirchen, als politische Institutionen, als Schulen und Hochschulen, als Zivilgesellschaft und als Wirtschaft. Wir wenden uns gegen alle Rufe nach Ausgrenzung und gesellschaftlicher Spaltung, wie sie derzeit etwa in Chemnitz laut werden und verurteilen Übergriffe wie in Wismar. Nur Gemeinsam können wir ein Haus zum Wohl aller aufbauen und erhalten.

  • Predigt zur Bischofsweihe von Pater Dr. Heiner Wilmer SCJ / Dom zu Hildesheim / 01. 09. 2018

    Es gilt das gesprochene Wort!

    (1 Sam 3,1-10; 2 Kor 1,18-24; Mt 11,25-30)


    Liebe Schwestern und Brüder!
    Lieber Bischof Heiner!

    Samuel war offenbar kein Emsländer. Wir haben von ihm gerade in der ersten Lesung gehört. Er wird nachts gerufen und antwortet direkt: Ja, hier bin ich. Und sofort rennt er los. Für einen Emsländer wie dich, lieber Heiner, unvorstellbar – spricht der Volksmund euch neben Bodenständigkeit und Trinkfestigkeit doch eine gute Portion Sturheit zu. So hast du nach deiner Wahl zum Bischof auch erst einmal dem Papst gemailt, was du tun sollst. Schließlich hast du Ja gesagt. Viel-leicht gehört auch dieses Vertrauen in den Weg der Kirche zu deiner emsländischen Herkunft.

    Liebe Schwestern und Brüder,

    ich glaube, ich spreche für uns alle, wenn ich sage: Danke, dass du Ja gesagt hast. Danke, dass wir heute deine Weihe und Einführung als Bischof von Hildesheim feiern dürfen. Es ist spannend, aber auch herausfordernd, heute Bischof zu sein. Viele Aufgaben warten auf dich: Hirte sein in der Diaspora, in einem großen Flächenbistum, mutig und visionär sein angesichts knapper Finanzen, klar und bestimmt sein in der Aufklärung und der Bekämpfung sexuellen Missbrauchs, Menschen Mut und Halt zu vermitteln in Zeiten großer Unsicherheiten und auch von Ausschreitungen, wie uns gerade die vergangenen Tage in beschämender Weise zeigen. Auch zu all diesen konkreten Herausforderungen gibst du heute dein Ja.

    Liebe Mitchristen, die Lesungen des heutigen Tages bleiben nicht beim Ja des Samuel, beim Ja der Menschen stehen. „In Ihm ist da Ja verwirklicht.“ (2 Kor 1,19) In Ihm, das heißt in Jesus Christus, ist das Ja Wirklichkeit geworden. Paulus setzt Jesus Christus und dieses Ja in eins: Er, Jesus Christus, ist das Ja. Jesus Christus gibt uns nicht nur sein Jawort oder sein Ehrenwort, sondern er ist es in Person. Er selber ist das große, ganze und klare Ja. Eben kein Nein und auch nicht ein Jein. Das Bedeutende unseres christlichen Glaubens besteht darin, dass Gott diese Welt nicht verneint, dass er ihr gegenüber nicht indifferent und gleichgültig bleibt, oder auch nur hin- und hergerissen. Wir Christen glauben an einen Gott, der ein ganzes Ja zu seiner Schöpfung und zum Menschen sagt – sogar wenn sie sich von ihm entfernen.

    Wir sind feierlich in den Dom eingezogen und am Portal durch die altehrwürdige Bernwardstür gegangen. Dieses wunderbare Kunstwerk erinnert uns an das Ja Gottes zur Welt, zur Schöpfung, zum Menschen, zur Kirche, zu uns. Es erinnert uns freilich auch an den Menschen, der zu Gott nein sagt. Adam und Eva, die Prototypen der Menschheit, trennen sich von Gott. Die ersten Menschen sind nicht zufrieden mit ihrem Menschsein im Paradies. Sie wollen sein wie Gott, was Menschen aber nie sein können. Dennoch lässt Gott die Menschheit nicht fallen. Er holt sie in Christus zurück und bringt sie sich selber näher. Die Mission Jesu Christi besteht darin, dass Nein der Menschen umzuleben in ein einziges, wirkmächtiges Ja.

    Lieber Bischof Heiner, du wirst noch sehr häufig durch das Bernwardsportal in den Hildesheimer Dom einziehen dürfen. Sei dir dann immer bewusst, in welchem großen Horizont und in welchem großartigen Rahmen dein bischöflicher Dienst und deine ganze Diözese stehen. Sie stehen unter dem Jawort Gottes zu allen Menschen, das Christus gelebt hat, von der Geburt bis zum Tod am Kreuz und darüber hinaus. Du selber bist zu allererst von Gott bejaht.

    In diese großartige Geschichte trittst du nun besonders ein. Die vielen Stationen deines Lebens – das Emsland, Freiburg, Paris, Rom, Toronto, New York, Bonn – sie bekommen eine neue Station: Hildesheim und das Bistum Hildesheim mit seiner weiten Ausdehnung zwischen Cuxhaven und dem Harz, mit seiner langen Geschichte von Kaiser Ludwig dem Frommen bis Bischof Norbert. Denke bei deinem Dienst immer daran: Nicht nur das Domkapitel hat dich gewählt und zu dir ja gesagt. Nicht nur der Heilige Vater hat dich ernannt, sondern der Horizont ist viel größer. Gott sagt zu dir ja. Gott sagt zu dir ein ganzes Ja als Bischof von Hildesheim.

    Liebe Mitchristen, weil das Ja Gottes der Ausgangspukt aller unserer Tätigkeiten und Aktionen ist, ist es wichtig, dass wir heute feiern. Bischof Heiner ist vor ein paar Monaten gewählt und ernannt worden. Seitdem hat er sich vorgestellt, ist mit Jugendlichen gepilgert und hat sich vertraut gemacht mit seinem neuen Bistum und seiner neuen Aufgabe. Aber der Beginn deines Dienstes geschieht nicht, indem du, lieber Heiner, in einem Zimmer des Generalvikariates einen Vertrag unterschreibst. Der Bischof und alle anderen Amtsträger der Kirche sind nicht Verwaltungsdirektoren einer NGO, nicht Präsidenten einer Bewegung oder Manager eines Religionskonzernes, vor allem und zuerst sind sie Zeugen des Evangeliums, ja Zeugen des gekreuzigten und auferstandenen Christus! Die Apostel bezeugen gerade die Identität des Jesus, der am Kreuz gestorben ist, mit dem auferstandenen Christus, der sich ihnen immer wieder gezeigt hat. Dafür haben sie ihr Leben eingesetzt und sogar verschenkt. Dafür stehen die Apostel, dafür stehen die Bischöfe. Deswegen beginnt dein Dienst hier und heute mit einem Fest, dem Fest des liebevollen Sterbens und der glorreichen Auferstehung Jesu, die wir in der Hl. Messe begehen. Und deswegen bildet die Eucharistie immer den unhintergehbaren Beginn all unseres kirchlichen Tuns.

    Lieber Heiner, diese Eucharistie ist verbunden mit deiner Bischofsweihe. Gleich wirst du nach den Fragen der Bereitschaft hier vor dem Altar auf dem Boden liegen: ausgestreckt, flach und ohne weichen Teppich. Ein erwachsener Mann gibt sich diese Blöße. Vielleicht wird in diesem Gestus am ehesten deutlich, was der heilige Paulus einmal so ausdrückte: „Wenn ich schwach bin, dann bin ich stark.“ Ja, wir dürfen uns vor Gott diese Blöße geben. Wir müssen nicht den starken Mann markieren. Im Gegenteil: Diese Situation ist Gottes große Chance, dein Leben ganz anzunehmen, es zu verwandeln, es zu prägen. Es ist seine große Chance, von nun an ganz in deinen Worten, ganz in deinen Taten, ganz in deinem Leib, ganz in deinem Leben präsent zu sein. Der eine Hirt der Kirche nimmt sich Heiner Wilmer, um ihn so zu prägen, dass er in seinem Sinne Hirte des Bistums Hildesheim sein kann.

    Die Insignien des Bischofs drücken das aus. Die Mitra, die deinen Kopf bedeckt, soll all dein Denken im Denken Christi beheimatet wissen. Der Bischofsstab, den du tragen wirst, ist nach oben geöffnet mit drei Zungen. Er erinnert an die Dreifaltigkeit und soll dich erinnern, den ‚Draht‘ zu ihr, gleichsam den Draht nach oben zu halten. Und das Kreuz, das du trägst, gleicht dem Symbol der Herz-Jesu-Priester, deren Mitglied du seit dem 19. Lebensjahr bist. Es ist ein Kreuz mit einem Herz. Das Herz Jesu soll dein Herz prägen und verwandeln. In der Herz-Jesu-Litanei beten wir: „Bilde unser Herz nach deinem Herzen“. Die Bischofsweihe will dich ganz umbilden, ganz prägen, ganz wandeln in das Urbild des Bischofs, in Jesus Christus. Sei ein Bischof nach seinem Herzen. Wie du bisher ein Herz-Jesu-Priester warst werde ab heute ein Herz-Jesu-Bischof, der das Herz am rechten Fleck hat – für Gott und die Menschen.

  • Grußwort zu 25 Jahren Heinrich-Theissing-Institut / Schwerin, Schleswig-Holstein-Haus / 31. 08. 2018

    Es gilt das gesprochene Wort

    Sehr geehrte Frau Ministerin Hoffmeister,
    sehr geehrte Frau Dr. Petschulat
    sehr geehrte Damen und Herren,

    in seinem Buch „Gott ist jung“ schreibt Papst Franziskus drei Sätze, die wie maßgeschneidert für unseren heutigen Festanlass sind: „Der Mensch entfremdet sich von sich selbst, wenn er seine Wurzeln nicht mehr spürt. Er selbst und eine Gesellschaft sind dann verwurzelt, wenn sie Geschichts- und Gemeinschaftsbewusstsein haben. Ohne Geschichte, ohne Erinnerung lässt sich nicht leben.“

    Das Heinrich-Theissing-Institut geht genau dieser Aufgabe nach. In der wissenschaftlichen Erforschung der Vergangenheit der Katholischen Kirche hier in Mecklenburg begeben Sie sich gewissermaßen auf die Suche nach den Wurzeln der kirchlichen Formen heute. Sie leisten mit Ihrer Arbeit, mit Veranstaltungen und Publikationen einen bedeutenden Beitrag zu einem guten Geschichtsbewusstsein und Gemeinschaftsbewusstsein in Mecklenburg. In meinen nunmehr dreieinhalb Jahren als Erzbischof hier im Norden konnte ich mich – und das meine ich positiv – von der eigenen Identität des Mecklenburger Katholizismus überzeugen. Sie ist geprägt von einer extremen Diaspora-Situation mit einer langen und reichen Geschichte: angefangen bei der Christianisierung im Mittelalter, über einen Niels Stensen in Schwerin, über westfälische, rheinische oder fränkische Aufsiedlungen Anfang des 20. Jahrhunderts, über das mutige „Durchhalten“ auch der vertriebenen Katholiken im Sozialismus, bis hin zur Prägekraft des Katholizismus in den Umbrüchen während und nach der Wende. All das verdient großen Respekt und ist der Erinnerung würdig. Erinnert werden muss aber auch an die Schattenseiten der Kirchengeschichte in Mecklenburg, die sich – man denke an den furchtbaren Missbrauch – in unheilvoller Weise mit einigen Ortsnamen verbunden hat.

    „Der Mensch entfremdet sich von sich selbst, wenn er seine Wurzeln nicht mehr spürt“, so Papst Franziskus. Ich widerspreche dem Papst nur ungern, möchte aber zumindest eine Einschränkung vornehmen. Die Metapher „Wurzel“ zu verwenden, hat auch etwas Hierarchisches, Vereinnahmendes. Das Bild der Wurzel heißt ja, dass der Baum ohne sie nicht leben kann. Von Wurzeln kann sich der Baum nicht trennen. Denn Wurzeln sind grundlegend lebensspendend. Und natürlich: Ohne unsere Vergangenheit wären wir nicht hier. Gleichzeitig müssen wir uns hüten, in der Vergangenheit gefangen zu sein. Das Christentum ist nicht in erster Linie eine historische Tradition, sondern es ist Beziehungsgeschehen mit Christus selber. In der jeweiligen Gegenwart, im Hier und Heute will Christentum gelebt werden. Natürlich traditionsbewusst, aber eben nicht traditionalistisch. Gerade deswegen bin ich dankbar, dass die historische Betrachtung der Geschichte Mecklenburgs an einem wissenschaftlichen Institut stattfindet.

    Ein Satz, der das für mich auf unnachahmliche Weise zusammenfasst ist ein Zitat aus dem Römerbrief des Heiligen Paulus: „Nicht du trägst die Wurzel, sondern die Wurzel trägt dich.“ Nicht wir tragen die Wurzel, sondern die Wurzel trägt uns. Das heißt doch: Wir wissen um unsere Wurzeln. Wir wissen darum, wo wir herkommen, in allem Positiven wie Negativem. Aber wir müssen diese Wurzel nicht aufrechterhalten, sondern diese Wurzel hat uns dahingeführt, wo wir heute stehen. Auf diesem Fundament müssen wir leben und tun, was heute dran ist in der Geschichte Gottes mit den Menschen. Wir müssen nicht immer das ewig Gleiche weiterführen und bewahren, sondern lebendig nach vorne gehen.

    Gerade die Stabilität unserer Herkunft, unseres Glaubens ermöglicht uns, die Freiheit und die Offenheit im Hier und Jetzt zu nutzen und kreativ zu sein als Kirche. Gerade wenn wir im Glauben gefestigt sind, können wir gelassen das Alte, wenn es denn sein muss, auch ein Stück hinter uns lassen und Neuland unter den Pflug nehmen. Denn nur in der Lebendigkeit wird die Tradition bewahrt. Wir müssen im Sinne unseres Pastoralen Orientierungsrahmens fragen: Was ist heute dran? Wo sind wir heute als Kirche hin gerufen? Wo sind wir aufgefordert Zeugnis zu geben? Mit wem müssen wir uns heute vernetzen? Mit wem müssen wir solidarisch sein? Wer lehrt uns, wie heute Kirche geht? Wie wachsen wir als Erzbistum Hamburg weiter zusammen?

    Bischof Wanke hat uns im letzten Jahr hier in Schwerin aufgefordert: „Lasst uns neugierig bleiben, was Gott mit uns Katholiken im Osten vorhat und Mithelfer sein für Wege in veränderter Zeit.“ Ich habe in diesen Prozess ein großes Vertrauen, dass der Heilige Geist uns trägt und die Wege der Zukunft weist. Und insofern – davon bin ich überzeugt – wird auch dem Heinrich-Theissing-Institut die Arbeit nicht ausgehen. Ich bin gespannt, was das Institut einmal über unsere jetzige Epoche schreiben wird, welche Deutungen es vornimmt, welche Wege getragen haben werden.

    Ich danke allen haupt- wie ehrenamtlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, allen Freunden und Förderern für Ihr Engagement und wünsche Ihnen für Ihr weiteres Wirken Gottes reichen Segen!

    Gemeinsam mit Ihnen freue ich mich jetzt auf die Buchvorstellung durch den Autor Dr. Georg Diederich. Es schließt die Reihe „Kirche unter Diktaturen“ ab und vervollständigt die Chronik der katholischen Kirche in Mecklenburg.

  • Sommerfest in Kiel – Begrüßung durch Erzbischof Dr. Stefan Heße / Erzbischöfliches Amt Kiel / 29. 08. 2018

    Es gilt das gesprochene Wort


    Sehr geehrter Herr Landtagspräsident Schlie,
    sehr geehrte Damen und Herren Abgeordnete des Deutschen Bundestages und des Schleswig-Holsteinischen Landtages,
    sehr geehrte Vertreterinnen und Vertreter der Landesregierung,
    sehr geehrte Frau Präsidentin des Landesrechnungshofes,
    lieber Bruder Magaard,
    sehr geehrte Damen und Herren,
    liebe Schwestern und Brüder!
    Ganz besonders möchte ich heute Abend auch unseren Ehrengast Dr. Rudolf Seiters begrüßen!

    Es waren bewegende Bilder, die wir letzte Woche sehen konnten. Von Montag bis Sonntag fanden in einem nordkoreanischen Ressort erstmals seit fast drei Jahren wieder Familienzusammenführungen statt. Seit über 60 Jahren sind Nord- und Südkorea mittlerweile voneinander getrennt. Die Teilnehmer des Familientreffens waren entsprechend alt, viele jenseits der 80. Mir persönlich haben diese fremden Bilder noch einmal gezeigt, wie dankbar wir für unsere deutsche Wiedervereinigung sein dürfen und auch, wie selbstverständlich sie uns mittlerweile geworden ist.

    Man mag denken, dass wir uns bei der Einladung und Themenfindung im Jahr vertan haben. Denn die großen Festivitäten sind ja erst 2019 zum 30. Jahrestag des Mauerfalls und dann 2020 zum Jahrestag der Wiedervereinigung. Aber die deutsche Einheit ist nicht vom Himmel gefallen. Es gab Ereignisse, Bewegungen, einen Weg zum 9. November 1989. Jemand, der diesen Weg kennt und damals die Ereignisse in der ersten Reihe mitbekommen hat und in kritischen Momenten entscheiden musste, war Rudolf Seiters. Er stand neben Hans-Dietrich Genscher in Prag auf dem Balkon und neben Helmut Kohl am Brandenburger Tor. Vieles hat er vorbereitet und begleitet. Und nach dem 9. November 1989 hat er viele Situationen erlebt, die sich derzeit unter anderen Vorzeichen wiederholen: den Zuzug vieler Flüchtlinge, die Ängste der Menschen, die Hoffnungen und die Problematik und Sorge, wie unser Land das alles bewältigen kann. Es ist wirklich erstaunlich, wie sich die Szenen ähneln. Wir sind gespannt auf persönliche Erzählungen gewissermaßen aus dem Nähkästchen 1988/1989, aber auch auf Ihre Bewertung. War das, was 1988/1989 entschieden worden ist, richtig? Haben die Prognosen gestimmt? Würden Sie heute Dinge ganz anders entscheiden?

    Die jährlichen Feierlichkeiten zum Tag der Deutschen Einheit am 3. Oktober erinnern von ihrem Charakter her oftmals eher an Familienfeiern. Wir kennen in Deutschland – Gott sei Dank – keine pompösen Militärparaden in der Hauptstadt zum Nationalfeiertag. Unsere Geschichte macht uns demütig. Vor kurzem hat eine Hamburger Reederei mit einem arabischen Unternehmen fusioniert. Der Slogan unter dem die Fusion steht, heißt „better.united“. Ich glaube, dieses schlichte Wort können wir auch über die deutsche Wiedervereinigung stellen. Natürlich waren die Bundesrepublik und die DDR keine Reedereien. Aber das Motto finde ist sehr treffend: better.united, „besser vereint“ und „vereint besser“. Das ist es, was wir heute, fast 30 Jahre danach aus vollsten Herzen sagen dürfen: Wir sind froh, dass wir wieder zusammen sind. So ist es besser. Zumindest meiner Wahrnehmung nach sind die kritischen Stimmen, was die deutsche Wiedervereinigung betrifft deutlich zurückgegangen. Zwar wird überlegt, die Arbeit der Treuhand aufzuarbeiten. Und natürlich gibt es auch Verlierer der Wende und bei vielen das Gefühl der Abgehängtheit. Aber im Ganzen erlebe ich doch ein großes Maß an Dankbarkeit und selbstverständlicher Zusammengehörigkeit.

    Die Schleswig-Holsteiner haben die Grenze, aber auch die neuen Chancen und Möglichkeiten hautnah erlebt. Viele erinnern sich bestimmt noch an den erst sehr verschlafenen Ort Schlutup, durch den sich nach dem Mauerfall lange Autoschlangen zogen. Auch die sehr nahe Grenze im Lauenburgischen haben sicherlich viele noch gut vor Augen. Sie, Herr Landtagspräsident, werden als Lauenburger/Möllner davon berichten können.

    Wir als Erzbistum sind ein Kind der deutschen Einheit und haben uns damit aus Ihrem Bistum, Herr Seiters, dem Bistum Osnabrück verabschieden müssen. Seitdem haben wir beim Zusammenwachsen Höhen und Tiefen erlebt. ‚Einheit‘ ist für mich auch geistlich ein sehr schöner Gedanke. Ich persönlich als Bischof und wir als Kirche verstehen uns im Dienst an der Einheit der Menschen: der Menschen untereinander und der Menschen mit Gott. Als katholische Kirche im Norden verbinden wir viele gesellschaftliche Schichten in unseren Gemeinden, verbinden Stadt und Land mit all den Herausforderungen, natürlich Ost und West, sowie Menschen aus 200 verschiedenen Nationalitäten. Und bei all dem möchten wir immer wieder die Begegnung und die Einheit mit Gott ermöglichen. In seiner ersten Enzyklika Evangelii Gaudium schreibt Papst Franziskus einige unter dem Stichwort „Die Einheit wiegt mehr als der Konflikt“. Beim ersten Lesen der Überschrift dachte ich seinerzeit: Ja, irgendwie stimmt das natürlich. Einheit ist besser als ein Konflikt. Aber reden wir nicht eher von Verschiedenheit und vom Wert der Unterschiedlichkeit? Ich bin überzeugt, beides ist wichtig. Ich möchte den Wert der Vielfalt nicht ansatzweise relativieren. Im Gegenteil: Denn es geht nicht um Einheitlichkeit sondern um Einheit. Wohin eine ideologisch gewollte Vereinheitlichung führt, mussten die Menschen im Osten vier Jahrzehnte erleben. Einheit will nicht Gleichmachung, sondern möchte Unterschiede als bereichernde Ausgangspunkte für einen gemeinsamen Weg sehen: better.united eben. Ich bin überzeugt, dass gilt auch für die Integration von Zuwanderern und Geflüchteten in unserem Land. Wenn wir es schaffen, den anderen Menschen in seiner tiefgründigsten Würde zu sehen, so Papst Franziskus, dann werden bei Unterschieden und selbst im Konflikt Einheit und Gemeinschaft möglich. Das Bild für Einheit schlechthin ist Jesus selber: Er vereint in sich „Himmel und Erde, Gott und Mensch, Zeit und Ewigkeit“. (EG 229) In ihm sind wir als Schwestern und Brüder über Alters-, Gemeinde-, Konfessions-, Länder- und Kulturgrenzen hinaus eins.

    Ich danke Ihnen allen für Ihr Kommen. Ich freue mich auf einen anregenden Vortrag zur Deutschen Einheit durch unseren heutigen Ehrengast und danke auch Herrn Landtagspräsident Schlie für sein Grußwort. Ich wünsche allen fruchtbare Gespräche und ganz praktisch auch ein Stück weit die Erfahrung der bereichernden Einheit untereinander.

  • Gedenkfeier „75 Jahre Operation Gomorrha“ / Hauptkirche St. Michaelis, Hamburg / 22. 07. 2018

    Es gilt das gesprochene Wort


    Sehr geehrter Herr Bürgermeister Dr. Tschentscher,
    sehr geehrte Frau Vizepräsidentin Duden,
    sehr geehrte Damen und Herren Abgeordnete,
    sehr geehrte Vertreter des konsularischen Corps,
    sehr geehrte Bischöfin Fehrs,
    meine sehr verehrten Damen und Herren,


    75 Jahre ist die Operation Gomorrha nun vergangen. 75 Jahre ist es her, dass unsere Stadt Hamburg in Schutt und Asche lag. Wir haben gehört, wie tief sich diese Wunde in die Stadt und das kollektive Gedächtnis eingegraben hat. Mir stellt sich darum die Frage, wie gehen wir heute mit diesen Ereignissen um? Wie gehen wir mit unserem Gedenken um? Die meisten von uns heute Anwesenden – wie ich selber – haben den Krieg Gott sei Dank nicht selber erlebt, kennen die Ereignisse aus Büchern oder von Zeitzeugen, wie sie heute auch unter uns sind. Wie und warum erinnern wir und geben wir Erinnerung weiter? Erlauben Sie mir, Ihnen dazu heute einige Impulse aus der Bibel zu geben. Die Bibel ist – wenn man so will – ein großes ‚Erinnerungsbuch‘ der Geschichte Gottes mit den Menschen. Sie hat ein sehr vielfältiges, ja teils paradoxes Verständnis von Gedenken und Erinnerung. Drei Punkte möchte ich gerne benennen.

    Ein erster Punkt: Alleine im Alten Testament begegnet uns die Aufforderung zum Gedenken über 160 mal. Im Neuen Testament beim letzten Abendmahl fordert Jesus seine Jünger auf: „Tut dies zu meinem Gedächtnis!“ (Lk 22,19) Der Bibel ist eine sehr bewusste Erinnerungskultur wichtig: sowohl des Positiven, der Taten Gottes und dem Vertrauen und der Lebensbejahung der Menschen als Zuversicht für heute, als auch des Negativen, menschliches Versagen und Schuld als Negativbeispiel für heute. Das Gedenken, die Erinnerung wollen Orientierung geben für heute. Wir müssen die Vergangenheit erinnern, um Menschen mit Zukunft zu sein. Ja, wir erinnern die Opfer und Toten und bezeugen damit ihre unverlierbare Würde.

    So gedenken wir heute der Opfer der Zerstörung unserer Stadt. Gleichzeitig wissen wir, Deutschland ist an diesen Opfern nicht unschuldig. Es war die nationalsozialistische Ideologie, ja genauer gesagt, die Menschen in Deutschland, die ihr zuhauf gefolgt sind, die diesen furchtbaren Krieg ausgelöst haben. Das hat letztlich auch den Feuersturm über Hamburg hereinbrechen lassen. Wir wollen es nicht mit Friedrich Nietzsche halten, der sagte: „Selig sind die Vergesslichen, denn sie werden auch mit ihren Dummheiten fertig.“ Nein, wir wollen nicht vergessen, wollen nicht Schuld relativieren. Wir wollen, wie es das Mahnmal St. Nikolai als Gebäude tut, die Wunde offenhalten als Mahnung für heute: Gedenke Mensch, zu was du fähig bist.

    Ein zweiter Impuls: Neben dem starken Gebot zum Erinnern gibt es ein schönes Sprachbild Jesu, das zum Vergessen auffordern könnte: „Keiner, der die Hand an den Pflug gelegt hat und nochmals zurückblickt, taugt für das Reich Gottes.“ (Lk 9,62) Den Apostel Paulus prägt die gleiche Radikalität: „Ich vergesse, was hinter mir liegt, und strecke mich nach dem aus, was vor mir ist.“ (Phil 3,13) Wie passt das mit dem Gebot zum Gedenken zusammen? Ich glaube, diese Aufforderung, nach vorne zu schauen, meint nicht eine Geschichtsvergessenheit oder, noch schlimmer, Geschichtsklitterei. Im Gegenteil: Es mahnt die Lebensnotwendigkeit der Versöhnung an.

    Sehr eindrücklich begegnet mir diese Haltung bei Richard Howard, dem Domdekan von Coventry während des Zweiten Weltkrieges. Coventry wurde zweieinhalb Jahre vor Hamburg von deutschen Bombern zerstört. In einem wenig später aus den Ruinen seiner Kirche übertragenen Weihnachtsgottesdienst ruft Domdekan Howard, der allen Grund zu Hass und zur Klage hätte, zu Frieden und Versöhnung auf. Wir dürfen in Deutschland zutiefst dankbar sein, dass uns nach all dem, was unser Land über Europa, ja die Welt gebracht hat, nach dem Krieg die Hand zur Versöhnung ausgestreckt wurde. Symbolisch festgehalten in den zahlreichen Nagelkreuzen, die von Coventry in die Welt und eben auch nach Deutschland verschickt wurden. Eines befindet sich auch im Mahnmal St. Nikolai.

    Versöhnung ist kein billiges „Passt schon!“, sondern ein tiefes Vergeben und gemeinsam nach vorne schauen. Dankbar dürfen wir auch dafür sein, dass in aller Schuld und in allem Leid auch der Keim einer neuen Versöhnung der Konfessionen gelegt wurde. In diesem Jahr erinnern wir auch der Hinrichtung der Lübecker Märtyrer vor 75 Jahren hier in dieser Stadt. Drei katholische Priester und ein evangelischer Pastor haben im Nationalsozialismus ökumenische Verbundenheit im Dienst der Menschen gelebt und dafür mit ihrem Leben bezahlt.

    Sehr geehrte Damen und Herren,

    die Bibel kennt das Gebot zum Erinnern, die Bibel kennt den Blick nach vorne und sie kennt noch ein Drittes: Sie kennt Gott, der gedenkt. Psalm 8 besingt die Größe Gottes und die Würde des Menschen: „Was ist der Mensch, dass du seiner gedenkst, des Menschen Kind, dass du dich seiner annimmst?“ (Ps 8,5), fragt der Beter Gott. Gott gedenkt des Menschen. Er vergisst ihn nicht, auch nicht im Tod. Dieser Gedanke gibt uns eine tiefe Hoffnung, eine Hoffnung für all die Toten, derer wir gedenken und die wir schmerzlich vermissen. Eine Hoffnung in all der Verstrickung von Schuld und die Hoffnung, dass Versöhnung möglich ist – auch in den zahlreichen Kriegsgebieten der Gegenwart. Es ist die Hoffnung, dass das letzte Wort nicht Gomorrha, sondern Coventry ist.

  • Predigt beim Ökumenischen Gottesdienst anlässlich des Hansetages / Rostock / 24. 06. 2018

    Es gilt das gesprochene Wort!

    Liebe Schwestern und Brüder,
    wenn ich die Seligpreisungen hören, und ich höre sie oft, dann denke ich immer wieder: Ein starker Text! Aber für unsere heutige Wirklichkeit, hier in Deutschland? Wir leben hier im Frieden. Viele leben im Wohlstand. Als Christen werden wir nicht verfolgt … Mich beschleicht immer mehr das Bild von einer Insel der Glückseligen, auf der wir leben.

    Hinter den Grenzen sind Unfrieden, Verfolgung und Trauer Realität – wenn wir ehrlich sind, dann auch innerhalb der Grenzen, bei uns. Daneben gibt es viele Spannungen, die unsere Gesellschaft durchziehen: Wie gehen wir mit dem Anderen, mit dem Fremden um? Geben wir ihm hier Platz? Oder weisen wir ihn an den Grenzen ab? Viele Menschen haben ihre Ängste. In der Diskussion um den Brexit verschieben sich die Grenzen. Ja, sie verhärten sich. Offenbar sind wir alle doch weit davon entfernt, „grenzenlos glücklich zu sein.“ Die Realität scheint nur ein sehr begrenztes Glück bereit zu halten.

    In diesem Kontext höre ich unsere Seligpreisungen aus der Bergpredigt. Ja, in diesem Kontext höre ich überhaupt in das Evangelien hinein. Und mir wird deutlich: Das Evangelium ist kein Gesetz. Es ist auch kein Programm, erst recht keine Vorschrift oder einfache Organisationsanweisung. Nein, das Evangelium ist eine Person: Jesus. Damit ist das Evangelium ein Ruf, ein Anruf an jeden von uns. Das Leben des Christen verlangt, auf Jesu Ruf eine persönliche Antwort zu finden.

    Dieser Ruf hat in den Seligpreisungen seinen typischen Ausdruck. Aber Jesus hat uns in den Seligpreisungen nicht ein Rezept an die Hand gegeben, das man nun wortwörtlich zu befolgen hätte.
    Ich glaube, in den Seligpreisungen spricht Jesus zu allererst über sich selbst. Der Mensch, der hinter den Seligpreisungen steht, ist kein anderer als Jesus selbst. Dieser Jesus Christus kennt keine Grenzen. In ihm ist jeder Mensch als Gottes Geschöpf und Ebenbild Teil einer großen Menschheitsfamilie. Dieser Jesus Christus geht so weit, dass er Grenzen einreißt. Die Grenze zwischen Gott und Mensch ist nicht mehr unüberwindlich, sondern in seiner Menschwerdung kommen Gott und Mensch zusammen und gehen einen unauflöslichen Bund ein. Gott selbst wird Mensch und er kommt uns entgegen und ist uns nah. In ihm bricht das Reich Gottes an, das Land ohne jede Grenzen.

    Am Ende seines Lebens lässt er sich wiederum nicht begrenzen, sondern er haucht seinen Geist aus und erfüllt damit die ganze Welt und ist als der Auferstandene bleibend mit der Menschheit verbunden und eins. Paulus sagt sogar im Neuen Testament daraufhin: Er, Christus, hat das Trennende, die Wand, der Feindschaft niedergerissen.

    Liebe Schwestern und Brüder, Jesus lebt uns dieses grenzenlose Glück vor und er will, dass wir daran teilhaben. Das lässt sich nicht einfach machen und herstellen, sondern das können wir nur sein lassen. Lassen wir uns deshalb als Christen von neuem von dieser grenzenlosen Glückseligkeit Jesu Christi beschenken. Richten nicht wir von uns aus Grenzen ihm gegenüber auf, sondern bitten wir ihn herein in unser Leben. Dann werden wir grenzenlos glücklich sein. Dann können wir dieses grenzenlose Glück in unserem Alltag leben, über alle Grenzen hinweg: Über die Konfessionsgrenzen hinweg. Über Sprachgrenzen hinweg. Über Länder- und Währungsgrenzen hinweg. Über Altersgrenzen hinweg. Über Kulturgrenzen hinweg, ja sogar über Glaubensgrenzen hinweg. Amen.

  • Predigt zur Diözesanwallfahrt in Lübeck / Lübeck / 23. 06. 2018

    Es gilt das gesprochene Wort!

    „Ihr werdet meine Zeugen sein“

    Liebe Schwestern und Brüder,

    seit der Himmelfahrt Jesu steht über dem Leben von uns Christen die Überschrift: „Ihr werdet meine Zeuge sein!“ Es ist das Wort des auferstandenen Christus an seine Jünger vor seiner Himmelfahrt. Er kehrt zum Vater heim und gibt uns in diesem einen Satz Entscheidendes mit auf den Weg: „Ihr werdet meine Zeugen sein in Jerusalem und in ganz Judäa und Samarien und bis an die Grenzen der Erde.“

    In diesem Satz ist jedes Wort wichtig. Ich will kurz darauf eingehen:

    Wichtig ist zuallererst das Hauptwort: Zeuge

    Ein Zeuge wiederholt nicht etwas, das andere ihm vorsagen. Ein Zeuge ist auch nicht einfach ein Sachverständiger, der von einer Sache möglichst viel Ahnung hat durch Studium und Lektüre. Ein Zeuge ist auch nicht zu verwechseln mit einem Informanten, der eine Information weitergibt. Nein, der Zeuge hat etwas gesehen und gehört. Der Zeuge macht eine eigene Erfahrung und genau die gibt er weiter.

    So hat der Unfallzeuge den Unfall selber gesehen und bezeugt ihn. Der Zeitzeuge ist jemand, der in einer Zeit drinsteht und darüber bereitwillig Auskunft gibt. Der Glaubenszeuge ist einer, der seinen Glauben nicht nur kennt, sondern der ihn lebt, der etwas von Gott erfahren hat und genau das bezeugt.

    Schon die gemeinsame Synode der Diözesen Deutschlands, die sogenannte Würzburger Synode hat in den 70er Jahren schlicht und einfach gesagt: „Christsein heißt … Zeuge sein.“

    Das zweite bedeutsame Wort: Ihr
    Jesus Christus spricht hier nicht den einzelnen an: Du wirst, sondern er spricht in der Mehrzahl: „Ihr werdet Zeuge sein“. Dieses Wort passt auf die zwölf Apostel damals. Schon im Alten Testament galt die Auffassung, eine Sache müsse durch zwei oder drei Zeugen bestätigt werden (vgl. Dtn 19, 15 bzw. 2 Kor 13, 1). Es gilt also offenbar nicht nur: „Wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, bin ich mitten unter ihnen“, sondern auch: Nur zwei, drei, viele sind gemeinsam meine Zeugen. Von den ersten Christen hat man gesagt: „Seht, wie sie einander lieben“. Zeugenschaft ist nichts Individuelles, sondern etwas Gemeinsames, ist immer kirchlich.

    Wir verehren die Lübecker Märtyrer, genauer: die vier Märtyrer gemeinsam. Jeder von uns kennt dieses berühmte Wort über sie: „Sag niemals drei, sag immer vier“. Die vier geben gemeinsam Zeugnis – in ihrem Sterben, aber auch in ihrem Leben. Es ist offenbar so, dass man nicht allein Zeuge sein kann; man kann es immer nur gemeinsam. Johannes Prassek, Eduard Müller, Hermann Lange und Karl-Friedrich Stellbrink sind miteinander Christi Zeugen. Sinnbildlich kommt dies in der großen Märtyrerkerze zum Ausdruck mit ihren vier Dochten. Die vier Flammen verschmelzen zu einer großen.

    Schließlich ein drittes wichtiges Wort, das Verb: Ihr werdet sein.
    Darin steckt die Zusage: „Ihr werdet“, nicht: „Ihr sollt, ihr müsst…“, nein, „Ihr werdet“ es sein! Man ist offenbar nicht Zeuge allein durch das Tun oder das Re-den, sondern durch das Sein, durch unser Da-Sein und So-Sein. Ja, unser ganzes Sein, unser ganzen Leben, wir mit unserem ganzen Person-Sein sind seine Zeuge. Das heißt dann auch nicht nur in einer bestimmten Phase, in bestimmten Abschnitten unseres Lebens, sondern ganz und immer.

    Liebe Schwestern und Brüder,
    genau heute vor 75 Jahren sind die vier zum Tode verurteilt worden; am 10. November 1943, abends nach 18.00 Uhr sind sie dann im Dreiminutentakt in Hamburg unter der Guillotine getötet worden. Sie sind in ihrem Sterben Zeugen. Sie lassen sich, bevor sie auf das Schafott steigen, noch das Kreuz anreichen, ein Heiligenbild oder sie verabschieden sich mit der festen Zuversicht: Auf Wiedersehen im Himmel! Damit sind sie an dieser ganz wichtigen Stelle im Tod Zeugen für ihren Glauben an den Auferstandenen und die Auferstehung.

    Dieses Zeugnis leuchtet schon in ihrem Leben auf. Man kann es nicht auf den Moment des Todes einschränken, sondern es überstrahlt ihr ganzes irdisches Leben. Das, was mir in der Gedenkstätte unter unserer Propsteikirche hier in Lübeck in der neuen erweiterten Ausstellung auffällt, sind neben den Dingen, die man direkt mit den Geistlichen verbindet wie ein Messgewand, ein Kreuz, die Bibel und ähnliches, ganz alltägliche Dinge des Lebens. Da sehen wir eine Kamera. Da ist die Hängematte eines der Geistlichen zu sehen, ein Musikinstrument … Und manche Fotos, die man von ihnen betrachten kann, zeigen sie als aufgeschlossene lebensfrohe Menschen. Sie sind Zeugen des Lebens, Zeugen des Leben-schenkenden Gottes mitten in ihrem alltäglichen Tun.

    Und deswegen stehen sie aufseiten der Menschen. Sie bezeugen ihren Glauben mitten im Alltag zusammen und vor ihren Zeitgenossen. Zwei Gruppen möchte ich herausheben aus ihrem seelsorglichen Wirken. Das sind einerseits die Jugendlichen, denen sich die Geistlichen zuwenden auf Fahrten und in Gruppen-stunden, und andererseits die polnischen Zwangsarbeiter, denen sie seelsorglich zur Seite standen, indem sie ihnen die Beichte abnahmen oder sie auf die Hochzeit vorbereiteten, so dass nach dem Krieg eine ganze Menge von ihnen hier in Lübeck geheiratet haben.

    Liebe Schwestern und Brüder, „Ihr werdet meine Zeugen sein“. Die vier Lübecker Geistlichen sind das in ihrer Zeit vor 75 Jahren gewesen – im Leben und im Sterben. Heute sind wir gemeint und dran. Wir sind es hier und heute mit unserem ganzen Sein und in Gemeinschaft. Die Märtyrer wollen uns dabei helfen.

    Was macht mein Leben froh und reich? Was sind meine Hängematte, in der ich gelassen ausspanne? Mein Musikinstrument, mit dem ich meine Gefühle aus-drücke? Meine Kamera, mit der ich die Welt entdecke? Worin drückt sich meine Lebensfreude und Weltgewandtheit aus?

    Und wer sind die Menschen, für die ich mich besonders einsetze, denen ich Zeuge sein darf? Was für die Lübecker Geistlichen die Jugendlichen und die ausländischen Mitmenschen waren – wer ist das für mich? Sind es meine Nachbarn, die eigene Familie, Menschen am Rande unserer Gesellschaft, Menschen in Not, Menschen auf der Flucht, Menschen mit Einschränkungen?

    Liebe Schwestern und Brüder, ihr werdet meine Zeugen sein! Nur der Zeuge zeugt im Glauben. Nur der Zeuge über-zeugt! Amen.

  • Predigt zum Fronleichnamsfest / Hamburg / 31. 05. 2018

    Es gilt das gesprochene Wort!

    (Lesungen: Ex 24,3-8; Heb 9,11-15; Mt 14,12-16.22-26)

    Liebe Schwestern und Brüder,

    „Wo ist der Raum …?“ für die Feier des Paschamahles. Das Evangelium spricht von einem „gro-ßen Raum im Obergeschoss“. Wer einmal in Jerusalem war, dem wird tatsächlich ein großer Abendmahlssaal gezeigt.

    Dieser schon an sich große Raum ist im Laufe der Zeit immer größer geworden. Er wurde ausge-weitet. Was in diesem Raum gefeiert wurde, das Paschamahl, die erste Eucharistie wird ausge-weitet in alle Räume und Zeiten dieser Erde.

    Schwestern und Brüder, damit meine ich nicht einfach, dass man die Eucharistie an jedem Ort feiern kann, dass die Kirche ausgeweitet ist in alle Länder, dass wir die Messe feiern in der Natur, dass sie wie selbstverständlich mit Jugendlichen auf einer Ferienfahrt im Freien gefeiert werden kann, dass sie auf den Gipfeln der Berge bei den Bergmessen gehalten wird oder dass gefangene Priester, wie etwa unsere Lübecker Märtyrer, sie unter ganz einfachen Umständen im Gefängnis begangen haben. Wenn die Eucharistie alle Zeitenräume durchdringt und in alle Zeitenräume aus-geweitet wird, dann nicht nur rein äußerlich, sondern existenziell. Mir persönlich ist das aufge-gangen beim letzten Satz unseres Evangeliums. Ich zitiere ihn: „Nach dem Lobgesang gingen sie zum Ölberg hinaus.“ Aus dem Abendmahlssaal treten sie hinaus und – wenn Sie so wollen – ist das die erste Fronleichnamsprozession. Vielleicht können wir auch sagen, die erste Etappe einer groß angelegten Fronleichnamsprozession. Diese Etappe reicht vom Ölgarten bis Golgota. Wir wissen alle, dass in diesem Ölgarten Jesus mit seinem Vater ringt. Er versucht von ganzem Herzen in Got-tes Willen einzuwilligen. Wir wissen alle, dass dieser Ölgarten der Ort der schlafenden Jünger ist. Wir wissen, dass es der Ort des Verrates ist. Wir wissen, dass es Nacht ist. Diese erste Etappe einer weltweiten Fronleichnamsprozession führt in die existentiellen Nächte unserer Welt. Die Zusage Jesu aus dem Abendmahlssaal „mein Leib für euch“ und „mein Blut für euch“ wird ausgeweitet in alle Dimensionen des menschlichen Lebens bis in die letzte Tiefe hinein. Durch diese erste wichtige Etappe will Christus uns sagen: Ich bin bei euch. Keine Nacht kann so dunkel sein, dass ich nicht mittendrin wäre.

    Dann folgt eine zweite Etappe der umfassenden großen Fronleichnamsprozession. Die Prozession stoppt nicht auf Golgota, hört mit dem Tod Jesu und den Nächten nicht auf. Sondern nach der Nacht des Todes geht die Ostersonne auf und überstrahlt alles. Die zweite Etappe dieser großen Fronleichnamsprozession ist für mich der Weg des auferstandenen Christus mit den beiden Jün-gern nach Emmaus. Christus holt sie aus der Nacht heraus. Er lässt sie über die Finsternis ihres Le-bens erzählen. Er tastet sich sensibel an sie heran, findet Widerhall in ihren brennenden Herzen und gibt sich schließlich im Brotbrechen zu erkennen. Jede Fronleichnamsprozession ist ein Em-maus-Gang. Christus will uns aus den Nächten hinausführen in den hellen Tag, in das schöne und gute Leben in ihm.



    Liebe Schwester und Brüder, damit ist die Fronleichnamsprozession noch nicht zu Ende. Nach dem Brotbrechen, brechen die Jünger selber auf und gehen zu den anderen Jüngern. Mit dem Herrn im Herzen setzen sie diese große Prozession in einer dritten Etappe fort. Es ist der Aufbruch in den Alltag.

    Es ist ein großes Zeichen, wenn wir mit unserer Prozession über die Straßen von Hamburg ziehen. Über die Wege, wo wir ansonsten alltäglich unterwegs sind. Über die Straßen, wo wir mit unseren Autos, Fahrrädern und Bussen unterwegs sind. Wo wir einkaufen, wo wir zum Arzt gehen, wo wir unseren Alltag organisieren und gestalten. Wo wir einander begegnen, miteinander sprechen und uns austauschen. Da, wo das Leben spielt, ist diese dritte Etappe der Fronleichnamsprozession. Erinnern Sie sich immer wieder daran, wo wir heute unterwegs sind. Vielleicht kann Ihnen über das Jahr hin immer wieder einmal in den Sinn kommen: Hier sind wir doch mit unserer Prozession hergegangen. Und dann setzen Sie in Ihrem Alltag diese Prozession fort.

    Liebe Schwestern und Brüder, der Raum für die Prozession an Fronleichnam ist unser Leben, ist die ganze Welt, ist jede Zeit. Unsere Fronleichnamsprozession geht vom Abendmahlssaal in Jeru-salem aus durch jeden Zeitraum bis in die Ewigkeit. Sie ist nicht nur ein altes frommes Ritual, son-dern ein Bild für unser ganzes Leben. Amen.

  • Predigt am Pfingstsonntag 2018 zum ZDF-Fernsehgottesdienst / Kiel, Propsteikirche St. Nikolaus / 20. 05. 2018

    Liebe Schwestern und Brüder,

    manchmal lockt mich der Gedanke: Wäre ich doch damals dabei gewesen! Wäre ich doch damals bei Jesus und seinen Jüngern gewesen am See von Genezareth, in Kafarnaum, am besten gleich in Nazareth und natürlich in Jerusalem. Wäre ich doch dabei gewesen, als Jesus dort gelebt hat und das alles passiert ist, was uns die Evangelien überliefern – von seiner Geburt bis zu seinem Tod.

    Vielleicht beschleicht ja auch Sie der Gedanke, einfach einmal die Zeit zurückdrehen und sich hineinzuversetzen in die Situation von damals. Aber warum eigentlich? Auch ich möchte Jesus direkt begegnen und diesen Glauben und diese Begeisterung der Apostel haben, von denen die Lesungen uns heute berichten.

    Liebe Schwestern und Brüder, so faszinierend und verlockend der Gedanke auch ist, Gott geht einen anderen Weg. Gott will uns nicht dazu veranlassen, die Zeit zurückzudrehen und uns in die Vergangenheit hineinzuversetzen. Nein, Gott geht den Weg in die Gegenwart, in jede Gegenwart.

    Wenn wir heute Pfingsten feiern, dann denken wir nicht nur an ein Ereignis von vor zweitausend Jahren damals in Jerusalem zurück. Wenn wir heute Pfingsten feiern, wenn wir hier Pfingsten feiern, dann aus der Gewissheit, dass Gott seinen Heiligen Geist immer wieder sendet wie den Jüngern an Pfingsten auch uns hier und heute.

    Wenn Gott uns seinen Heiligen Geist immer wieder sendet, dann geht es uns nicht anders und erst recht nicht schlechter als den Aposteln vor zweitausend Jahren. Wenn Gott seinen heiligen Geist sendet, dann kann jeder Mensch eine direkte, eine unmittelbare Beziehung zu Gott haben. Dann ist er uns heute genauso nah wie den Gläubigen von damals.

    Pfingsten, die Ausgießung des Heiligen Geistes, das ist nicht einfach die Vermittlung von Gaben, von Kraft, von Stärke, von Mut, von Gottesfurcht, von Weisheit und wie wir die Gaben des Heiligen Geistes nennen. Wir bestellen an Pfingsten nichts bei Gott und lassen uns auch heute nicht von ihm beliefern. Gott kommt vielmehr von sich aus auf uns zu. Er kommt auch nicht mit etwas, sondern er bringt sich selber. Der Heilige Geist ist nicht irgendeine Gabe, sondern der Heilige Geist ist Gott selber. Der Heilige Geist ist Gott in uns.

    Liebe Schwestern und Brüder, Papst Franziskus hat kürzlich in einem Interview gesagt: „Gott ist jung. Er ist immer neu“. Gott kommt nicht in die Jahre, wird nicht verstaubt oder abgestanden. Er ist jung, er ist lebendig, weil er stets Gegenwart ist, stets präsent, immer im Jetzt. „Er ist immer eine Überraschung“ . Er liebt das Neue. Er kann träumen, er ist leidenschaftlich und beziehungsreich .

    Papst Franziskus stellt in dem Interview einen wichtigen Zusammenhang her. Zunächst sagt er: „Gott ist jung“. Dann etwas später: „Die Kirche ist jung“. In der Tat gehört das zusammen: Der junge, jugendliche, frische, lebendige Gott und die ebenso junge, lebendige Kirche, ja der lebendige Mensch schlechthin.

    Auch in unserem Leben gibt es immer wieder das Neue. Jeder einzelne Augenblick in unserem Leben ist einmalig. Jetzt ist der nächste Augenblick noch gar nicht da. Und gleich ist der letzte Moment schon wieder vorbei. Recht betrachtet besteht unser Leben aus lauter kleinen, immer neuen Augenblicken. Jeder einzelne Augenblick ist für uns eine Chance: Wir können den einzelnen Augenblick für etwas Großes öffnen oder verschließen. Wir haben das in der Hand. Als Christen können wir in jedem neuen Augenblick unseres Lebens die Neuheit und Frische Gottes hereinlassen oder eben nicht.

    Liebe Schwestern und Brüder, in einigen Wochen werden wir hier im Erzbistum Hamburg eine große Diözesanwallfahrt nach Lübeck begehen. In Lübeck verehren wir vier Geistliche als Märtyrer. Es sind drei katholische Kapläne und ein evangelischer Pastor. Sie haben sich in den Wirren des Dritten Reiches zusammengetan und bei aller Trennung der Konfessionen vieles gemeinsam gemacht. Ihr Interesse galt der Jugend. Sie haben sich um die ausländischen Zwangsarbeiter gekümmert, obwohl das strengstens verboten war. Sie haben Unrecht beim Namen genannt und sich für die Würde des Menschen eingesetzt. Schließlich wurden sie verhaftet und in einem Schauprozess auf das persönliche Einlenken Adolf Hitlers hin zum Tode verurteilt. Am 10. November 1943 sind diese Lübecker Geistlichen in Hamburg im Gefängnis unter der Guillotine kurz nach 18.00 Uhr binnen weniger Minuten ums Leben gekommen. Die Quellen berichten, dass das Blut dieser vier Märtyrer ineinanderfloss.

    Unser jetziger Papst Franziskus hat vor vielen Jahren als Jesuitenpater Hamburg besucht und hier einige Kinder getauft und dabei das Zeugnis dieser Märtyrer aus dem Norden kennengelernt. Seitdem geht ihm das nicht aus dem Sinn und immer, wenn ich mit ihm zusammen komme, erinnert er an dieses großartige Zeugnis des Blutes und der Ökumene der Märtyrer.

    Schwestern und Brüder, diese Vier haben es vorbildlich gelebt, in viele neue Augenblicke ihres Lebens immer wieder Gottes Geist hereinzulassen. Aus diesem Geist heraus haben sie mutig gesprochen. Aus diesem Geist heraus haben sie entschieden gehandelt. Aus diesem Geist heraus haben sie Gottesdienst gefeiert und gebetet. Aus diesem Geist heraus haben sie gedacht und sich nicht kleinkriegen lassen. Und aus diesem Gottesgeist heraus ist auch der letzte Augenblick ihres Lebens, der Tod, in Leben verwandelt worden.

    Liebe Mitchristen, wahrscheinlich kennen auch sie solche überzeugenden Gestalten unseres Glaubens. Pfingsten lädt uns dazu ein, es ihnen gleich zu tun. Eben nicht in die Vergangenheit und genauso wenig in die Zukunft auszuweichen, sondern in der Gegenwart zu leben. Christen sind Protagonisten der Gegenwart, weil Gottes Geist in dieser Zeit wirkt. Amen.

  • Predigt zur Priesterweihe von Florian Edenhofer und Henric Kahl / Hamburg, St. Marien-Dom / 19. 05. 2018

    Es gilt das gesprochene Wort!

    (Schrifttexte: Apg 20,17-18a. 28-32; 36, Röm 12,4-8; Joh 17,6a. 11b-19)

    Liebe Schwestern und Brüder,
    lieber Florian, lieber Henric!

    Die Erwartungen an Priester in der heutigen Zeit sind groß und sie sind vielfältig. Man erwartet einen Priester, der gut predigen kann. Andere wünschen sich einen, der eine ansprechende Liturgie feiern kann, der über die Fähigkeit verfügt, gut zu singen. Wieder andere führen die Jugend ins Feld. Die Priester müssen sich um die jungen Leute kümmern und einen Draht zu ihnen haben. Andere wollen die Alten und Kranken nicht vernachlässigt wissen. Auch hier muss der Seelsorger zur Stelle sein und den Nerv treffen können. Wieder andere wünschen sich einen guten Wegbegleiter, der ihnen gerade in Krisenzeiten oder vor großen Entscheidungen zur Seite steht. Schließlich sollte der Priester auch leiten können, eine Gemeinde zusammenführen können, ihr eine Richtung geben können und und und … v0n Hausmeistertätigkeiten und Entertainerqualitäten ganz zu schweigen.

    Am meisten höre ich aber, dass Priester Menschen sein sollen, die selber mit beiden Beinen im Leben stehen, also Lebenserfahrung haben und viele Kontakte zu anderen Menschen. Sie sollen wissen, was im Leben vor sich geht. Der Priester soll jemand sein, wie Papst Franziskus kürzlich gesagt hat, der Sinn für die Wirklichkeit hat . Der Priester soll nicht weltfern oder weltfremd sein, auch nicht irgendwie über dem Boden der Tatsachen schweben, sich abschotten und zurückziehen. Er soll nah am Puls der Zeit sein und nah an den Menschen, eben mitten in der Wirklichkeit.

    Liebe Weihekandidaten, eure Lebenswege haben euch über manche Umwege heute hier her geführt. Vielleicht waren es gar keine Umwege, sondern Wege, derer sich Gott bedient, um euch anzusprechen, denn „Gott umarmt uns mit der Wirklichkeit“. Gott umarmt euch mit der Wirklichkeit eures Lebens, mit den einzelnen Etappen, die es dort gibt. Dadurch hat er euch eine Richtung gegeben, hat er euch angesprochen und hierher geführt.

    Eure Studienerfahrungen aber vielleicht noch mehr die Erfahrungen in der Alten- und Krankenpflege, beim Militär und in der Hochschulpastoral – all das sind ganz wichtige Berührungspunkte mit der Wirklichkeit des menschlichen Lebens. Ich hoffe und wünsche, dass ihr Priester mitten in der Wirklichkeit bleibt. Eure Weihe heute ist ja nicht das Ziel eures Weges, sondern eine wichtige Etappe, die euch weiter in die Wirklichkeit führt. Ihr werdet viele schöne Momente mit den Menschen erleben, aber etwa auch in der Beichte viele Grenzen aushalten müssen.

    Dabei geht es mir nicht nur darum, die Wirklichkeit zu kennen, sondern diese Wirklichkeit auch anzunehmen, ja geradezu zu umarmen und zu lieben. Es geht nämlich nicht nur um die Kenntnis von Fakten, sondern um die Annahme des menschlichen Lebens in dieser Wirklichkeit.

    Viele von Ihnen kennen die bemerkenswerte Begegnung des heiligen Franz mit dem Aussätzigen. Der junge Francesco ist diesem Aussätzigen vor den Toren seiner Heimatstadt Assisi begegnet – und ihm bewusst ausgewichen. Er hatte Angst vor dem Kontakt, er hat einen Bogen darum gemacht. Es brauchte Zeit, bis sich sein Leben so gewandelt hatte, dass er auf diesen Aussätzigen zugehen, ihn umarmen und sogar küssen konnte.

    Liebe Schwestern und Brüder, in diese Richtung sollte es bei uns Christen und auch bei uns Priestern gehen: Die Wirklichkeit anzunehmen und sie zu umarmen und so zu lieben, wie der Heilige Franziskus.
    Deswegen betet Jesus in unserem heutigen Evangelium: „Ich bitte nicht, dass du sie aus der Welt nimmst“ (Joh 17, 15). Im Gegenteil, Jesus will uns tiefer in die Welt hereinführen und das heißt, tiefer in die Begegnung mit der Welt und den Menschen. Damit führen wir seinen Weg fort. Denn Jesus Christus ist in diese Welt gekommen, um ihr Schicksal zu teilen. Er hat diese Welt angenommen und ist nicht zum Scheinmensch geworden, sondern wirklich und ganz. Erlösung geschieht – wie ein Theologe unserer Tage einmal sagte – nicht durch Simulation, nicht durch Schein, sondern durch Assimilation, also durch Annahme und Übernahme. Letztlich ist das Kreuz, über das in diesen Tagen in unserem Land diskutiert wird, das Zeichen der Annahme dieser Wirklichkeit in seiner ganzen Tiefe und Härte. Der Gekreuzigte ist jemand, der sich in diese Wirklichkeit voll und ganz assimiliert. In diesem Sinne haben die frühen Kirchenväter den Satz geprägt: Was nicht angenommen wird, kann auch nicht erlöst werden. Erst die Annahme ermöglicht Heilung.
    Liebe Weihekandidaten, gleich werdet ihr aus meiner Hand den Kelch und die Hostienschale erhalten. Als Priester werdet ihr fortan immer wieder, ja täglich die heilige Messe feiern. In jeder Eucharistie feiern wir, dass Christus die Wirklichkeit unseres Lebens voll und ganz angenommen und geteilt hat. Brot und Wein im Kelch sind Ausdruck des menschlichen Lebens, das Christus selber angenommen hat. Brot und Wein werden wirklich zur Gegenwart Christi in der Liturgie und in dieser Welt. Wir sprechen von der Realpräsenz. Zur Annahme der Wirklichkeit gehört also nicht nur, die Spuren Gottes in unserem Leben zu erkennen und das menschliche Leben wirklich anzunehmen. Es gehört noch ein Zweites dazu: Fest daran zu glauben und sich sicher zu sein, dass Christus diese Wirklichkeit längst angenommen hat und uns immer wieder mit seiner göttlichen Kraft in ganz schlichten Zeichen begegnet. Wenn wir das immer wieder feiern und glauben, dann brauchen wir vor der Wirklichkeit nicht zu fliehen. Wir brauchen keine Angst zu haben, sondern dann dürfen wir ihr trauen.

    Lieber Florian, lieber Henric, dieses Vertrauen wird euch mal besser mal schlechter gelingen. Ihr werdet in eurem Dienst auch immer wieder an eure Grenzen stoßen und euch vielleicht fragen, „Reicht das? Bin ich der richtige dafür?“ Da ist gut zu wissen, dass Christus die Wirklichkeit nicht nur irgendwie allgemein angenommen hat oder nur die anderen annimmt. Nein, jeden von uns nimmt Christus an und wir dürfen uns darum erst recht auch selber annehmen.

  • Predigt zur Priesterweihe von Frater Christoph Tobias Brandt und Frater Augustinus Johannes Hildebrandt / St. Sophien / Hamburg / 28. 04. 2018

    Es gilt das gesprochene Wort!

    (Schrifttexte: 1 Kor 1,18-25; Mk 1,14-20)

    Liebe Schwestern und Brüder!

    Wenn ich in Ihre Lebensläufe hereinschaue, liebe Weihekandidaten, dann fällt mir auf, dass Sie beide im Laufe Ihres Lebens immer wieder einmal den Ort verlagert haben. Beide stammen Sie im Grunde genommen aus dem heutigen Erzbistum Hamburg. Frater Christoph ist in Mölln in der Nähe von Neubrandenburg aufgewachsen und Frater Augustinus stammt direkt hier aus Hamburg. Stu-dien- und Berufsorte sind für Sie entscheidend: Göttingen, Münster und Erfurt, aber auch andere Klöster wie Meschede oder Münsterschwarzach. Schließlich Ihre zum Teil gemeinsame Geschichte im Orden der Dominikaner verbunden mit Orten wie Worms und Mainz, aber auch Vechta und Freiburg.

    Alle diese Orte sind nicht unbedeutend. Sie sind nicht zufällige Aneinanderreihungen verschiede-ner Lokalitäten, gleichsam Stationen von Weltenbummlern.

    Es ist schon beeindruckend, dass die erste Frage in der Heiligen Schrift im Buch Genesis sich an Adam und damit an jeden Menschen richtet: „Wo bist du?“ (Gen 3,9) Mit allen Orten verbinden wir die Geschichte unseres Lebens. Und als Christen die Geschichte unseres Glaubens und unsere per-sönliche Heilsgeschichte. Meine persönliche Heilsgeschichte verbirgt sich in meiner Lebensge-schichte. Sie ist gleichsam ungetrennt und unvermischt darin präsent. Oder um es theologischer auszudrücken: Die Lebensgeschichte ist ein Transzendental der Heilsgeschichte.

    Schwestern und Brüder, viele von uns haben noch vor Augen, dass Papst Johannes Paul II. bei sei-nen vielfältigen Reisen als erstes bei einem Auslandsbesuch auf den Boden niederfiel und ihn küss-te. Für ihn war klar, dieser Boden ist heiliger Boden. In diese Erde hat Gott seine Geschichte einge-schrieben. In diesem Land geschieht Heilsgeschichte, auch wenn es auf dem ersten Blick gar nicht danach aussieht.

    Jeder Ort, jede Niederlassung, in die Sie zukünftig gesandt werden, ist zu allererst Gnadenort, ist zu allererst Heilsort. Da hat Gott schon längst seine Fußspuren hineingesetzt und wahrscheinlich be-steht unser Auftrag nur darin, diese Spuren, in die – wie Franziskus von Osuna es einmal gesagt hat – im Laufe der Zeit viel Schnee hineingefallen ist, wieder neu auszuprägen

    Liebe Mitbrüder, gleich werden Sie vor der Priesterweihe auch auf dem Boden liegen. Verlieren Sie bitte nie die Bodenhaftung, denn Sie werden Priester Jesu Christi, der auf dieser Erde seine Spuren hinterlassen hat.

    Vielleicht wird es manchmal schwierige Situationen in Ihrem priesterlichen Dienst geben, wo Sie merken, dass sie herunterkommen, dass Sie gedrückt sind, dass Sie sich wie am Boden liegend vor-kommen, oder dass Sie soweit herunterkommen, wie Christus bei der Fußwaschung seiner Jünger. Erinnern Sie sich dann immer an Ihre heutige Weihe und an dieses auf dem Boden liegen, der nie nur der Kalte und Steinige ist, sondern immer auch der, in den das Weizenkorn hineingeworfen wird, damit es aufgeht und blüht.

    Die Priesterweihe, die Sie heute empfangen, ist gleichsam eine Standortverlagerung. Ihr Standort, Ihr Dienstort ist gar nicht mal zu allererst eine konkrete Straße oder eine konkrete Postleitzahl. Ihr Dienstort ist zu allererst eine Person. Der Meister, der die Jünger am See von Galiläa ruft, wie wir eben im Evangelium gehört haben. Er ruft sie nicht in ein Lehr- oder Bethaus, wie das bei den da-maligen Rabbinern die Regel war. Dort ging man für eine gewisse Zeit hin und dann ging man seine eigenen Wege. Christus ruft sie zu allererst in seine persönliche Nähe. Die Frage der Jünger „Wo wohnst du?“ wird beantwortet durch „Kommt und seht“. Mindestens zwei ausdeutende Riten der Priesterweihe bringen das auf sehr sensible Art und Weise zum Ausdruck. Zum einen werden Sie beim Gehorsamsversprechen Ihre Hände in meine legen. Ich nehme Ihr Versprechen entgegen als Vertreter der Kirche. Ihr Standort ist diese Kirche. Und noch einmal mehr und tiefer der Christus dieser Kirche. Deswegen tragen wir bei der Messfeier ein Messgewand. Lateinisch einfach Casula. Die Casel oder die Casula ist keine große Casa, sondern eine kleine Casula, gleichsam ein kleines Häuschen. Wir ziehen es über den Kopf und sind dann vollständig darin eingehüllt. Das ist Ihr Haus, das ist Ihre Bleibe. Genauer gesagt, Christus ist Ihre Bleibe. Da sind Sie zu Hause, er ist Ihr Standort.

    Und wenn dem so ist, dass Christus unser Standort ist, dann möchte ich schließen mit diesem schönen Bild der Johannesminne, das mir vor kurzen noch einmal beim Begräbnis von Kardinal Lehman in Mainz deutlich geworden ist. Es ist sein Totenbild, aber auch ein Bild, das ihn Zeit seines Lebens begleitet hat. Der Jünger Johannes ruht an der Seite des Meisters. Er hört auf seine Herztöne. Er legt seinen Kopf in Jesu Schoß. Er nimmt gleichsam das Innere Jesu auf und schaut mit Jesu Blick nach vorne und wird dadurch der Lieblingsjünger schlechthin. Nicht nur der Lieblingsjünger des Meisters, sondern der Jünger, dessen Programm die Liebe ist. Und genau dieser Johannes be-kommt vom Kreuz her Maria als Mutter anvertraut. Hier entsteht eine neue Beziehung. Unser Standort ist im eigentlichen Sinn kein Ort, sondern Beziehung. Die Beziehung zu Christus und die Beziehung in Kirche und Welt. Genau diese Beziehungen geben unserem Dienst als Priester ihre entscheidende Tiefe. Sie erfüllen uns. Und sie sind die Mission, mit der wir unterwegs sind. Amen

  • Osternacht 2018 / Hamburg/ St. Marien-Dom / 01. 04. 2018

    Es gilt das gesprochene Wort.


    Liebe Schwestern und Brüder,

    „Dieser Winter hat die wenigsten Sonnenstunden seit langem.“, konnte man das ein oder andere Mal in den vergangenen Monaten in Hamburg hören. Doch dann kam plötzlich der Umschwung: Vielleicht erinnern Sie sich noch an die kalten Tage Ende Februar dieses Jahres. Es war so kalt wie lange nicht mehr. Aber viele waren froh, denn es war auch so hell und strahlend war wie lange nicht mehr. Nach den lagen Wintertagen, die nicht enden wollten, wurde es zwar bitterkalt aber endlich auch wieder hell. Der Frühling konnte nicht mehr weit sein.

    Der Gegensatz von dunkel und hell prägt auch unseren Ostermorgen: Die dunkle Nacht und das hell brennende Osterfeuer; die dunkle Kirche und das eine Licht der Osterkerze; der dunkle Raum und dann die vielen kleinen Lichter in unseren Händen. Licht und Schatten – Finsternis und Erleuchtung – hell und dunkel. Beide Seiten gehören zusammen – im Leben wie im Glauben. Wer Licht will, muss die Finsternis zulassen. Erst der Kontrast macht vieles deutlich.

    Deswegen hat die erste Lesung aus dem Buch Genesis wieder jenen Schöpfungshymnus angestimmt über die Erschaffung von Himmel und Erde. Der erste Schöpfungswerk besteht in der Scheidung zwischen Finsternis und Licht: „Finsternis lag über der Urflut … Gott sprach: Es werde Licht. Und es wurde Licht. Gott sah, dass das Licht gut war. Und Gott schied das Licht von der Finsternis. Und Gott nannte das Licht Tag und die Finsternis nannte er Nacht.“ (Gen 1,2-5) Jeden Tag erleben wir dieses Schöpfungswerk, wenn die Sonne aufgeht und wenn sie untergeht.

    Es erinnert auch an die vielen Finsternisse und Lichtmomente in unserem Leben und damit auch an die Finsternis, die durch die Nacht des Todes Jesu in die Welt hereingebrochen ist. Vom Tod Jesu heißt es in der Passion ausdrücklich: Von der sechsten bis zur neunten Stunde herrschte eine Finsternis (vgl. Lk 23,44 f). Wenn der Tod das Leben derart finster macht, dann ist Ostern, ist Auf-erstehung, genau das Gegenbild von Finsternis. Deswegen begegnet der Auferstandene vielen am Morgen in der Dämmerung. Dann, wenn das Licht aufgeht. Ja, er selber ist dieses Licht: „Ich bin das Licht der Welt. Wer mir nachfolgt, wird nicht in der Finsternis umhergehen, sondern wird das Licht des Lebens haben.“ (Joh 8,12) Ostern durchbricht den Wechsel von Licht und Finsternis. Die Auferstehung Jesu verbürgt die Ewigkeit des göttlichen Lichts, das dem Menschen leuchtet.

    Liebe Schwestern und Brüder,

    unsere Vorfahren haben in unseren Kirchen Fenster eingebaut. Das Material Glas ist lichtdurchlässig und lässt die Strahlen erleben. Das Licht ist wohl eine der ursprünglichsten Formen der Erfahrung Gottes. Viele von Ihnen kennen das Richterfenster aus dem Kölner Dom. Der Künstler Gerhard Richter hat ein Fenster aus lauter kleinen Rechtecken in unterschiedlichsten Farben geschaffen. Es ist eine einzige Symphonie des Lichtes. Und wenn durch dieses Fenster das Licht erstrahlt, dann können wir selber in diesem Licht stehen. Dann erfahren wir etwas von dem, was der heilige Johannes beschreibt: „Gott ist Licht. Und Finsternis ist nicht in ihm.“ (1 Joh 1,5)

    Gott will uns nicht ‚hinters Licht führen‘, wie es sprichwörtlich heißt, sondern das Gegenteil: Er will uns selber ins Licht stellen. Das mag uns zunächst blenden, vielleicht sogar schmerzen und man muss sich daran gewöhnen. Aber wer einmal in dieses Licht gestellt ist, kann hoffentlich nur schwer davon lassen – ähnlich wie der warme und helle Sonnenschein nach dem dunkelgrauen Winter.
    Durch die Kirchenfenster können wir das Licht erfahren als etwas, was wir nicht machen können, sondern das wir stets nur einlassen und strahlen lassen können. Wenn wir uns selber einfach in diesen Lichtglanz stellen, in die Strahlen, die durch ein Kirchenfenster hereinkommen, in die Sonnenstrahlen an kalten Wintertagen oder an schönen Sommertagen, dann können wir vielleicht etwas erspüren von dem, was Paulus den Ephesern sagt: „Einst ward ihr Finsternis, jetzt seid ihr durch den Herrn Licht geworden.“ (Eph 5,8) Gott selber stellt uns ins rechte Licht. Wir selber dürfen in seinem Licht licht, das heißt durchlässig und offen werden und Christus durch uns strahlen lassen. Ja noch mehr: Wir können aufrichtig sein und uns mühen, die Dinge bei Lichte, ja in seinem Lichte zu betrachten, nicht auf Hate Speech zu setzen oder auf Fake News hereinzufallen.

    Liebe Schwestern und Brüder,

    bei der Feier der Taufe empfangen die Täuflinge nicht nur das weiße Kleid und die Salbung mit dem Chrisamöl, sondern auch eine Taufkerze. Viel wichtiger als die Kerze selber ist das Licht dieser Kerze. Es wird an der Osterkerze entzündet und ihm überreicht: „Empfange das Licht Christi.“ Der Täufling selber wird zum Lichtträger. Der Täufling selber ist die Kerze, die durch Christus hell brennt. Christus ist das innere Feuer, das in uns niemals erlöschen kann. In dieses Feuer, in dieses Licht dürfen wir uns an Ostern wieder neu stellen. Und dieses Feuer reichen wir einander weiter, der eine dem anderen. So sind wir Brüder und Schwestern eines Gottes, der Licht ist und will, dass wir statt Finsternis selber Licht sind und bleiben.


  • Predigt zum Gründonnerstag / Hamburg/ St. Marien-Dom / 29. 03. 2018

    Es gilt das gesprochene Wort.

    Lesungstexte: Ex 12,1-8.11-14; 1Kor 11,23-26; Joh 13,1-15.

    Liebe Schwestern und Brüder,

    „Meine Füße, meine Füße!“ Ein Priester berichtet von der Taufvorbereitung eines afghanischen Flüchtlings, der gerne Christ werden möchte. Für Erwachsene, die sich auf die Taufe vorbereiten, gibt es einen längeren Weg, der auch verschiedene Stärkungsriten umfassen kann. Einer dieser Riten ist die Salbung mit Katechumenenöl: Der Priester spricht die Worte „Es stärke dich die Kraft Christi, des Erlösers, der lebt und herrscht in alle Ewigkeit.“ Dann salbt er dem Taufbewerber die beiden Hände. Aber dem jungen Mann aus Afghanistan ist das nicht genug: „Meine Füße, meine Füße!“, bittet er den Priester. Seine Füße haben den Mann aus dem kriegsgebeutelten Land über die Gebirge in die Freiheit und Sicherheit gerettet. Auch sie sollen gesalbt werden.

    Der Wunsch des Täuflings macht deutlich: Der Leib ist nicht nur für unser Leben zentral, er ist es auch für unseren Glauben. Das Christentum ist eine leibhaftige Religion. Sie flieht nicht vor dem Leib, so begrenzt er oft auch ist. Sie verachtet den Leib nicht. Das Christentum versucht aber auch den Leib nicht zu vergötzen und überzubewerten. Gott hat den Menschen als Einheit von Leib und Seele geschaffen. Wir haben nicht nur einen Körper, wir sind unser Leib.

    Der Leib wird sogar Ort unserer Erlösung. Jesus, der Sohn Gottes, tritt aus Gottes unendlicher Liebe und Herrlichkeit heraus und nimmt einen menschlichen Leib an. „Caro salutis est cardo – Das Fleisch ist der Angelpunkt des Heils“ , hat es das frühe Christentum auf den Punkt gebracht. Gott wird Mensch und das heißt: Gott wird leibhaftig. Er wird berührbar. Er wird greifbar. Er lässt sich ein auf die Spanne eines leibhaftigen Lebens von der Geburt bis zum Tod. Ganz konkret können wir diesen Leib fest machen an dem Datum der Geburt, an Weihnachten im Kind in der Krippe, bis hin zum Tod am Karfreitag am Kreuz.

    In diesem Leib spricht Gott sich selber aus, lebt in Beziehung zu den Menschen. Alles Göttliche wird übersetzt auf die Ebene eines leibhaftigen Lebens. Der Leib Jesu Christi ist der Ort, an dem Gott uns begegnen möchte. Der Leib Jesu Christi und damit der Leib Gottes ist die Verbindung zu uns. Gott kommuniziert mit uns nicht von Geist zu Geist, sondern leibhaftig. Jesus fügt seiner Botschaft immer wieder leibhaftige Zeichen hinzu. Vor allen Dingen wenn er den Leib des Menschen berührt und heilt. Es sind die Kranken, es sind die Leidenden, es sind die Kleinen, an den Rand gedrängten, es sind die Ausgestoßenen, es sind die Sünder und Zöllner, um deren Leben er keinen Bogen macht, sondern das er konkret annimmt und berührt. Ja, auch uns lädt er ein, unsere Leiblichkeit anzunehmen – eine nicht immer leichte Aufgabe.

    Liebe Schwestern und Brüder,

    der heutige Gründonnerstag steht auch im Zeichen der Füße, der Leiblichkeit. Christus berührt, wäscht, reinigt, die Füße seiner Jünger. So wie wir es gleich zeichenhaft auch tun werden. Und noch eines passiert am Gründonnerstag: Der Leib gewinnt am letzten Abend Jesu eine ganz besondere Bedeutung. Jesus feiert mit seinen Jüngern das Passahmahl. Er greift dabei alte Riten auf, wie den Becherritus und den Brotritus. Aber er gibt ihnen einen neuen Sinn. Zwei entscheidende Elemente fügt er ein, beim Brot die Zusage: „Das ist mein Leib.“ und beim Becherritus: „Das ist mein Blut.“ Er sagt nicht „Das bedeutet…“ oder „Das ist wie…“. Nein, er sagt: „Das ist…“

    Daraus entwickelt sich die zentrale Feier unseres Glaubens, die Eucharistie. Sie ist sozusagen das Sakrament der Sakramente schlechthin. Deswegen feiern wir sie jeden Tag. In dem Brot und in dem Wein wird Christus leibhaftig greifbar und berührbar über die Zeiten hinweg. Christus will nicht rein ideell, metaphorisch, auf einer abstrakten Ebene unter uns bleiben, sondern er ist leibhaftig, konkret, gegenwärtig durch die Zeiten hindurch bei uns. In der Eucharistie durchdringt sein Leib sich mit unserem Leib. Es kommt zur Verbindung und Einheit, zu Heilung und Annahme. Die Philosophin und Mystikerin Edith Stein drückt das in einem Gedicht aus:

    „Dein Leib durchdringt geheimnisvoll den meinen,
    Und Deine Seele eint sich mit der meinen:
    Ich bin nicht mehr, was einst ich war.“

    (Aus: Stein, Edith: „Ich bleibe bei Euch…“ In: ESGA)

    Und schließlich, liebe Schwestern und Brüder, ein Gedanke gewissermaßen nach vorne: In unserem Glaubensbekenntnis bekennen wir die Auferstehung der Toten. Damit ist im strengen Sinn die Auferstehung des Fleisches gemeint, die Auferstehung des Leibes. Leib meint hier mehr als Körper. Leib meint den ganzen Menschen in seiner Konkretheit, seiner Individualität und seinen Beziehungen. Wir schauen in der Eucharistie heute schon ein wenig nach vorne und wir freuen uns darauf, selber von Angesicht zu Angesicht dem auferstandenen Christus leibhaftig begegnen zu dürfen. Noch einmal Edith Stein:

    „Du kommst und gehst, doch bleibt zurück die Saat,
    Die Du gesät zu künft’ger Herrlichkeit,
    Verborgen in dem Leib von Staub.“

    Die ersten Jüngerinnen und Jünger mussten sich da langsam herantasten. Der positive Blick auf die Leiblichkeit und die Auferstehung des Fleisches waren damals keine allgemein anerkannte Vorstellung – im Gegenteil. Vielleicht müssen auch wir das wieder neu lernen und vielleicht bietet sich uns diese Chance in diesem Jahr. Versuchen wir über den Leib, Christus an diesen Kar- und Ostertagen ein wenig näher zu kommen: Christus, der unser Menschsein angenommen hat; dem Leib Christi, den wir in der Eucharistie empfangen und schließlich unseren eigenen Leib, der zur Auferstehung der Toten gerufen ist. Gerade deshalb ist es manchmal hilfreich, wenn uns Menschen wie der junge Afghane ganz unverkrampft darauf hinweisen. Amen.

  • Predigt von Erzbischof Stefan zur Missa Chrismatis / Hamburg/ St. Marien-Dom / 26. 03. 2018

    Es gilt das gesprochene Wort


    Liebe Schwestern und Brüder,
    liebe Mitbrüder im Priester- und im Diakonenamt,

    das Erkennungszeichen von uns Christen ist das Kreuz, eines unserer ursprünglichsten ‚Logos‘. Deswegen tragen viele von uns ein Kreuz an einer Kette. Deswegen haben viele Diakone und Priester am Revers ein Kreuz angesteckt. In unseren Wohnungen hängen die Kreuze, in unserer Liturgie verwenden wir sie. In der Kunst gibt es großartige Kreuzesmeisterwerke: In der evangelischen Nikolaikirche in Kiel ist ein riesiges Kreuz und ein ähnliches großartiges Triumphkreuz im Schweriner Dom. Es gibt das Barlachkreuz in unserer Lübecker Propstei und das Kreuzfenster in der Edith-Stein-Kirche in Hamburg-Neuallermöhe. Vielleicht haben Sie jetzt alle ein oder Ihr Kreuz vor Augen, von dem Sie sagen: „Das begleitet mich mein Leben lang. Das sagt mir etwas.“ Vielleicht braucht man ein Kreuz, mit dem man auf Du und Du geht.

    Mich beschäftigt das in diesen Tagen sehr. Mir hat vor kurzem jemand geschrieben: „Bei der Bischofsweihe hast du das Schmuckkreuz umgelegt bekommen. Aber es ist etwas anderes, das Kreuz auf den Schultern tragen zu müssen.“ Und natürlich kennen wir alle das Wort Jesu: „Wenn einer hinter mir hergehen will, verleugne er sich selbst, nehme täglich sein Kreuz auf sich und folge mir nach“ (Lk 9,23). Offenbar hat jeder seine Kreuz. Mir fiel gestern noch ein Wort des heiligen Albert in die Hände, der einmal sagt: „Das Maß [des] Auftrags im Dienste Christi ist jeweils das Maß des Kreuzes, das [wir] zu tragen haben.“ Jeder von uns hat daran Anteil.

    Ich erinnere mich noch gut an meine Priesterweihe vor nun fünfundzwanzig Jahren. Wir waren damals ein wenig überrascht, weil Kardinal Meisner in Köln einen ‚Eigenritus‘ einbaute, vor dem uns vorher niemand gewarnt hatte: Wir traten vor den Bischof, um den Kelch und die Hostien-schale zu empfangen. „Empfange die Gaben des Volkes für die Feier des Opfers.“, wird dann dazu gesprochen. Und es endet mit der Aufforderung: „…stelle dein Leben unter das Geheimnis des Kreuzes.“ Dann passierte Folgendes: Plötzlich zückte der Erzbischof ein kleines Kreuzchen und überreichte es jedem einzelnen und irgendwie wusste man nicht, wohin damit. Man hatte ja noch den Kelch und die Hostienschale in den Händen, man war nervös und alles wackelte. Wohin jetzt mit dem Kreuz? Man fängt an zu kramen und versteckt es unter der Albe. Aber dieses Kreuz von Hans Dinnendahl, ein kleines, begleitet mich seitdem und liegt immer auf meinem Schreibtisch. Jeden Tag schaue ich darauf und jetzt ein bisschen mehr als sonst.

    „Stell dein Leben unter das Geheimnis des Kreuzes.“ Beim Nachdenken ist mir aufgegangen: Das Kreuz ist nicht nur etwas Schweres, ist nicht nur eine Last. So verstehen wir das ja oft. Jeder hat sein Kreuz. Hinter dem Kreuz steckt mehr. „Stell dein Leben unter das Geheimnis des Kreuzes“, das heißt zunächst: Du musst gar nichts tragen. Du musst auch gar nichts opfern, sondern steh einfach da und öffne dich für das, was vom Kreuz ausgeht.

    Unter dem Kreuz beginnt die Kirche. In einem unserer Gebete in der Messe beten wir: „Gott, unser Vater, deine Kirche … feiert den Tod deines Sohnes, aus dessen Seitenwunde sie hervor-gegangen ist.“ Also bevor wir etwas tun, bevor wir etwas tragen, bevor wir etwas machen, sind wir Empfänger. Und deswegen gilt es, dass wir uns öffnen für das, was vom Kreuz auf uns über-kommen soll und will. Durch Maria, die unter dem Kreuz steht – sozusagen als Sinnbild der Kirche – und die sich öffnet für den Strom, der vom Kreuz auf sie hinabfließt, bringt die Kunst das zum Ausdruck. Auf dem Fuß meines Primizkelches ist genau diese Szene angedeutet. Sie erinnert mich jeden Tag neu daran: Bevor du etwas tust, empfängst du und bist du. Vor allem Tun kommt das Sein und das Da-sein. Dieses Sein ist nichts als Geschenk, nichts als Gnade. Gott gibt alles und da-mit fängt Kirche an. Längst bevor wir etwas machen, bevor wir pastoral tätig werden, ist Kirche. Sie war vor uns und sie wird auch nach uns sein. Nicht, weil wir so toll wären – wir sind zwar nicht unwichtig. Aber viel wichtiger ist er, der alles grundiert und der seine Kirche nie allein lässt. Stell dich unter dieses Geheimnis. Öffne dich dafür. Empfange das jeden Tag neu.

    Sich unter das Kreuz stellen kann man, indem man darauf schaut und den Gekreuzigten ansieht. Das ist der Anfang. Aber dann kann man sich umdrehen und sozusagen mit dem Blick des Gekreuzigten auf die Menschen und die Welt schauen. Das Kreuz lädt uns ein, den Blickwinkel Jesu auf-zugreifen, wie er zu schauen, seinen Liebesblick aufzunehmen und selber mit diesem Liebesblick auf die Menschen zu sehen. Vielleicht brauchen wir ein ganzes Leben, um diesen Blick zu erlernen: Nicht die Augen zu verschließen, obwohl wir vieles gar nicht ertragen könnten. Auch nicht wegschauen, sondern ansichtig sein, einen klaren Blick haben. In einem Gebet heißt es sinngemäß: ‚Gib mir deinen Blick, Herr. Gib mir deinen Blick der Liebe, so wie du ihn am Kreuz gehabt hast und dein ganzes Leben.‘ Wenn wir aus dieser Liebe selber leben und uns in diesen Blick einüben, dann stehen wir nicht allein unter dem Kreuz des Herrn, sondern dann kann es uns gelingen, unter den vielen anderen Kreuzen zu stehen, die in unserer Welt aufgerichtet sind. Überall stehen sie – kleine und große. Sie sind immer wieder unangenehm. Aber ich glaube, unsere Aufgabe als Kirche und erst recht als Seelsorger besteht doch darin, unter dem Kreuz der Menschen zu sein. Der Papst fordert uns dazu immer wieder auf: ‚Geht an die Ränder, geht an die Peripherie!‘ Er meint ja nicht die Geografie, sondern die existentiellen Ränder. Das sind diese Kreuze. Da zu stehen und solidarisch zu sein mit und für die Menschen in ihren Kreuzessituationen. Theologisch sagen wir Proexistenz, ein schönes Wort – eine große Wirklichkeit.

    Liebe Schwestern und Brüder,
    hier in unserem Dom und in vielen Kirchen ist jetzt das Kreuz verhüllt. Das lädt uns dazu ein, es neu auszupacken. Das lädt uns dazu ein, es neu anzuschauen und es neu sehen zu lernen. Des-wegen wünsche ich Ihnen allen in diesen Tagen, die besonders intensive Tage sind, dass Sie sich – egal ob Sie nun zum Priester geweiht sein mögen oder nicht – dass Sie alle sich unter das Geheimnis des Kreuzes stellen. So wie das in der Priesterweihe ausgedrückt wird und wir das erfahren haben, als wir dieses kleine Kreuz in die Hand gesteckt bekamen: Stell dein Leben unter das Geheimnis des Kreuzes und empfange. Sieh dich ein in seinen Liebesblick und schau mit diesem Blick in die Welt und auf die Menschen – auch auf dich selbst. Und dann versuche bei dem einen oder anderen Kreuz auszuhalten und zu stehen wie Maria und Johannes. Stell dein Leben unter das Geheimnis des Kreuzes. Amen.

  • Predigt bei der Frühjahrsvollversammlung der DBK in Ingolstadt / Ingolstadt / St. Moritz Kirche / 21. 02. 2018

    Es gilt das gesprochene Wort

    (Mittwoch der 1. Fastenwoche, Schrifttexte: Jona 3,1-10; Lk 11,29-32)

    Liebe Schwestern und Brüder, liebe Mitbrüder im Bischofsamt,
    wann hat Sie, wann hat Euch das letzte Mal etwas getroffen. Ich meine nicht einen Trauerfall oder die Nachricht von einer Krankheit. Sondern ich meine, wann hat Sie etwas im positiven Sinne getroffen? Zum Beispiel ein Satz, ein Moment, ein Gedanke, eine Begegnung oder ein Erlebnis, das auf mal die Dinge in einem neuen Licht erscheinen lässt oder Zusammenhänge ganz neu erhellt – ja, vielleicht sogar ein Moment von innerer Umkehr.

    Einen solchen Moment hatte der vor rund 20 Jahren verstorbene Philosoph Josef Pieper. Als junger Philosophie- und Jurastudent ist Pieper in den 1920er Jahren mehrmals auf der Burg Rothenfels zu Gast, einem der Zentren der katholischen Jugendbewegung. Bei einer Werkwoche im Sommer 1924 hält der Priester und Philosoph Romano Guardini eine improvisierte Ansprache. Pieper kann sich später nicht mehr an den genauen Wortlaut erinnern. Aber ein Gedanke aus Guardinis Vortrag trifft den jungen Studenten so stark, dass er daraus seine ganze Doktorarbeit entwickelt und davon letztlich sein ganzes weiteres Denken und Arbeiten beeinflusst wird.

    Liebe Schwestern und Brüder,
    auch im heutigen Evangelium geht es um ein Sich-treffen-lassen, oder besser gesagt: um das Gegenteil. Lukas berichtet, dass immer mehr Menschen zu Jesus kommen. Aber Jesus freut sich nicht über ihr Interesse, sondern fällt ein klares und eindeutiges Urteil: „Diese Generation ist böse.“ Sie fordern Zeichen, obwohl sie schon längst eines haben: Jesus selber. Er ist das Zeichen. Jesus wirft seinen Zuhörern vor, dass selbst die Bewohner von Ninive – also im damaligen Verständnis ‚Heiden‘ –sich nach der Predigt des Jona bekehrt haben. Aber „diese Generation“, verweigert sich seiner Botschaft und fordert weiterhin Zeichen. Könnte es diese Verweigerungshaltung sein, die Jesus zu diesem harschen Urteil führt? Könnte es sein, dass diese vielen Menschen, die um ihn herum sind, sich letztlich ihm und seiner göttlichen Wirklichkeit verweigern und deswegen böse sind?

    Liebe Schwestern und Brüder,
    der Satz, beziehungsweise das Wort, das Josef Pieper so getroffen hat, ist uns nicht überliefert. Ja, er selber konnte sich nicht mehr recht daran erinnern. Er hat versucht, es zu umschreiben und stellt diesen Gedanken seiner Doktorarbeit voran: „Die Wirklichkeit ist das Fundament des Ethischen. Das Gute ist das Wirklichkeitsgemäße. Wer das Gute wissen und tun will, […] muss absehen von seinem eigenen […] und hinblicken auf die Wirklichkeit.“
    Das Gute ist das Wirklichkeitsgemäße: wer Gutes tun und wissen will, muss seinen Blick auf die Wirklichkeit richten. Ja, man könnte fast sagen auf die wirkliche Wirklichkeit. Denn die Wirklichkeit dieser Welt, unseres Lebens, ja meines Lebens ist Gott, ist Gottes liebender Blick, sind seine Verheißungen und Zusagen. Er hat diese Welt gut geschaffen, will uns Gutes und denkt groß von uns Menschen – von jedem einzelnen.
    Das Böse wäre demgegenüber das Verfehlen der Wirklichkeit. Das Böse nimmt die Wirklichkeit als Ganze nicht ernst. Das Böse blendet aus. Das Böse lässt Teile nicht zu. Das Böse betreibt ein Versteckspiel. Es traut Gott nichts Gutes zu. Es verweigert sich der Wirklichkeit.

    Liebe Schwestern und Brüder,
    am Beispiel der Menschen aus Ninive macht Jesus deutlich: Der Zeitpunkt zur Umkehr ist jetzt. Wir sollen uns treffen lassen. Jesu Botschaft vom Reich Gottes, soll für die Menschen damals, soll für uns heute alles in dein neues Licht rücken. Er will, dass die Menschen die Realität sehen: der Menschensohn ist da, das Reich Gottes ist nahe.
    Jesus Christus selber ist alles andere als ein Wirklichkeits-Verweigerer. Er nimmt die menschliche Wirklichkeit voll und ganz an und bringt sich in sie ein. Er wird einer von uns. Sein Weg führt immer tiefer in die Wirklichkeit hinein. Das ist der Gang zwischen der Inkarnation an Weihnachten und dem Kreuzestod am Ende der Passion. Christus verweigert sich nicht dieser Wirklichkeit, sondern er wird ein Teil von ihr und verwandelt sie zur Wirklichkeit Gottes.

    Liebe Schwestern und Brüder,
    wir stehen noch am Beginn der Fastenzeit. Es ist noch nicht zu spät, diese Fastenzeit zu nutzen und etwas daraus zu machen. Es wäre lohnend, in dieser Fastenzeit immer tiefer in die wirkliche Wirklichkeit unseres Lebens zu finden. Ich meine die Wirklichkeit Gottes, für die wir uns Tag für Tag in Schweigen, Gebet, Besinnung, Gottesdienst öffnen können. Ich meine auch die Wirklichkeit dieser Welt, die wir Tag für Tag immer mehr annehmen und durchdringen können, ganz konkret im Schicksal von Menschen, so wie Jesus sich ihnen zuwendet. Und ich meine unsere eigene Wirklichkeit mit unserer Größe, aber auch mit unseren Begrenzungen.

    Erinnern Sie sich an dieses schöne Wort Josef Piepers: „Das Gute ist das Wirklichkeitsgemäße.“ Hoffentlich trifft uns nicht ein ebenso hartes Wort wie damals die Menschen: „Diese Generation ist böse.“ Sondern hoffentlich steht über unserem Leben, über unserer Kirche: Diese Generation ist gut, sie ist wirklichkeitsgemäß. Sie ist offen für die liebende Wirklichkeit Gottes und lässt sich von ihr treffen. Braucht es mehr Vorsätze für die Fastenzeit?

  • Hirtenwort des Erzbischofs zur Veröffentlichung des Pastoralen Orientierungsrahmens / Hamburg / 04. 02. 2018

    (Evangelium vom 5. Sonntag im Jahreskreis B: Mk 1,29-39)

    Liebe Schwestern und Brüder im Erzbistum Hamburg,
    es muss für Simon Petrus ein merkwürdiger Moment gewesen sein, von dem das heutige Evangelium berichtet: Erst wird er von Jesus gerufen und folgt ihm auf Schritt und Tritt nach. Er erlebt mit, wie Jesus von Scharen umringt wird und Kranke rund um die Uhr heilt. Doch dann, an einem Morgen, steht Jesus in aller Frühe auf und geht allein an einen einsamen Ort. Er geht einfach weg, ohne ein Wort zu sagen, – er, für den die Jünger gerade erst alles stehen und liegen gelassen haben und dem sie begeistert folgen. Sofort suchen sie ihn und finden ihn bei nichts anderem als dem Beten. Sie halten ihm vor, dass alle ihn suchen. Doch Jesus rechtfertigt sich nicht. Stattdessen blickt er nach vorne, denn er hat eine Mission: „Lasst uns anderswohin gehen, in die benachbarten Dörfer, damit ich auch dort verkünde; denn dazu bin ich gekommen.“ (Mk 1,38)

    Liebe Schwestern und Brüder,
    ich beobachte hier wie auch an anderen Stellen im Evangelium einen Dreiklang bei Jesus: Er heilt - er betet - er bricht auf.

    Jesus verkündet die frohe Botschaft und lässt dies die Menschen auch spüren; dann ist er immer wieder der stille Beter. Dafür nimmt er sich offenbar ausgiebig Zeit. Er geht in die Einsamkeit und stellt sich in Gottes Gegenwart. Aber er bleibt nicht lange an ein und demselben Ort, sondern bricht wieder auf und ist unterwegs in andere Dörfer und Städte. Das ist seine Mission, auf Deutsch, seine Sendung. Auf diese Mission nimmt Jesus seine Jünger mit.

    Dieser Einladung zur Nachfolge verdanken wir unseren Glauben. In diesen Tagen feiern wir das Fest des Heiligen Ansgar, unseres Bistumsgründers. Er hat sich im neunten Jahrhundert von Frankreich kommend in den Norden aufgemacht, um das Evangelium zu verkünden. Im Laufe der Kirchengeschichte haben es ihm viele gleich getan. Heute ist der Aufbruch, sind das Loslassen und Losgehen unser Auftrag. Das muss nicht gleich eine weite Reise bedeuten. Das beginnt in unserem Alltag, in Gemeinde, Familie, Freundschaft, Beruf.

    Liebe Schwestern und Brüder,
    „Herr, erneuere deine Kirche und fange bei mir an“. Mit dieser Bitte haben wir vor rund eineinhalb Jahren unseren Erneuerungsprozess begonnen. Die wirtschaftliche Lage unseres Erzbistums ist sehr schwierig. Zur Abwendung größerer Schäden sind weitreichende Entscheidungen notwendig. So mussten wir bereits die Aufgabe einiger Schulen beschließen. Wir mussten das tun, obwohl dort gute Arbeit gemacht wird und sie wertvolle pastorale Orte sind. Das verletzt und empört viele Menschen. Die Entscheidungen schmerzen – auch mich.

    Gleichzeitig träumen wir von einem Aufbruch, einer Lebendigkeit unserer Gemeinden und Orte kirchlichen Lebens. Ich bin überzeugt: Wir können hier im Norden eine lebendige Kirche sein, eine Kirche mit einer Mission – auch mit weniger finanziellen Mitteln. Wir müssen darum alles, was wir künftig verändern, auf dieses Ziel, auf unsere Sendung hin gestalten. Dazu haben wir in den letzten Monaten einen Pastoralen Orientierungsrahmen geschrieben: einen Rahmen, der unserem Aufbruch und unserer Mission Richtung gibt.

    Ich habe mich bewusst für das Wort Rahmen entschieden. Der Text ist kein Generalplan für alles und jeden im Erzbistum. Im Gegenteil: Jede und jeder hat eine individuelle Berufung. Ich bin dankbar für diese große Vielfalt. Der Rahmen sagt darum, wie wir unseren Aufbruch weiter gestalten wollen, nämlich gott- und menschennah, aufsuchend, vernetzend, weltkirchlich und solidarisch.

    Der Dreiklang von Heilung, Besinnung und Aufbruch, von dem das heutige Evangelium berichtet, prägt auch unseren Orientierungsrahmen. Mit Jesus wollen wir den Menschen nahe sein. Wir wollen uns nicht in unseren Gebäuden verstecken, sondern rausgehen zu den Menschen am Rand, mit ihnen leben und von ihnen lernen. Wie Jesus wollen wir uns immer wieder Zeiten nehmen, in denen wir uns für Gott öffnen und unserer Berufung nachspüren. Mit Jesus wollen wir aufbrechen, uns mit anderen vernetzen und solidarisch in der Einen Welt am Wachsen des Reiches Gottes mitwirken.

    Liebe Schwestern und Brüder,
    viele Gläubige aus unseren Diözesangremien, aus unseren Pastoralen Räumen, aus den Verbänden und Einrichtungen haben am Pastoralen Orientierungsrahmen mitgearbeitet. Ich möchte allen dafür ganz herzlich danken! Die Arbeit an diesem Rahmen hat zu zahlreichen Begegnungen und Glaubensgesprächen geführt und damit schon den Geist der Erneuerung geatmet.

    Ich lade Sie ein, unseren Pastoralen Orientierungsrahmen zu lesen, zu diskutieren und zu leben: in Ihren Gemeinden und den Orten kirchlichen Lebens, in Ihren Verbänden, der Caritas, unseren Schulen und KiTas, ja in möglichst vielen Kreisen unseres weiten Erzbistums. Er ist die Grundlage für unseren Aufbruch und damit auch für die wirtschaftliche Ausrichtung in den nächsten Jahren.

    Wir haben eine Sendung, gehen wir weiter!

    Dazu segne uns alle der allmächtige und barmherzige Gott:
    der Vater und der Sohn und der Heilige Geist.

    Hamburg am Fest des Hl. Ansgar, dem 3. Februar 2018
    + S t e f a n
    Erzbischof von Hamburg

  • Ökumenische St. Ansgar-Vesper in Hauptkirche St. Petri / Hamburg / 03. 02. 2018

    Uns Christen verbindet alle miteinander der Glaube an den dreifaltigen Gott. Wir beginnen unsere Gebete „im Namen des Vaters und des Sohnes und des Hl. Geistes“. Wir lassen sie oft einmünden in ein „Ehre sei dem Vater und dem Sohn und dem Hl. Geist“.

    Wir sind getauft „im den Namen des Vaters und des Sohnes und des Hl. Geistes“.
    Ansgar hat hier im Norden im 9. Jahrhundert den Glauben an den dreifaltigen Gott verkündet. Er hatte davor derart hohen Respekt und Ehrfurcht, dass er in seinen Pigmenta immer wieder vom „unaussprechlichen Namen der Dreifaltigkeit“ redet.

    Gehen wir diesem Namen der Dreifaltigkeit heute ein wenig auf die Spur. Ein paar Anregungen dazu.

    Wir glauben an Gott, den Vater.

    Wir glauben an einen Gott, von dem das Leben ausgeht und zu dem es wieder zurückführt. Wir glauben an einen Gott, der jeden Einzelnen gewollt hat und immer wieder neu will. Wir glauben an einen Gott, für den wir Menschen nicht bloß einer von Milliarden auf dieser Erde sind, sondern der uns im Blick hat, der uns liebt und in seiner Liebe Tag für Tag trägt. Johannes bringt das auf den Punkt: „Gott ist die Liebe“ (1Joh 4,16). Wer an Gott glaubt, stellt sein Leben in eine universelle, alles umfassende Perspektive, er weiß sich davon getragen und umfangen.

    Mit diesem Glauben an die Liebe Gottes wollen wir dieser Stadt, unserem ganzen Land, ja Europa eine Seele geben. Wir wollen uns also nicht als Kirchen selber darstellen und möglichst gut verkaufen, sondern Christen tun alles, um Gott zum Leuchten zu bringen. Um seine Liebe nicht unter einem Scheffel zu verbergen, sondern zum Strahlen zu bringen.

    Christen glauben nicht einfach nur an das Universelle, an die umfassende Perspektive Gottes, sondern Christen wissen darum, dass diese universelle Liebe konkret geworden ist in Jesus Christus, deswegen heißen sie Christen.

    Wir glauben an Jesus Christus, Gottes Sohn.

    Christen leben in den Fußstapfen Jesu Christi und versuchen sie weiter in die Zeit hin einzuprägen. Dazu braucht es nicht große Taten und bestaunenswerte Dinge, sondern Christsein vollzieht sich im Alltag. Christsein vollzieht sich im Konkreten. In der Spur Jesu Christi wollen wir ansprechbar, berührbar, einladend, empfänglich sein. Wir wollen unseren Glauben demütig, aber selbstbewusst leben – als Einzelne, wie als Gruppe und als Glaubensgemeinschaft. Zur Demut gehört auch, dass wir offen sind, von anderen und mit anderen zu lernen. Denn – wie Paulus es sagt sind wir Diener der Freude und nicht Herren über den Glauben (vgl. 2Kor 1,24).

    Wir glauben an den Hl. Geist.

    Der Hl. Geist erinnert uns an alles, was Jesus Christus getan und gesagt hat (vgl. Joh 14,26). Er ist das „lebendige Gedächtnis der Kirche“ (vgl. KKK 1099). Mit Gottes Geist kommt es zu keinem Gedächtnisverlust oder Vergessen, sondern Gott bleibt gegenwärtig.
    Im Gegenteil, der Hl. Geist ist unser „innerer Lehrer“, wie Augustinus sagt. Er lehrt uns nicht einfach von außen und gibt uns immer neuen input, sondern er kommt von innen. Er sorgt für die innere Übereinstimmung zwischen Gott und uns.

    Liebe Schwestern und Brüder, dieser Glaube an den dreifaltigen Gott lebt in uns und verbindet uns untereinander. Wir sagen Ansgar für die Vermittlung dieses dreifaltigen Glaubens dank.

  • Silvesterpredigt 2017 / Hamburg/ St. Marien-Dom / 31. 12. 2017

    Es gilt das gesprochene Wort

    Liebe Schwestern und Brüder,

    das Jahr 2017 wird für viele von uns verbunden bleiben mit dem Gedenken an die Reformation vor 500 Jahren. Wir haben als Erzbistum Hamburg mit der Nordkirche dieses Gedenken in verschiedenen Gottesdiensten und Begegnungen begangen und vor allem Christus gefeiert. Wie viele bin ich dankbar, dass wir dieses Gedenken nicht in einem Gegeneinander begangen haben, sondern in einem Miteinander. Bei allem, was uns unterscheidet und trennt, ist das Gemeinsame immer größer. Es ist der eine Glaube an den dreifaltigen Gott, es ist das Bekenntnis zu Jesus Christus und seinem Heiligen Geist, der in dieser Welt lebt und wirkt, was uns miteinander verbindet. Wir leben in einer Stadt, in der nur noch etwa vierzig Prozent der Menschen Christen sind (also die Mehrheit nicht). Wir müssen darum einander stärken und miteinander die frohe Botschaft unseres christlichen Glaubens aussprechen und leben. Das gilt nicht nur für uns Katholiken zusammen mit den Protestanten. Das gilt auch für die vielen kleineren christlichen Gemeinschaften hier in unserer Stadt wie etwa die orthodoxen Christen oder die orientalischen Christen, die auf ihrer Flucht zu uns gekommen sind und nicht zuletzt für die zahlreichen Freikirchen. Auf der Grundlage des Gemeinsamen können wir dann auch das betrachten, was uns unterscheidet: das Verständnis der Kirche, die Auffassung über das Amt, das Abendmahl bzw. die Eucharistie und die Sakramente überhaupt.

    Dass es immer noch so viele unterschiedliche, ja getrennte christliche Kirchen und Konfessionen gibt, zeigt doch, dass die Einheit beileibe noch nicht erreicht ist und die Reform bzw. Reformation noch nicht an ihr Ziel gekommen ist. Re-form bzw. Re-formation heißt doch wörtlich übersetzt: wieder in Form kommen. Gemeint ist, wieder in die Ursprungsform zu kommen, also in die Form Jesu Christi. Denn wir Christen sind sein Leib, wie Paulus sagt. Da haben wir noch viel vor uns. Wir werden in diesem Leben nie an ein Ende kommen. Wir müssen ernst nehmen, dass wir Menschen immer hinter unseren Möglichkeiten zurückbleiben, dass wir sogar gegen unsere Möglichkeiten handeln. Wenn es so etwas gibt wie Schuld und Sünde, dann bedürfen wir immer der Reform, der Umkehr. Deswegen spricht das Zweite Vatikanische Konzil von der Ecclesia semper reformanda bzw. genauer von der Ecclesia semper purificanda, der Kirche, die immer gereinigt und geheilt werden muss. Hierbei denke ich nicht nur an die Schuld, für die jeder Einzelne von uns eine Verantwortung trägt, sondern auch die Schuld, die auf der Kirche als Ganzes lastet. Es ist einfach schrecklich, in den vergangenen Wochen von den vielen Missbräuchen an Kindern und Jugendlichen zu hören, die in Australien geschehen sind. Reform und Reformation bringen es also immer mit sich, in Buße die eigene Schuld nicht zu verschweigen, um Vergebung zu bitten, niemals die Hoffnung aufzugeben, nach vorne zu schreiten und immer wieder von neuem zu beginnen.

    Liebe Schwestern und Brüder,
    zum Weihnachtsfest hat mir ein Mitbruder, mit dem ich studiert habe, einen Gruß geschickt. Er schreibt: „Weihnachten feiern wir die ganz große Reformation der Welt und des Menschen.“ Die eigentliche Reformation hat wohl nicht 1517 stattgefunden, sondern schon bei Christi Geburt. Der eigentliche Reformator ist Jesus Christus selbst. Er will den Menschen wieder in die Form zurückführen, in der Gott ihn gedacht hat. Er tut das nicht mit Worten, sondern er tut das durch sein ganzes Leben. Er lebt uns vor, wie Gott den Menschen gedacht und gewollt hat.
    Reform wird sich also immer an Jesus Christus orientieren müssen. Sie wird letztlich auch immer nur durch und mit ihm geschehen. Papst Franziskus spricht in Evangelii gaudium sogar von einer Revolution: „Der Sohn Gottes hat uns in seiner [Menschwerdung] zur Revolution der zärtlichen Liebe eingeladen.“

    Liebe Schwestern und Brüder,
    das Jahr 2018 wird uns im Erzbistum Hamburg aufgrund unserer wirtschaftlichen Schieflage eine Reihe von Reformen, vielleicht sogar Revolutionen bescheren. Liebgewordene Formen, vertraute Strukturen – vieles davon werden wir nicht halten können, weil uns einfach das Geld dafür fehlt. Heute stehen diesbezüglich noch keine Entscheidungen fest. Wir werden aber in den ersten Monaten des neuen Jahres zu Entscheidungswegen kommen und auch konkrete Entscheidungen fällen müssen. Manches davon wird uns schwerfallen – Ihnen und mir selber auch.

    Die Gestalt der Kirche hat sich im Laufe der Jahrhunderte immer wieder gewandelt. Es gibt nicht die eine Gestalt von Kirche, die über die Jahrhunderte immer gleich bliebe. Die Gestalt unserer Kirche kann, ja sie muss sich wandeln mit der Zeit, in der sie steht. Denn der konkrete Mensch ist immer die Orientierung für unser kirchliches Leben und Tun. Aber der Auftrag unserer Kirche dabei, das was sie ausmacht, das Wesentliche, das gilt es zu erhalten. Ja, das gilt es immer stärker in den Bick zu nehmen. Könnte es nicht sein, dass in dieser Situation uns manches aus den Händen genommen wird, damit Gott Vater, Sohn und Heiliger Geist stärker in die Mitte gerückt werden? Ich jedenfalls bin mir sicher: Egal wie die äußere Gestalt unserer Kirche aussieht – und wenn man in die Weltkirche hineinschaut, dann sieht man, dass es in anderen Ländern ganz ganz anders geht – eines das trägt uns: Christus, der zur Welt gekommen ist, der in unserer Kirche lebt und wirkt, der mit seinem Wort und seinen Sakramenten mitten unter uns ist, der uns alles gibt, was wir brauchen – nämlich sich selbst. Er lädt uns ein, ihm mehr und mehr gleichförmig zu werden. Mit ihm auf dem Weg und mit ihm als Ziel: Dann geht nichts schief! Dann sind wir auch in Zukunft Kirche für die Welt. Amen.

  • Weihnachtspredigt 2017 / Hamburg/ St. Marien-Dom / 24. 12. 2017

    Es gilt das gesprochene Wort


    Liebe Schwestern und Brüder,

    gleich dreimal betont der Evangelist Lukas, warum sich Josef mit seiner schwangeren Frau Maria auf den Weg macht: Nämlich „um sich eintragen zu lassen“ (Lk 2,3). Vielleicht denken Sie jetzt an manchen Behördengang, an Formulare, an Warteschlangen, an Dokumente, die man dabei haben muss, an Gebühren, an Bürgerämter und Büros, an Meldezentren und nicht zuletzt an Ihre Steuererklärung…Für die meisten einfach nur lästig! Gut, wenn man es hinter sich hat.

    Sicher auch eine Last für Maria und Josef, einfache, unbedeutende, eben kleine Leute, ohne Privilegien. Zudem eine werdende Mutter: hochschwanger – da macht man für gewöhnlich keine weiten Wege mehr. Sie tun, was von ihnen verlangt wird, was alle tun (müssen). Sie lassen sich registrieren - erst im Laufe der Zeit registrieren sie selber, was hier geschieht!

    Es geschieht – wie Lukas sagt – zum allerersten Mal, dass Kaiser Augustus den ganzen Erdkreis in Steuerlisten eintragen lässt. Er bezieht den ganzen Erdkreis, also die damals bekannte Welt ein. Augustus will wissen, woran er ist. Er bestimmt und kein anderer. Augustus will wissen, über wen er herrscht, wie viele ihm zu Füßen liegen und ihm huldigen. Er will nicht nur einen einigermaßen guten Überblick haben, sondern die Lage in seinem Reich vollständig überblicken. Ordnung muss schließlich sein! Deswegen braucht er diese Erfassung in Listen. Es sind politische und fiskalische Gründe, die das junge Paar in Erwartung zum Aufbruch nötigen.

    Wir dürfen annehmen, dass mit dem Namen Josefs und Marias auch der Name Jesus in die Steuerliste eingetragen wird. Jesus wird mit diesem Eintrag in die Liste existent. Er wird staatlich erfasst. Er wird in der Verwaltung existent. Gemäß dem lateinischen Grundsatz: Quod non est in actis non est in mundo. ‚Was nicht in den Akten ist, ist nicht in der Welt‘.

    Ich habe geradezu den Eindruck, das Kind kommt zu einem Zeitpunkt auf die Welt, damit es noch auf dieser Liste erscheint. Das neugeborene Jesuskind darf auf dieser Liste offenbar nicht fehlen.

    Mit dem Namen Jesus von Nazareth wird auf diese Steuerliste die Bedeutung Jesu für die ganze Welt und die ganze Menschheit eingeschrieben. Jesus heißt übertragen „Heil“. Ganz exakt übersetzt: Gott ist unser Heil. Das ist es, was auf der Liste, ja was im Leben der Menschheit nicht fehlen kann und darf: Gott ist Heil. Gott ist Erlösung. Gott ist Rettung.

    Liebe Schwestern und Brüder,

    Jesus auf der Liste des Augustus stellt mich vor die Frage: Habe ich ihn auf der Liste meines Lebens? Habe ich ihn für mich auf dem Schirm, auf dem Bildschirm meines Lebens? Taucht er in den vielen digitalen und analogen Listen und Dokumenten auf? Die besonderen Umstände bei der Geburt Jesu bedeuten für mich: Jesus will in meinem Leben dabei sein. Er will vorkommen. Er will mitmachen. Er will für mich und dich Heil, Heiland, Heilung, Erlöser, Befreier, Retter sein. Das heißt, er will die Bilanz deines Lebens ins Positive wenden.

    Jesus lässt sich in diese Steuerliste eintragen und er bezahlt seine Steuern: „Gebt dem Kaiser, was dem Kaiser gehört“ (Mk 12,17), antwortet er denen, die ihn fragten, ob man denn überhaupt Steuern zahlen dürfe. Jesus bezahlt sogar eine Steuerlast in einem viel umfassenderen Sinne. Er löst in seinem ganzen Leben und Sterben die Schuld ein, die wie eine schwere Steuerlast auf der ganzen Menschheit ruht. Er ist bereit, die ganze Summe zu zahlen. „Er hat den Schuldschein, der gegen uns sprach, durchgestrichen und seine Forderungen, die uns anklagten, aufgehoben“ (Kol 2,14). Weil Jesus unsere Schuld getragen hat, weil er sie selber auf sich gezogen hat, nimmt er sie von uns weg und schenkt uns damit sein Heil, das unser Heil werden soll. Deswegen kann die Bilanz unseres Lebens nie negativ ausfallen. Sein Heil überwiegt immer alles Unheil. Er macht aus jedem Minus ein Plus.

    Liebe Schwestern und Brüder,

    es gibt Listen, auf denen man gerne steht, und andere, auf denen man sich lieber nicht finden will. Geheime Listen oder sog. Schwarze Listen – aber auch Listenplätze, bei denen man sogar ziemlich weit oben stehen will.

    Jesus steht auf der Liste dieser Welt. Und wir: wir stehen auf seiner Liste. Zu seinen Jüngern sagt er einmal: „Freut euch, dass eure Namen im Himmel verzeichnet sind (vgl. Lk 10, 20). Das letzte Buch der Bibel, die Offenbarung des Johannes, spricht vom Buch des Lebens, von dieser Liste, auf der die verzeichnet sind, die das ewige Leben erhalten. Jesu heilendes und erlösendes Kommen in die Welt, symbolisch sein Eintrag in der Steuerliste des Augustus, ist das Pfand für unseren Eintrag im Buch des Lebens.

  • Gedenkrede zum Volkstrauertag / Hauptkirche St. Michaelis / 19. 11. 2017

    Es gilt das gesprochene Wort

    [1. Friedensnote 1917 – Wieder Brüder werden]
    „Soll die zivilisierte Welt zu einem Leichenfeld werden? Und wird das blühende und ruhmreiche Europa, wie von einer allgemeinen Torheit überwältigt, dem Abgrund zustreben und die Hand gegen sich selbst wenden zum Selbstmord?“

    Sehr geehrte Damen und Herren,

    mit diesen Fragen appellierte Papst Benedikt der XV. vor hundert Jahren, im August 1917, an das Gewissen der Kriegsparteien des Ersten Weltkriegs. Das sinnlose Morden des Krieges dauerte schon drei Jahre. Er hoffe, so der Papst, „dass dieser ungeheure Kampf, der jeden Tag mehr als unnützes Gemetzel erscheint, möglichst bald aufhört.“ Leider blieb diese Friedensinitiative des Papstes folgenlos, wie viele andere auch. Die Stimmung in den kriegsführenden Ländern war extrem aufgeheizt. Ein Verständigungsfrieden war nicht möglich. Erst ein Jahr und tausende Tote später kam es 1918 zum Waffenstillstand. Aber weniger aus Einsicht, als aus Erschöpfung.

    An Ideen zur Überwindung des Krieges mangelte es freilich auch damals schon nicht. Benedikt XV. sagt in seiner Friedensnote, „dass an die Stelle der physischen Gewalt die moralische Macht des Rechtes“ treten muss. „Statt Waffen braucht es eine friedensschaffende Schiedsgerichtsbarkeit.“ Zudem forderte der Papst die allseitige Abrüstung, die Freiheit der Verkehrswege und Meere, die Erlassung der Kriegsschulden sowie die gegenseitige Rückgabe besetzter Gebiete. All das würde nicht nur den Krieg beenden, sondern auch zu nachhaltigem Fortschritt führen. Der Papst sagt ganz klar, was er mit seinem Aufruf bezweckt: Er will nicht aufhören, „sowohl die kriegführenden Völker als auch ihre Regierungen zu ermutigen, wieder Brüder zu werden.“
    „…wieder Brüder werden…“, oder heute gesprochen „…wieder Geschwister werden…“ Das scheint mir die zentrale Mahnung der Toten zu sein, derer wir heute gedenken: Menschen, lasst euch nicht entzweien. Führt nicht Krieg gegeneinander, sondern bewahrt gemeinsam den Frieden.

    Wir sind als Menschheit eine Familie, wir alle teilen die gleiche Würde. Als Christ möchte ich sagen, wir sind alle Kinder Gottes. Aber auch wenn viele Christen und nicht zuletzt Bischöfe in ihrer patriotischen Kriegsbegeisterung zwischen 1914 und 1918 diese Geschwisterlichkeit vergessen hatten, war sie auch im Ersten Weltkrieg nicht ganz verloren. Am Heiligen Abend 1914 und 1915 kommt es an einigen Frontabschnitten zu Feuerpausen und spontanen Weihnachtsfeiern. Menschen schießen aufeinander, feiern zusammen und schießen wieder aufeinander. Hat der Krieg jemals seine Absurdität so deutlich gezeigt, wie an diesen Abenden?

    [2. Volkstrauertag – Trauer und Gedenken heute]

    Meine sehr geehrten Damen und Herren,

    wir begehen heute den Volkstrauertag. Wir trauern um die Menschen, die die Folgen der Entzweiung und des Unfriedens, von Ideologien und Verfolgungen zu tragen hatten und haben. Der Volkstrauertag ist etwas Eigenartiges: Wenn ein uns naher Mensch verstirbt, gilt es die Trauer auszuhalten. Dann kommt ein Prozess in Gang, in dem die Trauer nach und nach abnimmt und in das Leben integriert wird oder auch ganz verschwindet. Das ist menschlich und das habe ich als Seelsorger immer wieder erlebt.

    Der Volkstrauertag als institutionelles Gedenken will dagegen etwas anderes. Wir schließen die Trauer nicht ab. Im Gegenteil: wir kultivieren sie sogar. Wir haben sie uns verordnet, pflegen sie wie die Grabstätten. Jährlich trauern wir als Bürger der Bundesrepublik Deutschland einen Tag. Auch heute noch, da das persönliche Kriegserleben in unserem Land immer weniger im Vordergrund steht. Meine Mutter ist zwar 1942 in einem Bunker geboren und mein Vater war mit seiner Familie im Bergischen Land bei Köln evakuiert; und natürlich erleben auch heute Menschen Krieg – etwa die deutschen Soldaten, die im Ausland eingesetzt sind. Über hundert sind seit den neunzehnhundertundneunziger Jahren verstorben; oder auch zugewanderte Mitbürger, die durch Krieg oder Verfolgung Ihre Heimat verlassen mussten. Aber die Breite unserer Gesellschaft hat wie ich selber – Gott sei Dank – keinen Krieg persönlich erlebt.

    Dennoch erinnern wir heute nicht nur, wir trauern – immer noch. Das macht deutlich: Die Opfer, um die wir trauern: Die Toten sind keine zufälligen oder unvermeidbaren Opfer, keine Betroffenen von Unfällen oder Naturkatastrophen, keine sogenannten Kollateralschäden. Ursachen für Ihre Tode waren und sind der menschliche Unwille und die menschliche Unfähigkeit zum Frieden, nicht zuletzt aufgeheizt durch Ideologien wie den Nationalsozialismus. Die Toten mahnen uns nicht nur, sie fehlen auch. Wir trauern, weil offene Lücken bleiben: Menschen fehlen und damit ihre Kinder und Kindeskinder. Fragen bleiben: Warum? Was wäre wenn?

    Die heutige Gedenkveranstaltung und sehr sinnbildlich das Bücken und das Verneigen bei den Kranzniederlegungen im Vorfeld: Sie sind ein Zeichen der Demut, „Wir haben verstanden.“ und „Nie wieder.“ Die Last der Geschichte lässt die aufrechte Haltung für einen Moment vergessen. Wer trauert und gedenkt, der bleibt nicht gleichgültig. Ich bin darum überzeugt: Der Trauernde geht einen ersten Schritt zum Frieden. Wer Schuld und Verlust anerkennt und wer die Erinnerung daran wachhält, den kann das Heute nicht kalt lassen.

    Nicht von Ungefähr engagiert sich der Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge für die Friedensbildung in Schulen oder auf Freizeiten. Die Versöhnung über den Gräbern und die Pflege des Angedenkens der Toten waren und sind für den Volksbund ein erster Schritt zu einer umfassenderen Friedensarbeit. Sie ist selbst auf unserem Kontinent bis heute nötig. Die Staaten Europas präsentieren sich gegenwärtig eher als eine zerrüttete Familie. Eine Familie, die noch dazu Ihren Verwandten südlich des Mittelmeeres und im Nahen Osten oft genug die kalte Schulter zeigt. Ich denke dabei an die zahlreichen Flüchtlinge, die ihr Leben verloren haben. Auch Ihrer gedenken wir heute. So heißt es im Totengedenken: „Wir trauern um die Opfer der Kriege und Bürgerkriege unserer Tage, um die Opfer von Terrorismus und politischer Verfolgung.“

    [3. Papst Franziskus – Wo beginnt Frieden?]

    Meine sehr geehrten Damen und Herren,

    Viele Soldaten des Ersten Weltkriegs haben noch zu einem friedlichen Nebeneinander gefunden: im Tod, in Gräbern unter grünem Rasen und weißen Kreuzen. Im Tod sind sie auf zynische Art friedlich vereint. Soweit darf es doch nicht mehr kommen – darin sind wir uns eigentlich alle einig! Seit der Friedensnote von 1917 engagiert sich jeder Papst für den Frieden, für den „einzig wahren Weg menschlichen Fortschritts“ . Wie notwendig das auch heute ist, zeigen uns die Nachrichten. „Soll die zivilisierte Welt zu einem Leichenfeld werden?“ Diese Frage von 1917 stellt sich nach wie vor: etwa im Hinblick auf den Terrorismus, der Entgrenzung aller Leichenfelder, oder in schier endlosen kriegerischen Auseinandersetzungen im Nahen Osten. Der jetzige Papst, Franziskus, spricht mittlerweile von einem „dritten Weltkrieg in Abschnitten“ . Man denke nur an Nordkorea oder den Jemen. Auch er wird darum nicht müde, die Geschwisterlichkeit aller Menschen zu betonen und die globale Gleichgültigkeit anzuprangern. Aber wie beginnen Frieden und Geschwisterlichkeit? Wo fängt Frieden an?

    [Persönlich] Es gibt den Satz: Der Frieden beginnt vor der eigenen Haustür. Aber das stimmt nicht. Er beginnt nicht einmal im eigenen Haus. Die Trauer als ein Schritt zum Frieden weist uns den Weg: Der Frieden beginnt in meinem Herzen – oder er beginnt nicht. Papst Franziskus sagt auf seine provokante Art, der grundlegende Kampf findet in unserem Herzen statt. Tagtäglich ringen wir doch um die richtigen Entscheidungen. Die Linie zwischen Gut und Böse, zwischen Richtig und Falsch, zwischen Anteilnahme und Gleichgültigkeit: Sie verläuft nicht zwischen Gruppen, Geschlechtern, Religionen oder Ethnien, zwischen Einheimischen oder Zugewanderten. Sie verläuft zuerst durch jeden Menschen. Das müssen wir ehrlich anerkennen. Denn wer um seine eigene Begrenztheit und Fehlbarkeit weiß, der kann auch andere Menschen neben sich akzeptieren und teilt nicht nach Gut und Böse ein. Als Christ darf ich sagen: Wir sind von Gott bejaht und angenommen.

    Wir brauchen Anerkennung nicht zuerst selber zu suchen, sondern wir dürfen friedlich leben, uns zurücknehmen, dem anderen Menschen Raum geben. Dann kann echte Geschwisterlichkeit, kann Frieden zwischen Menschen wachsen.

    [Gesellschaftlich] Den Frieden zu leben, kann manchmal bedeuten, noch einen Schritt weiter zu gehen; nicht nur, dem anderen Raum zu geben, sondern ihm die Hand zur Versöhnung entgegenzustrecken, auf Böses mit Gutem zu antworten, nicht gleichgültig zu werden. Denn ich bin überzeugt: Die Geschwisterlichkeit ist auch für unsere vielfältige Gesellschaft fruchtbarer als die Entzweiung. Ein Konflikt kann nur Ausgangspunkt eines gemeinsamen Prozesses ein. Frieden ist damit mehr als die Abwesenheit von Krieg. Er ist das Engagement für den gemeinsamen Fortschritt, der alle mitnimmt.

    [International] Globalisieren wir darum nicht die Gleichgültigkeit, sondern die Geschwisterlichkeit. Die Haltung der Geschwisterlichkeit, die Bereitschaft, sich selbst zurückzunehmen und die Hand auszustrecken: Das sollten sich Menschen, Gesellschaften wie Staaten zu eigen machen. Es ist ein guter Humus, auf dem Frieden gedeihen kann. Vor hundert Jahren mahnte Papst Benedikt XV. die Völker Europas, wieder zu Brüdern zu werden. Vor zehn Tagen haben der Bundespräsident und der Französische Präsident gemeinsam das erste deutsch-französische Museum zum Ersten Weltkrieg im Elsass am Hartmannsweilerkopf eingeweiht. Diese Geste der wahrlich nicht selbstverständlichen deutsch-französischen Freundschaft stimmt mich zuversichtlich: Geschwisterlichkeit kann wachsen – in Europa und in der Welt. 

    (Zitiert aus: Papst Benedikt XV.: Dès les débuts: Note an die Staatsführungen der kriegführenden Länder vom 1. August 1917. Zitiert aus: Ernesti, Jörg: Papst Benedikt XV. Papst zwischen den Fronten. Freiburg 2016, S. 263-266
    Botschaft von Papst Paul VI. zum ersten Weltfriedenstag am 1. Januar 1968.
    Botschaft von Papst Franziskus zur Feier des Weltfriedenstages 1. Januar 2016.)




    TOTENGEDENKEN

    Wir denken heute an die Opfer von Gewalt und Krieg,
    an Kinder, Frauen und Männer aller Völker.

    Wir gedenken der Soldaten, die in den Weltkriegen starben,
    der Menschen, die durch Kriegshandlungen oder
    danach in Gefangenschaft, als Vertriebene und
    Flüchtlinge ihr Leben verloren.

    Wir gedenken derer, die verfolgt und getötet wurden,
    weil sie einem anderen Volk angehörten,
    einer anderen Rasse zugerechnet wurden,
    Teil einer Minderheit waren oder deren Leben
    wegen einer Krankheit oder Behinderung als
    lebensunwert bezeichnet wurde.

    Wir gedenken derer, die ums Leben kamen, weil sie Widerstand
    gegen Gewaltherrschaft geleistet haben,
    und derer, die den Tod fanden, weil sie an
    ihrer Überzeugung oder an ihrem Glauben festhielten.

    Wir trauern um die Opfer der Kriege und Bürgerkriege unserer Tage,
    um die Opfer von Terrorismus und politischer Verfolgung,
    um die Bundeswehrsoldatinnen und -soldaten und
    anderen Einsatzkräfte, die im Auslandseinsatz ihr Leben
    verloren.

    Wir gedenken heute auch derer, die bei uns durch Hass und Gewalt
    gegen Fremde und Schwache Opfer geworden sind.

    Wir trauern mit allen, die Leid tragen um die Toten und
    teilen ihren Schmerz.

    Aber unser Leben steht im Zeichen der Hoffnung
    auf Versöhnung unter den Menschen und Völkern,
    und unsere Verantwortung gilt dem Frieden unter den
    Menschen zu Hause und in der ganzen Welt.

  • Predigt zum Gedächtnis der Lübecker Märtyrer / Propsteikirche Herz Jesu in Lübeck / 10. 11. 2017

    Es gilt das gesprochene Wort

    (Schrifttexte: Offb 7,9-17; Röm 14,7-11; Lk 11,14-23)

    „Sie haben sich sogar den Saal angesehen, in dem Ihr Vater verurteilt worden war?“, wurde kürzlich Klaus von Dohnanyi in einem Interview über seinen Vater Hans und dessen Widerstand gegen das Naziregime gefragt. „Ja, ich habe mir das angesehen, diesen gut bürgerlichen „Gerichtssaal“ im KZ Sachsenhausen“(1). Dabei setzt von Dohnanyi das Wort „Gerichtssaal“ bewusst in Anführungszeichen. Dort mag alles Mögliche geschehen sein, aber gerichtet nach Gesetz und Recht wurde mit Sicherheit nicht.

    Vom 22. bis 24. Juni 1943 trat der Volksgerichtshof unter dem Vorsitz von Roland Freislers Stellvertreter, dem Senatspräsidenten Wilhelm Crohne zusammen. Auch diesen Gerichtssaal des Lübecker Christenprozesses müssen wir in Anführungszeichen setzen. Dieser Prozess war kein Prozess nach Recht und Gesetz, sondern eine Farce. Die Farce bestand darin, dass das Urteil schon längst feststand. Es war von Hitler persönlich festgesetzt worden als Rache gegen seinen Erzfeind Bischof von Galen aus Münster. Die Farce war ein Prozess unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Die Farce war demonstrativ spürbar in den gelangweilten Richtern: Der eine las Zeitung, der andere schrieb Postkarten. Die Farce gipfelte in übelsten und lautstarken Beschimpfungen gegenüber den Angeklagten. Die Farce war, dass alle, die anfänglich ihre Bedenken äußerten, schließlich schwiegen und mitspielten. Der Prozess spottete allen Regeln der juristischen Kunst, er war ein einziges abgekartetes Spiel. Der Zweitverteidiger, der spätere Lübecker Bürgermeister und Landtagspräsident Dr. Walther Böttcher sagte deshalb, er habe nie wieder in seiner Berufslaufbahn einen so unwürdigen Prozess erlebt.

    Liebe Schwestern und Brüder, der Römerbrief, aus dem wir eben gehört haben, spricht auch von einem Prozess, von einer Gerichtsverhandlung: „Wir werden alle einmal vor dem Richterstuhl Gottes stehen“ (Röm 14,10). Diese Verhandlung stelle ich mir ganz anders vor als den Lübecker Christenprozess. Für mich ist das endzeitliche Gericht nicht wie ein Schlussstrich, den man unter eine lange Zahlenkette zieht. Gericht ist nicht Abrechnung. Gericht heißt nicht hier ein Minus und da ein Minus und noch ein Minus dazu und vielleicht hier und da mal ein ganz kleines Plus. Schon gar nicht ist es eine Inszenierung, eine Show, die ein schon feststehendes Urteil auf die Bühne bringen und den Angeklagten erniedrigen soll.

    Gericht meint wohl zu allererst, dass der Mensch im Angesicht Gottes die Wahrheit über sich selbst erkennt. Was er im Laufe seines Lebens gesucht hat, was er versucht hat, was ihm mehr oder minder gelungen ist, das steht ihm im Gericht Gottes offen vor seinem Angesicht. Der Mensch erkennt sich selber im Angesicht Gottes. Das ist eigentlich das wirklich Läuternde, was auch wehtun kann: Ich erkenne mich selber und ich erkenne schmerzhaft, wo und wie ich hinter mir selber und Gottes Plan her bin. An Gottes unbegrenzter Zuwendung und Liebe erkenne ich, wie begrenzt meine Liebe war. Ich werde neu aus-gerichtet auf Gott hin.

    Insofern hat das Gericht mir der Wahrheit zu tun. Deswegen ist es nicht von ungefähr, dass Pilatus dem verhafteten Jesus die alles entscheidende Frage stellt: „Was ist Wahrheit?“ Diese Wahrheit über jeden Einzelnen und über die ganze Welt steht nur einem Einzigen zu, Gott selbst. Steht deswegen die Skulptur vom Prozess Jesu vor Pilatus, die Hans Dinnendahl geschaffen hat, vor der Konche in unserer Lübecker Märtyrerkrypta und ihrem Goldgrund? Deutet dieser Goldgrund nicht auf die Ewigkeit und damit auf Gott selbst hin, vor dem letztlich alles menschliche Richten und Gerichtet-werden sich verantworten muss? Ist das nicht auch der Sinn, warum in unseren Gerichtssälen für gewöhnlich Kreuze hängen oder leider Gottes mancherorts hingen?

    Aber das Kreuz im Gerichtssaal deutet wahrscheinlich noch auf etwas anderes hin, nicht nur auf die Verantwortung vor Gott selbst, sondern auf etwas, das uns in dieser Situation des Gerichts viel Trost geben kann. Der, der uns da richtet, ist eben nicht nur unser Richter, sondern er ist gleichzeitig unser Fürsprecher, der, der uns auf-richtet. Er ist der, der unsere Menschennatur voll und ganz kennt, der um die Größe und Schwäche des menschlichen Lebens weiß. Es ist der, der uns deutlich macht: Das Gericht Gottes ist keine Geheimhaltungssache, geschieht nicht unter Ausschluss der Öffentlichkeit, sondern ist transparent. Vor allem ist es transparent in seinen Kriterien: Das einzige Kriterium ist die praktizierte Liebe.

    Liebe Schwestern und Brüder, wie der Römerbrief sagt, werden wir alle vor diesem Richterstuhl Gottes einmal erscheinen müssen. Wann das für den Einzelnen der Fall ist, weiß keiner von uns. Der Römerbrief zieht deswegen Konsequenzen für das Hier und Heute: „Wer bist du, dass du über deinen Nächsten richtest?“ Überlass das Richten Gott allein, spiel dich nicht zum Richter auf! Sei lieber jemand, der andere auf-richtet. Sei wie die vier Lübecker Geistlichen jemand, der Arme, Leidende, Ausgegrenzte aufrichtet. Dann wirst du selber nicht krumm und eingeschüchtert, sondern kannst aufrecht stehen. Amen.


    (1) Vgl. „Ich weiß nicht, ob die heutige Generation so tapfer wäre“, Interview Matthias Wyssuwa: Frankfurter Allgemeine, Magazin Oktober 2017, 69-71.

  • Predigt zum Allerheiligenfest / St. Marien-Dom Hamburg / 01. 11. 2017

    Es gilt das gesprochene Wort


    Zu den Feierlichkeiten zum Reformationstag haben wir Hamburger katholischen Bischöfe uns aufgeteilt. Weihbischof Dr. Jaschke besuchte die Feierlichkeiten hier in Hamburg, Weihbischof Eberlein war in Schleswig, ich selber bin nach Rostock gereist.

    Nach dem Gottesdienst in der dortigen Marienkirche fand noch ein Festakt in der Nikolaikirche statt. Unter anderem mit einigen szenischen Theateranspielungen. Dabei kamen reformatorische Gestalten in den Vordergrund. Natürlich Martin Luther, aber auch Johannes Bugenhagen und: Joachim Slüter. Slüter kam 1517 nach Rostock und war dort der erste evangelische Prediger. Er predigte in der Rostocker St. Petri Kirche auf Niederdeutsch und wurde durch die Herausgabe des ältesten bekannten plattdeutschen Gesangbuches 1525 weit über die Grenzen Mecklenburgs bekannt.

    In diesem kurzen szenischen Anspiel von gestern hat ein Schauspieler meisterhaft die Idee Slüters aufgegriffen. Er hat das Evangelium vom reichen Fischfang zur Gemeinde auf Plattdeutsch vorgetragen und darüber gepredigt. Oft sprechen solche Übertragungen besonders an.

    Neben mir saß der evangelische Bischof von Maltzahn, der mir zuflüsterte, dass er selber vor Jahren einmal die Seligpreisungen – also unser heutiges Evangelium – auf Plattdeutsch gehört habe und ihm dies einen ganz neuen Zugang eröffnet hat.

    Liebe Schwestern und Brüder, die Übersetzung der frohen Botschaft in unsere Muttersprache ist wohl etwas, was wir gar nicht hoch genug einschätzen können.

    Wenn wir heute die Heiligen feiern und ihrer gedenken, dann möchte ich mit Bezug auf die Reformation sagen: Heilige sind Übersetzer.

    Die Heiligen übersetzen das Evangelium nicht in Plattdeutsch, Chinesisch, Spanisch, Französisch oder welche Sprache auch immer. Die Heiligen übersetzen die frohe Botschaft in den Alltag. Sie übertragen das Wort Gottes ins Leben. Damit sind Heilige immer alltagstaugliche Menschen. Sie sind nicht für Galerien, Museen, Vitrinen oder Podeste bestimmt, sondern sie stehen mit beiden Beinen mitten im Leben. Das zeigt eine Elisabeth von Thüringen oder eine Mutter Teresa genauso gut wie die kleine Thérèse von Lisieux, die im dortigen Kloster ihre Liebe zu Gott im Gebet über-strömen ließ.

    Die Schrift „Communio sanctorum - Die Kirche als Gemeinschaft der Heiligen“ aus dem Jahr 2000 ist aus einer bilateralen Arbeitsgruppe der Deutschen Bischofskonferenz und der Kirchenleitung der vereinigten evangelischen Kirche Deutschlands hervorgegangen. Darin heißt es ausdrücklich: „Der heilige Mensch … ist eine lebendige Auslegung der Botschaft des Evangeliums. In ihm wird das Gottesheil auch menschlich und geschichtlich konkret. Er ist dergestalt Zeuge Christi geworden, dass uns der Herr in ihm begegnet“ (CS 240).

    Liebe Schwestern und Brüder, wer so wie die Heiligen in den Alltag übersetzen möchte, muss auf beiden Seiten zu Hause sein. Der muss das Vokabular sowohl Gottes als auch der Menschen in- und auswendig kennen, sonst kann er nicht übersetzen. Wir kennen das, wenn wir unterwegs sind in einem fremden Land, dessen Sprache wir nicht können. Vielleicht sind uns nur ein paar Vokabeln bekannt. Damit kommt man am Ende nicht weit. Erst wenn man auf beiden Seiten möglichst gute Sprachkenntnisse hat, wird es zu einer guten Übersetzung kommen.

    Die Heiligen sind dabei Übersetzer zu beiden Seiten hin. Sie übersetzen Gott in das Leben des Alltags und der Menschen und umgekehrt übersetzen sie den Alltag und führen ihn immer wieder zu Gott hin.

    Und damit ergibt sich etwas sehr Originelles. Solche Übersetzungen sind immer originell und individuell. Ein guter Übersetzer kann aus einem reichen Vokabular schöpfen. Der kann Dinge wunderbar umschreiben. Er hat eben nicht nur ein Wort, sondern viele zur Verfügung, um ein und dieselbe Sache auszudrücken. Deswegen sind die Heiligen als Übersetzer ganz individuelle Persönlichkeiten. Jeder von ihnen übersetzt die frohe Botschaft auf seine persönliche Art und Weise in seine Gegenwart. Umgekehrt findet er seine persönliche Form, den Alltag zu Gott zu übersetzen. Deswegen sind die Heiligen in aller Regel gar keine einfachen Persönlichkeiten, sondern eher kantige, eckige, ausgeprägte Persönlichkeiten.

    Liebe Schwestern und Brüder, in diesem Jahr, 500 Jahre nach der Reformation, wird mir deutlich: Wir Christen brauchen Heilige. Wir Christen brauchen Menschen, die übersetzen können. Allerheiligen heute gibt uns den Impuls, selber solche Übersetzer zu werden. Amen.

  • Predigt zur Diakonen- und Priesterweihe / St. Ignatius von Loyola, Rom / 10. 10. 2017

    Es gilt das gesprochene Wort!

    (Schrifttexte: 1 Sam 3,1-10; 2 Kor 4,1-2.5-7; Joh 17,6a.11b-19)

    Liebe Schwestern und Brüder, liebe Weihekandidaten,

    die Geschichte vom jungen Samuel ist bewegt mich immer wieder. Dreimal ruft Gott ihn und er reagiert darauf. Am Anfang gelingt es ihm noch nicht so gut. Der Schrifttext nennt dafür den entscheidenden Grund: „Samuel hatte nämlich den Herrn noch nicht kennengelernt“ (1 Sam 3,7).

    Den Herrn kennenlernen. Gott kennenlernen. Oder aus neutestamentlicher Perspektive: Jesus kennenlernen – darum geht es. Das steht im Zentrum Ihrer heutigen Weihe. Was ist Ihr Auftrag als Diakon und Priester.

    Im Mai 2007 bekennen die Bischöfe Lateinamerikas und der Karibik im brasilianischen Aparecida: „Jesus kennenzulernen, ist das beste Geschenk, das einem Menschen zuteilwerden kann. Ihm begegnet zu sein, ist das Beste, was uns in unserem Leben passieren konnte. Ihn durch Wort und Tat bekannt zu machen, ist uns eine große Freude“.

    Vor einigen Jahren sind mir lateinamerikanische Seminaristen begegnet, die vermutlich von diesem Text inspiriert waren. Im Laufe des Gespräches sagten sie: „Wir sind zwar nicht die Besten, aber wir gehen für die beste Botschaft der Welt!“

    Liebe Weihekandidaten, in Ihren Familien, in Ihren Gemeinden, in Ihrem Freundes- und Bekanntenkreis, im Seminar und im Studium und in vielen anderen Zusammenhängen haben Sie diese beste Botschaft, Jesus selber, kennengelernt. Sie haben davon gehört, Sie haben Vorbilder erlebt, Sie haben darüber geredet, Sie haben sie durchdacht. Sie haben nicht zuletzt jahrelang Theologie studiert, also die Lehre von Gott. Sie kennen – um unser Evangelium aufzugreifen – Gottes Namen. Und gleichzeitig müssen Sie bekennen: „Ich kenne dich, Gott, längst nicht genug. Ich kenne dich nie ganz.“ Es bleibt in der Kenntnis Gottes immer ein Rest, etwas Unerklärliches. Auch wenn Sie schon viel von Gott erfahren und kennengelernt haben, Sie werden Ihr Leben lang bleiben wie der junge Samuel. Denn Gott bleibt immer größer als meine Kenntnis. Er bleibt für mich immer ein Geheimnis. Unser Leben als Christen und auch unser Leben als Diakone und Priester wird in dieser Spannung zwischen kennen und nicht kennen, noch nicht kennen, nicht genügend kennen, bestehen bleiben. Wehe, diese Spannung löst sich einseitig auf. Dann geht gehörig etwas schief. Bewahren Sie sich diese Spannung, diese spannungsvolle Einheit, die gewiss in manchen Situationen gar nicht so leicht auszuhalten ist.

    Liebe Brüder und Schwestern, Kennen ist nicht bloß ein rationaler Vorgang, sondern Gott zu kennen, will unser ganzes Menschsein einschließen. Die Kenntnis Gottes wie auch die Kenntnis eines anderen Menschen geht über unseren Verstand und unser Herz. Deswegen trifft der heilige Augustinus den Nagel auf den Kopf: „Was man nicht kennt, kann man nicht lieben“ . Kennen ist mit Lieben austauschbar. Wer jemanden wirklich kennen möchte, der wird nicht umhin kommen, ihn zu lieben. Und nur wer jemanden wirklich liebt, der wird ihn auch wirklich kennen.

    Deswegen bewirkt Theologiekenntnis gar nichts, wenn sie bloß intellektuell und rational aufgefasst wird. Sie kann Flügel bekommen und wird mich beflügeln. Aber erst dann, wenn ich sie in mein ganzes Leben integriere und wenn sie mich zur Liebe führt, zur Liebe Gottes und zur Liebe von Menschen. Deswegen ist es sicher ein wertvoller Tipp, dass all das, was wir theologisch aufgreifen, zum Gebet werden sollte und damit in das Liebesgespräch zwischen Gott und uns einfließt.

    Liebe Weihekandidaten, den Herrn kennen, das gewinnt in Ihrer heutigen Diakonen- bzw. Priesterweihe eine ganz besondere Dimension. Im Geschenk der Weihe schenkt Christus sich Ihnen selber. Er prägt sich Ihnen in Ihr Leben ein. Sie müssen also fortan nicht krampfhaft Gott und sich selber zusammenbringen. Sie müssen erst recht nicht etwas herbeiholen, sondern Sie brauchen lediglich zu entfalten, was Sie heute empfangen. Nicht Sie prägen sich heute etwas ein (im Studium mussten Sie sich genug einprägen). Nein, Christus prägt sich Ihnen ein und sagt Ihnen zu, dass er diese Prägung niemals zurücknehmen wird. Von daher bitte ich Sie, im Namen der ganzen Kirche und aller Gläubigen: Bringen Sie dieses Geschenkt Tag für Tag zum Ausdruck.

    Liebe Weihekandidaten, seien Sie wirkliche Kenner – Kenner Gottes, die sich allerdings stets bewusst bleiben, dass sie Gott nicht in der Tasche haben; seien und bleiben Sie Liebende und seien und werden Sie immer neu Bekenner! Hören Sie nie auf, Gott kennen zu lernen, dann werden auch andere durch Sie Gott kennenlernen können. All das kommt in dem Wort von Aparecida wie in einem Brennpunkt zusammen: „Jesus kennenzulernen, ist das beste Geschenk, das einem Menschen zuteilwerden kann. Ihm begegnet zu sein, ist das Beste, was uns in unserem Leben passieren konnte. Ihn durch Wort und Tat bekannt zu machen, ist uns eine große Freude“.

  • Grußwort von Erzbischof Heße anlässlich des Medienempfangs / Hamburg / 05. 10. 2017

    Es gilt das gesprochene Wort

    Sehr geehrte Damen und Herren,

    ich begrüße Sie heute zu unserem Medienempfang, den wir anlässlich des Tags der Sozialen Kommunikationsmittel geben.

    Ich freue mich, dass Sie meiner Einladung gefolgt sind.
    Ganz herzlich begrüße ich Herrn Professor Alexander Filipovic, der gleich zu uns sprechen wird.

    Sehr geehrte Damen und Herren,
    gestern hat sich noch einer Ihrer Kollegen für das heutige Treffen entschuldigt. Er mailte mir: „Leider kann ich am Medienempfang nicht teilnehmen, da ich Donnerstag/Freitag ausgerechnet im Erzbistum Köln und bei der Deutschen Bischofskonferenz Termine habe“ – umso mehr freue ich mich, dass Sie heute hier sind- aber Ihr Kollege schrieb dann weiter: „In jedem Fall scheint mir der Ausgang der Wahl – wie auch die Rede des Bundespräsidenten zum Tag der deutschen Einheit- deutlich zu machen, dass es zu dem Thema weiter dringenden Bedarf gibt“.
    In diesem Punkt wird bei Ihnen sicher Konsens bestehen!

    Was leben wir in einer spannenden politischen Zeit!
    Nun werden in Deutschland nach der Bundestagswahl vom 24.9. die Weichen neu gestellt, die in Gespräche zur Bildung einer neuen Regierung laufen.

    Ich hoffe, dass zukünftig im neuen Bundestag faire Debatten möglich sind.
    Nicht zuletzt wird es auf den neuen Bundestagspräsidenten ankommen und seine Fähigkeit, sachlich und klug zu leiten, den Politik- und Debatten-Stil auf einem hohen Niveau zu fördern.

    In den vergangenen Tagen und Wochen versuchen viele in der bundesdeutschen Wirklichkeit eine Haltung zur neuen politischen Situation zu gewinnen.
    Und es wird deutlich, dass eine klar formulierte Ablehnung der Positionen allein nicht ausreicht.

    Zur Haltung muss auch eine Streitbereitschaft und wo möglich auch eine Gesprächsbereitschaft kommen. Denn wenn es stimmt, dass in Teilen der Bevölkerung die Wahl als Protest gesehen wurde, dann besteht nach meiner Ansicht die Möglichkeit, im Diskurs und Gespräch Bewusstsein zu verändern. Das wird jedoch nicht nur auf der argumentativen, rationalen Ebene gefordert sein, sondern genauso auf der affektiven Ebene wie der konkreten Tat. Es braucht: Hirn, Herz und Hand!

    Für die Politik bedeutet dies, dass eben nicht ganze Landstriche, wie wir sie auch in unserem Bistum haben, quasi abgeschrieben werden dürfen. „No Future“ führt halt auch zu einer radikalisierten Einstellung.

    Es zeigt sich aus meiner Sicht als besondere Aufgabe in diesen Zeiten des Aufschwungs und der Quasi-Vollbeschäftigung, dass die Frage der sozialen Gerechtigkeit und des Ausgleichs zuerst angegangen werden müssen.

    Für das strittige Thema der Flüchtlingspolitik hoffe ich, dass wir mit den politischen Parteien in einem Grundkonsens bleiben, nämlich dass die Menschen in Not Vorrang haben, ohne Ober-be-grenzung oder Ausgrenzung der Person nach Herkunft und Nationalität. Die in unserem Grundgesetz formulierte Menschenwürde (jedes einzelnen Menschen) ist und bleibt die verbindliche Messlatte!

    Als Flüchtlingsbischof sage ich es deutlich: Wir wollen nicht nachlassen in unserem Einsatz für die Menschen, die sich aus vielerlei Gründen auf den Weg gemacht haben. Wir dürfen nicht nachlassen. Dankbar bin ich allen, die sich hierbei oft bis zum Rand Ihrer Kräfte engagieren!

    Klar ist für mich auch, dass nicht alle, die zu uns nach Deutschland gekommen sind, hier bleiben können. Rückführungen lassen sich nicht ausschließen. Das haben wir deutschen Bischöfe von Anfang an gesagt. Aber sie müssen auf jeden Fall menschenwürdig und verantwortlich vollzogen werden.

    Und wenn wir Integration ernstnehmen für die Menschen, die bei uns bleiben können, dann kann diese natürlich am besten in der Familie oder Teilfamilie gelingen.

    Ich hoffe, dass sich die Parteien in den Verhandlungen zu einer neuen Regierung davon leiten lassen, eine zukunftsorientierte Politik im Blick zu haben, die den ganzen Menschen in den Mittelpunkt stellt, sei er nun hier geboren oder hier auf welchem Weg auch immer angekommen.

    Ich glaube, dass es Zeit ist für Menschen, die vernunftbegabt, mit heißem Herz, aber auch kühlem Kopf auf den Zusammenhalt unserer Gesellschaft setzen.
    Nicht die Lauten, nicht die Vereinfacher und nicht die Vereinheitlicher, sondern die, die konstruktiv reden und handeln, in gelassener Ernsthaftigkeit, differenziert und bereit zu echtem Dialog, die sollten Konjunktur haben.

    Dabei wird es auch um die Frage gehen, was unsere Gesellschaft zusammenhält und worauf sie aufbaut. Dass wir als Kirche unsere Stimme deutlich einbringen und für unsere Sicht von Welt und Mensch im Licht Gottes und seiner Frohbotschaft einstehen, ist und bleibt unser Auftrag.

    Ich habe großes Vertrauen in die Medien und ihre Vertreter.
    Sie, die Sie als Journalisten tätig sind, haben eine große Verantwortung, sind in diesen anscheinend unsicher werdenden Zeiten diejenigen, die die kleine Welt um uns, aber auch die große Welt erklären können müssen.

    Für Ihren Einsatz danke ich Ihnen, gerade auch für die gute, vertrauensvolle Zusammenarbeit im vergangenen Jahr.

    Und nun bitte ich Sie, lieber Professor Filipovic, um Ihren Impuls.

  • Predigt zum 75. Geburtstag von Bischof Norbert Trelle / Dom zu Hildesheim / 09. 09. 2017

    Es gilt das gesprochene Wort

    Schrifttexte: 1 Kor 3, 5-13a; Joh 21, 15-19


    Liebe Schwestern und Brüder,
    liebe Mitbrüder im Geistlichen Amt,
    lieber Bischof Norbert,

    bei deiner Bischofsweihe vor 25 Jahren hast du dir ein Wort des Apostels Paulus als bischöflichen Leitspruch gewählt: Fundamentum est Christus Jesus! Er stammt aus dem 3. Kapitel des 1. Korintherbriefes: „Denn einen anderen Grund kann niemand legen als den, der gelegt ist: Jesus Christus“(V. 11). Ich bin mir sicher, dass du diese vier lateinischen Worte in ihrem Gesamtzusammenhang siehst. Deswegen gehört für dich mit größter Sicherheit auch der nächste Satz des Apostels Paulus sozusagen in deinen bischöflichen Leitspruch hinein: „Ob aber jemand auf dem Grund mit Gold, Silber, kostbaren Steinen, mit Holz, Heu oder Stroh weiterbaut: Das Werk eines jeden wird offenbar werden…“ (V. 12f).

    Liebe Schwestern und Brüder,
    auf der einen Seite das klare, feste und tiefe Fundament – aber auf der anderen Seite das Weiterbauen, die Baustelle, das Unfertige. Beides gehört zusammen. Es gab lange Zeiten in unserer Kirche, da haben wir nur das Fundament im Blick gehabt und gemeint, dass dieses Fundament schon mit dem fertigen Haus übereinstimmt. Und umgekehrt wird es wohl kaum möglich sein, die einzelnen Stockwerke eines Hauses zu bauen, ohne ein tiefes und festes Fundament darunter zu haben. Das Eine wird ohne das andere nicht gehen.
    In deinen 75 Lebensjahren, in 25 Bischofsjahren, davon über 10 hier in Hildesheim, und nicht zuletzt in fast 50 Priesterjahren (im nächsten Jahr darfst du dein Goldenes Priesterjubiläum begehen): in dieser langen Zeit, wirst du immer und immer wieder den Baucharakter, die Baustelle Kirche, die Baustelle Diözese, die Baustelle Pfarrei und nicht zuletzt auch die Baustelle deines eigenen Glaubens erlebt und manchmal glücklich oder ein anderes Mal als belastend erlebt haben. Es ist ja etwas Schönes, wenn sich etwas entwickelt und wenn wir etwas gestalten dürfen, wenn wir bauen können. Aber jede Baustelle hat auch ihre Unbill, sie führt zu Einschränkungen – denken Sie nur an die leidigen Baustellen auf unseren Straßen – oder jede Baustelle führt unweigerlich zu Lärm und Schmutz – denken Sie nur an den Staub, der sich überall zwischensetzt.
    Wer heute in unserer Kirche Mitglied ist, wer heute glauben will und wer heute Verantwortung in dieser Kirche übernimmt, der muss wissen, er wird auf der Baustelle eingesetzt. Wir arbeiten auf dem Bau! Und das Besondere: Wir können die Kirche als Gesamtes nicht schließen, alles zurechtbauen und dann die große Eröffnung begehen. Nein, die Kirche ist eine Dauerbaustelle, bei laufendem Betrieb mit ständig notwendigen Entscheidungen und Änderungen.

    In meinen Sommerferien konnte ich in der Nähe von Bergamo in Norditalien den Heimatort von Papst Johannes XXIII. besuchen, den kleinen Ort Sotto il Monte. An jenem Sommertag waren nur wenige Besucher in diesem Ort, sodass die Verkäuferin im Info-Laden sich ein wenig für uns Deutsche Zeit nehmen konnte und wir versucht haben, einander zu verständigen. Dafür sprang am Ende dann noch ein großer Bildkalender mit lauter Fotos von Papst Johannes XXIII. heraus. Viele davon kommen einem bekannt vor. Eines dieser Fotos hat mich allerdings besonders angesprochen: Es zeigt den stämmigen Johannes in seiner Zeit als Bischof auf einer Baustelle. Er tänzelt geradezu über ein paar Bretter und verschafft sich einen Überblick über das, was dort geschieht. Es hat etwas Leichtes an sich, wie Angelo Roncalli sich auf dieser Baustelle bewegt. Ich finde es sehr sympathisch, dass die Autoren des Kalenders ihn nicht beim Festgottesdienst gezeigt haben, wo die Kirche oder das Pfarrheim, das dort gebaut wurde, eingeweiht wird, sondern: Der Bischof und spätere Papst geht auf die Baustelle.

    Lieber Norbert,
    in den vielen Jahren bist du auf unzähligen Baustellen gewesen, nicht zuletzt auch auf der Baustelle eures Hildesheimer Domes, der vor einigen Jahren saniert wurde. Du bist auch auf vielen anderen Baustellen gewesen und zeichenhaft dafür steht deine Tätigkeit als Vorsitzender der Migrationskommission der Deutschen Bischofskonferenz. Wer sich um Migranten und Flüchtlinge kümmert – und das gerade in der jetzigen Zeit – der weiß, dass sich das Leben nicht unbedingt in vornehmen Palästen abspielt, sondern, dass es sehr bruchstückhaft und ziemlich gefährlich, ziemlich schmutzig und ziemlich zugig zugehen kann; dass Einem auf den vielen Baustellen des Lebens auch viele Gefahren drohen, die unter Umständen das Leben kosten können. Und wer dich ein bisschen kennt, der weiß, dass du selber dich nie gescheut hast, solche Baustellen zu besuchen, weil du Zeit deines Lebens immer so nüchtern, so ruhig und „normal“ geblieben bist, dass du selber weißt, dass dein eigenes Leben auch der Veränderung unterliegt und wie eine Baustelle ist. Wir sind mit unserem Leben nie fertig, sondern wir vertrauen darauf, dass am Ende Einer das vollenden wird, was wir begonnen haben. Deswegen ist es etwas sehr Tröstliches, dass bei jeder Priesterweihe im Weiheritus dafür gebetet wird, dass Gott vollenden möge, was wir Menschen beginnen. Und bezeichnenderweise taucht genau dieses Gebet bei jedem katholischen Begräbnis wieder auf. Wir brauchen uns also gar nicht aufzuregen über diese Baustellen, sondern wir müssen damit rechnen, dass wir nie fertig werden, dass unser Leben, dass die Kirche permanente Baustelle ist und bleibt.

    Liebe Schwestern und Brüder,
    trotzdem kommen in uns die Fragen auf: Warum kann es nicht mal gut sein? Warum ist nicht einmal einfach alles fertig? Warum können wir uns nicht ein für alle Mal gemütlich ins Warme setzen? Warum reicht oder zählt nicht mehr das, was wir einmal mit so viel Engagement geschaffen haben? Ich muss in diesem Zusammenhang an ein Wort denken, das Papst Franziskus seit Beginn seiner Amtszeit oft erwähnt: die Zeit ist wichtiger als der Raum. Die Zeit meint Fülle, Horizont, Prozess, Veränderung, Wachstum, Entfaltung, Offenheit – so unsicher und anstrengend das manchmal ist. Der Raum bietet natürlich Sicherheit, aber er ist auch Beschränkung, Begrenzung, Selbstbestätigung, Abgeschlossenheit. Die Zeit ist wichtiger als der Raum. Das Leben von uns Menschen und der Kirche ist kein endgültiges Abhaken einer ToDo-Liste: Jetzt habe ich das und das erledigt, Baum gepflanzt, Haus gebaut … Jetzt bin ich fertig. Nein, es ist wichtiger, so Franziskus, „Prozesse in Gang zu setzen anstatt Räume zu besitzen.“ (EG 223).
    Den wichtigsten Prozess hat Christus selbst in Gang gesetzt; es ist der Prozess der Liebe, von der unser Evangelium im Dialog zwischen Jesus und Petrus spricht: „Liebst Du mich?“ Liebe ist ein Prozess, in dem wir permanent wachsen können, einer, der nie aufhört. Es ist der allerwichtigste Prozess unserer Kirche!
    Lieber Bischof Norbert, ich danke Dir dafür, dass Du Dich auf diesen Prozess eingelassen hast und bis heute einlässt. Und bei allem, was mit dem 75. Geburtstag eines Bischofs verbunden sein kann, höre in diesem Prozess niemals auf. Gottes Segen!

  • Predigt zur heiligen Messe mit dem Opus Dei / St. Marien-Dom / Hamburg / 06. 06. 2017

    Es gilt das gesprochene Wort


    Liebe Schwestern und Brüder,

    die Pharisäer kommen zu Jesus, um ihm eine Falle zu stellen. Eine Falle soll zuschnappen. Sie will das Gegenüber dingfest machen. Sie will ihn nicht wieder herauslassen, sondern festsetzen. Jesus soll eingeengt werden. Man will sein Wirken eingrenzen, abkürzen und im Letzten beenden.

    Jesus geht aber nicht in diese Falle hinein. Die Falle schnappt nicht zu. Im Gegenteil: Jesus Christus gibt den Pharisäern eine Antwort von großer Weite und Grundsätzlichkeit. Eine Antwort, die auch für uns heute überaus hilfreich und lehrreich ist: „So gebt dem Kaiser, was dem Kaiser gehört und Gott, was Gott gehört!“ (Mk 12,17).

    Jesus baut ein Gegensatzpaar auf: Gott und Kaiser. Wir könnten vielleicht auch sagen: Gott und die Welt. Oder: Das Reich Gottes und irdische Staaten. Vielleicht deutet sich hier auch schon das Ge-gensatzpaar Kirche und Welt an. Aber es kann ja wohl nicht darum gehen, diese beiden Teile fein säuberlich voneinander zu trennen, sozusagen Gott aus der Welt herauszuhalten und die Welt von Gott abzutrennen. Es kann aber auch nicht wie bei einer Firma darum gehen, wer an meinem Le-ben die Mehrheitsanteile hält. Es wäre schon skurril, die beiden Bereiche derart voneinander zu trennen. Etwa wenn man sagen würde, 51% Gott und 49% Kaiser bzw. Welt und das versehen mit allen möglichen Börsenschwankungen. Nein, es geht hier nicht um Trennung, sondern um ein Zueinander. Die beiden Größen des ‚Gott-Gehörens‘ und des ‚Kaiser-Gehörens‘ sind aufeinander verwiesen.

    Vielleicht kann uns der heilige Paulus ein wenig weiterhelfen. In seinem ersten Korintherbrief fin-den sich mehrere markante Sätze, in denen er über das „Gehören“ spricht. Versuchen wir dem ein wenig nachzugehen.

    „Alles gehört euch“ (1 Kor 3,22). Paulus predigt eben keine Weltabgewandtheit oder sogar Welt-flucht. Paulus weiß, dass die Christen mitten in der Welt sind und leben. Paulus weiß darum, dass die Welt Schöpfung Gottes ist. Dass letztlich alles in dieser Welt von Gott gut geschaffen ist. Des-wegen soll und muss der Mensch diese Schöpfung verantwortlich gebrauchen. Er soll sie nicht missbrauchen und ausbeuten, sondern er trägt ihr gegenüber eine Verantwortung.

    Der heilige Josemaría Escrivá de Balaguer kann ohne Abstriche sagen: „Es ist unglaublich, wie glücklich man in dieser Welt sein kann“( Josemaría Escrivá, Die Spur des Sämanns 296. Gleichzeitig weiß der heilige Josemaría auch um die Verantwortung, die wir Menschen, die wir Christen ge-genüber dieser Welt haben. Er nimmt gleichsam prophetisch einen Gedanken des Zweiten Vatika-nischen Konzils aus der Pastoralen Konstitution über die Kirche in der Welt von heute vorweg, wenn er sagt: Den Christen „bewegen die Sorgen aller Menschen“( Josemaría Escrivá, Die Spur des Sämanns 303). Das Zweite Vatikanische Konzil wird im Gaudium et spes Nr. 1 etwas umfang-reicher ausführen: „Freude und Hoffnung, Trauer und Angst der Menschen von heute, besonders der Armen und Bedrängten aller Art, sind auch Freude und Hoffnung, Trauer und Angst der Jün-ger Christi.“

    Von dem „Alles gehört euch“ geht Paulus noch einen Schritt weiter: „Ihr gehört nicht euch selbst“ (1 Kor 7,19). Ich besitze mich also nicht selber. Ich bin nicht der Eigentümer meines Lebens. Zwei Gründe führt Paulus dafür an: Erstens: Jeder Mensch ist um einen teuren Preis erkauft, näm-lich durch das Blut Christi. Und Zweitens: In uns wohnt Gottes Geist. Damit deutet sich schon an, dass wir einem anderen gehören. Wieder Paulus: „Ihr aber gehört Christus“. Und diesen Gedan-ken führt er schließlich folgerichtig noch einmal weiter: „Christus gehört Gott“ (vgl. 1 Kor 3,23). Wir gehören also dem dreifaltigen Gott: Wir sind von ihm gewollt, befreit und begnadet.

    Liebe Schwestern und Brüder, wenn wir also Gott gehören, dann ist das der umfassende Horizont unseres Lebens. Mit Gott kann man nicht kleinkariert umgehen und ihn in Segmente des Lebens und der Welt verbannen, sondern Gott bleibt der umfassende Horizont unserer ganzen Existenz. Deswegen bleibt uns gar keine andere Möglichkeit, als ihn immer wieder neu „an die Spitze und in den Mittelpunkt“(Josemaría Escrivá de Balaguer, Im Feuer der Schmiede 678) zu stellen, wie der Heilige Josemaría sagt.

    Kommen wir noch einmal auf die Falle zurück, die die Pharisäer Jesus stellen wollen. Sie wollen letztlich das Eine von dem Anderen getrennt wissen und gegeneinander ausspielen. Jesus trennt nicht, sondern ordnet zu. Jesus setzt Gott und sein Reich an die Spitze und in den Mittelpunkt und von dort aus weiter. Von Gott her sollen alle Bereiche erfüllt und verwandelt werden. Von Gott her soll alles durchtränkt und durchsäuert werden.

    Und damit muss es auch keinen Gegensatz zwischen Kirche und Welt geben. „Es ist nicht wahr, dass ein Leben als guter Katholik und als loyales Glied der bürgerlichen Gesellschaft sich widespre-chen. Ebenso wenig können Kirche und Staat zusammenstoßen, wenn sie ihre legitime jeweilige Autorität zur Erfüllung der ihnen von Gott aufgetragenen Sendung ausüben“( Vgl. Josemaría Escrivá, Die Spur des Sämanns 301). Ja, Kirche und Welt kann man unterscheiden und muss man unterscheiden, aber nicht trennen, feinsäuberlich voneinander abschneiden und fixieren, sondern in einer gegenseitigen Verwiesenheit sehen: von Gott her. Amen.

  • Ökumenischer Pfingstmontag in Schwerin / Schwerin / 05. 06. 2017

    Es gilt das gesprochene Wort

    Liebe Schwestern und Brüder,

    vor einigen Monaten stand hier auf dem Marktplatz in Schwerin noch der Weihnachtsmarkt. Seit einiger Zeit gehört zu diesem Weihnachtmarkt auch eine Krippe. Im vergangenen Jahr geschah es, dass Besucher sich diese Krippe anschauten und dann meinten: Jetzt bemächtigen sich auch noch die Christen des Weihnachtsfestes!

    Liebe Schwestern und Brüder,

    in einer Gesellschaft, wo so viel Unkenntnis über das Weihnachtsfest besteht, das ja mit Händen zu greifen ist mit dem Kind in der Krippe, muss es uns nicht wundern, dass die Botschaft des Pfingstfestes für viele kaum zu fassen ist. Pfingsten ist weniger konkret und damit auch schwieriger zu verstehen. Es ist ein langes Reisewochenende, aber nur das?

    Pfingsten und der Heilige Geist, um den es geht, können wir nicht so einfach greifen. Was wir aber einfach sehen und beschreiben können ist, was mit Menschen passiert, die vom Heiligen Geist ergriffen werden. Die Lesung aus der Apostelgeschichte gerade macht das sehr sprechend deutlich: Die vom Heiligen Geist erfüllten Apostel gehen aus sich heraus, werden lebendig und verstehen einander.

    Unser Glaubensbekenntnis sagt vom Heiligen Geist, dass er „Herr ist und lebendig macht“. Das Wirken des Geistes ist dynamisch, schöpferisch, befreiend, lebensbejahend. Pfingsten feiern heißt darum nicht, sich einfach an diese Geistsendung zu erinnern. Im Gegenteil: Pfingsten ist heute. Heute schenkt uns Gott seinen Geist, heute belebt er uns. Der Geist erfüllt und belebt uns sogar so sehr, dass er uns zum ‚Überlaufen‘ bringt. Dieser besondere Gottesdienst ist dafür ein sprechendes Bild: wir verlassen die Kirche und verkünden Gottes Wort auf dem Marktplatz.

    Die Lebendigkeit des Heiligen Geistes müssen wir Christen auch in unserem Alltag ausstrahlen. Papst Franziskus bringt es in seiner bildhaften Sprache auf den Punkt: Die Christen dürfen „nicht ständig ein Gesicht wie bei einer Beerdigung haben.“ (EG 10). An anderer Stelle sagt der Papst, Wir Christen sollten nicht aussehen, als hätten wir gerade in eine saure Zitrone gebissen. Wir Christen sind keine Pessimisten oder Unglückspropheten. Sondern wir dürfen lebendig sein, aus uns heraus gehen und uns engagieren.
    Das ist nicht immer leicht. Wer aus sich heraus geht, trifft wie die Jünger auf eine plurale Welt mit vielen Sprachen, Kulturen, Ethnien etc. Aber Gottes Geist hilft uns Menschen, einander zu verstehen: „denn ein jeder hörte sie in seiner eigenen Sprache reden.“ (Apg 2,6), berichtet die Apostelgeschichte. Gottes Geist hebt die Unterschiedlichkeiten der Menschen nicht auf. Aber er ermöglicht ein Zugehen aufeinander und echte Verständigung. Er entfernt nicht alle Barrieren, aber er hilft uns, sie zu überwinden.
    Heute, wo viele Menschen zu uns geflohen sind, wird uns die Unterschiedlichkeit der menschlichen Sprachen und Kulturen noch einmal bewusster. Manchmal kommt es zu einem Sprachengewirr, zu gegenseitigem Nicht-Verstehen oder auch gar nicht erst zu Kommunikation miteinander, sondern übereinander. Viele Menschen sind verunsichert und empfinden die zunehmende kulturelle Vielfalt eher als eine Bedrohung denn als Herausforderung oder Chance. Gerade jetzt müssen wir Christen geisterfüllte Menschen sein, die raus gehen und zur Verständigung beitragen.

    Liebe Schwestern und Brüder,
    ich bin überzeugt, auch die Fahrt, die die Ökumene in den letzten 100 Jahren aufgenommen hat, ist ein Geschenk des Heiligen Geistes. Wir sind uns als Kirchen theologisch und vor allem als Christen menschlich näher gekommen. Wir sind aus uns heraus gegangen, um uns gegenseitig zu verstehen. Unsere Verständigung in der Ökumene kann vielleicht auch ein Modell für unsere Gesellschaft sein. Denn trotz aller (noch) bleibenden Differenzen verstehen wir uns als zusammengehörig.
    Ich bin zutiefst dankbar, dass wir die 500 Jahre Reformation nicht als ein Fest der Abgrenzung und Spaltung feiern, sondern dass wir gemeinsam Christus feiern: „In ihm sind wir schon eins.“ (Ökumenisches Bischofswort) Deswegen ist das Reformationsjubiläum als Christusfest kein Endpunkt, sondern ein Schritt in Richtung Zukunft. Wir feiern, was uns vor aller Verschiedenheit zusammen führt und führen wird: Jesus Christus selber, der uns seinen Heiligen Geist schenkt. Ich bin überzeugt: das gemeinsame Feiern und Beten und nicht zuletzt das gemeinsame Engagement, wie etwa in der Telefonseelsorge und in vielen anderen Bereichen, werden uns weiter zusammen führen.

    Liebe Schwestern und Brüder,
    Pfingsten ist schwer zu fassen. Aber Pfingsten erfasst uns: uns als Christen, als Gemeinden und Konfessionen. Der Heilige Geist erfüllt uns auch heute, macht uns lebendig, führt uns heraus und zusammen. Wir dürfen uns auf diese Dynamik einlassen und wie die Apostel an Pfingsten aus unseren Obergemächern heraus auf die Straßen gehen. An unserem Leben, an unserer Gemeinschaft kann die Gegenwart und Wirkmächtigkeit des Heiligen Geistes sichtbar werden. Amen.

  • Predigt zu Christi Himmelfahrt / St. Marien-Dom / Hamburg / 25. 05. 2017

    Es gilt das gesprochene Wort!

    Liebe Schwestern und Brüder,

    geht, lehrt, tauft … Mit diesen Worten sendet Jesus seine Jünger aus. Er gibt ihnen einen Auftrag, den sogenannten Missionsbefehl. Gott sei Dank fangen wir in unseren Breiten gerade damit an, diesen Auftrag Jesu wieder neu zu hören und zu entdecken. Lange Zeit hat man ihn fast verschämt verschwiegen und sozusagen unter der Decke gehalten.

    Unser Eintreten für den Glauben wird aber nur überzeugend sein, wenn wir auch den allerletzten Satz des heutigen Evangeliums an uns herankommen lassen. Es ist der letzte Satz des Matthäusevangeliums überhaupt. Oft haben letzte wie erste Sätze eine tiefe Bedeutung. Der allerletzte Satz heißt also: „Seid gewiss: Ich bin bei euch alle Tage bis zum Ende der Welt“ (Mt. 28,20).

    Ist das nicht ein Widerspruch? Christus verabschiedet sich, er fährt in den Himmel auf, er kehrt sozusagen sich von dieser Welt ab – und verspricht uns dennoch alle Tage bei uns zu sein? Wie kommt das zusammen? Ganz schnell sind wir dabei, vom heiligen Geist zu reden, den Beistand, den er uns senden wird.

    Liebe Mitchristen, Jesus Christus kehrt in die Ewigkeit Gottes heim. Und Ewigkeit meint nicht einfach „immer“. Ewigkeit meint vielmehr dauernde Gegenwart. Romano Guardini sagt in seinem berühmten Werk „Der Herr“: Ewigkeit meint das reine „Da“ und „Nun“. Ewigkeit ist also das reine Jetzt. Diese Dimension des Ewigen kommt nicht irgendwann auf uns zu, wenn wir einmal sterben, sondern das Neue durch Jesu Geburt und Menschwerdung, aber auch durch sein Sterben und Auferstehen besteht genau darin, dass unser ganzes menschliches Leben von dieser Ewigkeit getragen und durchflutet wird. Zeit und Ewigkeit sind also nicht mehr zwei unabhängige Größen oder zwei Dimensionen, die gegeneinander stehen, sondern sie gehören zusammen. Als wir vor 40 Tagen die Osternacht gefeiert haben, wurde am Beginn der Osternacht die Osterkerze bereitet und die einzelnen Zahlen bezeichnet. Dabei habe ich gebetet: „Sein [Christi] ist die Zeit und die Ewigkeit“. Unser konkretes Jahr 2017 ist eingetaucht in Gottes Ewigkeit. Gottes Ewigkeit wirkt sich aus an jedem Tag des Jahres 2017.

    Jesus Christus geht also nicht nur in diese Ewigkeit ein, sondern er lässt uns daran teilhaben als seine permanente Gegenwart, als sein Dasein, sein Jetzt. Deswegen scheint mir sein Hinauffahren zum Himmel direkt zusammenzuhängen mit dieser grandiosen Zusage an uns: Ich bin bei euch. Als der Ewige ist er präsent und einfach da. Die Himmelfahrt und diese Zusage an uns sind wie zwei Seiten ein und derselben Medaille, nämlich Gottes Präsens und Ewigkeit, sein Nun, sein Da, sein Jetzt.

    Liebe Schwestern und Brüder, nur wer aus dieser Gewissheit lebt, der wird auch ein Missionar, eine Missionarin für Gott, für den Glauben sein können. Der wird das auf eine gelassene Weise sein können. Und er wird es in einer tiefen Weise sein, nicht bloß oberflächlich mit einer Aktion nach der anderen. Wer aus dieser Gewissheit schöpft, der wird auch die Höhen und Tiefen seines eigenen Lebens anders sehen als derjenige, der diese Gelassenheit nicht oder noch nicht besitzt. Der wird umgehen können mit Schicksalsschlägen und Rückschlägen, und der wird Gottes Gegenwart genauso entdecken in dem Schönen und Herrlichen, in dem Himmlischen, das wir auch immer wieder erleben dürfen.

    Seid gewiss, ich bin bei euch alle Tage bis zum Ende der Welt. Amen.

  • Statement Erzbischof Stefan Heße zum kirchlichen Engagement anlässlich des G20-Gipfels in Hamburg / Hamburg / 27. 04. 2017

    Als Christen engagieren wir uns aus unserem Glauben heraus. Der christliche Glaube ist persönlich, aber nie privat. Die Entscheidung für den Glauben ist persönlich. Aber das Glaubensleben wird damit nicht ins „stille Kämmerlein“ verwiesen. Das Engagement der Christen ist keine Privatsache. Wir glauben an die Menschenfreundlichkeit Gottes. Und wir sind davon überzeugt, dass diese Menschenfreundlichkeit Gottes auch in unserem Handeln zum Ausdruck kommen muss.
    „Ich bin gekommen, dass sie das Leben haben und es in Fülle haben.“ So spricht Jesus nach dem Johannes Evangelium über sein Selbstverständnis als guter Hirte der Menschen.
    Das Leben in Fülle: Wie viele Menschen sind weit entfernt von einer solchen Perspektive für ihr Leben?
    Das Gegenbild zu einem Leben in Fülle formuliert Papst Franziskus in seinem wohl provokantesten Satz: „Diese Wirtschaft tötet.“ Das Wort aus seinem Apostolischen Schreiben „Evangelii Gaudium“ ist zur Schlagzeile geworden für eine Kritik an der absoluten Autonomie der Märkte.
    Wir sagen: Menschen dürfen nicht ausgegrenzt und wie Müll behandelt werden. Die Wirtschaft muss die Würde jedes Menschen beachten und auf das Gemeinwohl ausgerichtet sein.
    Das sind keine neuen Aussagen. Sie prägen die Katholische Soziallehre von Anfang an.
    Und in der Ökumene der Kirchen ist bereits in den 1980er Jahren ein Konziliarer Prozess entstanden. Zentrale Ziele sind Frieden, Gerechtigkeit und die Bewahrung der Schöpfung.
    Ein Thema liegt mir besonders am Herzen. In der Deutschen Bischofskonferenz bin ich mit den Fragen der Flüchtlingshilfe befasst. Natürlich in Deutschland. Aber die globale Herausforderung des Themas Flucht ist nicht zu übersehen.
    Weltweit sind mehr als 65 Millionen Menschen auf der Flucht. Die meisten sind Vertriebene im eigenen Land oder leben in den Flüchtlingscamps der Nachbarstaaten. Nicht wenige aber machen sich auch auf den Weg in weit entfernte Länder.
    Ohne eine politische Lösung der Konflikte in Syrien, Irak und auch in Teilen Afrikas kann es keine Überwindung der Fluchtursachen geben. Es ist dringend notwendig, friedensstiftende Maßnahmen in den Herkunftsländern zu unterstützen.
    Zur nachhaltigen Fluchtursachenbekämpfung gehören nicht zuletzt auch faire Handelsbeziehungen, Bildungs- und Arbeitsperspektiven in den Herkunftsländern sowie wirksamer Klimaschutz.
    Um der Probleme Herr zu werden, bedarf es größerer Anstrengungen und vermehrter gemeinsamer Bemühungen der Staatengemeinschaft.
    Aber gerade im vergangenen Jahr scheint eine gegenläufige Entwicklung Fahrt aufgenommen zu haben. In den westlichen Ländern, die über Jahrzehnte hinweg als Stützen eines kooperativen internationalen Systems in Erscheinung getreten sind, macht sich Müdigkeit breit und ein Gefühl der Überforderung angesichts der Gefahren und Probleme.
    Die Vorstellung, man solle sich auf sich selbst (und nur auf sich selbst!) besinnen, sich auf niemand anderen verlassen und der Welt den Rücken zukehren, gewinnt an Boden. Was sonst bedeuten der starke Zuspruch für rechtspopulistische Bewegungen (auch in Deutschland), die Entscheidung der britischen Bevölkerung für den Austritt des Landes aus der EU und der Sieg des „America first“-Kandidaten Donald Trump bei der Präsidentschaftswahl in den USA?
    Diese Ereignisse haben eines gemeinsam: den Willen zum Rückzug aus gemeinsamer internationaler Verantwortung und die Konzentration auf die eigenen Probleme und Interessen. Stets bläst der Wind dabei den Flüchtlingen und Migranten besonders ins Gesicht. Sie drohen als erste Opfer des neuen nationalstaatlichen Revivals und nationalistischer Stimmungen zu werden.
    Der G20-Gipfel ist ein sichtbarer Ausdruck der Globalisierung. Der Gipfel muss auch ein Schritt werden in der Entwicklung globaler Verantwortung. Auch wenn es aktuell nationale Interessen wieder stärker betont werden, darf es kein Zurück auf dem Weg zur Entwicklung einer globalen Verantwortung geben.
    Ich halte es für sehr wichtig, dass es diese Gipfeltreffen gibt. Sie bieten immer auch die Chance, mehr für den Erhalt der Lebensgrundlagen aller Menschen zu tun und das Leben der benachteiligten Menschen zu verbessern.
    Deshalb formulieren wir unsere Hoffnungen und Erwartungen an die Gruppe der 20 wichtigsten Industrie- und Schwellenländer.
    Ich bin überzeugt davon, dass die Staats- und Regierungschefs dieser Länder das Antlitz der Erde verändern können. Zum Besseren.

  • Predigt am Ostersonntag im St. Mariendom (Evangelium: Joh 20,1-18) / Hamburg / 16. 04. 2017

    Es gilt das gesprochene Wort!

    Liebe Schwestern und Brüder,

    Maria von Magdala geht in vielen kleinen Schritten ihren persönlichen Osterweg: zum Grab hin, um zu salben – durch das leere Grab – und die Deutung des Engels – in der Begegnung mit dem vermeintlichen Gärtner – und schließlich im Erkennen des Auferstandenen, der sie beim Namen ruft …

    Nachdem Maria diesen schmerzvollen und schwierigen Weg gegangen ist, ja gleichsam errungen hat, steht am Ende das Wort Jesu: „Halte mich nicht fest“.

    Jetzt, da sie ihn erkannt hat, da sie ihn endlich gefunden hat, da die beiden wieder zusammen sind, kommt eine neue Härte und Herausforderung auf Maria von Magdala zu: „Halte mich nicht fest“ – Lass mich los! Als wären die schwierigen Glaubensschritte, die sie bis dahin gegangen ist, nicht schon genug, muss sie jetzt einen noch viel größeren Schritt wagen, nämlich Jesus vollends loszulassen.

    „Halte mich nicht fest!“ Damit soll Maria von Magdala den Menschen Jesus loslassen, den Altbekannten, den sie von früher her kennt. Christus will sich ihr ja gerade nicht zeigen als jemand, der wieder in sein früheres, irdisches Leben zurückgekehrt wäre. Auferstehung meint ja gerade nicht, dass alles wird wie früher. Im Gegenteil, Auferstehung ist etwas Neues, ist das neue Leben, das all unsere Erwartungen und Hoffnungen unendlich übersteigt.

    „Halte mich nicht fest!“ Der Auferstandene selber ist nicht zu fassen. Man kann ihn zwar berühren. Er ist ganz leiblich. Aber er ist gleichzeitig auch viel mehr. Er ist überhaupt nicht mehr an die Gesetze des Leibhaften, an Raum und Zeit gebunden.

    Der Auferstandene ist nicht zu fassen. Man kann sich nur von ihm erfassen lassen. Deswegen erklären noch so viele Fakten die Auferstehung nicht – weder das leere Grab noch die Wundmale. Sie sind hilfreich und nötig. Faktenwissen allein aber macht noch kein Ostern. Ostern ist Begegnung, und zwar unverfügbare Begegnung: Sie wird greifbar in dem Dialog zwischen Jesus und Maria. Erst als die beiden einander beim Namen anreden, geschieht österliche Erkenntnis: „Maria“ – „Rabbuni“.

    Wer sich so vom Auferstandenen erfassen lässt, gerät geradezu aus der Fassung. Er kann aufbrechen; es hält ihn nichts mehr zurück, er muss von dem berichten, was er selber erlebt hat. Jetzt kann Maria von Magdala Jesus loslassen und zu den Jüngern gehen: „Ich habe den Herrn gesehen“ (Joh 20,18). Hier wird im Johannesevangelium das einzige Mal das Wort „evangelisieren“ gebraucht. Maria verkündet, sie evangelisiert. Evangelisieren ist etwas anderes als Worte machen, Reden halten. Wer evangelisieren möchte, der muss etwas erfahren haben, der hat sich erfassen lassen. Wer evangelisiert, teilt die Erfahrung seiner Begegnung mit dem Auferstandenen. Der wird sozusagen selber zum lebendigen Wort, das er anderen weitergibt. Wer so evangelisiert, stiftet selber Beziehung, in der der Auferstandenen unsichtbar mittendrin ist und alles österlich umgestaltet.

    Liebe Schwestern und Brüder, ich wünsche Ihnen an diesem Osterfest eine ähnlich intensive Erfahrung, wie Maria von Magdala sie durchgemacht hat. Dann können auch Sie evangelisieren. Dann nimmt unsere Kirche Fahrt auf.

    Vor drei Jahren, bei seiner Rede im Europaparlament, sprach Papst Franziskus davon, dass er von Europa „den Gesamteindruck der Müdigkeit, der Alterung“ hat. Mit der Erfahrung einer Maria Magdalena werden wir und wird Europa wieder munter, gewinnt es an Schwung und Jugendlichkeit, gerät es in Bewegung .In diesem Sinne: Frohe und gesegnete Ostern!

  • Predigt in der Osternacht im St. Mariendom zu Hamburg (Evangelium: Mt 28,1-10) / Hamburg / 15. 04. 2017

    Es gilt das gesprochene Wort!

    Liebe Schwestern und Brüder,

    fast zweitausend Jahre ist Ostern her. Wir feiern es immer noch. Wir feiern es sogar als das größte und höchste unserer christlichen Feste. Unser Feiern ist nicht nur eine schöne Erinnerung, sondern wir vergegenwärtigen, „ver-heutigen“ uns Tod und Auferstehung Christi. „Dies ist die Nacht…“ hat der Diakon im Exsultet gesungen. Wir sind dabei nicht allein, sondern diese Nacht feiern wir weltweit, in diesem Jahr sogar mit allen Konfessionen an ein und demselben Ostertermin. (Das wird uns erst in neun Jahren wieder geschenkt).

    Wir feiern dieses Osterfest – obwohl vor zweitausend Jahren beim ersten Ostern niemand dabei war. Es gibt keine Zeugen für den Vorgang der Auferstehung. Keiner war direkt dabei. Keiner hat daneben gestanden. Niemand hat es gesehen und erlebt. Offensichtlich ist die Auferstehung selbst überhaupt kein Vorgang, den man dokumentieren, vielleicht fotografieren, filmen oder irgendwie festhalten könnte.

    Das, was wir festhalten, feststellen, ja sogar ins Bild bringen können, das sind die vielfach bezeugten Begegnungen des auferstandenen Jesus mit Frauen und Männern. Es ist zum Beispiel Maria Magdalena, von der wir gehört haben oder Petrus. Es sind die beiden Jünger auf dem Weg nach Emmaus. Es sind sogar einmal mehr als fünfhundert Brüder (und Schwestern) zugleich. Also eine große Zahl von Menschen, die nicht die Auferstehung an sich, aber den lebendigen Christus erlebt haben, den wir dann den Auferstandenen nennen.

    All diese Männer und Frauen hatten mit allem Möglichen gerechnet, nur nicht damit, dass einer, der tot war, wieder leben könnte. Sie hatten eigentlich das Kapitel mit Jesus längst abgeschlossen. Die einen trauerten und beweinten sein und ihr Schicksal. Die anderen machten sich davon und kehrten wieder in ihren ursprünglichen Lebensalltag zurück.

    Und genau da tritt der Auferstandene in ihr Leben.

    Verzweiflung, Leiden, Sterben und Auferstehen: Was der Herr durchlebt hat, zeichnet auch seine ersten Zeuginnen und Zeugen aus. Jeder von ihnen muss seinen eigenen Karfreitag und sein eigenes persönliches Osterfest erleben und erfahren: Die Wachen fallen wie tot zu Boden. Die Frauen müssen durch Todesangst hindurch. Sein Tod wird für sie noch einmal dramatisch erfahrbar dadurch, dass die Leiche nicht mehr aufzufinden ist. Sie trauern und weinen, sie suchen oder geben auf.

    Liebe Schwestern und Brüder, ich habe den Eindruck, dass Jesu Karfreitag und Jesu Ostern sich bei den ersten Zeugen und Zeuginnen geradezu wiederholt. Sie erleben ihre ganz persönliche Ölbergstunde, ihren ganz persönlichen Karfreitag und ihr ganz persönliches Osterfest. Und das offenbar nicht nur ein einziges Mal, sondern immer wieder in ihrem Leben. Christ sein heißt, immer wieder in der Spannung von Karfreitag und Ostern zustehen.

    In diesen Tagen erleben wir die Dramatik des Karfreitags in den Anschlägen auf koptische Christen in Ägypten, in den Anschlägen von St. Petersburg und Stockholm. Ich denke auch an eine Familie aus unserem Erzbistum, die ganz aktuell den Tod des Familienvaters betrauern und verkraften muss. Das sind nur einige der „Karfreitage“ von heute.

    Wir erleben aber auch den Ostersonntag. Wir erleben, dass über dem Dunkel des Karfreitags die Sonne des Ostermorgens aufleuchtet. Ich denke an das Gespräch mit jemandem aus unserer Diözese, der – gar nicht so alt – eine schwere Krankheit durchmachen musste. Als ich ihn fragte, ob ihm seine Krankheit Angst macht und er gleichsam mit einem Damoklesschwert über dem Haupt durchs Leben gehe, sagte er mir frank und frei: „Ich wundere mich über mich selbst. Diese Angst habe ich nicht. Ich habe keine Angst vor dem Tod, der Glaube stärkt mich“.

    Oder ich denke an die Erwachsenen, die in dieser Osternacht getauft werden – einer davon in diesem Gottesdienst hier im Dom. Das sind Menschen, die etwas von der Lebendigkeit Jesu Christi erfahren haben und in deren Leben der Glanz von Ostern aufleuchtet.

    Liebe Schwestern und Brüder, vielleicht ist es gut, dass vor zweitausend Jahren keine Fotos gemacht oder Videos gedreht wurden, die man heute bei YouTube einstellen würde. Es kommt nämlich auf jeden Einzelnen von uns an. Wir sind keine Zuschauer der Auferstehung. Wir stehen in der Kette der Zeugen von damals bis heute mitten drin. Wir bezeugen, dass Christus über jedem Karfreitag als der Auferstandene erscheint. Wir geben das Zeugnis von damals weiter. Aber wir haben auch unsere eigenen einzigartigen Glaubenserfahrungen und erleben immer wieder die Spannung von Karfreitag und Ostern im eigenen Leben.

    Amen.

  • Predigt zum Gründonnerstag / St. Marien-Dom zu Hamburg / 13. 04. 2017

    Es gilt das gesprochene Wort


    Das letzte Abendmahl in der Darstellung von Leonardo da Vinci – jeder von uns kennt es. Da Vinci hat es zwischen 1495 und 1498 für das Dominikanerkloster in Mailand geschaffen. Ein langer Tisch, in der Mitte Christus und rechts und links neben ihm die zwölf Jünger.
    Im Laufe der Zeit ist dieses Cenacolo, dieses letzte Abendmahl, immer wieder von anderen Künstlern verfremdet worden. Jetzt haben sich Schüler der Designschule München im Flur ihrer Schule zu einem Abendmahl versammelt nach der Idee von Leonardo da Vinci. Das Magazin zur „Munich Creative Business Week 4.-12.3.2017“ veröffentlichte dazu einen Beitrag unter dem Titel „Last SMS“.
    Wir sehen – ganz in der Tradition Leonardo da Vincis – in der Mitte Christus. Aber er wirkt allein und schaut vor sich in die Leere. Zur Rechten und zur Linken von ihm jeweils die zwölf Jünger zu zweit oder zu dritt – beschäftigt mit ihren Laptops, ihren Tablets und Smartphones, unterwegs in den sozialen Medien.
    So tragisch dieses Bild auch wirkt, denn zwischen Jesus und diesen zwölf Jüngern besteht keine Kommunikation, das Bild schlägt aber das entscheidende Thema des letzten Abendmahles an. Es geht um Kommunikation. Es geht um Beziehung. Es geht um Austausch. Es geht aber nicht um eine Kommunikation über moderne soziale Medien. Die Jünger sind im Jetzt, aber nicht im Hier. Sie gucken, was jetzt woanders los ist. Dabei vergessen sie den, der hier auf sie wartet. Christus will direkt mit ihnen in Kommunikation kommen.
    Wie macht er das?
    Zunächst steht er auf. Es hält ihn also nicht auf seinem Platz. Er bleibt nicht einfach sitzen, unbeweglich und festgenagelt. Er verlässt seinen Platz. Er macht sich auf den Weg, um in Kommunikation zu gelangen.
    Dann ein Zweites: Er legt sein Gewand ab und bekleidet sich mit einer Leinenschürze. Auf den Boden zu ihren Füßen geht er herunter. Er kniet sich hin und schaut zu seinen Jüngern auf. Neben der äußeren Standortverlagerung kommt es hier zu einer ganz wichtigen inneren. Einer, die sich durch das ganze Leben Jesu hindurchzieht. Schon seit seiner Menschwerdung verlässt er die Herrlichkeit Gottes im Himmel und ent–äußert sich.
    Er will schließlich ganz herunter. Er will sich nützlich machen. Er will ihnen einen Dienst tun. Er will sie von ihrem Schmutz und Dreck befreien. Um ihnen das deutlich zu machen, wählt er keine Worte, sondern eine einfache aber kraftvolle Geste. Er wäscht Ihnen die Füße. Er macht sich selber zum ‚sozialen Medium‘, durch das die Jünger Gott begegnen: Gott, der sich dem Menschen mit all seinen Abgründen liebend und heilend zuwendet.

    Liebe Schwestern und Brüder, Petrus ist auf diese Form der Kommunikation überhaupt nicht eingestellt. Im Gegenteil: Er wehrt sie ab und verweigert sich. Vielleicht macht ihm das Sich-klein-machen Jesu, seine eigenen Abgründe bewusst. Petrus muss diese Kommunikation Jesu erst lernen. Er muss sie verstehen. Nur wenn er sie verstanden hat, wird er selber auf diese Art und Weise kommunizieren können. Denn Jesus will, dass auch wir, dass seine Kirche diesen Weg der Kommunikation beschreitet: „Ich habe euch ein Beispiel gegeben, damit auch ihr genauso handelt“. Als Christen müssen wir aufstehen, unseren Platz verlassen. Wir müssen allen Dünkel ablegen und heruntergehen, um den anderen zu dienen und zu helfen. Wir müssen zu Medien Gottes in der Welt werden.
    Das Bild der Designschüler aus München kann uns ermuntern, diesen Kommunikationsweg zu gehen, damit wir nicht allein mit uns selber kommunizieren, sondern in Kommunikation mit Christus leben und mit unseren Brüdern und Schwestern und allen Menschen.

  • Predigt in der Chrisammesse / St. Marien-Dom in Hamburg / 10. 04. 2017

    Es gilt das gesprochene Wort


    Liebe Brüder und Schwestern,
    vor allen Dingen liebe Mitbrüder im Priester- und Diakonenamt,

    in dieser Fastenzeit ist mit mir das Thema Gebet durch die einzelnen Wochen gegangen. Am Samstag vor dem 1. Fastensonntag durfte ich hier im Mariendom, wie in jedem Jahr, die Taufbewerber zu den Initiationssakramenten an Ostern zulassen. Im Anschluss an den Gottesdienst habe ich ihnen im Ansgarhaus ein Gebet- und Gesangbuch, unser Gotteslob, geschenkt. Ich hoffe, dass dieses Buch zu einem Gebrauchsgegenstand für sie wird und sie beim Beten und Singen unterstützt. Einige Woche später habe ich hier im Dom mit einem jungen Mann gesprochen – ich habe davon bereits bei der Bischofsweihe von Horst Eberlein erzählt – der die große Sorge hat, dass unsere Kirche derart verwaltet wird, dass kein Raum und keine Zeit mehr zum Beten bleibt. Wörtlich: „Ich habe Angst vor einer Kirche, in der man nicht mehr beten kann und in der man das Beten nicht mehr lernt“. Und dann war da noch der Film „Silence“, den ich mir hier in Hamburg in einem Kino im Schanzenviertel angeschaut habe: Er berichtet von der Christenverfolgung im Japan des 17. Jahrhunderts. Das Land hatte sich damals gegen alle westlichen Einflüsse abgeschottet und damit wurden in kürzester Zeit die Missionserfolge zunichte, die portugiesische Jesuiten, angefangen mit Franz Xaver (1506-1552) erzielt hatten. Der Film geht unter die Haut – nicht nur wegen der Grausamkeiten, die die Christen erleiden mussten, sondern er geht auch unter die Haut, weil er in diesen Grausamkeiten einen Einblick in das Innenleben der letzten Christen und Missionare eröffnet. Einer der Jesuiten ist irgendwann kurz vor der Verzweiflung und fragt: „Die Last dieses Schweigens Gottes ist furchtbar. Bete ich einfach ins Nichts?“ Damit sind wir schon mitten im Beten Jesu im Ölgarten in der Nacht zu Karfreitag angelangt.

    Liebe Mitbrüder, bei der Weihe der vier Diakone am 1. April habe ich, wie immer bei der Diakonenweihe, wie bei jedem Einzelnen von uns, bei den Bereitschaftsfragen auch die nach dem Gebet gestellt: „Seid Ihr bereit, aus dem Geist der Innerlichkeit zu leben, Männer des Gebetes zu werden und in diesem Geist, das Stundengebet als euren Dienst zusammen mit dem Volk Gottes und für dieses Volk, ja für die ganze Welt treu zu verrichten?“

    Liebe Mitbrüder, jeder von uns könnte seinen diakonalen oder priesterlichen Dienst unter dem Blickwinkel des Gebetes sehen und beschreiben. Vielleicht müssten wir viel öfter miteinander darüber reden und uns von unseren Erfahrungen erzählen. Unser Diakon- und Priestersein ist auch eine Gebetsgeschichte mit vielen Mühen und Höhen, aber auch mit manchen Tiefen. Die Erfahrung dieses Jesuiten aus Japan, der in das Nichts hineinspricht, gibt es auch in unserem Leben. Sie taucht nicht erst in der Situation der Verfolgung auf. Manchmal ist sie ziemlich zermürbend und schwierig zu tragen.

    Immer wieder spüre ich aber, wie wir aus dem Gebet leben. Das Gebet ist gleichsam der Atem unseres Christseins, unseres Diakonseins, unseres Priesterseins. Es stimmt, was Huub Oosterhuis in seinem Lied „Ich steh vor dir mit leeren Händen“ zum Ausdruck bringt: „Du bist mein Atem, wenn ich zu dir bete“. Ohne Beten werden wir atemlos. Lassen wir das Beten zeitweise sein, kann es zu Atemrhythmusstörungen kommen. Aber mit Beten und im Beten – wie es auch immer aussehen mag – atmen wir tief durch: ein und aus. Und immer wieder neu: ein und aus.

    Diese Ein- und Ausatmen versetzt uns in eine lebendige Beziehung zu Gott, egal wie wir unser Gebet trinitarisch auch ausrichten. Ob wir uns nun direkt an den „Allmächtigen Gott“, an den Vater selbst wenden, oder ob wir „durch Christus, unseren Herrn“ beten oder im Heiligen Geist: Wir treten in das dreifaltige Beziehungsgeschehen Gottes ein. Wir nehmen sozusagen in unserem Beten am trinitarischen Dialog, an diesem Gespräch zwischen Vater und Sohn im Heiligen Geist teil. So bescheiden uns unsere Gebete oft vorkommen, erstrecht wenn wir den Eindruck haben, es bringt alles nichts, selbst mit unserem Schweigen treten wir in dieses göttliche Beziehungsgeschehen, in diese göttliche Liebe ein. Und umgekehrt: Gott tritt in unser Leben ein.

    Gebet ist also Beziehung, ist Beziehungspflege.

    So setzt das Gebet uns auch in Beziehung zu anderen und zueinander. Oft beten wir nicht allein, sondern miteinander. Wir beten nicht bloß für uns, sondern für andere. Wir beten stellvertretend für sie. Unser Beten ist immer ein Beten für die ganze Welt. Deswegen bin ich dankbar, dass gerade in den Psalmen des Stundengebetes alle möglichen menschlichen Erfahrungen auftauchen und sie in das Gebet einfließen. Unsere Fürbitten atmen die Weite des ganzen Kosmos.

    Die Erfahrung von Dietrich Bonhoeffer stimmt: „Wo ein Volk betet, da ist Kirche. Und wo Kirche ist, da ist nie Einsamkeit“. (zitiert bei Eberhard Bethge, Zwischen Finkenwalde und Tirpitzufer, 18)

    Liebe Mitbrüder, mir ist es ein Anliegen, dass unsere Pfarreien und Orte kirchlichen Lebens zu allererst Räume des Gebetes sind. Gönnen Sie sich und den anderen Zeiten des Gebetes bei den Konferenzen, bei den Teamgesprächen, bei den Versammlungen, bei den Gremiensitzungen. Öffnen Sie unsere Gotteshäuser für das persönliche Beten des Einzelnen, aber auch für das gemeinschaftliche Beten. Die Eucharistie ist Quelle und Höhepunkt allen kirchlichen Tuns. Aber da-mit ist sie nicht das einzige liturgische Tun der Kirche. Im Gegenteil: Sie soll und muss eingewoben sein in ein intensives Gebetsleben. Nur so wird sie gut vorbereitet und nur so kann sie ihre Wirkung entfalten. Unsere Kirche hat einen reichen Gebetsschatz. Den sollten wir nicht verstecken, sondern zum Glänzen bringen, die vielen Formen von Gebet, die die Kirche kennt: das Stunden-gebet, der Rosenkranz, die Anbetung, den Lobpreis, der Kreuzweg, das Ewige Gebet, Nightfever und vieles vieles mehr.

    Liebe Mitbrüder, bei der Konferenz der Spirituale, die vor einigen Wochen hier in Hamburg tagte, hat mich sehr bewegt die Äußerung eines Mitbruders, der etliche Jahre als Wissenschaftler gearbeitet hat und nun als Spiritual wirkt. Er erzählte sehr persönlich von seiner Schwester, die ihm, dem Priester, vor einiger Zeit noch einmal gesagt hat: „Einen Priester beten zu sehen, stärkt mich als Christin ungemein“. Vielleicht darf ich ganz im Sinne dieser Frau ergänzen: Mit einem Priester, mit einem Diakon, mit einem anderen Christen gemeinsam wirklich zu beten, das ist eine ungeheure Kraftquelle. Ich wünsche Ihnen dazu den nötigen Mut für sich selbst und die Ermutigung für die Gläubigen und unsere Gemeinden.

  • Predigt zur Diakonenweihe am 1. April 2017 / St. Marien-Dom in Hamburg / 01. 04. 2017

    (Schrifttexte: 1 Sam 3,1-10; Apg 6,1-7b; Mt 9,35-38)

    Liebe Schwestern und Brüder,
    liebe vier Weihekandidaten,

    Sie haben für den heutigen Gottesdienst Worte aus der Heiligen Schrift ausgewählt, die es in sich haben. Ich möchte nur einen – für mich – zentralen Satz aus der Apostelgeschichte herausgreifen.

    Die ganz junge Kirche kommt an ihrem Anfang zu einer für sie zentralen Erkenntnis: „Es ist nicht Recht, dass wir das Wort Gottes vernachlässigen“ (Apg 6,2).

    Da sind die ersten Christen gerade mal ein paar Jahre unterwegs, bis ihnen auffällt, dass sie Gottes Wort vernachlässigen. Gott sei Dank sagen sie das so frank und frei. Sie wissen, die Kirche und jeder einzelne Christ lebt von jedem einzelnen Wort, das aus Gottes Mund kommt. Deswegen können wir dem Wort Gottes gar nicht genügend Raum gewähren.

    Die junge Kirche hält auch der Kirche von Hamburg im Jahr 2017 sozusagen einen Spiegel vor das Gesicht: Wie hältst du es denn heute mit dem Wort Gottes? Könnte es sein, dass das Wort Gottes auch in deiner Mitte, Kirche von Hamburg, vernachlässigt wird? Vernachlässigt in dem Sinne, dass man diesem Wort nicht mehr allzu viel zutraut? Dass man ihm wenig Raum gibt? Dass seine Kräfte nachlassen? Weil wir vielleicht bessere und noch tollere Worte haben? Nachlassen in dem Sinne, dass wir den Wert dieses Wortes heruntersetzen? Dass wir es nachlassen wie im Schlussverkauf? Vielleicht, dass wir mit diesem Wort nachlässig umgehen? Oder nachlässig in dem Sinne, dass wir dieses Wort hinten ansetzen, es zurücklassen, im Stich lassen, übergehen, einfachhin liegen lassen und damit Schritt für Schritt vergessen? Fridolin Stier übersetzt den Vers in seinem neuen Testament: „Lasst das Wort Gottes nicht liegen“. Man kann es offenbar liegen lassen wie einen Schirm, den man vergisst.

    „Es ist nicht Recht, dass Wort Gottes zu vernachlässigen …“ Wenn wir das Wort Gottes vernachlässigen, dann läuft in dieser Kirche nichts. Dann läuft es zumindest nicht richtig herum. Dann werden wir nicht in die richtige Richtung geführt. Dann geht es der Kirche nicht gut!

    Die junge Kirche hat damit ein Grundgesetz für Kirche überhaupt formuliert. Es ist nicht möglich, ohne und am Wort Gottes vorbei Kirche zu sein. Und deswegen ist es auch unmöglich, Diakon zu werden ohne das Wort Gottes.

    Liebe Mitbrüder, gleich nach der Weihe werden Sie als ein ausdeutendes Zeichen des Weiheritus von mir das Evangelienbuch in die Hand bekommen – das Wort Gottes. Dieser kleine aber wichtige Ritus macht deutlich: Du, Georg, Hendrik, Florian und Werner, du vergisst das Wort Gottes niemals.

    Schade, dass Sie am vergangenen Samstag bei der Weihe unseres neuen Weihbischofs nicht dabei sein konnten, weil Sie schon in Ihren Exerzitien waren. Ein sehr eindrückliches Zeichen der Bischofsweihe besteht darin, dass der neugeweihte Bischof nicht nur das Evangelienbuch in die Hand überreicht bekommt wie Sie, sondern dass zwei Diakone es über ihm auffalten und er darunter wie in einem Zelt, wie in einem Häuschen geborgen ist und leben darf. Ein schönes Zeichen, das bedeutet, wohne im Wort Gottes. Sei im Wort Gottes zu Hause wie ein guter Hausvater. Jesus vergleicht einmal die Schriftgelehrten mit einem Hausherrn, der aus seinem reichen Vorrat Neues und Altes hervorholt (Mt 13,52). Bewegen Sie sich in der Heiligen Schrift wie in Ihrem zu Hause. Kennen Sie sich darin aus und lernen Sie Gottes Wort immer mehr und immer tiefer kennen und schätzen. Pflegen Sie dazu täglich die Lesung aus der Heiligen Schrift, das Meditieren, die wissenschaftliche Entfaltung und nicht zuletzt die Kontemplation.

    Wenn Sie so im Wort Gottes zu Hause sind, dann wird es Ihnen auch nicht allzu schwer sein, dieses Wort zukünftig als Diakon zu verkünden im Glaubensgespräch, in der Katechese, im Unterricht und vor allen Dingen auch in der Predigt im Gottesdienst. Eine Ihrer vornehmsten Aufgaben wird zukünftig ja darin bestehen, dass Sie in der Heiligen Messe die Frohe Botschaft werden vorlesen und dann und wann auch auslegen dürfen. Sie vollziehen damit die Diakonie des Wortes (vgl. 2. Vatikanisches Konzil, LG 29,1).

    Wenn Sie zukünftig das Wort Gottes verkünden, dann werden Sie gerade am Anfang aber hoffentlich auch, wenn Sie als Diakon und Priester einmal in die Jahre kommen, diesem Dienst immer wieder neu Aufmerksamkeit schenken und sich überlegen, wie Sie es am besten machen können. Es braucht eine gute Vorbereitung. Es braucht eine Kenntnis der Methoden der Verkündigung. Es braucht Esprit. Es braucht hier und da neue Ideen – und vor allem braucht es den Heiligen Geist. Papst Paul VI. hat in seinem Dokument über die Evangelisierung in der Welt von heute Evangelii Nuntiandi (1975) den Heiligen Geist als den „Erstbeweger der Evangelisierung“ bezeichnet. Sie wollen ja in der Verkündigung nicht nur Worte machen, kluge und gute. Sondern wenn Sie verkündigen, dann soll heute geschehen, was damals begann: Dass nämlich Gott sich mit dem menschlichen Wort verbindet und darin wirkt. So soll in Ihrem Wort Gott wirken. Und deswegen braucht es diesen „Erstbeweger“, der alle Ihre Worte von innen her durchdringt und Ihnen die Kraft gibt, die wir als Menschen gar nicht haben, sondern die nur aus Gottes Kraft kommen kann.

    Wer im Wort Gottes zu Hause ist, und wer daraus das Wort Gottes predigt und verkündet, der wird nicht umhin kommen, das Wort Gottes auch zu leben. Das Wort Gottes steht nicht neben unserem Leben. Dann würden wir es vernachlässigen. Das Wort Gottes steht mitten drin und es will sich mit unseren Worten und vor allen Dingen Taten verbinden. Es will in unsere Werke übergehen und aus ihnen heraus sprechen. Vielleicht kennen Sie jenes berühmte Gebet aus der Münsteraner Kirche St. Ludgeri. Dort hängt ein Kreuz, von dem im Zweiten Weltkrieg die Füße und die Arme abgerissen und zerstört wurden. Dabei steht ein Gebet:

    Christus hat keine Hände, nur unsere Hände, um seine Arbeit heute zu tun.
    Er hat keine Füße, nur unsere Füße, um Menschen auf seinen Weg zu führen.
    Christus hat keine Lippen, nur unsere Lippen, um Menschen von ihm zu erzählen.
    Er hat keine Hilfe, nur unsere Hilfe, um Menschen an seine Seite zu bringen.
    Wir sind die einzige Bibel, die die Öffentlichkeit noch liest.
    Wir sind Gottes letzte Botschaft in Taten und Worten geschrieben.

    Liebe Diakonanden, vernachlässigt das Wort Gottes nicht, sondern seid in ihm zu Hause! Verkündet dieses Wort! Setzt dieses Wort ins Leben um. Amen.

  • Bischofsweihe von Weihbischof Eberlein / Hamburg / 25. 03. 2017

    Es ist gerade einmal 14 Tage her, dass ich hier im Mariendom mit einem jungen Mann ins Gespräch gekommen bin. Neben seinem Beruf bleibt ihm noch viel Zeit, in der er sich u.a. ganz bewusst als Christ engagieren möchte. Er tut dies in einem sozialen Brennpunkt und in einer Gebetsgruppe mit anderen jungen Leuten. Schließlich meinte er: „Herr Bischof, ich habe Angst vor einer Kirche, die organisiert wird wie von Managern, die einem Apparat gleicht. Ich habe Sorge vor einer Kirche, in der man nicht beten lernt und auch nicht beten kann…“

    Liebe Schwestern und Brüder, ich kann die Sorge dieses jungen Menschen verstehen und ich weiß, dass es viele gibt, die sie mit ihm teilen.

    Kirche ist kein Apparat. Sie ist auch nicht einfach eine Institution. Kirche erschöpft sich nicht in ihren Funktionen. Sie ist mehr als eine soziologisch fassbare Größe.

    Kirche ist zu allererst Person.

    Heute, am 25. März, also neun Monate vor dem Weihnachtsfest, feiern wir den Ursprung dieser Kirche. Er liegt in der Stunde von Nazareth, von der wir gerade im Evangelium gehört haben. Gott geht in freier Initiative auf einen Menschen zu, auf Maria, und verheißt ihr die Geburt eines Sohnes. Dabei will Gott Maria in dieses Geschehen mit einbeziehen. Er will sie beteiligen. Er achtet ihre Freiheit und respektiert ihre Entscheidung. Gott nimmt das Ja-Wort, jenes Fiat: „Mir geschehe“ der Gottesmutter voll und ganz ernst. So wird sie in Gottes Pläne integriert und zur ersten Mitarbeiterin Gottes in seiner Kirche.

    In dieser marianischen Stunde liegt der Ursprung von allem, was in zweitausend Jahren Kirchengeschichte geschehen ist. In dieser Stunde liegt auch der Kern dessen, wie Kirche im Erzbistum Hamburg gelebt und gestaltet werden kann, nämlich nicht anders als damals. Kirche wird nicht gemacht, sondern sie wird geschenkt. Kirche wird nicht produziert, sondern sie wird in Jesus Christus geboren. Kirche wird nicht organisiert, sondern sie wird gelebt. Kirche entwickelt sich nicht in Strukturen und Apparaten, sondern in Menschen und Personen. Kirche können wir nicht machen, sondern Kirche können wir nur sein – wie Maria.
    Liebe Schwestern und Brüder, ich bin dankbar, dass am ersten Fastensamstag in diesem Jahr hier vor dem Altar in unserem Mariendom eine Reihe von erwachsenen Männern und Frauen sich vor der Gemeinde bereit erklärt haben, die Sakramente der Taufe, der Firmung und der Eucharistie zu empfangen. Sie sind hier vor den Altar getreten, haben hier vorne gestanden und jeder von ihnen hat in seiner ganz persönlichen Art gesagt: „Ich bin bereit“. Heute in einer Woche werden vier Männer wieder vor diesem Altar stehen und um die Diakonenweihe bitten. Jeder einzelne von ihnen wird wieder auf persönliche Art und Weise vor der Bistumsgemeinde bekennen: „Ich bin bereit“. Heute ist es Propst Horst Eberlein, der als neuer Weihbischof für unsere Diözese vor diesem Altar steht und sein unverwechselbares „Ich bin bereit“ spricht.

    Wozu ist der neue Weihbischof bereit?

    Er ist bereit für Gott, der sich auch heute der Kirche von Hamburg schenkt. Die Stunde von Nazareth ist ja längst nicht beendet, sondern sie geht weiter und setzt sich fort durch die Jahrhunderte und Jahrtausende. In jeder Zeit will Gott sich von neuem schenken, wie damals in der Stunde von Nazareth an Maria. Deshalb hat unser neuer Weihbischof als seinen bischöflichen Wahlspruch ein Gebet des seligen Bischofs Nils Stensen gewählt: „Jesus, sei mir Jesus“ – „Jesus, sis mihi Jesus“. In der Mitte seines Dienstes steht Jesus, der Mensch geworden ist und der auch heute immer wieder um unsere Bereitschaft wirbt, wie damals bei Maria.
    Lieber Weihbischof Horst, als Propst in Schwerin konntest Du Dich in den letzten Jahren noch mehr mit Niels Stensen auseinandersetzen. Du konntest dich gleichsam – ohne dass es Dir bewusst war oder dass Du es wolltest – in deinen zukünftigen Dienst als Bischof einüben. Das Sterbegebet des seligen Niels Stensen „Jesus, sei mir Jesus“ wird für Dich zum Lebensgebet. Unser aller Leben und Sterben, unser Sein oder Nichtsein als Kirche hängt einzig und allein davon ab, ob wir diesem Jesus trauen, ob wir ihm zutrauen, dass er stets neu unser Jesus in unserer Geschichte, im persönlichen Leben wie auch als Kirche von Hamburg ist und bleibt.

    Aber, lieber Weihbischof, Du bist nicht Bischof für Dich selbst. Keiner wird berufen für sich, sondern immer für die anderen. Deswegen ist damals Maria nach der Stunde von Nazareth aufgebrochen zu ihrer Verwandten Elisabeth, wo es in der berühmten Heimsuchung nicht nur zur Begegnung der beiden Frauen, sondern auch der beiden Kinder Jesus und Johannes im Mutterschoß kommt. Und Maria bricht ihr ganzes Leben lang immer wieder auf, selbst unter das Kreuz ihres Sohnes hin und in den Pfingstsaal hinein. Für Dich, lieber Horst, wird sich Dein Arbeitsbereich als Weihbischof wesentlich erweitern in unsere große Erzdiözese hinein. Aus Mecklenburg kommend wirst du neue Gemeinden, neue pastorale Räume und viele neue Menschen kennenlernen vor allem in Hamburg und Schleswig-Holstein. Ihnen darfst Du, wie Maria, Jesus bringen, Jesus weitersagen, Jesus feiern in den Gottesdiensten und Sakramenten. Das II. Vatikanische Konzil sagt in seinem Dekret über die Hirtenaufgabe der Bischöfe in der Kirche: „Bei der Erfüllung ihres Lehramtes sollen die Bischöfe den Menschen die Frohbotschaft Christi verkünden; das hat den Vorrang unter den Hauptaufgaben der Bischöfe“ (CD12). Noch prägnanter sagt es der Heilige Augustinus in einer Predigt über sein Bischofsamt: Ich bin Ausspender, kein Eintreiber! Aus dem „Jesus, sis mihi Jesus“ wird ein „Jesus, sis nos Jesus“ – „Jesus, sei uns Jesus“.

    Schwestern und Brüder, gleich nach der Bischofsweihe, die durch Handauflegung und Gebet gespendet wird, wird unser Weihbischof die Insignien seines neuen Amtes empfangen.

    Er wird von nun an einen Ring tragen: Den Ring der Treue zu diesem Gott, der ihn persönlich ruft und erwählt. Der Ring soll Dich immer an diese persönliche Nähe erinnern. Es ist der Ring von Bischof Heinrich Theissing, der Dich vor 40 Jahren zum Priester geweiht hat. Er hat ihn am Ende des II. Vatikanischen Konzils erhalten. Dieser Ring ist nicht nur ein Zeichen der Treue zu Christus, sondern er stellt Dich auch in die Kontinuität der über 2000 Jahre Kirchengeschichte. Er ist Auftrag, mit dem Blick des II. Vatikanischen Konzils auf die Welt und die Menschen zu schauen und zuzugehen.

    Dann wirst Du als Zeichen des Bischofs beim feierlichen Gottesdienst eine Mitra, die Bischofsmütze, tragen. Sei darunter stets gut behütet von dem Gott, der Dich hierher geleitet hat und der Dich auch in Zukunft gewiss nie verlassen wird.

    Und schließlich erhältst Du den Bischofsstab. Du übernimmst ihn von Bischof Theodor Hubrich. Ein schlichter Holzstab, in dessen Krümme der Gute Hirt und ein Schaf zu sehen sind. Das erste Schaf, dem sich dieser Hirt zuwendet, bist Du selber. Und danach kannst Du selber Hirte sein für die vielen Glieder seiner Herde in unserem Erzbistum und für die vielen, die nicht mehr oder noch nicht dazu gehören. Am Stab kannst Du Dich festhalten. Im sogenannten Direktorium für den Hirtendienst der Bischöfe (vom 22. Februar 2004) heißt es (unter Nr. 36): „Das Gebet ist für den Bischof wie der Stock, auf den er sich auf seinem täglichen Weg stützt“. Leg den Stab des Gebetes nie aus Deinen Händen. Bleibe stets in der Zwiesprache mit dem guten Hirten. Sei wie der selige Niels Stensen, ein betender Bischof, denn im Gebet bleiben wir stets in der Stunde von Nazareth drin. Und aus dem Gebet gewinnen wir die Kraft, wie Maria in Ort und Zeit hinauszugehen und anderen Menschen die Frohe Botschaft zu verkünden. Der Bischof und alle anderen Amtsträger der Kirche sind nicht Verwaltungsdirektoren einer Organisation, nicht Präsidenten eines Konzerns und auch nicht Manager einer Religionsbewegung. Sie sind vor allem und immer wieder Zeugen des Evangeliums. So ist und bleibt die Kirche in allen ihren Gliedern persönlich wie in Nazareth und wir gehen hoffnungsvoll in die Zukunft.

  • Vortrag im Anschluss an den ökumenischen Gottesdienst / Itzehoe / St. Ansgar / 01. 03. 2017

    „Fasten, wozu?“ - Neue Zugänge zum Fasten

    1. Fasten liegt im Trend und scheint gesund zu sein. Die FAZ brachte am 1. Januar 2017 einen Artikel unter der Überschrift „Der Hunger ist ein Tyrann, dem wir trotzen sollten“ . Die Autorin berichtet von acht amerikanischen Abenteurern, die ein mögliches Leben auf dem Mars simuliert haben. Dafür haben sie zwei Jahre in einem abgeschotteten Kuppelbau mit einem eigenen Ökosystem gelebt und mussten sich selber mit Ackerbau und Viehzucht versorgen. Pannenbedingt wurde das Essen bald knapp, aber alle acht haben durchgehalten. Das Ergebnis: Sie waren alle schlanker aber nicht mangelernährt. Die Blutwerte waren wie die von kleinen Kindern. „Die Fastenkur wirkte wie ein Jungbrunnen für die Teilnehmer.“
    Wissenschaftler empfehlen, um diesen Effekt im Alltag zu erreichen, das intermittierende Fasten, also zeitweilige Essenspausen: „mehrere Tage im Monat, einen bis zwei Tage in der Woche, jeden zweiten Tag oder 14 bis 18 Stunden am Tag.“ Manche Krebsforscher ergänzen mit Fastenempfehlungen sogar ihre Krebstherapie. Unter Hunger geht der Körper an die Reserven und baut wohl zuerst schädlich Zellen ab, da die meist schwächer sind.

    2. Was durch Gesundheitsforschung und -trends (bspw. das umstrittene Heilfasten) neu in den Blick kommt, war schon lange Teil unserer Frömmigkeitstradition: Askese des Mönchtums, Fastenzeit etc. Auch die katholische Tradition, außerhalb der Fastenzeit (mittwochs und) freitags etwa auf Fleisch zu verzichten, hat mit dem Veggie Day Konjunktur – auch wenn der meist leider nicht auf einem Freitag liegt.
    In Zeiten, in denen die Pflege der eigenen Gesundheit immer wichtiger wird, scheinen die Erkenntnisse zur gesundheitsfördernden Wirkung des Fastens genau zu passen. Es spricht nichts dagegen, dass Fasten gesund ist. Aber wenn uns unsere Suche nach Gesundheit im Fasten mehr und mehr einnimmt (‚Gesundheitswahn‘), dann erreichen wir eher das Gegenteil von dem, worum es beim Fasten wirklich geht.

    3. Der Verzicht und das Weniger der Fastenzeit sind ja nicht Selbstzweck, sondern Ausdruck einer inneren Bewegung auf Christus. Die Fastenzeit, die Österliche Bußzeit – bzw. Passionszeit, wie unsere evangelischen Schwestern und Brüder sie nennen – ist die Vorbereitungszeit auf die Osterfeier. Die alte Kirche erweiterte die ursprünglich für die Taufbewerber gedachte Vorbereitung auf die Gesamtgemeinde mit Fasten, Gebet, Buße und Almosen bzw. „sozialem Engagement“, wie man heute sagen würde.
    Wir nehmen in diesen vierzig Tagen unser Leben neu in den Blick. Oder vielleicht besser: Wir stellen unser Leben unter den Blick Gottes, um uns neu auf ihn auszurichten. Als Christen vergegenwärtigen wir uns wieder das, was wir in der Taufe empfangen haben und was wir seit dem sind: neu in Christus. Die mit Weihwasser beträufelte Asche, mit der wir am Beginn der Fastenzeit bezeichnet werden, ist ein symbolischer Ausdruck dafür: Zum einen sind wir endlich („zum Staub kehrst du zurück“) und müssen daher jetzt umkehren. Zum anderen ist Asche in früheren Zeiten als Reinigungsmittel verwendet worden und erinnert uns daran, unser Leben „zu reinigen“. Die Zielrichtung dieser Umkehr und ‚Reinigung‘ macht das Weihwasser deutlich, das an unsere Taufe erinnert. Wir sind eben nicht nur vergänglicher Staub, sondern gleichzeitig auch unverlierbar Kinder Gottes.

    4. Fasten als Weniger. Das „Weniger“, der Verzicht ist wohl das, was die meisten Menschen – auch über die Kirchen hinaus – mit der Fastenzeit verbinden: Keine Süßigkeiten, kein Alkohol, keine Zigaretten, kein Fleisch etc. Seit einiger Zeit liegt auch der Verzicht auf Medien im Trend: WhatsApp-Fasten, Facebook-Fasten, Fernseh-Fasten etc.
    Wir reduzieren äußere Dinge wie Essen, Medien etc., um zum Inneren zu gelangen. Reduzieren bzw. Reduktion kommen vom lateinischen reducere, dt. zurückführen. Wir machen, essen, konsumieren weniger, leben aber dafür intensiver. Ignatius von Loyola sagt, „nicht das Vielwissen sättigt die Seele und gibt ihr Genüge, sondern das Fühlen und Kosten der Dinge von innen.“ Man könnte auch sagen, wir bewegen uns in der Fastenzeit von der Weite des vielen in die Tiefe des weniger.
    Das Weniger hat dabei auch einen ‚pädagogischen Effekt‘: Der konkrete Verzicht und die damit verbundenen Gegensatzerfahrung kann Ostern intensiver erlebbar machen. Wer in den Wochen vor Ostern verzichtet und dann an Ostern das Fasten beendet, verstärkt dadurch das spirituelle Miterleben der Dynamik von Leid, Tod und Auferstehung Jesu Christi.
    Wir stellen allzu gute Gewohnheiten wie etwa die Schokolade am Abend für sieben Wochen zurück oder lösen uns von falschen Bindungen an unsere Smartphone-Apps. „Alles ist mir erlaubt – aber nicht alles nützt mir. Alles ist mir erlaubt – aber nichts soll Macht über mich haben.“ (1Kor 6,12), sagt Paulus. Dieser tiefere Sinn sollte auch bei unserer Auswahl, was wir konkret fasten, leitend sein: Was macht mich frei? Was tut mir gut? Was führt mich in die Tiefe? Was öffnet mich für andere? Das Weniger ist dann vielleicht eher ein Loslassen als ein Verzicht.

    5. Fasten als Mehr: mehr Ich. Das „mehr Ich“ klingt zunächst missverständlich. Geht es nicht gerade darum, von mir loszulassen? Umkehr und Erneuerung beginnen bei mir und nicht bei anderen. Deshalb dürfen wir auch uns selber in dieser Zeit in den Blick nehmen: unsere Schattenseiten, Sünden wie auch unsere Träume, (ungehobenen) Talente etc.
    Die Fastenzeit kann die Gelegenheit sein, Körper und Seele wieder in Einklang zu bringen. „Tu deinem Leib etwas Gutes, damit deine Seele Lust hat, darin zu wohnen“ (Teresa von Avila): Sport, Spaziergang, gesundes Essen, Lesen, Freunde anrufen, etc. Für Familien mit kleinen Kindern ist das sicher oft schwierig. Aber vielleicht bietet die Fastenzeit die Gelegenheit, sich neu bewusst zu machen, dass wir neben bzw. in familiären und beruflichen Rollen immer auch Glaubende und Liebende sind.
    Die ehrliche Begegnung mit uns selber kann uns öffnen für die wirkliche Begegnung mit Gott.

    6. Fasten als Mehr: mehr Gott. In der Bibel steht ein Fasten meist vor Gottesbegegnung oder dem Aufbruch in die Mission bzw. zu anderen. Wenn unser Fasten ein Weniger an zeitraubenden Dingen ist (Medien etc.), können wir Gott einladen diese Zeit zu füllen und uns von ihm erneuern zu lassen.
    Mögliche geistliche Elemente dieser Erneuerung: Die in der Taufe besiegelte Umkehr wird neu vollzogen in der Reflexion des eigenen Lebens und der Versöhnung mit Gott. Hier hat auch das Sakrament der Versöhnung, die Beichte, seinen Ort. Lesen der Bibel/eines bestimmten Buches mit der Frage „Gott, was willst du mir heute sagen?“ Gebet in den verschiedenen Formen. Betrachtung von Ikonen. Lesen geistlicher Texte... Wichtig ist auch hier nicht so sehr ein quantitatives mehr, sondern ein qualitatives: Gott Aufmerksamkeit schenken, meine Beziehung zu ihm erneuern.

    7. Fasten als Mehr: mehr Nächster. Fasten ist auch ein Mehr bspw. an echter Zeit und Aufmerksamkeit für Familie/Freunde sowie an Engagement und Gaben für Bedürftige. Jes 58,6f: „Ist nicht das ein Fasten, wie ich es wünsche: die Fesseln des Unrechts zu lösen, die Stricke des Jochs zu entfernen, Unterdrückte freizulassen, jedes Joch zu zerbrechen? Bedeutet es nicht, dem Hungrigen dein Brot zu brechen, obdachlose Arme ins Haus aufzunehmen, wenn du einen Nackten siehst, ihn zu bekleiden und dich deiner Verwandtschaft nicht zu entziehen?“
    Fasten hat auch eine soziale bzw. politische Dimension, indem es ein Zeichen für Solidarität mit anderen ist (Bsp. Hungermärsche, Fastensuppeessen, Misereor-Fastenaktion). Das beliebter werdende Fasten aus ökologischen Gesichtspunkten (40-tägiger Verzicht auf Auto oder Plastik) erweitert diese Dimension noch.

    8. Fasten als (Lebens)Haltung der Frei- und Selbstwerdung. Das Weniger und die verschiedenen Mehr’s der Fastenzeit schließen sich nicht aus, sondern gehören im richtigen Maß zusammen. Man könnte sagen, Fasten ist eine Grundhaltung, die ich als Mensch einnehme. Unser deutsches Wort Fasten hängt mit dem englischen fasten zusammen. Wir kennen es aus dem Flugzeug: Fasten seatbelts! Das Fasten will uns festigen, verankern, festmachen in Gott.

    9. Beispiel Bruder Klaus. In diesem Jahr ist nicht nur 500 Jahre Reformation, sondern auch 600 Jahre Nikolaus von Flüe. Nikolaus wurde 1417 als Bauernsohn in Schweizer Kanton Obwalden geboren. Er bewirtschaftet einen stattlichen Hof und bekommt mit seiner Frau Dorothea zehn Kinder, wird Richter und Ratsmitglied. Mit 50 Jahren entschließt er sich – geführt von einer Vision – die Familie und seine Ämter zu verlassen und ein asketischer Einsiedler zu werden. Sein ursprünglicher Plan, auszuwandern, verwirklicht sich nicht. Stattdessen baut er durch eine Vision geleitet eine Klause in einer Schlucht hinter seinem Hof. Dort lebt er die letzten 20 Jahre seines Lebens und ernährt sich nur von der Eucharistie. Der Mystiker wird bewundert für seine Spiritualität und geschätzt für seinen Rat – auch bei politischen Vermittlungen.
    Sehr bekannt ist ein Betrachtungsbild, das ihm für seine Einsiedelei geschenkt wurde. „In diesem Bilde betrachtete Bruder Klaus das eine und dreifaltige, unermessliche Wesen Gottes. Er nannte das Bild ‚mein Buch‘, worin er (als Analphabet) lerne und die Kunst der Glaubenslehre zu verstehen suche. Hauptbestandteil des Bildes sind die beiden Kreise in der Mitte: der innere mit dem Gottesantlitz und der äußere, der durch drei auslaufende und drei einlaufende Strahlen mit dem Innern verbunden ist. Die sechs um die Kreise angeordneten Medaillons reden von den Großtaten der Liebe Gottes (von unten in der Mitte im Uhrzeigersinn): Verkündigung, Geburt Jesu, Schöpfung, Passion, Kreuzestod und Eucharistie. Die vier Ecken sind mit den Evangelistensymbolen ausgefüllt.“
    Ich möchte, wenn ich Bruder Klaus als Beispiel anführe, nicht für das Verlassen von Partnern und Kindern werben. Aber Bruder Klaus macht mit seinem Einsiedlerleben hinter seinem Hof eines deutlich: „Er brauchte – auch das vielleicht symbolisch – nicht in die Ferne schweifen, um seiner Bestimmung zu folgen, sondern einfach knapp neben dem Gewohnten in die Tiefe gehen.“ Ein Sinnbild für die Fastenzeit: Nicht immer sind radikale Schnitte nötig, sondern genauso wichtig ist es, dem Alltag Tiefe zu verleihen. Fasten muss nicht heißen, alles von heute auf morgen zurück zu lassen, sondern das Leben aus der Begegnung mit Christus neu gestalten zu lassen.

    10. Fasten und Ökumene. Erlauben Sie mir noch eine Bemerkung zur Reformationsgeschichte und zur heutigen ökumenischen Bewegung. Die (in der damaligen Situation durchaus berechtigte) reformatorische Kritik an der Werkgerechtigkeit wirkt bis heute nach. Vor allem für die Reformation um Calvin und Zwingli war das Fasten ein zentraler Punkt. Zwingli: „Kein Christ ist zu den Werken, die Gott nicht geboten hat, verpflichtet. Er darf also zu jeder Zeit jegliche Speise essen.“ Entsprechend kam es in Zürich am 1. Fastensonntag des Jahres 1522 zum berühmten Wurstessen. Ich habe gelesen, dass es als symbolischer Ausdruck der reformatorischen Umwälzungen für die Schweiz ein analoges Ereignis wie für Deutschland der Wittenberger Thesenanschlag war.
    Wir begehen den 18. Ökumenischen Aschermittwoch. Ich bin dankbar, dass wir heute Abend den Aschermittwoch ökumenisch begehen können. Die theologische und v. a. auch menschliche Annährung zwischen den Kirchen findet so auch Ausdruck im konkreten gemeindlichen Leben vor Ort. Wir haben uns als Konfessionen gegenseitig geholfen, dem Fasten in der richtigen Art und Weise auf der Spur zu bleiben. Durch die Reformation wurden wir Katholiken angestoßen, uns dem eigentlichen Sinn des Fastens bewusst zu machen. Unsere Evangelischen Geschwister konnten es dann für sich wiederentdecken – etwa durch die in den 1980er gegründete Aktion „7 Wochen ohne“. Heute auch Aktion „7 wochen anders leben“ des ökumenischen Vereins Andere Zeiten mit Impuls-Briefen, Internetforum etc., als Einladung diese Zeit bewusst zu leben.

    11. Konkrete Tipps. Zum Schluss möchte ich Ihnen noch ein paar konkrete Tipps vorstellen, die mir bei Fasten hilfreich erscheinen: Nehmen Sie sich etwas Konkretes vor und schreiben es ggf. auf, evtl. in Form eines Fasten-Tagebuchs. Überfordern Sie sich nicht. Das Vorhaben einer radikalen Lebenswende verläuft meist im Sande. Lieber kleine, aber konkrete Schritte gehen. Wenn Vorhaben gebrochen werden, einfach neu anfangen und vllt. fragen, warum. Sparsam sein mit Ausnahmen. Sie müssen sich anderen ggü. nicht rechtfertigen, erzählen Sie einfach von Ihrer Freude an den 40 Tagen. Überlegen Sie sich, was nach der Fastenzeit bleibt. Bei echten Abhängigkeiten hilft keine Fastenzeit, sondern nur professionelle Unterstützung. Fasten kann man nur selber wollen, nicht aber anderen verordnen.

    Und: Wir können uns einfach Gott in dieser Zeit besonders anvertrauen. Von Bruder Klaus stammt ein Gebet, das wir in der Fastenzeit immer wieder sprechen können: „Mein Herr und mein Gott, nimm alles von mir, was mich hindert zu dir. Mein Herr und mein Gott, gib alles mir, was mich fördert zu dir. Mein Herr und mein Gott, nimm mich mir und gib mich ganz zu Eigen dir.“

    12. Ich wünsche Ihnen, dass Sie die kommenden vierzig Tage (die Sonntage als ‚Osterfeste‘ sind natürlich ausgenommen) intensiver und freier auf Karfreitag und Ostern und damit auf unseren Herrn selber zugehen können. Die Fastenzeit ist keine Bürde, sie ist eine Chance!

  • Predigt anlässlich der Eröffnung der St. Ansgar-Woche / St. Marien-Dom zu Hamburg / 29. 01. 2017

    Es gilt das gesprochene Wort

    (Lesungen: Zef 2,3; 3,12-13; 1 Kor 1,26-31; Mt 5,1-12a)


    Liebe Schwestern und Brüder,

    heute beginnen wir unsere Ansgarwoche. Der Vorbereitungskreis hat im Jahr des Reformationsgedenkens das Motto gewählt „Luther entdecken“. Viele Veranstaltungen, Diskussionen und nicht zuletzt auch Gottesdienste wollen Impulse von Martin Luther aufgreifen. Aber sie wollen nicht bei Martin Luther stehen bleiben, sondern sie wollen sich von ihm anregen lassen. Papst Benedikt XVI. hat im September 2011 bei seinem Besuch im Augustinerkloster Erfurt im kleinen Kreis an den Glaubensweg Martin Luthers erinnert: „Auf diesem Weg ging es ihm ja nicht um dieses oder jenes. Was ihn umtrieb, war die Frage nach Gott, die die tiefe Leidenschaft und Triebfeder seines Lebens und seines ganzen Weges gewesen ist“. Es ist also die Gottesfrage, in der sich nicht nur das Erbe der Reformation, sondern unser ganzes Christsein verdichtet – heute 500 Jahre danach in einer globalisierten und zunehmend säkularisierten Welt.

    Ähnliche Erfahrungen hat es in der Geschichte des Volkes Gottes immer wieder gegeben. Die Lesung aus dem kleinen Buch Zefanja aus dem Alten Testament führt uns in eine Zeit zurück, in der das Nordreich Israels untergegangen war. Für Jerusalem sieht die Zukunft finster aus. Zefanja nennt diese Realität schonungslos beim Namen. Er weiß auch, dass viele diese Situation ausnutzen und zu Ungerechtigkeiten in der Gesellschaft beitragen. Aber er fordert dazu auf, niemals vor Macht und Gewalt zu kapitulieren. Im Gegenteil: Das Volk Israel soll seine Hoffnung nicht verlieren und auf nichts und niemand anderes vertrauen, als auf Gott allein.

    Der Apostel Paulus setzt diesen Gedanken in der zweiten Lesung geradezu fort: „Seht doch auf eure Berufung“. Gott beruft in seinem Volk jeden Einzelnen. Dabei scheint er zu allererst nicht auf Leistungen und Qualitäten abzuheben. Sondern er hat eher die Schwachen im Blick, die Kleinen, die Zurückhaltenden, die am Rand Stehenden, die, die vielleicht am allerwenigsten von einer eigenen Berufung durch Gott ausgehen. Paulus nennt uns auch den Grund: Keiner soll sich selber rühmen. Berufung ist Gottes freies Geschenk, ohne dass ich es selber machen oder auch nur erwarten dürfte. Deswegen ist die richtige Antwort darauf nicht Eigenlob oder Selbstüberheblichkeit, sondern Dank und Gotteslob.

    Schwestern und Brüder, diese beiden Lesungen sind geradezu die Steilvorlage für das Evangelium von den Seligpreisungen. Zefanja und auch Paulus gehen von einem demütigen und armen Volk aus, von Menschen, die bescheiden auf sich selber schauen und alles von Gott erwarten. Genau diese Menschen preist Jesus selig. Er preist sie aber nicht deshalb selig, weil sie trauern, gewaltlos sind, hungern und dürsten. Er preist nicht ihre Mittellosigkeit und ihre Verfolgungssituation an sich. Er preist sie, weil Gott Ihre Bedürftigkeit sieht und füllen möchte. Jesus weiß, dass hinter der Not Menschen stecken, die sich von Gottes Seligkeit beschenken, durchdringen und verwandeln las-sen.

    Schwestern und Brüder, die Gesellschaft aber nicht erst sie, sondern auch die Kirche lebt davon, dass es Menschen gibt, die die Bergpredigt leben. Ich hoffe, dass die kommenden Tage uns dazu helfen, Luther zu entdecken. Aber wir dürfen auch unseren Bistumspatron Ansgar wieder neu entdecken. Mit Sicherheit hat er als Mönch, als Missionar und als Bischof hier im Norden versucht, den Geist der Seligpreisungen und des Gottvertrauens zu leben und zu verkünden.
    Amen.

  • Predigt anlässlich des 22. Gründungstages des Erzbistums Hamburg / St. Marien-Dom zu Hamburg / 07. 01. 2017

    Es gilt das gesprochene Wort.


    Liebe Schwestern und Brüder,

    genau heute vor 22 Jahren am 7. Januar 1995 wurde das Erzbistum Hamburg gegründet und der erste neue Erzbischof Ludwig Averkamp hier im Mariendom eingeführt. Es trifft sich gut, dass wir heute am Geburtstag das Fest der Taufe Jesu feiern und damit selbstverständlich auch an unsere eigene Taufe erinnert werden. Wir werden damit an den Ursprung unseres Christseins zurückgeführt. Unser Christsein beginnt mit unserer Taufe. Die Taufe ist uns schlicht und einfach geschenkt worden. Bei aller Vorbereitung, die gut und sinnvoll ist, und bei aller Nachbereitung, die auf die Taufe im Laufe des Lebens folgen soll: Unsere Taufe ist und bleibt ein Geschenk. Wir können es nicht erwerben, wir haben keinen Anspruch darauf, wir können es nicht durch Leistung sozusagen erzwingen. Die Taufe ist und bleibt immer gratis. Mir persönlich wird das sehr sinnfällig deutlich, wenn ein kleines Kind getauft wird, ein Baby, das noch gar nichts kann. Ihm wird die Taufe einfach geschenkt.

    Seit meiner Taufe ist mir klar: Mein Leben steht unter der unverbrüchlichen Zusage der Liebe Gottes. Das, was wir an der Taufe Jesu Christi erkennen können, geschieht auch in unserer Taufe. Die Stimme aus dem Himmel sagt auch zu jedem Täufling wieder neu: Du bist mein geliebtes Kind!

    Zu dieser Liebeserklärung steht Gott immer und auf jeden Fall! Er wird sie nie und nimmer zurück-nehmen – komme, was da wolle.

    In diesem Anfang liegt eine derartige Kraft, die es sich lohnt im Laufe des Lebens zu entfalten. Es kommt mir so vor, als sei in dem kleinen Anfang der Taufe die ganze Kraft eines christlichen Lebens wie eingefaltet. Dieses Potential sollte nicht in der Ecke liegen, unbenutzt, unverbraucht, sondern es sollte förmlich entfaltet werden wie ein frisch gebügeltes Taschentuch. Wir sollten es nicht machen wie mit den Taschentüchern unserer Vorfahren, die reich bestickt und schön verziert sind und die wir, weil sie so schön sind, am liebsten in der Schublade oder im Schrank liegen lassen. Das, was da förmlich eingefaltet ist, sollte entfaltet werden – Stück für Stück – Tag für Tag.

    Vor kurzem habe ich ein Gespräch mit einem ausländischen Priester führen können, das mich sehr bewegt hat. Dieser Mitbruder hat zunächst einen ganz anderen Weg eingeschlagen und einen Beruf erlernt, in dem er einige Jahre tätig war. Immer hat ihn irgendwie seine Herkunft belastet. Nicht unbedingt die einfachen Verhältnisse, aus denen er stammt, sondern vielmehr die Tatsache, dass er seinen Vater nie kennenlernen konnte, weil er sozusagen in einem, wie man das heute aus-drückt, One-Night-Stand gezeugt wurde. Irgendwie lastete auf ihm immer das niederdrückende Gefühl, das er in den kurzen Satz packte: „Ich bin das Produkt einer Sünde“. Es hat lange gebraucht und es war wie ein Wunder, bis ihm eines Tages deutlich wurde: Nein, du bist nicht das Produkt einer Sünde, sondern du bist das Produkt der Liebe Gottes. Diese neue Sicht, diese Umkehr in seinem Leben hat ihn derart verändert, dass er eine priesterliche Berufung erfuhr. Und schon bald nach seiner Priesterweihe trug ihm sein Bischof auf: Das was du selber erfahren hast, sag es anderen – mehr brauchst du gar nicht zu tun.

    Liebe Schwestern und Brüder, du bist durch Gottes Liebe gewollt, du bist durch Gottes Liebe entstanden. Die Taufe bringt dir das sinnfällig zum Ausdruck. Entfalte es schlicht und einfach dein Leben lang.

    Wenn wir aus dieser Berufung unserer Taufe leben und wenn es in unserem Erzbistum immer mehr Menschen tun, dann ist die Zukunft des Erzbistums Hamburg gesegnet.

    Herr, erneuere deine Kirche und fange bei mir an.

  • Predigt am Hochfest der Erscheinung des Herrn / St. Marien-Dom zu Hamburg / 06. 01. 2017

    Es gilt das gesprochene Wort.


    Liebe Schwestern und Brüder,

    in den Tagen zwischen Weihnachten und Neujahr hatte ich ein besonderes Vergnügen. Zum ersten Mal in meiner Hamburger Zeit habe ich die hiesige Staatsoper besucht und dort das Weihnachtsoratorium von Johannes Sebastian Bach gehört – und gesehen. Schon viele Male habe ich dieses Oratorium, jedenfalls in Teilen, von einem Orchester und einem Chor dargeboten bekommen. In diesem Jahr habe ich es zum ersten Mal nicht nur mit Chor und Orchester gehört, sondern auch von einem Ballett hier in der Staatsoper unter der Leitung von John Neumeier dargestellt und getanzt gesehen. Das Ganze hat mich fasziniert und einen bleibenden Eindruck hinterlassen.
    Lebendig vor Augen steht mir noch König Herodes. Die Bühne ist nahezu leer und Herodes mit seiner funkelnden Krone auf dem Kopf tanzt um sich selbst. Er ist so eitel und in sich verliebt, dass er sich selber zu genügen meint. Er dreht sich um sich. Dann kommt es, wie es kommen muss: Ihm wird die Krone vom Kopf genommen und weil sie nichts weiter ist als Papier und Pappmaschee, zerknüllt jemand diese Papierkrone in der Hand und weg ist sie. Nichts mehr bleibt von der Herrlichkeit und Leichtigkeit des tänzelnden Herodes.

    Dem gegenüber diese drei, die wir als Weisen oder Magier oder eben als Könige bezeichnen. Sie tanzen nicht um sich selbst (wie die Israeliten um das goldene Kalb). Die drei Weisen aus dem Morgenland haben eine Ausrichtung. Sie haben ein Ziel vor Augen und auf das hin sind sie bleibend unterwegs. Und an diesem Ziel angekommen, drehen sie nicht eine Pirouette nach der anderen um sich, sondern bringen es fertig, sich niederzuknien und anzubeten. Manche Krippendarstellungen führen uns dann vor Augen, wie die Könige ihre Kronen vom Haupt nehmen und ehrfürchtig vor dem Kind niederlegen. Sie legen ihre Krone ab, weil der einzige Herrscher in der Krippe niemand anders ist als das Kind selbst.
    Die Ehre gehört eben nicht dem römischen Kaiser Augustus, erst recht nicht König Herodes, sie gebührt keinem der Machthaber von damals und heute, keinem der Trumps, Putins, Erdogans unserer Tage, keinem der Multimilliardäre oder Wirtschaftsgrößen, Popstars oder wessen Stern am Himmel gerade aufscheint. Die Ehre gehört Gott allein!
    Dieser Gott macht es uns dabei eigentlich ziemlich leicht. Er kommt ja gerade nicht mit Glanz und Gloria. Er kommt erst recht nicht mit Gewalt und Macht, mit seinen Truppen und Garnisonen, seinen Geheimdiensten oder Kontrolleuren. Er kommt wehrlos in der Gestalt eines kleinen Kindes. Er ist entwaffnet und vollkommen wehr- aber keineswegs harmlos!
    Seine Macht ist am allergrößten in der Ohnmacht. Egal ob es die Ohnmacht des kleinen Kindes in der Krippe ist, oder die Ohnmacht am Kreuz. Beide Male ist es ein und dieselbe Königsherrlichkeit, die uns umstrahlt. Und egal ob wir nun vor der Krippe niederknien und den Neugeborenen anbeten oder ob wir in einigen Monaten Karfreitag in unseren Kirchen im Mittelgang nach vorne kommen und vor dem Kreuz eine Kniebeuge machen: Wir beten den ohnmächtigen Gott an, dem allein die Ehre gebührt.
    Liebe Schwestern und Brüder, geben wir im neuen Jahr keinem anderen die Ehre als Gott allein!
    Amen

  • Silvesterpredigt 2016 / Hamburg / 31. 12. 2016

    Es gilt das gesprochene Wort

    Liebe Schwestern und Brüder,

    wieder stehen wir am Ende eines Jahres, in dem die Friedensbotschaft der Engel am Heiligen Abend mehr Sehnsucht als Realität ist. Man braucht dazu nur einige Städtenamen nennen, die für Krieg, Verfolgung oder Terror stehen: Aleppo, Kairo, Istanbul, Kabul ... und jetzt auch Berlin. Manchmal frage ich mich besorgt – und vielleicht geht es Ihnen genauso –, ob sich auch Hamburg irgendwann in dieser Liste finden wird oder ob und wann endlich Frieden sein wird.

    Vor kurzem las ich in einer Zeitschrift den Artikel eines „Flüchtlingspaten“. Er er-zählt, wie er mit zwei syrischen Flüchtlingen Münster besucht und berichtet: „Dann habe ich sie ins Rathaus mitgenommen und vom Westfälischen Frieden, dem zuvor geführten Dreißigjährigen Krieg, von den marodierenden Armeen und von der Ermordung eines Drittels der Menschen damals in Mitteleuropa erzählt. Reaktion: Ganz wie heute in Syrien. Dann waren wir im Dom; dort habe ich ihnen von Kardinal von Galen, von seinen Predigten in den Ruinen des Domes und von der Angst der Nazigrößen erzählt, die sich nie getraut hatten, Münster zu betreten, weil da dieser von Galen ihnen entgegengetreten war mit all seinen (gläubigen) Bürgern. Reaktion: Ganz wie heute in Syrien; nur – wir haben keinen von Galen; in Syrien reden sie nicht miteinander wie im Friedenssaal nach dem Dreißigjährigen Krieg.“ (Franco Rest in Katholische Bildung 11/2016, S. 463f)
    „...wir haben keinen von Galen; in Syrien reden sie nicht miteinander wie im Friedenssaal nach dem Dreißigjährigen Krieg...“ Liebe Schwestern und Brüder, die zwei Syrer machen darauf aufmerksam, was es für den Frieden braucht: Engagement und Dialog. Es braucht Menschen, die sich für den Frieden engagieren und es braucht den fruchtbaren Dialog zwischen Menschen, Parteien und Staaten und Religionen. Was es hingegen nicht braucht, macht Papst Franziskus in seinem Wort zum morgigen Weltfriedenstag deutlich: „Die Gewalt ist nicht die heilende Behandlung für unsere zerbröckelte Welt.“ (Papst Franziskus: Gewaltfreiheit: Stil einer Politik für den Frieden. Botschaft zum Weltfriedenstag am 1. Januar 2017)

    Wenn wir von Menschen sprechen, die sich für Frieden einsetzen, dann sind das keine ‚braven Schweiger’, die sich heraushalten. Kardinal von Galen, der die Syrer beeindruckt hat, hat mit seinen Predigten sein Leben riskiert. Auch heute setzen sich Christen in Gebet, Wort und Tat mutig für Frieden und die Menschenrechte ein. Ich denke etwa an die katholische Gemeinschaft Sant’Egidio. Ihre Mitglieder engagieren sich aktiv für den Frieden und setzen sich für Flüchtlinge ein, auch wenn das unpopulär ist.
    Papst Franziskus fordert uns auf, zu „Handwerkern des Friedens“ (s. o.) zu werden. Handwerker sind Menschen, die anpacken. Friede entsteht nicht durch Unterlassen. Aktive Gewaltfreiheit ist nicht nur das Ende der Gewalt, sondern das Engagement für Versöhnung und Entwicklung. Die Masse der negativen Nachrichten führt oft zu Abstumpfung oder zu einem Gefühl der Ohnmacht. Aber wir dürfen das nicht zulassen. Wir müssen im Kleinen das tun, was uns möglich ist. Wir wissen es ja meist genau, was dran ist, und müssen ‚nur’ unsere inneren Widerstände überwinden. Das ist am Anfang schwierig, wenn wir uns für diesen Weg entscheiden. Aber je länger wir das einüben, desto leichter wird es.

    Die Herstellung und Bewahrung des Friedens braucht neben dem mutigen Engagement vieler auch den Dialog aller: aufrichtiges Zuhören, Respekt und Offenheit für das Gegenüber, selbst wenn er mein Feind ist, konstruktive Beteiligung und das Aushalten von bleibenden Gegensätzen.
    Im Zusammenhang mit der Tragödie von Aleppo ist oft vom Scheitern der Vereinten Nationen die Rede. Diese wurden nach dem Zweiten Weltkrieg ins Leben gerufen, um „künftige Geschlechter vor der Geißel des Krieges zu bewahren“ (Präambel der Charta der Vereinten Nationen). Der Dialog der Nationen zur Bewahrung des Frie-dens soll hier seinen festen Ort haben. Denn Frieden ist kein Zustand, der – einmal erreicht – sich selber bewahrt. Aber diese Organisation hat es bislang nicht ver-mocht, in Syrien den Frieden zu bewahren oder herzustellen. Das ist wohl nicht die Schuld der UNO selber. Die besten Organisationen funktionieren nur, wenn die einflussreichen Akteure wirklich Frieden wollen. Der Dialog – ob in der Weltpolitik, den Religionen oder in der Familie – lebt letztlich von Menschen, die wirklich gewillt sind, das Miteinander über das Gegeneinander zu stellen.

    Liebe Schwestern und Brüder, Engagement und Dialog entstehen nicht von selber. Sie leben von verschiedenen Haltungen oder Einsichten. Drei wichtige möchte ich etwas näher umschreiben:

    Die eigene Umkehrbedürftigkeit

    Wenn wir Frieden stiften wollen, müssen wir fragen, wo er beginnt. Es gibt den Satz, der Frieden beginnt vor der eigenen Haustür. Aber das stimmt nicht. Der Frie-den beginnt in meinem Herzen – oder er beginnt nicht. Papst Franziskus sagt, der grundlegende Kampf findet in unserem Herzen statt. Tagtäglich ringen wir doch um die richtigen Entscheidungen. Die Linie zwischen Gut und Böse, zwischen Richtig und Falsch verläuft nicht zwischen Gruppen, Religionen, Völkern, sondern zu al-lererst durch jeden Menschen. Das müssen wir ehrlich anerkennen. Das anzuer-kennen, ist schon ein erster Schritt Richtung Frieden: Wer um seine eigene Be-grenztheit und Fehlbarkeit weiß, der kann auch andere Menschen akzeptieren und teilt nicht Menschen und soziale Gruppen nach gut und böse ein.

    Vergebung und Feindesliebe

    Die Einsicht in die eigene Begrenztheit hat mit einer anderen Haltung zu tun, der Vergebungsbereitschaft und Feindesliebe. Wir vergeben uns nichts, wenn wir ver-geben. Versöhnung und Vergebung nötigen uns unter Umständen Opfer ab. Aber bei Gott verlieren wir nichts – im Gegenteil. Er selber hat es uns vorgemacht: Bei dem, was Menschen anderen Menschen antun, hätte er allen Grund zur Rache o-der zur Vernichtung der Welt. Aber was macht er? Er wird selber Mensch und opfert noch seinen eigenen Sohn für uns. Nachfolge heißt darum manchmal auch, die eigenen gerechten Ansprüche fallen zu lassen.

    Konkrete Hoffnungsvisionen

    Frieden ist etwas Umfassenderes als die Abwesenheit von Gewalt. ‚Schalom’, so der biblische Begriff, ist auch das Ende von Hunger und Not, Krankheit und Angst. Wir müssen dem Krieg diese umfassende Friedensvision gegenüberstellen. „Der Friede ist der einzig wahre Weg menschlichen Fortschritts“, sagt Papst Franziskus (s. o.). Der Krieg bringt vielleicht technische Innovationen, aber er beendet weder Armut noch Ausgrenzung. Wenn militärischer Frieden erreicht ist, aber Armut und Elend nicht besiegt sind oder Unfreiheit herrscht, ist erneuerter Krieg oder Terror nur eine Frage der Zeit.

    Liebe Schwestern und Brüder, „Maria aber bewahrte alles, was geschehen war, in ihrem Herzen und dachte darüber nach.“, berichtet uns das heutige Evangelium. Maria nimmt in ihr Herz auf, was Gott an ihr und für alle Menschen getan hat. Wenn Gewalt und Friede in unseren Herzen beginnen, dann sollte das auch unsere Haltung sein: Den Frieden, den Gott uns schenken will, in unser Herz aufnehmen. Wenn wir ihn dort aufnehmen, kann er uns von innen her verwandeln und aus uns strahlen. Wir können Frieden nicht erzwingen. Die wenigsten von uns sind einflussreiche Politiker. Aber wir können die Vision einer friedlicheren Welt konkret leben und ausbreiten. Vielleicht ein Vorsatz für das neue Jahr?

  • Weihnachtspredigt 2016 / Hamburg / 24. 12. 2016

    Liebe Schwestern und Brüder,

    Sprache entwickelt sich fortwährend. Wörter verschwinden, neue entstehen. Im Herbst 2016 hat die Bundeskanzlerin zum ersten Mal ein bis dahin ungewöhnliches, nicht gekanntes Wort verwendet: postfaktisch. In den Medien wurde es aufgegriffen. Anfang Dezember hat die Gesellschaft für deutsche Sprache das Adjektiv „postfaktisch“ zum Wort des Jahres 2016 gewählt. Dabei ist nicht die Häufigkeit entscheidend, sondern die Signifikanz, die Popularität und die sprachliche Qualität. Übrigens hat im englischsprachigen Bereich eine ähnliche Konstruktion den Wettbewerb gewonnen: Word of the year 2016 wurde „post-truth“. Post-truth, postfaktisch: Post das bedeutet nach. Also offenbar eine neue Epoche, eine Zeit nach den Fakten. Postfaktisch – das meint statt Fakten Emotionen und statt Wahrheit gefühlte Wahrheit; aber im Zweifel auch Lüge, Ablenkung oder Verwässerung. Nicht von ungefähr tauchte dieses Wort im Zuge von Wahlkämpfen und gesellschaftlichen Auseinandersetzungen auf, die mehr und mehr populistisch werden.

    Liebe Schwestern und Brüder, Christen können nie und nimmer postfaktische Menschen sein. Persönliche Gefühle und Emotionen sind gut und wichtig. Nur dürfen wir uns von Ihnen allein nicht bestimmen lassen. Erst recht nicht von gesellschaftlichen Stimmungen, die einseitig negativ sind oder auf Lüge, Verwässerung und Beschönigung aufbauen.

    Das Christentum setzt auf Fakten und Wahrheit. Jesus Christus selber ist das Faktum Gottes schlechthin. Dieses Faktum können wir nie und nimmer hinter uns lassen. Im Gegenteil: Wenn wir jedes Jahr Weihnachten feiern, dann rufen wir uns dieses Faktum immer wieder in Erinnerung. Jesus Christus ist keine Legende oder abstrakte Idee, sondern eine konkrete Person, wahrer Mensch.

    Die erneuerte katholische Einheitsübersetzung der heiligen Schrift bringt diese Grundlage unseres Glaubens noch klarer zum Ausdruck als die bisherige Fassung. In der Geburtsgeschichte im ersten Kapitel bei Lukas heißt es in der neuen Übersetzung gleich dreimal: „Es geschah“. Schaut man in die lateinische Fassung der heiligen Schrift, heißt es an diesen drei Stellen immer: factum est, d. h. Es ist faktisch. Es ist konkret geschehen. Gleich zu Beginn des Weihnachtsevangeliums heißt es: „Es geschah aber in jenen Tagen, dass Kaiser Augustus den Befehl erließ, den ganzen Erdkreis in Steuerlisten einzutragen“ (Lk 2,1). Wenig später: „Es geschah, als sie dort waren, da erfüllten sich die Tage, dass sie gebären sollte, und sie gebar …“ (vgl. Lk 2,6f). Und noch einmal: „Und es geschah, als die Engel von ihnen in den Himmel zurückgekehrt waren, sagten die Hirten zueinander: Lasst uns nach Bethlehem gehen …“ (Lk 2,15).
    Der Evangelist Johannes bringt das Faktum der Menschwerdung Gottes in Jesus Christus zu Beginn seines Evangeliums auf die knappe Formulierung: „und das Wort ist Fleisch geworden.“ Wiederum auf lateinisch: Verbum caro factum est. (Joh 1,14)

    Liebe Schwestern und Brüder, dieses Faktum der Menschwerdung Gottes vor 2000 Jahren in Bethlehem ist alles andere als Romantik. Der Kontext der Geburtsgeschichte ist die Gewaltherrschaft der Römer, die Tyrannei des Herodes. Zu dieser Geburtsgeschichte gehört Mord, Flucht und Vertreibung dazu. Allein die eine Ortsangabe „Syrien“ (Lk 2,2) bringt uns die Dramatik in unbeschreiblicher Weise auf den Punkt – damals wie heute. Das Neue Testament ist in den Regionen entstanden, aus denen die Menschen jetzt zu uns kommen. Wer gerade jetzt meint, vom christlichen Abendland reden zu müssen, muss sich darüber im Klaren sein, wo unsere religiösen und kulturellen Wurzeln wirklich liegen, nämlich im Morgenland.

    Je länger ich über das Weihnachtsevangelium nachsinne, umso deutlicher wird mir: Die Fakten von damals finden sich wieder in den Fakten von heute. In Flucht und Vertreibung, in Migration und Trennung, in Hunger und Elend, in Krieg und Terror, in Gewalt und Verfolgung. Leider jetzt auch in Berlin. Menschen sind dort Opfer einer entsetzlichen Gewalttat geworden, die durch nichts zu rechtfertigen ist. Manche haben schon sehr schnell versucht, die Opfer von Berlin für ihre politischen Absichten zu instrumentalisieren. Das ist nicht akzeptabel. Warten wir auch hier auf die Fakten, die uns verstehen helfen, was dort geschehen ist. Und die uns helfen, die richtigen Schlüsse zu ziehen.

    Liebe Schwestern und Brüder, zu den Fakten von Weihnachten gehört noch mehr: zu ihnen gehören die Menschen, die mit Gott in Berührung kommen, sich von ihm anrühren lassen. Etwa gehört dazu eine Maria, die fragt und nachdenklich wird. Sie lässt Gottes Plan geschehen: „Mir geschehe, wie du es gesagt hast“, antwortet sie dem Engel. Dazu gehört ein Josef, der ebenfalls in diese Pläne einwilligt, obwohl sie ihm ziemlich dunkel vorkommen. Mit keinem Wort äußert er sich in der Heiligen Schrift. Für ihn gilt genauso wie für Maria: „Mir geschehe“. Schließlich gehören zu den Fakten von Weihnachten die Hirten, die sich auf dieses Geschehnis einlassen. Sie folgen der Botschaft der Engel und gehen zur Krippe hin. Sie stellen fest, dass es genauso ist, wie ihnen gesagt worden ist.

    Das Leben der Menschen, die mit dem Jesus Christus in Berührung kommen, verändert sich – auch heute. Manchmal fundamental, manchmal eher verborgen im Innern. Sie werden selber zu Fakten Gottes: Menschen, mit denen etwas geschehen ist. Menschen, die bezeugen, dass diese Welt nicht verloren, sondern von Gott geliebt ist. Menschen, die nicht negative Stimmungen erzeugen, sondern positive und friedliche Fakten schaffen.

    Liebe Schwestern und Brüder, zum Weihnachtsfest wünsche ich uns, dass wir mehr und mehr zu Fakten Gottes werden können: dass wir keine verwässerten oder halbwahren Menschen sind; sondern echte, authentische Menschen, die von Gott, vom Kind in der Krippe berührt und verändert werden.

  • Eröffnungsansprache zum Erneuerungsprozess am 12. November 2016 / St. Marien-Dom / Hamburg / 12. 11. 2016

    Es gilt das gesprochene Wort!

    HERR, ERNEUERE DEINE KIRCHE UND FANGE BEI MIR AN

    1. Einführung

    Liebe Schwestern und Brüder,
    ich freue mich, dass Sie sich heute so zahlreich auf den Weg gemacht haben. Es ist ein gutes Zeichen, dass wir uns gerade hier im Mariendom versammeln. Der Dom ist die Mutterkirche unseres Erzbistums und steht für die Einheit der ganzen Diözese.

    Sie sind mit vielen Fragen, Ideen, Sorgen und Befürchtungen gekommen: Was bedeutet „Erneuerungsprozess“? Schon wieder etwas Neues? Wieder ein Prozess?

    Nein! Heute vertiefen wir den schon begonnen Prozess der Pastoralen Räume und gehen ihn weiter. Der Prozess bündelt viele Fragen, die uns alle beschäftigen: Wie können wir heute und morgen Kirche für die Menschen sein? Wie entwickelt sich meine Gemeinde/Pfarrei weiter? … All diese Fragen und Anliegen haben in unserem Prozess Platz.

    Seit eineinhalb Jahren bin ich jetzt Erzbischof der katholischen Kirche im Norden. Als ich kam, kannte ich das Meiste nicht. Jetzt kann ich sagen: Die Diaspora hat mich positiv überrascht. Die kleinen, aber lebendigen Gemeinden beeindrucken mich. Ich bin gerne hier im Norden und bin mir sicher, dass uns der Prozess gemeinsam gelingen kann.

    Bei der Vorbereitung des heutigen Tages ist mir ein Bild in den Sinn gekommen: Wir können unser Bistum wie einen Baum betrachten mit Wurzeln, Stamm, Zweigen, Blättern, Früchten und so weiter.
    Im Gebet haben wir deshalb gerade Psalm 1 gehört: „Wohl dem, der […] Freude hat an der Weisung des Herrn, sie bedenkt bei Tag und bei Nacht. Wie ein Baum, der am Wasser steht, bringt er zur rechten Zeit seine Frucht. Alles, was er tut, wird ihm gut gelingen.“

    Ein starkes Bild: Ein Baum am Wasser. Wie gerne wären wir als Kirche solch ein Baum: gepflanzt am Wasser; ein Organismus, dem das, was er zum Leben braucht, nicht ausgeht; der wächst und gedeiht und aus dem Vollen schöpft. Wie gerne würden wir sagen: Alles, was wir tun, gelingt uns.
    In der Situation, in der sich unser Erzbistum gerade befindet, drückt dieser Psalm eine Sehnsucht aus. Oft erleben wir die Realität anders.

    Die finanzielle Lage des Erzbistums ist sehr schwierig. Das haben wir Anfang des Jahres mit den diözesanen Gremien ausführlich besprochen und das ganze Bistum in mehreren Veranstaltungen und durch die Sonderbeilage „Bistum auf neuen Wegen“ informiert. Zwar sinken im Moment unsere Mitgliederzahlen nicht und durch die wirtschaftliche Lage haben wir aktuell gute Kirchensteuereinnahmen. Dem gegenüber steht aber eine riesige Zahl von Kirchen, Gemeindehäusern, Kindergärten, Bildungshäusern, Schulen etc. Ihr Unterhalt kostet jedes Jahr viel Geld. Dazu kommen noch die jährlich steigenden Personalkosten und die erheblichen Pensionsverpflichtungen für unsere Schulen. Entscheidungen der Vergangenheit binden uns heute. Wir können diese Entscheidungen nicht rückgängig machen, sondern müssen jetzt vorausschauend handeln.

    Das heißt konkret: Wir müssen in unserem Haushalt in den nächsten Jahren Schritt für Schritt kürzen. Bis 2020 müssen die jährlichen Einsparungen zwanzig Millionen Euro betragen. Nur so können wir unsere Verpflichtungen einhalten und nur so bleibt uns noch Luft für Neues. Denn für 60% der anstehenden Investitionen fehlt uns schon jetzt schlicht das Geld.

    Prognosen sagen zudem, dass es bis 2050 voraussichtlich 40% weniger Kirchenmitglieder geben wird. Das heißt auch, die Kirchensteuereinnahmen sinken entsprechend. Wollen wir einen finanziellen Spielraum behalten, müssen wir mit Einschnitten um bis zu 50% rechnen.

    Eine einfache Lösung und lauter Einzelfallentscheidungen: das scheint nicht zu gehen. Dabei macht sich das Gefühl breit, dass es wirklich an die Substanz geht. Wir müssen mit weniger finanziellen Mitteln, weniger Räumen, weniger Personal auskommen.

    Es geht an die Substanz. Aber was ist unsere Substanz? Was sind unsere Wurzeln, aus denen wir Kraft beziehen? Was ist unser Stamm, der uns hält und fest macht? Was sind unsere Zweige, mit denen wir uns ausbreiten? Was sind unsere Früchte, die wir anderen anbieten können? Und: Wie können wir unseren Baum veredeln und pflegen?

    2. Christus als Mitte

    Der Baum, vom dem Psalm 1 spricht, steht am Wasser. Das Wasser durchzieht diesen Baum von der Wurzel bis zum letzten Blatt. Er wird nicht morsch, sondern der Lebenssaft fließt in jeden Ast und in jedes kleine Blatt hinein.
    Der Christ, ja die ganze Kirche, unsere Diözese ist einem solchen Baum ähnlich. Das Lebenswasser und die Lebenskraft, die uns durchziehen, empfangen wir zu allererst in Taufe und Firmung. In unserer Taufe sind wir in dieses Lebenswasser hineingenommen. Es wird uns nie daran mangeln! In der Firmung ist diese Kraftquelle auf‘s Neue besiegelt worden. Beide Sakramente empfangen wir nur einmal. Sie bergen Potenziale in sich, die wir ein Leben lang ausschöpfen und entdecken können. Jeden Sonntag, ja jeden Tag, feiern wir die Eucharistie und werden ganz von Christi Kraft erfüllt.

    Es ist unsere persönliche Beziehung zu Jesus Christus, die den Baum lebendig hält. Wenn diese Beziehung nicht lebendig ist, verkümmert der Baum Schritt für Schritt. Ich bin der festen Überzeugung: Bei allen Veränderungen in der Kirche kommen wir nicht weiter, wenn wir hier oder da die Stellschrauben ein wenig nachjustieren. Vielmehr glaube ich: Nur wenn wir unsere Beziehung zu Christus immer wieder neu pflegen, können wir Kirche sein.
    Deswegen ist das, was wir heute fortsetzen, auch kein „Strukturprozess“, sondern es ist ein umfassender Erneuerungsprozess. Christen leben immer in der Haltung der Erneuerung. Es geht darum, dass wir uns erneuern durch unsere Beziehung zu Jesus Christus. Deswegen steht über dem Prozess die Gebetsbitte: „Herr, erneuere deine Kirche und fange bei mir an“ . Diese Erneuerung kann nur gelingen durch Christus selbst und durch die Beziehung jedes Einzelnen von uns zu ihm: „Fange bei mir an!“

    Liebe Schwestern und Brüder,
    Jesus Christus ist eine lebendige Person. Als Christen glauben wir ja nicht an ein Programm, sondern wir glauben, das heißt wir vertrauen, einer Person: Jesus Christus. Er ist Mensch geworden wie wir, und will stets neu in Beziehung treten zu uns Menschen. Die Kirche lebt ganz von der Person Jesu Christi und ganz in uns. Da, wo einzelne Menschen sich von Jesus Christus ansprechen lassen, können sie auch andere ansprechen. Wer vom Evangelium Jesu Christi berührt ist, wird selber zum Evangelisten.
    Schon in der Heiligen Schrift gibt es die vier Evangelien von Matthäus, Markus, Lukas und Johannes. Sie machen deutlich, dass jeder seine individuelle Christusbeziehung hat. Das Neue Testament ist voll von unterschiedlichen Menschen, die persönlich von Christus angesprochen wurden: seine Apostel, die zweiundsiebzig Jünger, Lazarus, Maria, Martha. Und auch die Geschichte unserer Kirche liefert durch all die Jahrhunderte ganz vielfältige Beispiele: Martin, Franziskus und Dominikus, Teresia von Avila und auch eine Theresia von Lisieux, Johannes Paul II. und Mutter Teresa. Ganz zu schweigen von den verschiedenen Seligen und Heiligen unseres Bistums: Ansgar, Answerus von Ratzeburg, Niels Stensen oder die vier Lübecker Märtyrer.

    Alle Strukturen, Institutionen und Mittel, die wir in unserer Kirche einsetzen, sollen den Menschen helfen, diese Christusbeziehung in all ihrer Unterschiedlichkeit zu leben. Unsere Gemeinden und Gemeinschaften, Familien und Freundschaften, Ordensgemeinschaften, die Kitas und Schulen und die vielen Orte kirchlichen Lebens in unserer Erzdiözese – sie sollen helfen, dass die Verbindung zum Wasser des Lebens, zu Jesus Christus selbst gelingen kann.
    Ich frage mich manchmal: Fördert das, was wir tun, die Beziehung zu Christus? Ist es dazu neutral? Oder steht es dieser Beziehung im Weg?

    3. Einheit

    Die Beziehung zu Jesus Christus stiftet die Einheit unter uns Christen. Bei aller Verschiedenartigkeit ist unsere Beziehung zu Jesus das, was uns gemeinsam ist. Sie garantiert die Einheit zwischen allen Getauften, zwischen Laien und Priestern, zwischen Haupt- und Ehrenamtlichen, zwischen Alt und Jung, zwischen sozial Engagierten und geistlich Aktiven, zwischen den Alteingesessenen und den Neuen, zwischen unseren Gemeinden und Pfarreien, zwischen den drei Regionen unseres Bistums in Schleswig-Holstein, Hamburg und Mecklenburg und dem Gesamtbistum und natürlich auch in die Ökumene hinein. Das haben wir zusammen mit der Nordkirche auch im Ökumenischen Bischofswort zum Ausdruck gebracht: „Durch die Taufe gehören wir zu Christus und sind untereinander verbunden: […] In ihm sind wir schon eins.“

    Diese Einheit ist wie der starke Stamm des Baumes. Er sollte fest sein, um die Zweige Blätter und Früchte tragen zu können.
    Aus diesem Grund ist mir so wichtig, dass in unserem Erneuerungsprozess auch alle wesentlichen Fragen behandelt werden. Wir werden eine Lösung im Miteinander finden. Die Antworten auf diese Fragen müssen wir für unser ganzes Bistum suchen. Hier kann sich niemand heraushalten. Dann würde er sich vom Baum abschneiden und isolieren.

    4. Partizipation

    Die Äste und die Blätter des einen großen Baumes sind sehr verschieden. Manche Äste tragen andere. Manche tragen Blätter, die das Sonnenlicht einfangen. Andere Zweige tragen Früchte. Jeder Einzelne hat seine Bedeutung.

    Auch in der Kirche hat jeder sein Charisma, seine eigenen Talente mitbekommen. In einem Gebet heißt es: „Keinem gabst du alles – und keinem nichts.“ Mit unseren je verschiedenen Gaben partizipieren wir, haben wir teil am großen Ganzen der Kirche. Deswegen bitte ich Sie alle, Ihre eigenen Begabungen einzubringen. Unser Erneuerungsprozess wird nur dann an Fahrt aufnehmen, wenn jeder so mutig ist, seine Talente nicht für sich zu behalten, sondern für die anderen einzubringen. Kirche lebt von der Partizipation aller!

    5. Mission

    Je länger ich mich in das Bild des Baumes hineinvertiefe, umso deutlicher wird mir: Der Baum lebt nicht für sich, sondern er bringt Frucht. Er bietet Schutz oder ist Nistplatz für andere. Zunächst einmal hat er offenbar selber von seinen Früchten nichts, sondern er verliert sie.

    Übertragen auf unsere Kirche heißt das: Wir sind nicht Kirche für uns selber. Wir können uns als Kirche nicht mit dem Kreisen um uns selbst begnügen. Kirche sind wir immer und zuerst für die anderen, ja für die ganze Welt. Die Kirche lebt aus einer diakonischen und missionarischen Grundhaltung. Wir wollen andere mit dem Evangelium in Berührung bringen in Tat und Wort. Deswegen bin ich sehr erfreut über das große Engagement, das viele Menschen an den Tag legen in der Verkündigung des Glaubens, in der Katechese, in der konkreten Zuwendung zum Nächsten in Caritas, in der Seelsorge, in unseren Schulen und Kindertagesstätten… Nur wenn wir aus uns herausgehen, können wir für das Leben der Menschen eine Bedeutung gewinnen. „Wer sein Leben zu bewahren sucht, wird es verlieren; wer es dagegen verliert, wird es gewinnen.“ (Lk 17,33)

    6. Prozess

    Unser Erzbistum ist das jüngste in Deutschland mit gerade einmal einundzwanzig Jahren. In diesen einundzwanzig Jahren ist vieles gewachsen. Viele junge und alte Menschen sind tief in Christus verwurzelt und es gibt enorm viel Gesundes und Fruchtbares in unserem Erzbistum.
    Bäume, die gesund wachsen und reiche Frucht bringen sollen, müssen gepflegt und regelmäßig zurückgeschnitten werden. Jesus selbst greift das in seinem Gleichnis vom Weinstock und den Reben auf (vgl. Joh 15, 1-8).

    Ich glaube, dass auch für die Kirche immer wieder ein solcher Moment kommt. Das soll jetzt in unserem Erzbistum in einem klugen Prozess mit verschiedenen Projekten geschehen. Der Prozess wird professionell begleitet und gut kommuniziert. Es bleibt unsere Aufgabe, richtige Fragen zu stellen und passende Antworten zu finden. Deshalb ist es mir auch ein Anliegen, dass sich in den verschiedenen Projekten viele Menschen beteiligen.

    Ich glaube daran: Jeder einzelne von uns erneuert sich nur in dem Maße, in dem er seine Beziehung zu Jesus Christus vertieft. Deswegen ist unser Prozess zu allererst ein Prozess der religiösen Erneuerung: Was dient heute der Verwurzelung in Christus? Was dient unserer Einheit? Welche Charismen haben wir? Wie leben wir unseren missionarischen und karitativen Auftrag noch stärker?

    Diese Fragen müssen wir an alle Bereiche unseres kirchlichen Lebens stellen: an unsere Pfarreien, Schulen, KiTas, an die Verwaltung hier in Hamburg…

    Unsere Diskussionen, unsere Fragen und erst recht unsere Antworten können dabei nicht nur wirtschaftlich bestimmt werden. Das können wir nie ausklammern. Aber als glaubende Menschen zieht sich unsere Beziehung zu Jesus Christus durch alles durch. Daraus ergibt sich alles andere. Wirtschaftliche, bürokratische, technische Reformen reichen nicht aus. „Jetzt dient uns nicht eine ‚reine Verwaltungsarbeit‘“, sagt Papst Franziskus in Evangelii gaudium (Nr. 25).

    Weil Gott manchmal mit seinem Volk unbekannte Wege geht, brauchen wir für diesen Erneuerungsprozess eine große Offenheit füreinander und für Gottes Willen. Papst Franziskus ermutigt uns dazu. „Die [erneuerte] Seelsorge unter missionarischem Gesichtspunkt verlangt, das bequeme pastorale Kriterium des ‚es wurde immer so gemacht‘ aufzugeben. Ich lade alle ein, wagemutig und kreativ zu sein in dieser Aufgabe, die Ziele, die Strukturen, den Stil und die Evangelisierungs-Methoden der eigenen Gemeinden zu überdenken. Eine Bestimmung der Ziele ohne eine angemessene gemeinschaftliche Suche nach den Mitteln, um sie zu erreichen, ist dazu verurteilt, sich als bloße Phantasie zu erweisen“ (Nr. 33). Deswegen braucht es eine kluge geistliche Unterscheidung.

    7. Vertrauen und Beten

    Das was, wir vor uns haben, ist nicht gerade wenig. Deswegen möchte ich zum Abschluss auch für Gelassenheit werben. Denn man kann keinen Baum zum Wachsen zwingen, nur gute Bedingungen schaffen. Die Erneuerung geht zu allererst von Christus aus: „Herr, erneuere deine Kirche…“
    Ich bitte um Ihr Mittun und vor allen Dingen um Ihr aller Beten. Der Kanon „Herr, erneuere deine Kirche und fange bei mir an“ ist die Leitmelodie, die all unser Reden, Fragen und Suchen durchzieht.

    Herr,
    erneuere deine Kirche
    und fange bei mir an.

  • Predigt zum Todestag der Lübecker Märtyrer / Prosteikirche Herz Jesu Lübeck / 10. 11. 2016

    Es gilt das gesprochene Wort


    Liebe Schwestern und Brüder,

    „Die verlorene Barmherzigkeit“. In diesem Buch berichtet der russische Schriftsteller Daniil Granin von einer persönlichen Erfahrung: Nach einem schweren Sturz auf einer der Straßen Leningrads lag er blutüberströmt am Boden – und keiner hat sich um ihn gekümmert: „Verlorene Barmherzigkeit“.

    Daniil Granin beklagt, dass in der modernen sowjetischen Gesellschaft offenbar für Barmherzigkeit kein Platz mehr sei. Sogar das Wort dafür – Miloserdie – war aus dem Lexikon verschwunden.

    Die Zeit der Lübecker Geistlichen im sogenannten Dritten Reich: Auch eine Zeit, in der die Barmherzigkeit verloren ging?! Eine Zeit, in der das Recht gebeugt wurde, und von „Gnade vor Recht“ keine Spur mehr festzustellen war. Eine Zeit, in der Menschen anderen Glaubens verfolgt wurden und Deutschland verlassen mussten. Eine Zeit, in der Synagogen brannten und Krematorien. Eine Zeit, in der Gewalt und Terror regierten und Kanonenkugeln Städte und Menschen vernichteten. Eine Zeit, in der Ausländer und eine Reihe anderer Menschen in ihren Rechten beschnitten wurden. Eine Zeit, der KZ’s und, und, und: Die verlorene Barmherzigkeit!

    In dieser Zeit haben die vier Lübecker Geistlichen die verlorene Barmherzigkeit nicht aus dem Auge gelassen. Als Christen haben sie aus dieser Barmherzigkeit Gottes gelebt und anderen diese Barmherzigkeit vorgelebt und weitergegeben: den Gläubigen der Gemeinden, vor allen Dingen den Jugendlichen, vielen fremdsprachigen Katholiken und nicht zuletzt polnischen Gläubigen.

    Liebe Schwestern und Brüder,
    wir stehen fast am Ende des von Papst Franziskus ausgerufenen Jahres der Barmherzigkeit und die Heilige Pforte am Eingang unserer Propsteikirche hier in Lübeck erinnert uns stets daran.

    Gerade erst vor wenigen Tagen hat Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble vor dem Rat der EKD gesprochen und ausgeführt, dass der Staat für Gerechtigkeit und Recht zu sorgen habe, dass aber die Institutionen des Staates mit der Barmherzigkeit überfordert seien. Dies sei vor allen Dingen Aufgabe der Kirche.

    Wolfgang Schäuble macht damit deutlich: Barmherzigkeit entsteht nicht allein durch die Verteilung materieller Güter oder professionelle Unterstützung. Barmherzigkeit braucht die konkrete Zuwendung von Mensch zu Mensch.

    Ob auch in unserer Zeit die Barmherzigkeit verloren gegangen ist? Menschen, die blutüberströmt auf dem Boden liegen und um die sich niemand kümmert, die kennen auch wir. Neunzehn Minuten und fünf Menschen hat es gebraucht bis einem Rentner aus Essen geholfen wurde. Er ist am 3. Oktober im Vorraum einer Bankfiliale zusammengebrochen. Vier Menschen kommen nach ihm in die Bank und erledigen unbekümmert Ihre üblichen Dinge: Geld abheben, Kontoauszüge drucken oder Überweisungen tätigen. Sie steigen über ihn drüber oder gehen um ihn herum – und tun nichts.

    Nach 19 und Minuten und vier Personen kommt dann ein fünfter Kunde und wählt den Notruf – leider zu spät. Der Rentner ist im Krankenhaus verstorben. Die Öffentlichkeit ist schockiert, von Werteverfall und Verrohung ist die Rede. Die Polizei hat die vier Personen inzwischen vorgeladen. Sie ermittelt wegen unterlassener Hilfeleistung.

    Der Psychologe Peter Walschburger hat wenig später die Situation analysiert und versucht Erklärungsansätze für das Verhalten der ersten vier Kunden zu finden. Er glaube nicht, dass mit den vier Personen zufällig nur völlig verrohte Menschen in die Bank gekommen sind. Im Gegenteil: „Der Mensch ist eigentlich von Natur aus sozial und bereit zu helfen.“, sagt Walschburger.

    „eigentlich“! Das Problem steckt vermutlich in diesem kleinen Wort: Eigentlich helfen wir alle gerne. Eigentlich ist Hilfeleistung selbstverständlich. Es gibt ein gutes Gefühl, gebraucht zu werden und etwas Gutes zu tun. Eigentlich gibt es keinen Werteverlust und keine Verrohung der Gesellschaft.

    Nur leider setzen wir allzu oft hinter das Wort „eigentlich“ das Wort „aber“: Aber ich will mich nicht blamieren. Aber vielleicht ist das ein Obdachloser, der sich ausruht. Aber ich will nicht stören. Aber ich habe es eilig. Aber andere haben ja auch nichts getan. Aber vielleicht mache ich ja etwas falsch. Wir alle kennen diese Gedanken vermutlich. [Ödön von Horváth: „Ich bin nämlich eigentlich ganz anders, aber ich komme nur so selten dazu.“]

    Liebe Schwestern und Brüder,
    die Lübecker Märtyrer hatten mit Sicherheit genügend „Abers“. Auch sie waren wohl nicht frei von Ängsten und Zweifeln. Ihre Haltung war vermutlich angefochten – äußerlich wie innerlich. Und trotzdem haben sie aus dem Glauben die Kraft gefunden, aus ihrer eigentlichen Haltung eine tatsächliche zu machen. Sie waren nicht eigentlich barmherzig, sondern wirklich.

    Das macht die vier zu Glaubenszeugen für uns heute: Nicht eigentlich glauben, hoffen und lieben, sondern wirklich. Das Gedächtnis der vier Lübecker Märtyrer verpflichtet uns, mitten in der Welt von heute Zeugen der Barmherzigkeit zu sein. Nicht eigentlich, sondern konkret.

  • Predigt von Erzbischof Stefan Heße zum Allerheiligenfest / St. Marien-Dom Hamburg / 01. 11. 2016

    Es gilt das gesprochene Wort


    Liebe Schwestern und Brüder,

    die Kirche wurzelt voll und ganz in der Auferstehung Jesu Christi. Der Auferstandene kommt als der Lebendige immer wieder in die junge Kirche hinein und schenkt ihr sein österliches Leben. Mit ihm kommt das ewige Leben in die Zeit. Mit ihm und in seiner Auferstehung kommt der Himmel auf die Erde. Damit werden Welt und Kirche aufgebrochen für die Ewigkeit.

    Die Kirche hat den Auftrag, dieses ewige Leben hier auf der Erde stets lebendig zu halten. Der langjährige Mailänder Bischof Kardinal Carlo Martini hat einmal gesagt: „Die Kirche ist nicht dazu da, Bedürfnisse zu befriedigen. Die Kirche ist dazu da, Geheimnisse zu feiern“.

    Heute am Allerheiligenfest feiern wir das Geheimnis des österlichen Lebens, das nicht nur für Christus gilt, sondern auch für unzählige Menschen, die wir als Selige und Heilige verehren. Wir schauen sozusagen wie der Seher aus der geheimen Offenbarung, von dem wir in der ersten Lesung gehört haben, hinüber in die Ewigkeit in die große Schar – die Offenbarung spricht von ein-hundertvierundvierzigtausend – die schon bei Gott leben und mitten in seiner Herrlichkeit sind. Diese Gemeinschaft ist auch unser Ziel.

    Am heutigen Allerheiligenfest wird deutlich, dass die Kirche eine Grenzgängerin ist: Sie lebt ganz von Christus, der über die Grenze des Todes hinausgeht in das ewige Leben Gottes zurück. Der aber dann immer wieder als der Lebendige die Schwelle der Zeit überschreitet und sich der jungen Kirche zeigt. Und umgekehrt am heutigen Tag: Wir schauen hinüber über die Grenze in das Land der Verheißung, des Lichtes und des Friedens, wie es das erste eucharistische Hochgebet bezeichnet.

    Die Seligpreisungen, die Jesus uns heute hinterlässt, spricht er auf einem Berg. Man hat den Ein-druck, er sitzt dort schon wie auf einem Thron und schaut herüber in die Weite, ja in die Ewigkeit. Gleichzeitig schaut er herein mitten in die Zeit und in das Leben der Menschen, die um ihn herum sind. Er gibt ihnen diese Seligpreisungen und damit die Möglichkeit, die Ewigkeit schon jetzt in der Zeit anfangen zu lassen. Wenn wir diese Seligpreisungen leben, werden wir jetzt schon die Seligkeit Gottes spüren können. Dann bricht hier und heute der Himmel an. Insofern sind die Seligpreisungen wirklich eine „Anleitung zum glücklich werden“. Man könnte sie auch ganz einfach so übersetzen: Glücklich der Mensch, dessen Herz offen ist für Gott. Glücklich der Mensch, der barmherzig ist. Glücklich der Mensch, der verzeiht … Und Sie haben es gemerkt: Am Ende bleibt Jesus nicht beim allgemeinen Menschen stehen, sondern wendet sich konkret an die, die ihn um-geben: Glücklich seid Ihr … Selig und glücklich werden wir, wenn wir uns dem Programm der Seligpreisungen zur Verfügung stellen. Versuchen wir es!

  • Reformationsempfang in Sternberg / Sternberg / 31. 10. 2016

    Es gilt das gesprochene Wort


    Sehr geehrte Damen und Herren,

    in der letzten Woche wurde ich für eine Produktion des NDR zu Luther befragt. „Was schätzen Sie an Luther?“, war die Ausgangsfrage. Drei Aspekte waren es, die mir wichtig waren: die von ihm angestoßene geistliche Erneuerung, seine Verwurzelung in der Heiligen Schrift und vor allem seine persönliche Gottesbeziehung. Auch Papst Franziskus hat heute in Lund deutlich anerkennende Worte für Luther gefunden.

    Diese katholischen Würdigungen Luther machen deutlich: Wir leben im Zeitalter der Ökumene. Der Papst ist heute und morgen anlässlich des Reformationsgedenkens in Schweden, unter anderem auch Landesbischof Ulrich. Als katholischer Erzbischof bin ich heute Abend zum Reformationsempfang eingeladen. Vor rund zwei Wochen sind katholische und evangelische Bischöfe zusammen ins Heilige Land gepilgert. Aus dem Norden waren Bischöfin Fehrs und Weihbischof em. Jaschke dabei.
    Die Liste ließe sich noch fortsetzten um ökumenische Gottesdienste, gerade jetzt im Gedenkjahr und vieles mehr. All diese kleineren und größeren Zeichen sind Ausdruck der theologischen, der kirchlichen und vor allem der menschlichen Annäherung der letzten Jahrzehnte. Man könnte meinen, wenn es in diesem Tempo weitergeht, müsste nach einigen weiteren Jahren die Einheit der Christen - oder zumindest die zwischen Katholiken und Lutheranern - vollendet sein.

    Wir müssen leider auch gegenteilige Erfahrungen machen. Sie haben heute Abend die neue Lutherbibel vorgestellt. Wir als Deutsche Bischofskonferenz haben gerade mit den anderen katholischen Bischöfen im deutschsprachigen Raum die neue Einheitsübersetzung verabschiedet. Sie wird im Dezember erscheinen. Das Wort Gottes, das uns verbindet, übersetzten wir unterschiedlich. Angesichts bestehender theologischer Differenzen im Bereich der Ämter und der Eucharistie ist das fast eine Nebensächlichkeit. In bio- und sozialethischen Fragen scheint mir zudem der ökumenische Konsens in den letzten Jahren eher kleiner als größer zu werden.
    Mir ist wichtig zu betonen: Ich bin dankbar für die ökumenischen Fortschritte der letzten Jahrzehnte. Ich möchte sie nicht missen. Zugleich habe ich den Eindruck, dass uns die immensen Fortschritte die – im Moment – bleibenden Differenzen noch schmerzlicher vor Augen führen.

    In dieser Situation ist es wichtig, das Erreichte weiterzuentwickeln. Papst Franziskus hat dafür heute in Lund deutliche Worte gefunden: „Wir dürfen uns nicht mit der Spaltung und Entfremdung abfinden, die durch die Teilung unter uns hervorgerufen wurden. Wir haben die Gelegenheit, einen entscheidenden Moment unserer Geschichte wiedergutzumachen, indem wir Kontroversen und Missverständnisse überwinden, die oft verhindert haben, dass wir einander verstehen.“
    Gleichzeitig müssen wir die momentan bleibenden Differenzen aushalten. Die inhaltlichen ökumenischen Annäherungen sind sicher ein Geschenk des Herrn. Mindestens genauso gnadenhaft ist aber eine anderer Aspekt: Unsere derzeit bleibenden Differenzen führen nicht [mehr] zu offenen Konflikten. Es ist hier oft von versöhnter Verschiedenheit die Rede. Sie ist zwar nicht das Ziel der Ökumene, aber sie ist ein Zwischenschritt. Hinter diesen Schritt dürfen wir auf gar keinen Fall zurück. Auch wenn sich unsere Überzeugungen unterscheiden, wir halten es aus und bleiben im Dialog. Das friedliche Aushalten von Verschiedenheit und der Dialog sind etwas zentrales, was wir der Gesellschaft anzubieten haben. Die Demokratie in unserem Land hat es nötig.

    Neben dem Aushalten bzw. der Annahme der Unterschiede gibt es aus meiner Sicht noch eine zweite aktuelle Dimension der Ökumene. Ich nenne Sie die Ökumene im Dienst. Als wir vor einigen Wochen das 25jährige Jubiläum unserer Telefonseelsorge gefeiert haben, wurde das sehr deutlich. Selbstverständlich arbeiten dort unsere Kirchen als Institutionen wie auch viele evangelische und katholische Christen als Ehrenamtliche zusammen. Auch in vielen anderen Bereichen eint uns das gemeinsame Engagement für Arme und Ausgegrenzte, Flüchtlinge oder für die Bewahrung der Schöpfung.
    Diese Ökumene im Dienst macht deutlich: Christsein ist kein Selbstzweck. Wir sind nicht für uns selber Christen, wir sind es für Gott und für die Welt. Dieses ‚für‘, das heißt unsere Proexistenz, wird uns hoffentlich auch als Konfessionen näher zusammen bringen. Unsere Lübecker Märtyrer Hermann Lange, Eduard Müller, Johannes Prassek und Karl Friedrich Stellbrink sind mit die beeindruckendsten Beispiele hierfür.

    Papst Franziskus sagte heute: „Wir werden als Christen in dem Maße ein glaubwürdiges Zeugnis der Barmherzigkeit sein, in dem Vergebung, Erneuerung und Versöhnung unter uns eine tägliche Erfahrung ist. Gemeinsam können wir auf konkrete Weise und voll Freude die Barmherzigkeit Gottes verkünden und offenbaren, indem wir die Würde eines jeden Menschen verteidigen und ihr dienen. Ohne diesen Dienst an der Welt und in der Welt ist der christliche Glaube unvollständig.“
    Heute ist nicht nur der Auftakt für das große Reformationsgedenken. Für uns Katholiken ist heute Vorabend von Allerheiligen. Wir gedenken aller Heiligen – der großen und bekannten und auch der weniger bekannten, die nicht offiziell heilig gesprochen sind. Heilige sind Menschen, die dieses „für“ als Vorzeichen vor ihr Leben setzen konnten. Viele dieser Heiligen, dieser Zeugen haben mit ihrem Engagement unsere Kultur geprägt.

    Heiligkeit ist keine Auszeichnung, sie ist unsere Berufung. Das Zweite Vatikanische Konzil hat die Berufung aller Gläubigen zur Heiligkeit wieder neu vergegenwärtigt [vgl. LG 39-42]. Heilig wird man nicht nur durch Heldentaten oder große Werke. Sondern ich muss mich und mein alltägliches Leben von Gott prägen lassen. Wir alle sind als Christen zur Heiligkeit – zu einem Leben und Dienst für Gott und für die Menschen – berufen. Der Apostel Petrus formuliert es so: „Seid heilig, denn ich [der Herr] bin heilig.“ [1Petr 1,16]
    Die Heiligkeit, die enge Verbindung mit Gott, mit Christus ist auch ein Weg der Ökumene. Je näher wir zu Christus kommen, je mehr wir uns für ihn öffnen, desto näher kommen wir auch als Konfessionen zusammen. „In ihm sind wir [durch die Taufe] schon eins.“, so haben wir es als katholische und evangelische Bischöfe hier im Norden in einem ökumenischen Bischofswort formuliert. In diesem Sinne freue ich mich, das Gedenkjahr 2017 als Christusfest gemeinsam zu feiern.

  • Ansprache von Erzbischof Dr. Stefan Heße beim Medienempfang / Hamburg / 05. 10. 2016

    Sehr geehrte Damen und Herren, ich begrüße Sie ganz herzlich zum ersten Medienempfang des Erzbistums Hamburg. Hier, fast über den Dächern von Hamburg, in unserer katholischen Akademie.

    Gerne möchte ich mit Ihnen heute Abend ins Gespräch kommen. Meine Erfahrung ist, dass es mit Medienvertretern keinen Mangel an Gesprächsstoff gibt. Deshalb freue ich mich also sehr auf den Austausch.

    Vorab möchte ich aber ein paar Themen ansprechen, die mich persönlich bewegen:

    1. ) Erzbistum Hamburg

    Im Erzbistum stehen wir vor großen Herausforderungen. Mit den 28 Pastoralen Räumen haben wir eine gute und sinnvolle Struktur geschaffen. Die Herausforderung besteht nun darin, dass geistliche und spirituelle Leben in unseren Gemeinden zu erhalten, den Glauben zu stärken und an manchen Orten wieder aufblühen zu lassen.
    Sie wissen, dass die Kirchensteuerentwicklung im Moment positiv ist. Das darf aber nicht dazu führen, ohne Konzept Investitionen zu tätigen. Die Frage der Zukunftsfähigkeit des Erzbistums auf wirtschaftlich stabilem Fundament ist daher bei uns eine weitere Herausforderung, die wir angehen. In der Diaspora befinden wir uns dabei in einer besonderen Laborsituation: Entwicklungen sind hier deutlich eher ablesbar als in anderen katholischeren Gegenden.

    Hier im Norden, in der Diaspora, katholische Christin/katholischer Christ zu sein, geht fast nur in großer Entschiedenheit. Gerade in ländlichen Gebieten halten die Gemeindemitglieder über große Entfernungen hinweg Kontakt, treffen sich zu Gottesdienst und Gespräch, sie wallfahrten und vergessen auch das Feiern nicht.

    Ökumenische Akzente setzten wir hier im Norden während des Reformationsgedenkens mit drei ökumenischen Feiern, die wir gemeinsam mit der Nordkirche begehen wollen: Mit dem ökumenischen Kreuzweg am Karfreitag in Lübeck, der ökumenischen Ostervesper im Mariendom und dem ökumenischen Pfingstfest in Schwerin. So wird auch in unserer Region das Verbindende stärker betont und miteinander gefeiert.

    2.) Flüchtlingsbeauftragung

    Vor einem Jahr wurde ich Sonderbeauftragten für Flüchtlingsfragen. Nun hat mich die Vollversammlung der Bischöfe am 20. September als Leiter der Migrationskommission gewählt.

    Damit ist ein Megathema aufgerufen: Denn ich bin zutiefst davon überzeugt, dass die Integration von Menschen, die zu uns als Flüchtlinge gekommen sind, das gesellschaftliche Miteinander in Deutschland, aber auch innerhalb Europas und sogar weltweit in den nächsten Jahren bestimmen wird.
    Wir als Christen bringen unsere Erfahrungen mit ein. Bei uns leben Menschen schon lange in Gemeinden zusammen und schaffen ein neues Zuhause.

    Wir stehen in vielen Bereichen am Anfang, dürfen aber auch mit ein bisschen Stolz und Zuversicht auf das schauen, was wir in der kurzen Zeit unter enormem Druck geschafft haben. Ich freue mich jedes Mal, wenn ich gelungene Beispiele von Integration sehe, etwa an unseren Schulen, wenn dort junge Menschen ohne Probleme aufgenommen werden und den Alltag bereichern.

    Ich freue mich darüber, dass die Hilfe, die die Ehrenamtlichen vor Ort leisten, nicht abnimmt. Auf der Homepage unserer Flüchtlingshilfe können Sie sich interaktiv über mehr als 100 Projekte informieren, in der ganzen Bandbreite vom Sprachkurs bis zum Flüchtlingscafé.

    Letztlich hat es sich gezeigt, dass Deutschland organisatorisch nach anfänglichen Problemen doch die Kraft hat, solche Herausforderungen zu stemmen. Problematisch bleibt es, dass diese zutiefst christlich zu begründende Nächstenliebe nach einer ersten Euphorie nun von Teilen der Bevölkerung nicht gesehen oder aber in einer Art Neiddebatte unterzugehen droht, die Menschen in Not gegeneinander ausgespielt werden.

    Unserem Sprechen, unserer Wortwahl – wie wir Sachverhalte beschreiben oder über Menschen sprechen, kommt eine große Bedeutung zu. Dort nämlich, wo durch Sprache Stimmungen erzeugt werden. Ich wünsche mir in diesen Fällen eine Abrüstung, eine Mäßigung und eine Rückkehr zur vernunftgesteuerten Ausdrucksform: „Kühler Kopf und helfende Hand sind nötiger als je“.

    Wenn in ein paar Jahren auf diese prekäre Lage in Europa und Deutschland geschaut wird, dann wird vielleicht auch mit Stolz resümiert werden können, dass auch das Engagement angesichts der konkreten Not gezeigt hat, wie eine Gesellschaft doch zusammenhält und die einzelnen immer mehr erkennen, wie das Globale sich dann bis ins Lokale auswirken kann.

    3.) Soziale Medien

    Seit Jahren sind wir Zeugen einer immer größeren Individualisierung bei der Mediennutzung. Die Grenzen bei der Mediennutzung sind für Leser, Hörer, Zuschauer und Nutzer aufgehoben. Die Mediatheken, der individuell gestaltete Radiospartenkanal, die Zeitung im Netz, das gemeinsame Portal von Zeitung, Online und Fernsehen. All das entwickelt sich in rasender Geschwindigkeit.

    Was wir in dieser großen Medienwolke als katholische Kirche versuchen, kennen Sie: katholisch.de, Domradio, unsere Radioverkündigung beim NDR und bei den großen Privatsendern, Gottesdienste und das Wort zum Sonntag in der ARD. Die Stimme der Kirche als einzelne gibt es so nicht mehr. Der Mix aus verschiedenen Angeboten auf allen Abspielwegen und Kanälen versucht die Menschen dort zu erreichen, wo sie sich noch ansprechen lassen.

    In einem ungewöhnlichen Projekt der Deutschen Bischofskonferenz: „Valerie und der Priester“ begegnen sich zwei Menschen aus verschiedenen Lebensrealitäten. Die kirchlich nicht gebundene Journalistin Valerie begleitet ein Jahr lang den Priester Franziskus. Sie dokumentiert seinen Alltag und versucht zu verstehen, warum er heutzutage Priester sein kann. Das Projekt will eine Brücke bauen zwischen denen, die wenig mit der katholischen Kirche anfangen können und jenen, die alles für Gott geben, weil ihnen der Glaube so viel gibt.

    Die hohen Klickzahlen im Netz und die vielen Berichte in verschiedenen Medien zeigen, dass hier ein großes Interesse an den Themen Glauben und Kirche allgemein, Priester sein in dieser Zeit im Besonderen besteht. Schauen Sie doch mal rein, wie dieses Experiment sich das Jahr über entwickelt.

    Erstaunt bin ich über die massiven ehrverletzenden Äußerungen, die Menschen vor allem in den sozialen Kommunikationsmitteln gegenüber ihnen oft nicht persönlich bekannten Menschen absetzen.

    Hier liegen Segen und Fluch der sozialen Medien ganz dicht beieinander. Die Kommunikation kann bereichern und Menschen verbinden. Es gibt aber auch die andere Seite: In den Kommentarspalten artikuliert sich ein Hass, der bisher versteckt war und der nun in dieser anonymeren indirekten Kommunikation zum Ausdruck kommt und möglich ist.

    Ich bin kein Psychologe, um solche gesellschaftlichen Phänomene genau deuten zu können, aber ich merke, dass sich hier etwas nicht zum Guten entwickelt und eine Unkultur entstanden ist.

    Für mich wird dann eine Grenze überschritten, wenn es nicht um Zu- und Hinhören geht, sondern um Kleinmachen, Verfolgen und Zerstören. Ich hege trotz allem die Hoffnung, dass wir Formen finden, mit diesen Menschen ins Gespräch zu kommen, das Schreien und Niedermachen zu überwinden.

    Ich bin froh, dass ethische und pädagogische Fragen angesichts der rasanten Entwicklungen bei den Medien und dann bei der Mediennutzung eine immer größere Rolle spielen.

    Hier haben kirchliche Institutionen und Einrichtungen Expertise aufgebaut. Sie können in der laufenden Debatte auch eine gute Hilfestellung leisten (u.a. Clearingstelle Medienkompetenz der DBK, Lehrstuhl für Medienethik an der Hochschule für Philosophie in München).

    4.) Medien als Korrektiv

    Nicht erst seit den Missbrauchsskandalen in der Kirche und der Empörung über ein extravagantes Bischofshaus in der Mitte Deutschlands gehört es zu Ihrer Aufgabe als Journalisten und Publizisten, genau hinzuschauen und darüber zu berichten, was ist. Ich gebe zu, dass das zum Teil sehr schmerzlich ist. Es hat aber eine reinigende Wirkung, wenn dann Korrekturen vorgenommen oder der bisherige Kurs geändert wird.

    Ich möchte Ihnen danken, dass Sie uns so kritisch-solidarisch begleiten. Bleiben Sie uns verbunden und suchen Sie mit uns nach Wahrhaftigkeit.

  • Predigt anlässlich der Answerus-Wallfahrt in Ratzeburg / Ratzeburg / 11. 09. 2016

    Es gilt das gesprochene Wort


    Liebe Schwestern und Brüder, liebe Mitbrüder,

    der heutige Tag und unser heutiges Fest ist 950 Jahre Gedächtnis des Märtyrertodes des heiligen Answer, 50 Jahre Kirche in Rehna und 15 Jahre Terroranschläge in New York.

    Ich kann mich noch sehr gut daran erinnern, wie ich selber vor 15 Jahren im Urlaub war, und bemerkte, dass irgendwie etwas anders war. Ich sah Menschen in ihren Häusern, die vor dem Fernsehapparat saßen und irgendwie waren die ganz verändert. Ich selber konnte nicht in das Fernsehgerät schauen und nicht mitbekommen, was da war. Das konnte ich später dann erst in meinem eigenen Zimmer über englische Nachrichten. Es waren noch keine Bilder da, aber es lief immer ein Band unten unter dem Bildschirm und da war auf Englisch zu lesen: Twin towers are collapsed. Kollabiert. Irgendwie habe ich gedacht, da ist der Strom ausgefallen. Da ist eine Panne. Da ist irgendetwas nicht in Ordnung und das ist bei diesen Riesenbauten ein Riesenproblem. Ich wäre nicht im Traum darauf gekommen, dass Flugzeuge in diese Türme hineingefahren und –geflogen sind, und diese Türme kollabiert waren. Das war für mich jenseits aller Vorstellung, die ich mir damals hätte machen können. 15 Jahre ist das her. Wir wissen, dass die Täter von damals das auch aus religiösen Motiven getan haben, dass sie sich auf Gott berufen haben, und sozusagen eine religiöse Verpflichtung darin gesehen haben, dieses Werk ausführen und durchführen zu müssen, um diesem Gott, an den sie glauben, Durchbruch zu verleihen.

    Liebe Schwestern und Brüder, dieses Gedenken, heute vor 15 Jahren, hat mich auf die Frage gebracht, was ist denn unser Gottesbild. Was ist denn unser christliches Gottesbild, dem wir Durchbruch auf dieser Erde verleihen wollen? Wenn wir das geklärt haben, können wir im zweiten Schritt uns Gedanken machen, wie man das denn wohl am besten tun kann. Da spricht dieses Evangelium, das an diesem Sonntag überall in der katholischen Kirche verlesen wird, Bände. Das Evangelium von der Frau, die eine Drachme sucht, von dem Menschen, der ein verlorengegangenes Schaf sucht. Und wenn wir die lange Fassung genommen hätten, dann hätten wir noch gehört von dem Vater, der auf seinen verlorenen Sohn wartet. Die drei stehen im 15. Kapitel bei Lukas alle hintereinander. Und diese drei Gleichnisse bringen unser christliches Gottesbild wahrscheinlich wie kaum ein anderer Text zum Ausdruck.

    Das erste, was mir aufgefallen ist, und was für mich dann eine Aussage über Gott ist: Gott gibt niemanden auf. Gott schreibt niemanden ab. Ich glaube, das ist ein Gedanke, den wir uns bewusst immer wieder vor Augen führen müssen. Wir leben ja, wie man heute so sagt – naja, wir haben verschiedene Begriffe für unsere Gesellschaft – aber ein Begriff, der immer wieder einmal zu hören ist: Wir leben in einer Wegwerfgesellschaft. Wir haben so viel, und da kommt es nicht auf dieses und jenes an. Also weg damit. Da könnte man ja meinen, wenn du 99 Drachmen hast, dann kannst du die eine auch abschminken. Und wenn du 99 Schafe hast, was macht den Kohl noch fett wegen dieses einen Schafes. Nein. Unser Gott ist kein Wegwerfgott, der die Dinge oder die Menschen einfach so wegwirft und sagen würde: Einen mehr oder weniger darauf kommt es nicht an. Nein, Gott schreibt niemanden ab und lässt niemanden fallen. Jeder Einzelne, jeder Klei-ne, jeder vielleicht noch so Unbedeutende spielt für unseren Gott eine Rolle. Liebe Schwestern und Brüder, weil das so ist, und das ist dann der zweite Charakterzug unseres Gottes, der in diesen Gleichnissen zum Ausdruck kommt, weil das so ist, geht Gott jedem nach. Mir ist das noch einmal im Vergleich deutlich geworden. Bei dem Gleichnis vom barmherzigen Vater und dem verlorenen Sohn, das wir ja nicht gehört haben, da haben wir immer so die Vorstellung: Der Vater wartet und wartet und wartet. Aber bei den beiden anderen Texten von der Drachme und dem Schaf, da ist nicht einfach nur das Warten, also ich setze mich in meinen Sessel und warte und warte und warte, sondern da wird zum Ausdruck gebracht, die Frau, der Hirte, sie suchen. Sie gehen aktiv vor. Sie gehen auf das verlorene Schaf zu. Sie stellen sozusagen alles auf den Kopf, auch bei der Suche nach der Drachme. Wo mag sie sein? Ein Gott, der nach den Menschen sucht, der ihnen nachgeht.

    Liebe Schwestern und Brüder, Julien Green hat in dem Vorwort zu seiner Autobiographie den interessanten Gedanken niedergeschrieben im Rückblick auf sein Leben: Mein Gott, wieviel Zeit hast du für mich investiert. Ihm wird im Rückblick auf sein Leben klar, dass Gott ihn nicht verlassen hat, dass Gott nicht irgendwo ist, sondern dass Gott einer ist, der sich um ihn kümmert. Und zwar nicht eben mal so, sondern, wie er sagt, mit wieviel Zeit. Mit wieviel Kraft kümmerst du dich um mich. Mit 50 Jahren schreibt man noch keine Biographie. Wer weiß, ob ich das jemals tue. Aber es würde einmal den Gedanken lohnen, auf unser Leben zurückzuschauen, und sich zu fragen: Gibt es auch bei mir diese Punkte, wo ich sagen kann, Gott sucht mich. Gott bringt ziemlich viel Zeit damit zu, sich um mich zu kümmern. Oft haben wir ja den Eindruck: Der kümmert sich um die an-deren, aber nicht um mich. Lassen wir ruhig mal die anderen beiseite und versuchen wir nachzuspüren: Kümmert sich Gott um mich? Kann ich das als Christ, als Christin sagen? Könnte ich das schreiben? Wie Green, in meiner Lebensbiographie?

    Gott schreibt keinen ab. Gott sucht nach den Menschen. Und dann das Letzte: Gott hat Freude am Menschen. Das ist bei dem verlorenen Sohn genauso wie bei der Drachme und bei dem Schaf. Am Ende steht ein ganz großes Freudenfest. Jetzt müssen wir feiern. Und manchmal habe ich den Eindruck, wir sind ein bisschen so, wie dieser Sohn, der immer zu Hause geblieben ist, und nie das Weite gesucht hat und der sich kaum über die Rückkehr seines Bruders freuen kann, sondern wie ein Muffel dasteht. Für den schlachtest du das Kalb und ich kriege nichts. Gott freut sich am Menschen und beinahe würde ich sagen, Gott bereitet uns Menschen immer wieder ein Fest der Freude. Wir brauchen das gar nicht selber zu organisieren. Wir brauchen uns die Party nicht selber zu machen. Sondern Gott bereitet sie uns vor, und will ein Freudenfest für jeden einzelnen Menschen halten.

    Liebe Schwestern und Brüder, über den heiligen Answer wissen wir relativ wenig. Aber wir wissen, dass er Mönch war hier in Ratzeburg. Wenn ein Mönch ins Kloster geht, so sagt das jedenfalls der heilige Benedikt, dann ist die erste Motivation, um Gott zu suchen. Deswegen gehe ich davon aus, dass Answer ein Gottsucher war. Einer, der nicht nur als junger Novize am Beginn seines Ordenslebens nach Gott gesucht hat, sondern der Mönch sucht tagein tagaus immer wieder neu nach Gott. Einer, der nach diesem Gott gesucht hat, der längst schon auf der Suche nach ihm war. Answer war einer, der nach einem Gott gesucht hat, der keinen Menschen abschreibt. Egal wo er anzusiedeln ist auf der Hierarchie des Lebens und der Vergleiche, die wir Menschen anstellen. Answer war sicher ein Mensch, der nicht nur die Härten des Klosterlebens kennengelernt hat, sondern auch die Freuden, der diesen Gott gefeiert hat in der Liturgie und im Leben. Wenn wir heute sein Gedächtnis feiern, jetzt 950 Jahre nach seinem Tod, dann ist dieser Mönch uns ein Motivator, der sagt: Gerade wenn ihr da zusammenkommt, wo ich gelebt habe, wo ich gestorben bin, dann macht es genauso wie ich. Sucht nach diesem Gott und schreibt ihn nicht ab, denn dieser Gott schreibt euch nicht ab. Freut euch an diesem Gott, denn dieser Gott hat Freude an euch. In diesem Sinne, liebe Schwestern und Brüder, tun wir gut daran, das Gedächtnis des heiligen Answer hier in ökumenischer Verbundenheit lebendig zu halten. Amen.

  • Predigt anlässlich der Niels Stensen Pilgerreise / St. Marien-Dom in Hamburg / 09. 09. 2016

    Es gilt das gesprochene Wort

    Liebe Schwestern und Brüder,

    zwei Jahre, also nicht besonders lang, ist Niels Stensen hier bei uns in Hamburg gewesen, 1683 bis 1685. Damals war es eine ziemlich kleine katholische Gemeinde hier vor Ort, ganz wenige Katholiken, und zu allem Überfluss heillos zerstritten, so dass Niels Stensen zwischen die Fronten geriet und wahrscheinlich auch deswegen nach so kurzer Zeit schon weg war und in Schwerin eine neue Herausforderung, eine neue Aufgabe für sich gefunden hat. Das werden Sie alles sicher im Laufe der nächsten Tage noch weiter erfahren, wenn Sie diesem Seligen auf seiner Spur folgen.

    Heute ist Hamburg immer noch eine Diaspora, obwohl das Bistum wächst. Das Erzbistum hat gerade bei der jüngsten Statistik die Marke von 400 000 Katholiken überwunden. Aber um es gleich ehrlich zu sagen, wir wachsen hier in Hamburg nicht deswegen, weil wir so missionarisch wären und weil alle Welt sagt: „Mein Gott, bei denen muss ja was los sein. Das machen wir auch“. Wir wachsen, weil viele Menschen in unsere Stadt ziehen, und zwar viele fremdsprachige Katholiken. Ein Drittel der Katholiken hier in Hamburg kommt aus anderen Ländern und spricht andere Sprachen. Wenn Sie am Sonntagmittag hier um 12.00 Uhr den Mariendom besuchen, dann ist er voll mit Portugiesen und ein paar Stunden später mit Kroaten. An den großen Feiertagen Ostern oder Weihnachten geht es hier rein und raus in den verschiedenen Sprachen. Für mich als neuer Bischof hier in Hamburg ist es auch ein Lernprozess, dass die Katholiken anderer Muttersprache genauso meiner Sorge bedürfen wie die Deutschen. Das ist ein großes Plus der katholischen Kirche, dass wir keine Nationalkirche sind in verschiedenen Sprachgruppen, sondern eine Universalkirche. Deswegen ist der katholische Bischof immer für alle da, egal welche Sprache sie sprechen.

    In den eineinhalb Jahren, die ich jetzt hier bin, habe ich schon viel kennengelernt. Aber ich lerne auch immer wieder Neues kennen. Fünfzig Jahre habe ich im Rheinland gelebt und ich muss Ihnen sagen, hier ist eigentlich alles anders. Aber das macht das Ganze spannend. Wenn man immer im selben Fahrwasser und Trott ist, dann wird es irgendwann eingefahren und ich freue mich darauf, dieses Bistum, diese Menschen, diese Situation immer weiter kennenlernen zu können. Auch wenn ich noch nicht sagen kann, dass Hamburg meine Heimat ist, Köln ist es nicht mehr. Hamburg ist aber für mich schon ein gutes Zuhause geworden und ich bin froh, hier Bischof sein zu dürfen in dieser spannenden Situation, weil ich glaube, dass wir hier in Hamburg etwas erleben, was in vielen Teilen Deutschlands noch auf uns zukommen wird.

    Neulich bekam ich eine Landkarte vom Bonifatiuswerk aus Paderborn zugeschickt über die konfessionelle Landschaft in Deutschland. Da fiel mein Blick natürlich direkt auf das Erzbistum Hamburg und darunter stand dann sehr klar: 7 % Katholiken. In Hamburg sind es ein paar mehr, aber auf das ganze Bistum gerechnet, kommen wir etwas tiefer, bei diesen 7 % raus, weil zu unserem Bistum ja auch der mecklenburgische Teil gehört, und dort sind nur 3 % der Bevölkerung katholisch, 17 % evangelisch und der Rest nichts. In Passau, um einmal einen kleinen Vergleich zu bieten, sind es nicht 7 sondern 70 %. Deutschland ist sehr bunt und sehr verschiedenartig, auch was die Konfessionen anbelangt. Wir sind nicht nur als Katholiken in der Diaspora, sondern wir leben hier oben als Christen in der Diaspora. Hier in Hamburg sind gerade mal 40 % der Menschen getauft, 60 % nicht. Und wie gesagt, in Mecklenburg 20 zu 80. Aber ehrlich gesagt, deswegen müssen wir hier nicht Trübsal blasen. Das brächte sowieso nichts. Ich bin mittlerweile der Überzeugung, dass Diaspora nicht einfach Minderheit bedeutet oder gar Minderwertigkeit, sondern dass Diaspora auch etwas ist, was Stärke hat, dass Diaspora eine kirchliche Situation ist mit großer Kraft. Ehrlich gesagt, auch wenn wir eine kleine Ortskirche sind, in allen Teilen unseres Erzbistums nehme ich wahr, dass man auf uns baut, dass man mit uns rechnet, und dass wir eben nicht wie die Letzten der Mohikaner aufgefasst werden. Einen Vorteil, den wir hier oben haben; wir haben wenige Ballast. Aus meiner Zeit als Generalvikar in Köln hatte ich immer wieder die Frage: Wie können wir uns von diesem und jenem befreien, weil man auch da gar nicht mehr die Kraft hat, das alles zu tragen und zu bewerkstelligen. Hier haben wir weniger, weniger Geld, weniger Personal, weniger Stellen, weniger Gebäude. Das macht frei. Manches Mal denke ich an das Wort Jesu: „Nehmt nichts mit auf den Weg“. Ich glaube ganz im Sinne unseres jetzigen Papstes – die Kirche der Gegenwart soll mobil sein. Und ich erlebe uns als ziemlich immobil, vielleicht auch wegen der vielen Immobilien, die es da gibt. Und die dann leider oft an der falschen Stelle stehen, jedenfalls nicht da, wo das Leben spielt.

    Liebe Schwestern und Brüder, die Menschen hier oben im Norden, so erlebe ich das, sind unserer Kirche gegenüber nicht abgeneigt. Die wissen eigentlich so gut wie gar nichts, und deswegen haben sie auch wenige Vorurteile. Im Gegenteil manchmal wundern sie sich, dass es überhaupt noch hier und da Katholiken gibt. Vor einiger Zeit bin ich mit dem Fährschiff nach Amrum zur Firmung übergesetzt. Nach ein paar Jahren war der Pfarrer froh, dass endlich fünf Firmlinge zusammengekommen sind. Mein Vorgänger hat auf Helgoland übrigens einmal einen alleine gefirmt. Helgoland gehört ja genauso zu uns wie Amrum, Föhr, Sylt. Wir haben sechs Inseln. Wir fuhren mit dem Schiff rüber und dann sah ein Bediensteter im Bordrestaurant den Pfarrer und mich. Er erkannte uns am Kragen und meinte, ob wir von der Kirche wären. Ich habe uns dann vorgestellt, und als er hörte „katholisch“, da meinte er: Gibt es hier Katholiken? Wirklich? Immerhin auf Amrum eine Gemeinde von 100-150 Katholiken. Kleine Gemeinden, kleine Kirchen - dieser Dom ist schon eine der Großen - aber damit auch eine Nähe. Wenn ich bedenke, wie weit der Bischof in einer flächenmäßig großen Diözese von seinen Gemeinden weg ist, dann kann ich nur sagen: Der Bischof von Hamburg hat die Möglichkeit, nah bei den Gemeinden zu sein. Ich will nicht sagen, dass ich jeden kenne. Aber ich kenne viele wieder und weiß bei manchen, wo ich sie so ungefähr hin-stecken muss. Diese persönliche Nähe, die nicht nur zwischen dem Bischof und seinen Gemeinde gilt, sondern auch in den Gemeinden – man kennt sich hier als Katholiken – das ist ein großes Plus. Etwas, das Sie wahrscheinlich auch in Dänemark wieder erleben werden, das gibt es auch hier bei uns. In vielen Gemeinden versammelt man sich nach dem Sonntagsgottesdienst noch zum Kirchenkaffee. Man fährt nicht einfach wieder direkt nach Hause, sondern man bleibt, jedenfalls dann und wann, zusammen und tauscht sich aus und begegnet sich. Dadurch kennt man sich und manchmal denke ich an dieses schöne Wort Jesu: „Ich kenne die Meinen und die Meinen kennen mich“. Das ist hier greifbar und spürbar. Und weil wir so Wenige sind, liebe Schwestern und Brüder, kommt es auf jeden Einzelnen an. Damit wird mir deutlich: Die Kirche lebt nicht von Strukturen, die Kirche lebt nicht von äußeren Mitteln. All das mag hilfreich und gut sein, aber die Kirche lebt zuallererst von Personen, von Menschen. Alles in der katholischen Kirche ist zuallererst persönlich und personal. Deswegen muss ich als Bischof nach diesen eineinhalb Jahren hier sagen, die größte Priorität hat für mich die Stärkung dieser Person, modern sprechen wir von Personalentwicklung. Das tut man in Unternehmen so. Das macht unsere Personalabteilung aus gutem Grund so. Aber das gilt eigentlich für jeden Christen. Im Grunde kommt es darauf an, dass die einzelnen Christen entwickelt werden, oder sich entwickeln. Das heißt, dass jeder Einzelne von uns das hebt, was er in seiner Taufe empfangen hat und realisiert, welch großer Schatz das ist, den wir da haben. Liebe Schwestern und Brüder, wenn es uns dann noch gelingt, in das Leben der Menschen hineinzukommen, hinzugehen und dazu sein, wo die Menschen sind, um an ihr Leben anzuschließen. Wenn wir ihnen dann noch ein bisschen von Gott, von seiner Größe und Liebe, ins Leben bringen können, dann sind wir Kirche in der Diaspora, die sich nicht versteckt, sondern die ist wie der Sauerteig, der den ganzen Teig durchsäuern möchte. Wir brauchen gar nicht so viele zu sein. Die Masse allein macht es ja nicht, sondern die Qualität. Damit sind wir bei unserem Glauben. Ich bin der Überzeugung, dass ein Mann wie Niels Stensen das damals schon gespürt und erlebt hat, und dass er deswegen nicht unbedingt immer den großen Erfolg hatte. Aber dass von innen her der Glaube herausging in allem, was dieser Mann getan, gesagt und gedacht hat. Das war ein sehr kreativer Kopf, der nicht nur gepredigt hat, sondern der die Menschen besucht hat, der ihnen begegnet ist und der Gott sei Dank über viele Fertigkeiten verfügte und die Menschen in ihrer Breite ansprechen konnte, als Wissenschaftler, als Geologe, als Mediziner. Diese vielen Wege, die dieser Mann in sich vereinigt hat, die müssen wir heute gehen, um die frohe Botschaft zu den Menschen zu bringen und ihnen das weiterzugeben, was uns erfüllt. Wir haben das eben im Evangelium gehört. Wovon das Herz voll ist, davon läuft der Mund über. Wenn das Herz aber leer ist, dann läuft auch nichts über. Deswegen diese Personalentwicklung vom Herzen her. In Schwerin werden Sie es sehen, das Symbol, was für Niels Stensen steht, ist das Herz mit dem Kreuz drin. Über dem Bischofssitz ist mein Wappen und in einem der Felder ist das zu sehen. Das Stensenherz, das für diesen Mann steht und für sein Leben. Wovon das Herz voll ist, läuft der Mund über. Amen.

  • Dankmesse zur Heiligsprechung von Mutter Teresa von Kalkutta / St. Marien-Dom in Hamburg / 05. 09. 2016

    Liebe Schwestern und Brüder!

    Lange Jahre war sie eine durchschnittliche und mittelmäßige Ordensfrau. Dieses Urteil gilt einer Heiligen, die vor etwa vier- oder fünfhundert Jahren gelebt hat, nämlich der großen heiligen Teresa von Avila. Man könnte es aber auch von der Heiligen des heutigen Tages sagen, jener anderen Teresa, der Mutter aus Kalkutta. Viele Jahre war sie eine sehr durchschnittliche, wenig auffällige Ordensfrau. Wahrscheinlich würde sie es auch über sich selbst sagen. Denn Heilige stellen sich nie in den Vordergrund, sondern leiden oft darunter, leiden oft unter ihrer Schwäche und Sünde besonders stark. Erst im Rahmen ihres Seligsprechungsprozesses vor einigen Jahren ist herausgekommen, dass Mutter Teresa in den letzten Jahren ihres Lebens geradezu von einer Gottesfinsternis umfangen war.

    Aber das Leben dieser zunächst sehr mittelmäßigen Ordensfrau sollte eine ganz andere Wendung nehmen.

    Wir schreiben das Jahr 1946. Mutter Teresa war längst Loretoschwester und als solche Leiterin eines Internates bzw. einer Schule. Also in einer sehr hohen Position in ihrem Orden! Sie litt damals an Tuberkulose und sollte sich einer Erholung unterziehen. Unterwegs auf der Fahrt im Zug ist es dann passiert: Die Schwester erfährt eine zweite Berufung, sozusagen eine Berufung in der Berufung. Ihre Berufung kommt auf eine neue Stufe, erfährt eine Zuspitzung, eine Vertiefung. Gott handelt dabei so, wie er es wahrscheinlich auch bei Saulus gemacht hat. Dieser wird aus dem Sattel geworfen und zunächst einmal kaltgestellt. An diesem Nullpunkt kann Gott ansetzen und Neues bewirken. Ein wenig so ist es wohl bei Mutter Teresa gewesen, die in der Krankheit an ihre Grenzen kommt, so dass Gott eingreift und ihr einen neuen Weg weist.

    Diese neue Berufung äußert sich in einer neuen Sicht, die Mutter Teresa zuteil wird. Bisher hatte sie in einer sehr geschlossenen und wohlbehüteten, ja geradezu paradiesischen Welt im Internat gelebt. Hinter den hohen Mauern des Internates ging es den Schwestern aber auch den Schülerinnen recht gut. Doch jenseits der Mauern sah das Leben ganz anders aus. Sicher wusste das Mutter Teresa, aber es hatte für sie keine Bedeutung. Es gewann keine Relevanz. Jetzt auf dieser Zugfahrt wird ihr klar, dass sie ihr Leben den Ärmsten der Armen in den Slums widmen sollte. Die neue Berufung führt zu einem neuen Sehen und Hören auf die Leiden der Menschen um sie herum.

    In London im Jahr 1948 begegnet sie auf der Straße Obdachlosen. Einer davon hat keinen sehnlicheren Wunsch, als einmal in einem sauberen Leinen schlafen und sogar sterben zu können. Später auf den Straßen Indiens sieht Mutter Teresa Menschen, die durch das Kastenwesen hindurchgefallen sind, und die niemand mehr beachtet. Sie sieht wie Menschen in den Straßen dahinsterben und die einzigen, die sich an ihnen zu schaffen machen, sind die Ratten. Mutter Teresa nimmt solche Menschen in ihr Sterbehaus auf, und will ihnen gerade in der letzten Phase ihres Lebens beistehen und einen guten Heimgang ermöglichen. Sie kümmert sich um die Sterbenden und um die Kranken. Und so wie sie das Ende des menschlichen Lebens im Blick hat, hat sie auch den Beginn des Lebens im Blick. Immer wieder macht sie in aller Öffentlichkeit darauf aufmerksam, dass durch die Abtreibung menschliches Leben getötet wird.

    Eine neue Berufung – eine neue Sicht auf den Menschen – und all dies führt zu einer: neuen Tat, zum neuen Handeln. Fortan gilt für Mutter Teresa: Geben und lieben, bis es weh tut! Sie verschreibt sich einer großen Demut, die förmlich zu einem Dien-Mut wird und sich unter die Ärmsten beugt.

    Neue Berufung, neue Sicht, neue Tat und all dies mündet schließlich ein: In neues Leben, in eine neue Lebensgemeinschaft, die Mutter Teresa mit den Missionarinnen der Nächstenliebe gründet. Ihr Lebensmotto: absolute Armut. Und dies nicht als Selbstzweck oder Selbstkasteiung, sondern weil die absolute Armut als Gegenpol das absolute Vertrauen mit sich bringt.

    Ich bin dankbar, dass wir seit 25 Jahren hier in unserer Stadt Hamburg Missionarinnen der Nächstenliebe mitten unter uns haben und ich freue mich, dass Sie, liebe Schwestern, heute und auch schon in den vergangenen Tagen während der Novene mit uns hier im Mariendom gemeinsam feiern. Sie sind hier in Hamburg wirklich Missionarinnen. Unsere Stadt ist sehr säkular; die meisten Menschen hier in Hamburg gehören keiner Religion an. Deswegen bin ich Ihnen für Ihren Dienst hier sehr dankbar. Sie verkünden mit Ihrem Tun die Liebe Gottes. Diese Sprache versteht jeder, der es möchte. Gott sei Dank gibt es nicht nur die Missionarinnen der Nächstenliebe, sondern auch einen männlichen Ordenszweig und hier bei uns in Hamburg auch – so nennen Sie das – Laienmissionarinnen, die mit Ihnen zusammen in unserer Stadt wirken. So setzen Sie das Wirken Mutter Teresas hier bei uns in Hamburg fort. Ihre Ordenskleidung, der weißblaue Sari ist unübersehbar und er erinnert viele Menschen an Mutter Teresa.

    Bei der Seligsprechung von Mutter Teresa im Jahr 2003 hat Papst Johannes Paul II. sie eine „Ikone der Barmherzigkeit“ genannt. Wir feiern jetzt das Jahr der Barmherzigkeit und für den jetzigen Heiligen Vater Papst Franziskus ist sicher genau wie bei seinem Vorvorgänger auch im Bewusstsein, dass Mutter Teresa eine solche Ikone der Barmherzigkeit für uns alle sein kann. Aber auch jeder einzelne von uns kann und soll auf seine Art und Weise eine Ikone, ein Bild, ein Ausdruck der göttlichen Barmherzigkeit und Liebe sein. Und so werden wir selber zu Missionarinnen und Missionaren der Nächstenliebe – auch wenn wir keinen weißblauen Sari tragen. Amen.

  • 50jährigen Priesterjubiläums von Erzbischof em. Dr. Werner Thissen / St. Marien-Dom Hamburg / 02. 07. 2016

    Es gilt das gesprochene Wort


    Liebe Schwestern und Brüder,
    lieber Werner,

    es ist fast so, als wäre vor fünfzig Jahren schon klar gewesen, dass wir heute hier dein goldenes Priesterjubiläum miteinander feiern würden. Es kann dir wahrscheinlich kein größeres Geschenk gemacht werden, als das Viertelfinalspiel heute Abend, in dem unsere deutsche Mannschaft mit dabei ist. Du bist Fußballfan. Die Hamburger wissen es mittlerweile: Ich bin es nicht. Deshalb halte ich heute auch keine Fußballpredigt. Das tun Bischöfe in diesen Wochen gern, weil man viele Vergleiche aus dem Fußball mit dem christlichen Leben, sicher auch mit dem Priesteramt, ziehen könnte. Aber weil uns das unterscheidet, will ich nicht von dem reden, wovon ich keine Ahnung habe. Das würde sicher dir am allerehesten auffallen.

    Etwas, was uns miteinander verbindet, liebe Schwestern und Brüder, ist die Musik. Werner Thissen ist nicht nur ein Mann, der auf den Fußballplatz geht oder den man vor dem Fernsehapparat am Samstagnachmittag, auch hier in Hamburg, irgendwo sehen kann. Übrigens hat er jetzt selber einen Fernsehapparat. Der sollte eigentlich erst zum goldenen Priesterjubiläum kommen, ist aber nun schon zwei Jahre vorher dagewesen. Bisher dachte er immer, so etwas braucht man nicht. Aber Samstagnachmittag sitzt er auch schon mal davor, und freut sich an einem guten Spiel.

    Schwenken wir zur Musik. Darüber kann ich ein bisschen mehr sagen. Liebe Schwestern und Brüder, Werner Thissen ist ein Mann, der gern ins Konzert geht, der auch gern einmal zu Hause bei sich die Stereoanlage aufdreht. Vielleicht ist das für ihn das größte Opfer, dass er nicht mehr im Bischofshaus wohnen kann, wo man ja als Bischof hier in Hamburg allein lebt. Abgesehen von den Nachbarn im St. Bernards Haus ist da keiner. D.h. man kann da schon mal einen Wagner und einen Bruckner richtig hochfahren. Mit Rücksicht auf seine Nachbarn an der Danziger Straße hat sich Werner Thissen ein wenig zurückgehalten, was das anbelangt. Aber die Liebe zur Musik, die ist in ihm drin. Das merkt man spätestens, wenn man regelmäßig mit ihm zusammen Gottesdienst feiert.

    Selbst wenn wir die schlichteste Werktagsmesse morgens im Ansgarhaus miteinander zelebrieren, irgendwann ist er nicht mehr zu halten. Man merkt förmlich die Emotionen, die in einem „Singet, lobt und preiset“ oder einem „Gehet hin in Frieden“ liegen. Deswegen liegt es nicht fern, aus der Musik sozusagen den Aspekt herauszuziehen, dass Musik nie harmlos und nie langweilig ist, jedenfalls gute Musik. Tiefgehende Musik birgt immer eine gewisse Dramatik in sich. Sie schwankt zwischen laut und leise. Sie variiert in den Tempi. Sie variiert in den Tonarten, im Rhythmus. All das bringt in die Musik eine Spannung. Deswegen liegt es auf der Hand, den Vergleich zu ziehen, dass Gott in seiner Schöpfung, in seiner Offenbarung und in seiner Erlösung gleichsam eine riesige Sinfonie zum Erklingen bringt. Wenn man die ersten Seiten in der Bibel aufschlägt und bis in unsere Zeit hineingeht, dann wäre das Ganze eine große abwechslungsreiche, spannende Sinfonie. Wenn der Priester sich jeden Tag ins Gebet begibt, wenn er nach Möglichkeit jeden Tag heilige Messe feiert, wenn er sein Stundengebet, das was man früher Brevier nannte, verrichtet und die einzelnen Tageszeiten betet, dann erklingt eine großartige Sinfonie. Deswegen, liebe Mitbrüder, wenn man das auf sich wirken lässt, dann kann priesterliches Leben eigentlich nie langweilig oder eintönig werden. Wenn man aber vor dieser Sinfonie sozusagen die Ohren verschließt und erstrecht das Herz, dann klinkt man sich aus und dann wird alles fad und leer.

    Der Priester bringt diese Sinfonie nicht zur Aufführung. Das tut schon Gott selber. Das braucht der Priester gar nicht. Er braucht sie noch nicht einmal zu dirigieren. Ich weiß, du wärest gern Dirigent geworden, hat mir jedenfalls jemand verraten. Aber wir brauchen nichts zu dirigieren, sondern bei dieser großartigen Sinfonie sind wir nichts weniger als Mitspieler. Wir sind nicht Dirigenten und auch nicht Zuhörer. Keiner von uns, nicht der Priester, nicht der Bischof und kein einziger Gläubiger, Sie sind nie einfach nur zuhörende Masse oder, wie im Fernsehen oder im Opernhaus, Zuschauer. Jeder Einzelne von uns ist ein Mitspieler, hat seine Rolle in dieser großartigen polyphonen Sinfonie. Deswegen ist es so wichtig, dass der Einzelne seinen Platz findet, dass wir Priester dafür sorgen, dass die Gläubigen ihren je eigenen Platz finden können.

    Wenn jeder dasselbe spielen würde, wäre das in unserer Kirche äußerst langweilig. Dann käme ein Unisono heraus. Stellen sie sich vor, unser Organist hätte heute Morgen nicht ein paar Register gezogen, sondern nur mit einer niedlichen Flöte, einem Achtfuß [Orgelregister] gespielt, die Feierlichkeit wäre weg gewesen. Das Zusammenklingen wäre gar nicht erst aufgekommen. So wie in der Orgel oder wie in der Sinfonie die einzelnen Stimmen zusammenklingen, so klingen sie aus uns allen zusammen. Deswegen ist es so wichtig, dass wir sozusagen unsere Lebensmelodie entdecken, sie aufnehmen und sie dann ein Leben lang musizieren.

    Für unseren Jubilar ist ein Münsteraner Priester von großer Bedeutung in seinem Leben gewesen. Wahrscheinlich kennen viele andere ihn auch. Er hat einige Bücher hinterlassen, die bis heute unübertroffen sind und immer zu Herzen gehen. Es ist der berühmte Münsteraner Spiritual Johannes Bours. In einem seiner kleinen Bücher holte er aus den Ignatianischen Briefen einige wertvolle Verse heraus. U.a. schließt er da ein Wort für den Leser auf, das heißt: „Nimm Gottes Melodie in dich auf“. Ich glaube, dass Werner Thissen ein Mensch ist, der als junger Mann in Kleve, später beim Studium (bevor er zur Theologie kam, gab es ja noch einen Exkurs in die Betriebswirtschaft), aber dann erst recht bei der Theologie und der Philosophie, 1965 ganz gewiss bei seiner Priesterweihe durch den damaligen Bischof Josef Höffner in Münster, und erst recht danach als Kaplan, als Spiritual, als Seelsorgeamtsleiter, als Generalvikar und schließlich als Weihbischof und Erzbischof – ein Gläubiger ist, der dieses Wort für sich entdeckt und gefunden hat.

    Er hat seine Melodie gefunden. Diese Melodie, diese Stimme, die bringt er in die große Sinfonie der Kirche Gottes ein. Immer und immer wieder bleibt er bei dieser Melodie, variiert sie, improvisiert sie. Es bleibt aber immer der gleiche Kern. Diese Melodie, lieber Werner, die möge dir nie abhandenkommen. Ich wünsche dir, dass du sie auch als Emeritus immer weiter im Ohr hast, im Leben hast, dass du sie weiter summst, dass sie dir nach wie vor zur Lebensmelodie wird und bleibt und, dass du diese Melodie im großen Chor, in diese große Sinfonie mit einbringst mit uns allen zusammen. Ich danke dir von ganzem Herzen für deinen priesterlichen Dienst an den unterschiedlichsten Stellen. Ich wünsche dir Gottes Segen für deinen wohlverdienten Ruhestand. Damit das, was ich jetzt versucht habe in der Predigt auszudrücken, für dich Gestalt annehmen kann, damit du es gleichsam durchleben und vertiefen kannst, schenkt dir das Erzbistum heute nicht nur ein schönes Fest, sondern gleich auch ein paar Karten für die Oper.

    Herzlichen Glückwunsch und Gottes Segen!

  • Morgenandacht - Lübecker Märtyrer / NDR Info / NDR Kultur / 25. 06. 2016

    „Meine geliebte Hildegard! Nun hat alles Warten ein Ende, der Weg liegt endlich wieder klar vor mir, und das Ziel ist uns Christen ja bekannt. Wie oft habe ich davon gepredigt; nun ist es bald erreicht. Da gilt mein erstes Wort dem treuen Gott, der mich so tausendfach in meinem Leben bewahrt und mit unendlich vielen Freuden erfreut hat. – Wahrlich, es ist nicht schwer zu sterben und sich in Gottes Hand zu geben.“
    So verabschiedete sich der evangelische Pastor Karl Friedrich Stellbrink am 10. November 1943 von seiner Frau. Anschließend wurde er zusammen mit den katholischen Priestern Johannes Prassek, Eduard Müller und Hermann Lange hingerichtet. Diese vier als Lübecker Märtyrer bekannt gewordenen Geistlichen hatten sich zuvor kritisch über das Naziregime geäußert. Vor fünf Jahren wurden sie seliggesprochen. Heute feiert die Kirche ihren Gedenktag.
    Sie und die 18 Laien, die mit Ihnen 1942 verhaftet wurden, sind Zeugen der Liebe, der Menschlichkeit und des Glaubens in einem der dunkelsten Kapitel unserer Geschichte und der Kirchengeschichte. In einer Zeit der Diktatur und Verfolgung haben sie sich nicht gescheut, für die Wahrheit einzustehen.
    Sie sind Märtyrer, das heißt, sie sind wegen ihres Glaubens und ihres Engagements für andere gestorben. Sie haben dem staatlichen und gesellschaftlichen Druck des Dritten Reichs nicht nachgegeben. Christliche Werte waren ihnen wichtiger als vermeintliches Recht. Unter Einsatz ihres Lebens haben sie sich für verfolgte und ausgegrenzte Menschen eingesetzt. Als Märtyrer sind sie auch Vorbild, uns heute für ausgebeutete Menschen einzusetzen und in ihnen unsere Nächsten zu sehen.
    Die Lübecker Märtyrer geben uns damit auch ein Bild für die Ökumene: Im gemeinsamen Zeugnis für Gott und die Würde jedes Menschen werden wir als Christen unterschiedlicher Konfessionen stärker zueinander finden.

  • Morgenandacht - Gastfreundschaft / NDR Info / NDR Kultur / 24. 06. 2016

    Die Urlaubssaison steht vor der Tür und Millionen Deutsche packen ihre Koffer. Lange Arbeitswochen und das Schuljahr sind vorbei. Mit dem Schiff, der Bahn, dem Flugzeug oder dem Auto geht es nach Bayern und in die Südsee. Für viele Menschen ist die Gastfreundschaft, mit der sie am Urlaubsort empfangen werden, fast genauso wichtig wie das Wetter und die Verpflegung.
    Mir kommt bei solchen Gelegenheiten oft eine Szene aus dem Lukasevangelium in den Sinn. Jesus besucht seine Freundinnen Maria und Marta. Marta ist sofort ganz davon eingenommen, für Jesus zu sorgen. Vermutlich kocht sie etwas oder bereitet das Gästezimmer. Maria dagegen sitzt einfach bei Jesus und hört ihm zu. Die Empörung ist vorprogrammiert: Marta geht zu Jesus und beschwert sich bei ihm, dass sie mit der Arbeit alleine dasteht. Doch statt ihr recht zu geben, sagt Jesus zu ihr: „Marta, Marta, du machst dir viele Sorgen und Mühen. Aber nur eines ist notwendig. Maria hat das Bessere gewählt, das soll ihr nicht genommen werden.“
    Dieser Satz provoziert. Marta kümmert sich hingebungsvoll um den Gast. Anstelle von Dank bekommt sie dann noch zu hören, dass ihre Schwester Maria das besser macht, indem sie sitzt und zuhört. Diese Szene macht deutlich, worum es bei der Gastfreundschaft geht: Sich öffnen für den anderen, ihm zuhören und Raum geben.
    Heute sind tausende Menschen als Flüchtlinge in unserem Land zu Gast. Das ist eine Situation, die uns als Gesellschaft und jeden persönlich herausfordert. Es ist gut, dass wir die Flüchtlinge mit Essen, Wohnraum und vielem anderen versorgen. Aber Gastfreundschaft meint eben nicht nur Versorgung. Gastfreundschaft heißt: sich öffnen für den Gast, eine Beziehung aufbauen, das Leben teilen. Echte Gastfreundschaft geht nicht leicht, aber wenn wir sie leben und erfahren, können wir reich beschenkt werden.

  • Morgenandacht - Heimat / NDR Info / NDR Kultur / 23. 06. 2016

    Bacel, 24 Jahre aus Homs in Syrien sagt: „Wenn ich die Haustür öffne, spüre ich diese Wärme, die es sonst nirgendwo gibt. Immer, wenn ich nach Hause kam, war meine Mutter da. Wenn ich um 2 Uhr nachts kam, war sie noch wach. Sie fragt: ‚Hast du Hunger?‘ Erst wenn ich nein sagte, konnte sie schlafen. Ich habe zwei Brüder, eine Schwester und natürlich Vater und Mutter. Wir waren wie…“ Dann bricht ihm die Stimme.
    Diese Sätze von Bacel sind Teil des Video-Projekts „Keys of Hope“ von Caritas International im Internet: Flüchtlinge zeigen ihren Schlüsselbund und erzählen von ihrer Heimat. Sie setzen damit ein Zeichen der Hoffnung gegen die Folgen des nun schon fünf Jahre dauernden Krieges.
    Die Geschichte von Bacel ist nur eine von unzähligen Geschichten, wie sie Flüchtlinge erzählen können. Sie zeigen: Heimat ist kein nostalgisches Wort, es ist eine tiefe Sehnsucht in jedem Menschen nach Geborgenheit, Sicherheit, Orientierung und vor allem nach Beziehungen, nach Familie und Freunden.
    Paulus sagt im Philipperbrief: „Unsere Heimat aber ist im Himmel.“ (Phil 3,20). Wenn wir Bacel und die vielen anderen Flüchtlinge hören, klingt das fast zynisch. Auf der einen Seite verlieren Menschen auf brutale Weise ihre Heimat und auf der anderen Seite sagt Paulus, dass wir hier auf Erden ohnehin keine Heimat haben. Aber warum ist der Himmel unsere Heimat?
    Der Himmel, das ist die ewige Gemeinschaft mit dem uns liebenden Gott, das ist eine Beziehung ohne Verletzungen, die Heilung alter Wunden, Sorglosigkeit, Angenommen-werden, echtes Glück, Frieden, Wiedersehen. Diese menschlichen Wörter versuchen bruchstückhaft, den Himmel zu umschreiben. Sie machen aber auch deutlich, dass ich in gelingenden Beziehungen ein Stück Himmel auf Erden finden kann. Gegenseitig können wir uns auf Erden schon jetzt und hier bereiten, was wir für den Himmel erhoffen.

  • Morgenandacht - Angst / NDR Info / NDR Kultur / 22. 06. 2016

    Sie macht uns krank. Sie lähmt uns. Sie treibt uns zu Höchstleistungen an. Kaum ein Gefühl ist so stark und so bestimmend wie die Angst. Und sie ist häufig begründet, allein die weltpolitische Lage kann uns ängstlich auf die Zukunft schauen lassen. Weil es uns hier in Deutschland so gut geht wie nie zuvor, haben wir auch viel zu verlieren. Versicherungen und Krankenkassen weisen uns auf Risiken hin, an die wir nie einen Gedanken verschwendet hätten. Jeder trägt dazu noch seine persönliche Liste von Ängsten mit sich herum: Versagen, Beziehungsabbruch, Anerkennungsverlust und so weiter.
    Ängste sind nicht per se schlecht, im Gegenteil: Die Angst ist ein Instinkt, der uns schützen will. Sie bremst uns manchmal aus, um einen Crash zu vermeiden. Aber sie kann uns eben auch blockieren und lähmen. Den richtigen Umgang mit Ängsten müssen wir im Laufe des Lebens lernen.
    Auch die frühen Christen kannten Unsicherheiten und Ängste. Der zweite Timotheusbrief will sie deshalb ermutigen und sagt: „Denn Gott hat uns nicht einen Geist der Verzagtheit gegeben, sondern den Geist der Kraft, der Liebe und der Besonnenheit.“ (2 Tim 1,7).
    Der Glaube nimmt nicht jede Angst. Aber als Christen haben wir Grund zur Hoffnung. Die Angst muss uns nicht lähmen, wir können sie in einen Antreiber verwandeln. Der Heilige Geist, von dem der Timotheus Brief spricht, wird auch als Beistand bezeichnet. Er ist es, der uns in Situationen der Angst beisteht, wenn wir ihn bitten. Wenn wir Angst vor einem Gespräch haben – komm, Heiliger Geist. Wenn uns die Angst vor der Zukunft den Atem raubt – komm, Heiliger Geist. Wenn wir uns Sorgen um unsere Kinder machen – komm, Heiliger Geist. Der Heilige Geist ist keine Kraft, die nur den Menschen vor 2000 Jahren verheißen wurde. Er ist real, auch heute. Komm, Heiliger Geist!

  • Morgenandacht - Begegnen / NDR Info / NDR Kultur / 21. 06. 2016

    „Ich gebe nicht nur etwas, sondern bekomme auch viel zurück“, das sagte vor kurzem eine Frau, die Prostituierte ehrenamtlich auf der Straße aufsucht. Sie und ihre Mitstreiter von der Teestube Sarah sind einmal in der Woche auf Hamburgs Straßen unterwegs. Sie bieten den Frauen heiße Getränke und Süßigkeiten an, kommen aber vor allem ins Gespräch und helfen bei Bedarf. Vor einem halben Jahr durfte ich einen Ehrenamtlichen begleiten und war tief beeindruckt, mit welcher liebenden und offenen Haltung er den Frauen begegnet.
    Die meisten unserer Begegnungen im Berufs- und Privatleben sind alltäglich. Aber viele entwickeln immer wieder eine große Tiefe – wie zum Beispiel mein Besuch bei den Ehrenamtlichen der Teestube Sarah. Solche Begegnungen bleiben lange hängen und prägen uns; sie fordern uns manchmal heraus. Das können ganz kurze Momente mit fremden Personen sein oder lebenslange Beziehungen mit vertrauten Menschen.
    Erst durch die Begegnung mit anderen Menschen können wir wachsen und wir selber werden. Der jüdische Religionsphilosoph Martin Buber hat das auf die Formel gebracht: „Der Mensch wird am Du zum ich.“ Das heißt, andere Menschen hindern mich nicht daran, ich selbst zu werden. Sie ermöglichen es mir – durch positive wie negative Erfahrungen.
    Im ersten Buch der Bibel, in der Genesis heißt es: Gott schuf also den Menschen als sein Abbild. (Gen 1,27) Als Christen glauben wir, dass jeder Mensch ein Bild Gottes ist. Das ist eine Herausforderung. Denn das bedeutet, dass sich Gott in jedem Menschen finden lässt – in denen, die uns nah sind, wie auch in denen, die uns zunächst sehr fremd sind. Gottes Angesicht verbirgt sich hinter den vielen Gesichtern der Menschen unserer Tage. Heute können wir ihnen begegnen und ihnen die Gewissheit vermitteln, dass auch sie ein Ebenbild Gottes sind und er sie liebt.

  • Morgenandacht - Gedenktag für die Opfer von Flucht und Vertreibung / NDR Info / NDR Kultur / 20. 06. 2016

    Vor etwa einem Jahr – ich war gerade neu als Erzbischof in Hamburg – habe ich eine Gemeinde in Mecklenburg besucht. In einem Wald in der Nähe von Rehna zeigte mir der örtliche Pfarrer zerfallene Holzhütten. Hier wurden nach dem Zweiten Weltkrieg vertriebene Sudetendeutsche mit dem Zug ausgesetzt. Sie haben sich einfache Hütten gebaut – ohne Wasser, Strom und Heizung. Die Folgen von Flucht und Vertreibung wurden mir selten so deutlich vor Augen geführt.
    Heute begehen wir in unserem Land zum zweiten Mal den Gedenktag für die Opfer von Flucht und Vertreibung. Wir denken unter anderem an die Vertreibung und Vernichtung der europäischen Juden durch den Nationalsozialismus und an die Deutschen, die vor 70 Jahren ihre Heimat gen Westen verlassen mussten. Wir machen deutlich: Flucht und Vertreibung sind keine harmlosen Umzüge, keine normalen Wohnortwechsel. Das heutige Gedenken soll diese Spuren der Vergangenheit heilen helfen. Was passiert ist, soll nicht verdrängt, sondern ehrlich angeschaut werden.
    Das Gedenken muss uns aber vor allem mahnen, Flucht und Vertreibung nicht zuzulassen und ihre Folgen zu mildern. Wir können nicht an gestern denken, ohne auf die Flüchtlinge von heute zu schauen. Natürlich, die Situation vor siebzig Jahren war eine andere als heute. Aber die Geschichte der Menschheit ist leider durchtränkt von Flucht und Vertreibung. Das darf uns nicht gleichgültig werden lassen.
    Denn glaubwürdiges Gedenken heute setzt auch ein glaubwürdiges Engagement heute voraus. Als Staat, als Gesellschaft und auch als Kirche müssen wir uns für Flüchtlinge und gegen Fluchtursachen engagieren. Ich danke von Herzen allen Haupt- und Ehrenamtlichen, die sich daran beteiligen.
    Gerade als Christen gilt für uns dabei das Wort Jesu: „Denn ich war hungrig und ihr habt mir zu essen gegeben; ich war durstig und ihr habt mir zu trinken gegeben; ich war fremd und obdachlos und ihr habt mich aufgenommen; … [Denn] was ihr für einen meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir getan.“

  • Grußwort bei der Auftaktveranstaltung des interreligiösen Projekts in der Flüchtlingshilfe „Weißt du, wer ich bin?“ / Berlin / 31. 05. 2016

    Vieles, was zuvor als selbstverständlich galt, ist im vergangenen Jahr fragwürdig oder sogar brüchig geworden. So haben die großen Fluchtbewegungen aus dem Mittleren Osten die Solidarität zwischen den Ländern und Gesellschaften Europas auf eine ernsthafte Bewährungsprobe gestellt. Noch ist nicht entschieden, ob wir sie bestehen werden. Und auch in unserem eigenen Land stehen wir vor großen Herausforderungen. Den vielen Menschen, die zu uns gekommen sind, müssen wir so rasch wie möglich Perspektiven einer echten gesellschaftlichen Teilhabe eröffnen. Und zugleich gilt es, den sozialen Frieden in unserem Land dauerhaft zu sichern. Keinesfalls dürfen wir zulassen, dass politische Demagogen die Ängste und Verunsicherungen der Bevölkerung zusätzlich schüren und für ihre eigene menschenfeindliche Agenda missbrauchen.

    Ohne Übertreibung kann man sagen: Die Aufgaben, vor denen wir stehen, erfordern nicht weniger als einen gesamtgesellschaftlichen Kraftakt. Doch das beeindruckende Maß an Solidarität, Hilfsbereitschaft und Mitgefühl, mit dem sich zahlreiche Menschen in unserem Land für die Anliegen von Flüchtlingen und Asylbewerbern einsetzen, gibt Anlass zu Zuversicht. Das weitverbreitete ehrenamtliche Engagement ist Ausdruck einer starken und lebendigen Zivilgesellschaft. Allein in den beiden großen Kirchen sind über 200.000 freiwillige Helfer aktiv: Sie unterstützen die neu angekommenen Menschen, sich in einer fremden Umgebung zurechtzufinden, und vermitteln ihnen ein Gefühl der persönlichen Wertschätzung. Viele Initiativen finden in guter ökumenischer Partnerschaft statt. Die mittlerweile sprichwörtlich gewordene „Willkommenskultur“ ist ein unverzichtbarer Beitrag zur Wahrung des gesellschaftlichen Zusammenhalts.

    Angesichts der hohen Flüchtlingszahlen zeigt sich, dass christliche Wertvorstellungen nicht einfach nur ein historisches Fundament unserer Gesellschaftsordnung bilden. Tatsächlich setzen sie auch heute eine kreative und begeisternde Dynamik frei. Dreh- und Angelpunkt unserer christlichen Identität ist die Wahrung der Würde eines jeden Menschen – unabhängig von Herkunft und Religion. Wer die christliche Prägung unserer Gesellschaft nur deshalb betont, um Menschen anderer Religionszugehörigkeit auszuschließen, entwertet letztlich das Christentum.

    Mehr denn je sollten wir Christen uns heute ins Gedächtnis rufen, dass der Glaube an einen barmherzigen Gott uns mit Juden und Muslimen verbindet. Die Tora, das Evangelium und der Koran sprechen auf vielfältige und eindrückliche Weise von der Barmherzigkeit Gottes, aus der sich zugleich ethische Fürsorgepflichten des Menschen ergeben. Dass Christen, Juden und Muslime auf die Fluchtbewegungen unserer Tage mit großer Hilfsbereitschaft reagieren, verdankt sich nicht zuletzt dieser gemeinsamen religiösen Grundlage.

    Anlässlich des Welttags des Migranten und Flüchtlings 2016 hat Papst Franziskus uns Christen aufs Neue daran erinnert: Die Barmherzigkeit, die wir von Gott, unserem Vater, empfangen, „stärkt [...] die Solidarität gegenüber dem Nächsten“ und verhindert, dass wir uns an das Leid des anderen gewöhnen. Als Christen sind wir dazu berufen, unser Herz den Schutzsuchenden und Notleidenden unserer Tage zu öffnen und ihnen eine konkrete Hoffnung zu geben. Angerührt von Gottes Barmherzigkeit können auch wir barmherzig sein. Es besteht eine tiefe innere Verbindung zwischen der Barmherzigkeit Gottes und unserer eigenen barmherzigen Haltung gegenüber dem Nächsten: „An der Wurzel des Evangeliums der Barmherzigkeit überschneiden sich die Begegnung und Aufnahme des anderen mit der Begegnung und Aufnahme Gottes: Den anderen aufnehmen bedeutet Gott selbst aufnehmen!“, so Papst Franziskus. Unser tatkräftiges Engagement für die Anliegen von Flüchtlingen und Migranten ist daher nicht einfach nur mildtätiges Beiwerk, sondern sichtbares Zeugnis unseres christlichen Glaubens. „Ich war fremd und obdachlos, und ihr habt mich aufgenommen“ (Mt 25,35): Sooft wir dieses Wort aus dem Matthäusevangelium auch schon gehört haben – angesichts der gegenwärtigen Fluchtbewegungen hat es aufs Neue eine wachrüttelnde Wirkung entfaltet.

    Als Sonderbeauftragter der Deutschen Bischofskonferenz für Flüchtlingsfragen ist es mir ein besonderes Anliegen, dass die Sorge für schutzsuchende Menschen und der Dialog zwischen den Religionen enger als bisher miteinander verknüpft werden. Ich freue mich, dass dieser Impuls bei der Neuauflage des Projekts „Weißt du, wer ich bin?“ aufgegriffen wurde. Den Mitarbeitern der vier beteiligten muslimischen Verbände, des Zentralrats der Juden, der Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen, der Deutschen Bischofskonferenz und der Evangelischen Kirche in Deutschland danke ich dafür, dass sie das Projekt innerhalb einer äußerst kurzen Zeitspanne auf den Weg gebracht haben. Mein besonderer Dank gilt auch dem Bundesministerium des Innern für die großzügige finanzielle Unterstützung des Projekts.

    Bereits zwischen 2004 und 2011 wurden im Rahmen von „Weißt du, wer ich bin?“ mehr als 100 lokale Initiativen gefördert. Damals wie heute will das Projekt Juden, Christen und Muslime dazu befähigen, Verbindendes zu entdecken, Unterschiede zu respektieren, gemeinsam zu handeln und dem gesellschaftlichen Wohl zu dienen.

    Die Frage nach dem Beitrag, den die Religionen zum gesellschaftlichen Zusammenhalt und zu gelingender Integration leisten können, wird uns auch auf längere Sicht beschäftigen. Letztlich stehen wir alle – Christen, Juden und Muslime – gemeinsam in der Pflicht, das friedensstiftende und integrationsfördernde Potential von Religion immer wieder in unserem alltäglichen Handeln zu bezeugen. Als katholischer Bischof darf ich sagen: Es ist ein gutes Zeichen, dass der Auftakt des Projekts inmitten des Heiligen Jahrs der Barmherzigkeit stattfindet. Durch ihr gemeinsames Eintreten für die Anliegen schutzbedürftiger Menschen lassen Juden, Christen und Muslime den Geist der Barmherzigkeit in unserer Gesellschaft lebendig werden. Dem Projekt und all seinen Mitwirkenden wünsche ich von Herzen Gottes reichen Segen.

  • Predigt beim Fronleichnamsgottesdienst auf dem Neuen Friedhof / Rostock / 26. 05. 2016

    Liebe Schwestern und Brüder,

    auch wenn ich heute Abend beim Katholikentag in Leipzig eine eucharistische Andacht mit einer Prozession halten darf, bin ich froh, am heutigen Morgen mit Ihnen zusammen hier in Rostock Fronleichnam feiern zu dürfen.

    Das Fronleichnamsfest hat einen ganz anderen Charakter als der Gründonnerstag. Am Gründon-nerstag gedenken wir der Einsetzung der heiligen Eucharistie beim letzten Abendmahl, das Jesus mit seinen Jüngern gefeiert hat. Dieses Abendmahl gewinnt seine vollkommene Realität einen Tag später am Karfreitag in der Ganzhingabe, in jenem Kreuzesopfer, mit dem Christus sich voll und ganz hingibt. Heute stehen gar nicht so sehr Opfer und Mahl im Vordergrund, sondern Fron-leichnam legt eher einen etwas anderen Akzent. Heute geht es um die Verehrung der Eucharistie. Mit viel Liebe wird landauf, landab das Fronleichnamsfest gefeiert. Manchmal haben sich Pfarreien sogar in ihrer Ehrfurcht versucht, gegenseitig zu übertreffen. In vielen Gemeinden gab es bzw. gibt es z. B. Blumenteppiche, die in großer Pracht die Eucharistie beschreiben. Man hat wertvolle Zeigegeräte für die Eucharistie geschaffen, herrliche Monstranzen. Sie werden unter einem Himmel getragen, der gerade in der Barockzeit prächtig ausgestaltet war. Ganz zu schweigen von den vielen Kerzen, Blumen, dem Weihrauch, den Liedern und den Texten, ja den Hymnen, die zum Beispiel ein Thomas von Aquin gedichtet hat, und die wir heute immer noch singen in der deutschen Übertragung: „Deinem Heiland, deinem Lehrer …“

    Im Tagesgebet des heutigen Festtages haben wir diesen Gedanken von der Verehrung mit ins Gebet genommen. Wir haben uns an Gott gewandt und ihn angerufen, dass wir die Geheimnisse des Leibes und Blutes Christi in der heiligen Eucharistie so verehren, dass uns die Frucht der Erlö-sung zuteil wird. Dieses Gebet stellt uns vor die Frage: Was gehört denn zu einer echten Vereh-rung der Eucharistie dazu?

    1. Ob wir nun die Eucharistie ganz feierlich verehren mit Weihrauch, Kerzen, Blumen und vielem anderen mehr oder ob wir es eher in einer schlichten Weise tun – das Entschei-dende ist, dass wir mit ganzem Herzen dabei sind, dass unsere äußeren Zeichen aus einer inneren Haltung entspringen. Dann merken wir, die äußeren Zeichen sind gar nicht so sehr das Entscheidende, sondern die innere Einstellung ist viel wichtiger. Es kommt also gar nicht so sehr darauf an, ob wir viel Weihrauch auflegen, oder wie viele Mengen an Blumen und Blüten es nun sind. Es kommt vielmehr darauf an, dass das, was wir äußerlich tun, innerlich gedeckt ist und wir mit innerer Freude ein Zeichen der Liebe zu Jesus Chris-tus setzen, der in den Gestalten von Brot und Wein mitten unter uns ist.

    2. Eine der wichtigsten Ausdrucksweisen am Fronleichnamstag oder bei der Prozession und bei der Anbetung ist die Kniebeuge (oder wenn wir körperlich nicht mehr so gut können die Verneigung). Wir werden dabei nicht in die Knie gezwungen. Wir werden auch nicht äußerlich gedemütigt, sondern wir legen ein Glaubensbekenntnis mit unserem Knien ab, also mit unserem Leib. Wir bringen zum Ausdruck: Ich bin nicht der Größte. Ich bin auch nicht der Beste. Ich bin nicht der Höchste. Sondern vor dem Größten und Höchsten setze ich ein Zeichen und will seine, Gottes Größe und Liebe anerkennen. Der Schriftsteller Dostojewski hat einmal gesagt: „Der Mensch kann nicht leben ohne zu knien.“ Deswegen finde ich es ein großartiges Zeichen, dass gerade dort, wo Christen verfolgt werden, sie mit der Fronleichnamsprozession ein starkes Zeichen ihres Glaubens setzen. Das war in unserer deutschen Geschichte so, als Christen im Dritten Reich ihre Fronleichnamsprozes-sion hielten und das war hier in Rostock ganz gewiss auch so in den Jahren der DDR, als man sich auch am Fronleichnamsmorgen, der kein Feiertag war, hier versammelte und Gottesdienst feierte, und eine Prozession hielt und dabei vor Jesus Christus die Knie beug-te.

    3. Wir haben darum gebetet, dass wir Brot und Wein, Leib und Blut Christi so zu verehren vermögen, dass uns die Frucht der Erlösung zuteilwird. Liebe Schwestern und Brüder, wenn wir die Eucharistie verehren, dann verehren wir den Erlöser und dann feiern wir un-sere Erlösung schlechthin, denn in den eucharistischen Gestalten tritt Gottes ewige Liebe in die Zeit. Der ewige alles umfassende Gott wird eins mit den Gestalten, die sich auf die menschliche Arbeit zurückführen lassen: Brot und Wein. Umgekehrt werden die Zeit und das menschliche Leben sowie die ganze Erde aufgebrochen hin zum Himmel in die Ewig-keit.
    Deswegen können wir auf die Verehrung der Eucharistie nicht verzichten. Sie ist nicht aufgesetzt, und sie ist kein nebensächliches Tun, sondern Verehrung der Eucharistie und Anbetung zielt in die Mitte des Glaubens und unseres Glaubenslebens. Deswegen halte ich es für wichtig, dass in unseren Gemeinden regelmäßig Zeiten der Anbetung gehalten werden und wir dann und wann auch tagsüber einfach einmal in unseren Gotteshäusern den Weg zum Tabernakel finden, wo Christus in Gestalt des Brotes immer anwesend ist.

    Liebe Schwestern und Brüder, vor 350 Jahren, am Fronleichnamsfest 1666, hat unser Mecklen-burger Schutzpatron Niels Stensen die Fronleichnamsprozession im italienischen Livorno erlebt. Er war tief beeindruckt von den Gebeten und den Kniebeugen und dem allerheiligsten Altarssakra-ment und gerät dadurch ins Nachdenken. Er schreibt: „Als ich die Hostie mit so großer Prachtent-faltung durch die Stadt getragen sah, stieg mir dieser Gedanke auf: Entweder ist diese Hostie ein einfaches Stück Brot und diejenigen sind Toren, die ihm so viel Ehre erweisen; oder es ist der wahre Leib Christi und warum verehre ich es dann selbst nicht?“ Wir wissen, dass im Jahr darauf 1667 Niels Stensen zur katholischen Kirche übertrat, einige Jahre später Priester wurde und gegen Ende seines Lebens im nahen Schwerin tagtäglich die heilige Messe gefeiert hat. Hoffentlich stär-ken die heutige Prozession und dieser Gottesdienst auch unseren Glauben wie damals Niels Sten-sen und führen uns zu einer immer tieferen Verehrung von Jesus Christus selbst!

  • Predigt zur Priesterweihe von Gabor Kant und Thorsten Weber / Hamburg/ St. Marien-Dom / 14. 05. 2016

    (Schrifttext: Neh 8,1-3 + 8-12; 2 Kor 1,18-22 + 24; Joh 15,5 -17)

    Liebe Mitbrüder,

    in Ihren früheren Berufen haben Sie einen Arbeitsvertrag geschlossen. Der eine als Journalist bzw. Rundfunkmoderator und der andere als Optiker bzw. Finanzberater. Heute werden Sie zum Priester geweiht – und: einen formellen Arbeitsvertrag zwischen Ihnen und dem Bistum wird es nicht geben.

    In der Priesterweihe schenkt Jesus Christus sich Ihnen ganz und umgekehrt: Sie schenken sich ihm ganz. Das geht deutlich über ein Arbeitsverhältnis hinaus. Das wird sich mit einem Arbeitsver-trag mit genauen Arbeitszeiten und mit einer entsprechenden Besoldung nicht erfassen lassen. Allenfalls kann es in einer Arbeitsplatzbeschreibung eine konkrete Umsetzung dieses Ideals der Weihe geben. Bevor Sie mit Ihren Pfarrern und unserer Personalabteilung zu einer Arbeitsplatz-beschreibung kommen, orientieren Sie sich an der heutigen Weiheliturgie. Sie bietet eine Fülle von Anknüpfungspunkten, die wir hier heute gar nicht ausschöpfen können. Dazu braucht es ein Leben lang. Vielleicht hilft gerade die Teilnahme an der Weiheliturgie auch denen, die schon län-ger geweiht sind, noch einmal auf diesen oder jenen Aspekt des Priestertums einzugehen und ihn im Leben zu vertiefen.

    Gleich vor der unmittelbaren Weihe durch Handauflegung und Gebet legen Sie ein Versprechen ab. Gleich sechsmal hintereinander werde ich Sie fragen: Seid ihr bereit … ? Seid ihr bereit zu ei-nem lebenslangen Dienst, immer in Verbundenheit mit dem Bischof, stets für die Menschen, selbstverständlich im katholischen Glauben, besonders in der Feier der sieben Sakramente und tagtäglich durch das Gebet als Beziehungspflege zu Gott. Und dann steht da noch eine Frage: „Seid ihr bereit, den Armen und Kranken beizustehen und den Heimatlosen und Notleidenden zu helfen?“

    Liebe Schwestern und Brüder, ohne in lange liturgiewissenschaftliche historische Forschungen einzusteigen: Aber diese Frage ist zum großen Teil erst im Nachgang zum Zweiten Vatikanischen Konzil in den Weiheritus eingefügt worden. Sie ist aber nicht sozusagen einfach draufgesetzt, sie bleibt kein Fremdkörper. Im Gegenteil: Sie bringt die ureigenste Absicht und das ureigenste Han-deln Jesu Christi noch einmal zum Ausdruck. Er selber hat sich den Armen, den Kranken, den Hei-matlosen und Notleidenden verschrieben. Für sie war er voll und ganz da.

    Dies soll priesterlicher Dienst weiter fortsetzen. Sie stehen heute in den Fußstapfen Jesu und sollen diese Sendung Jesu weiter verlängern. Sicher werden Sie schon als Diakone die eine oder andere Erfahrung diesbezüglich gesammelt haben. Keiner von uns kann gerade heute an den enormen Herausforderungen der Flucht und Migration vorbei. Gerade wir hier im Norden nicht.

    Bereits in einigen Tagen, am Fronleichnamsfest werden Sie in der heiligen Messe das Evangelium von der Brotvermehrung verkünden und bepredigen. Viele Menschen sind um Jesus versammelt und sie brauchen Nahrung. Die Jünger wollen diese Menschen wegschicken. Jesu Auftrag geht aber in die entgegengesetzte Richtung. Er trägt Ihnen auf „Gebt Ihr ihnen zu essen“ (vgl. Lk 9,11b-17).

    Lieber Gabor Kant, lieber Thorsten Weber, nehmen Sie dieses Wort ganz persönlich auf sich bezogen: „Gebt Ihr ihnen zu essen!“ Tun Sie das ganz persönlich in Ihrer tagtäglichen Arbeit und versuchen Sie es strukturell vielleicht manchmal auch bewusst gesellschaftlich ein wenig politisch. Tun Sie das, was Sie können, damit die Armen und Kranken, die Heimatlosen und Notleidenden zu essen und zu trinken haben, damit sie versorgt sind, damit sie Nahrung für ihren Körper aber auch Nahrung für Ihre Seele bekommen. Übrigens in den Schrifttexten, die Sie für diesen Gottesdienst ausgewählt haben, kommt dieser Gedanke immer wieder vor: Da wird im alten Bund aus dem Gesetz vorgelesen, aber es bleibt nicht beim Gottesdienst, sondern der wird zum Menschen-dienst. Man trägt Speisen zusammen, damit auch die etwas bekommen, die nichts haben. Und Paulus fordert Sie auf, nicht Herren des Glaubens zu sein, sondern Helfer zur Freude für andere. Und unüberbietbar bringt Jesus all dies zusammen: „Liebt einander, so wie ich euch geliebt ha-be“.

    Vielleicht ist für diese Tätigkeit eines ausschlaggebend: Nämlich sich selber immer wieder als arm und angewiesen zu sehen, als schwach und der Hilfe bedürftig, als jemand, der selber heimatlos ist, und sich auf den Weg zu Gottes Heimat befindet. Der Priester ist keiner, der in seinem eigenen Leben, in seinem Pfarrhaus, in seiner Bibliothek, in seinen Schränken oder wo auch immer, alles hätte, was er dann einfach nur abgeben müsste, sondern der Priester ist selber ein Armer und einer, der offene Hände haben muss Gott gegenüber und den Menschen gegenüber. Der weiß, dass er selber auf Hilfe angewiesen ist, und der deswegen anderen Hilfe schenken darf. Der ein-fach weitergibt, was er selber empfangen hat.

    Ein ganz konkreter Tipp für Ihren Dienst: Fragen Sie sich und die anderen in Ihren Gemeinden im-mer wieder: „Wo sind hier die Armen?“ Wo sind in diesem pastoralen Raum die Notleidenden, Heimatlosen, die Kranken? Haben Sie sie im Blick! Gehen Sie auf sie zu und seien Sie Sakrament Jesu Christi. Heute empfangen Sie das Sakrament der Priesterweihe, um selber ein Sakrament, ein Zeichen für die Menschen sein zu können. Und zwar nicht ein Zeichen für sich oder aus sich selbst, sondern ein Zeichen Christi. Sie empfangen heute das Siegel, mit dem Christus sich Ihnen einverleibt. Und so können Sie selber Sakrament für die anderen sein, indem Sie ihn, in allem was Sie tun, aufscheinen lassen. Bewahren Sie sich diese Bereitschaft stets auf‘s Neue.

    Amen.

  • Predigt in der Osternacht 2016 im St. Marien-Dom / Hamburg / 27. 03. 2016

    „Lebenserwartung steigt weiter“, so eine Information in den Medien Anfang dieses Monats. 1910, also vor etwa 100 Jahren, betrug die durchschnittliche Lebenserwartung noch ca. dreißig Jahre weniger als heute. Mittlerweile dürfen in Deutschland neugeborene Mädchen davon ausgehen, dreiundachtzig Jahre alt zu werden und neugeborene Jungen achtundsiebzig Jahre. Die Lebenserwartung steigt!

    Lebenserwartung heißt hier schlicht und einfach: Lebensdauer. Rein statistisch stimmt es: Wir werden immer älter. Was aber nützt der statistische Durchschnittswert dem Einzelnen? Was nützt er mir? Jedes menschliche Leben ist und bleibt einzigartig! Und: Eine Lebensverlängerung allein - macht die schon glücklich? Wie viele Menschen haben sogar ausgesprochene Angst vor sogenannten „lebensverlängernden Maßnahmen“?!

    Viele von uns hier in Deutschland dürfen sich an einer überaus guten Lebensqualität erfreuen. Ich denke nur an unsere gesundheitliche Versorgung oder an die großen Bildungschancen in unserer Gesellschaft.

    Gleichzeitig müssen wir aber immer im Blick behalten, dass es auch in unserem Land viele Menschen gibt, die keinen Zugang zur Bildung haben, oder andere, die mit großer Angst auf eine drohende Armut im Alter schauen. Ganz zu schweigen von den vielen Menschen weltweit, deren Leben äußerlich betrachtet quantitativ und qualitativ viel kürzer und bescheidener ausfällt als für viele von uns.

    Liebe Schwestern und Brüder, Ostern ist das Fest des Lebens. Ostern ist das Fest des Lebens wie kein anderes Fest im Kirchenjahr. Ostern bedeutet das Leben schlechthin! Ostern weitet unsere Lebenserwartungen und unsere Lebensmöglichkeiten enorm!

    Ostern weitet die siebzig, achtzig oder neunzig Jahre unseres Lebens hier auf dieser Welt um den Faktor Ewig. Wir leben also siebzig, achtzig, neunzig Jahre plus Ewig. Das gibt eine große Gelassenheit. Wir können die irdischen Jahre zwar nutzen und füllen, aber wir brauchen sie nicht zu überfrachten. Es gilt seit Ostern: Wir erwarten immer (!) mehr, als wir bereits hinter uns haben. Die Uhr läuft nicht ab, die Zeit rennt uns nicht davon, sondern wir bewegen uns auf die Fülle der Zeiten zu.

    Ewigkeit heißt nun nicht einfach Unendlichkeit, wie man landläufig meint, wenn wir manchmal eher gelangweilt feststellen: „Das dauert ja eine Ewigkeit“. Ewigkeit heißt vielmehr dauernde Gegenwart, heißt immer im Jetzt leben zu dürfen. Diese österliche Ewigkeit heißt eigentlich nichts anderes, als endlich anzukommen, endlich der oder die zu sein, der oder die ich sein soll. Nicht hinter mir zurück zu bleiben und nicht vor mir selber wegzulaufen, sondern ganz bei mir sein zu können. Ich kann in der Ewigkeit ganz der sein, der ich von Gott her sein soll, weil ich in Gottes Nähe leben darf, weil mich in der Ewigkeit niemand und nichts mehr von diesem Gott trennt. Wenn ich ganz bei Gott bin und ganz bei mir selbst bin, dann sind wir auch alle beieinander. Dann entsteht jene Gemeinschaft, von der wir hier alle nur träumen können.


    Und dennoch, liebe Schwestern und Brüder, für uns Christen beginnt dieses ewige Leben nicht erst dann, wenn wir sterben, sondern es ragt schon in diese Zeit herein. Ostern fordert uns auf, unsere Lebenszeit für die Qualität Ewigkeit zu öffnen.

    Das österliche Leben macht sich bei den ersten Jüngern dadurch bemerkbar, dass sie den Auferstandenen von Angesicht zu Angesicht sehen, und damit leben sie schon hier und jetzt immer wieder im „Jetzt“ Gottes.

    Diese Erfahrung wälzt sie innerlich um. Sie werden zu neuen Menschen, die sich selber im Licht Gottes sehen. Ihnen geht es dann nicht mehr um Zweitrangiges oder um Äußerlichkeiten. Sie finden zu ihrem Wesen und leben in großer Harmonie und Eintracht mit Gott selber.

    Und schließlich, wer den Auferstandenen so nah vor Augen hat, wer sich selber neu erkennt, der wird auch fähig für die neue Gemeinschaft, die schon jetzt entsteht. Deswegen rennen die Zeugen der Auferstehung in ihre Gemeinschaften, und sie verändern diese und die ganze Welt von innen her.

    Liebe Brüder und Schwestern, dieses österliche Lebenskonzept unterscheidet sich grundsätzlich von dem, was unsere Gesellschaft gerade in den letzten Tagen durch die Brüsseler Ereignisse aufgeschreckt hat. Als Christen wollen wir so etwas gerade nicht! Wir stehen zu unserer europäisch-christlichen Tradition und wollen alles tun, um sie weiter zu gestalten, um sie weiter zu leben! Wir wollen die österliche Dimension in das alltägliche Leben einbringen und es so bereichern – zum Wohle aller Menschen.

    „Lebenserwartung steigt“ ist nicht nur eine Zeitungsmeldung, es ist die Osterbotschaft. Ich wünsche Ihnen allen ein erfülltes, frohes Osterfest, das in ihr Leben hineinstrahlt, also jeden Tag eine Spur von Ewigkeit im Hier und Jetzt – und das gerade in diesen bewegten Zeiten!

  • Predigt zum Gründonnerstag 2016 im St. Marien-Dom / Hamburg / 24. 03. 2016

    Oft hat Jesus im Laufe seines Lebens die Menschen berührt: Er hat den Kindern die Hände auf den Kopf gelegt, um sie zu segnen; er hat die Wunden der Kranken berührt, um sie zu heilen … Heute am letzten Abend seines Lebens rührt er die Füße seiner Jünger an. Er wäscht sie. Das geht nur, wenn er die Füße berührt.

    Unsere Füße sind von großer Bedeutung. Wie stolz ist ein kleines Kind, wenn es auf seinen zierlichen Füßen stehen und sich dann auch noch fortbewegen kann? Auf unseren Füßen scheint unser ganzes Leben zu ruhen. Josef Martin Bauer betitelte 1955 seinen in München erschienenen Bericht eines Sibirienflüchtlings mit dem Titel „Soweit die Füße tragen“. Es schränkt unser Leben ziemlich ein, wenn wir uns nicht mehr auf unseren Füßen halten können. Sprichwörtlich sagen wir sogar, wenn wir Angst bekommen oder uns nicht mehr trauen weiterzugehen, „kalte Füße“ zu haben. Unsere Füße sind mehr als ein Körperteil, sie können so etwas wie ein Sinnbild unseres Lebens sein.

    Damals zur Zeit Jesu haben die Menschen selten Schuhe getragen. Vielleicht haben Sie noch von einem der Fastensonntage das Evangelium vom barmherzigen Vater bzw. verlorenen Sohn im Ohr, wo es nach der Rückkehr des Sohnes ausdrücklich heißt, dass der Vater ihm Schuhe anziehen lässt. Das war etwas Besonderes.

    Die Füße kamen gewöhnlich am schnellsten und am stärksten mit dem Staub und Schmutz des Bodens in Berührung.
    Und darüber hinaus: Wer keine Schuhe trägt, ist empfindsam und kann sich schnell verletzen.

    All das berührt Jesus bei der Fußwaschung: Den Menschen und sein Leben mit Schmutz und Dreck bis hin zu Wunden und Vereiterungen, also Schmerz und am Ende sogar den Staub des Todes. Damit rührt Jesus den ganzen Menschen an. Das ganze Leben, alles und jeden Einzelnen. Die Fußwaschung ist eine Geste, die das Wirken Jesu zusammenfasst. Sie will keine punktuelle Berührung sein, sondern eine die aufs Ganze geht.

    Diese Geste macht deutlich, dass Christus die Welt und den Menschen nicht von oben herab anspricht, sondern dass er sich unter alles beugt.

    In einem unserer Weihnachtslieder singen wir: „Siehe dies Wunder, wie tief sich der Höchste hier beuget; siehe die Liebe, die endlich als Liebe sich zeiget. Gott wird ein Kind, träget und hebet die Sünd: Alles anbetet und schweiget“ (GL 251,3). In der Menschwerdung, in der Krippe beginnt diese Geschichte Gottes nach unten. In seinem Sterben endet sie. Christus will alles berühren und unterfassen, um es zu heben und zu vollenden.

    Deswegen bleibt uns auch nichts anderes übrig, als uns waschen zu lassen. Normalerweise waschen wir uns ja selber. Aber dieses Reinigungsbad können wir gar nicht selber an uns vollbringen, wir können es nur an uns geschehen lassen. Könnte dieses Fußbad nicht auch ein Sinnbild der Taufe sein, die wir uns ebenso nicht selber spenden können, sondern die an uns geschieht. Jesus gebraucht das geheimnisvolle Wort: „Wer vom Bad kommt, ist ganz rein …“ Heute sind es die Füße, die der Meister seinen Jüngern wäscht. In der Osternacht wird es der Brunnen des Wassers sein, in dem getauft wird und das uns an unsere eigene Taufe erinnert. Lassen wir es an uns geschehen!

  • Predigt zur Chrisam Messe / St. Marien-Dom Hamburg / 21. 03. 2016

    Es gilt das gesprochene Wort


    Zu Beginn unserer Chrisam Messe sind wir mit allen Priestern und Diakonen durch die Heilige Pforte in unseren Mariendom eingezogen. Wir haben das ganz bewusst anlässlich des Jahres der Barmherzigkeit getan und begehen sozusagen mit unserer Ölweihemesse heute das Jubiläum der Priester und Diakone in diesem Jubeljahr.

    Wenn wir durch die Pforte treten, gelangen wir von draußen nach drinnen. Wir treten durch die Pforte hindurch in die Größe und Weite unseres Domes. Wir treten damit ein in die Größe und Weite Gottes selber. Die Heilige Pforte erinnert uns dabei an das Wort Jesu: „Ich bin die Tür“. Christus selber ist die Tür, ja er ist der Zugang, der uns in die Barmherzigkeit Gottes hineinführt.

    Die Jünger damals haben Jesus Tag für Tag als eine solche Tür zum Geheimnis Gottes erleben dürfen. Seine Predigt in Nazareth, die wir im Evangelium gehört haben (vgl. Lk 4,16-21), ist ein erster Schritt durch diese Tür hindurch in das Geheimnis Gottes hinein. Seine vielfältigen Predigten wer-den weitere Schritte sein. Für die Jünger lösen sie die Frage aus: Woher hat er das alles? Er redet ja nicht wie die Schriftgelehrten, sondern mit göttlicher Vollmacht. Wer ist das? Und auch seine Wunder lösen die Frage aus: Was ist das für ein Mensch? Hier werden nicht nur Worte gemacht, sondern die Worte enthalten, was sie aussagen und schaffen eine neue Wirklichkeit, sind Beginn der neuen Schöpfung. Und schließlich erleben die Jünger einen weiteren Schritt in dieses Geheimnis Gottes hinein, wenn sie Jesus beten sehen. Es scheint für sie derart faszinierend gewesen zu sein, dass sie den Eindruck hatten, hier öffnet sich der Himmel. Und schließlich der letzte große Schritt durch diese Tür in das Geheimnis Gottes herein ist Jesu Sterben. Wir werden es am Karfreitag in jener dramatischen Stelle aus der Passion hören, wo es heißt: „Der Vorhang des Tempels riss entzwei“. Jetzt ist die Tür gleichsam geöffnet auf das Weiteste hinein in Gott selbst.

    Liebe Mitbrüder, jeder von uns Priestern und Diakonen ist durch diese Tür hindurchgegangen. Wir sind nicht draußen stehen geblieben und haben uns das Ganze nur von außen angeschaut, sonst wäre keiner von uns heute hier. Nein, wir sind durch diese Tür selber hindurchgetreten und in das Geheimnis Gottes hineingelangt. Gott hat sie uns ja in seinem Sohn ein für alle Mal geöffnet. Gott ist eben nicht wie jener vermeintliche Freund, der seinem Nachbarn nachts die Tür verschlossen hält: „Belästige mich nicht; die Tür ist jetzt geschlossen … Ich kann nicht aufstehen und dir geben!“ (Lk 18,7). Jeder von uns hat an diese Tür geklopft, ist durch die hindurchgetreten in das Geheimnis der göttlichen Barmherzigkeit. Den einen macht die zärtliche Seite dieser Barmherzigkeit ganz sensibel angerührt haben, den anderen mag die umwälzende Wirkung dieser Barmherzigkeit gleichsam umgedreht und verwandelt und aus dem Sattel geworfen haben wie einen heiligen Paulus. Vielleicht lag es bei uns irgendwo zwischen diesen beiden Extremen. Ich bitte Sie: Bleiben Sie mit dieser Erfahrung der göttlichen Barmherzigkeit Ihr Leben lang in Berührung. Es ist die Quelle, aus der unsere Berufung fließt und mit dieser Quelle müssen wir in Kontakt bleiben. Das Jahr der Barmherzigkeit ermuntert uns einfach dazu, sozusagen an Jesus dran zu bleiben etwa im Lesen der geöffneten Schrift, im Gebet oder vor dem offenen Tabernakel in der Anbetung.

    Liebe Mitbrüder, aus dieser Erfahrung, die wir persönlich mit Gottes Barmherzigkeit gemacht haben, ergibt sich auch ein Auftrag. Als Geistliche sind wir gesandt, anderen Menschen zu mindestens ein wenig behilflich zu sein, den Weg durch diese Tür, die Jesus Christus selber ist, zu finden und zu gehen.
    Von Papst Johannes XXIII. sagt man, dass er vor dem Zweiten Vatikanischen Konzil zeichenhaft ein Fenster weit aufgerissen habe, um deutlich zu machen, was das Konzil bewirken soll. Mittlerweile ist man sich nicht ganz einig, ob diese Begebenheit wirklich stattgefunden hat. Aber eine Begebenheit hat stattgefunden: Papst Franziskus hat Ende letzten Jahres zur Eröffnung des Heiligen Jahres der Barmherzigkeit die Heilige Pforte weit aufgerissen. Ich habe dieser Tage von einer Bekannten, die zurzeit eine Pilgerreise nach Rom macht, eine Postkarte mit diesem Bild erhalten. Papst Franziskus stemmt die Heilige Pforte am Petersdom auf und geht durch sie hindurch.

    Liebe Mitbrüder, von Ihnen müssen keine Postkarten gedruckt werden. Aber diesen Gestus des Papstes wünsche ich mir von einem jeden von Ihnen in Ihrem alltäglichen Dienst. Halten Sie die Tür, die Jesus Christus selber ist, weit geöffnet. Keinem von uns darf das Urteil Jesu über die Gesetzeslehrer treffen: „Weh euch! Ihr habt den Schlüssel der Erkenntnis weggenommen; ihr selbst seid nicht hineingegangen und die, welche hinein wollten, habt ihr abgehalten!“ (Lk 11,52). Wir sollen also nicht verschließen, sondern wir sollen öffnen und anderen helfen durch die Tür Christi hindurchzutreten. Das ist die Sendung Jesu Christi und an dieser Sendung haben wir als Geweihte Anteil. Deswegen gilt von uns mit Fug und Recht das Wort aus der heutigen Lesung und dem Evangelium: Der Geist Gottes ruht auf dir. Er hat dich gesandt, anderen den Weg in Gottes Barmherzigkeit zu weisen.
    Amen

  • Fastenhirtenbrief 2016 / Hamburg / 13. 02. 2016

    Liebe Schwestern und Brüder,

    mittlerweile bin ich fast ein Jahr Ihr neuer Bischof. Die Ernennung zum Hamburger Erzbischof bedeutet für mich eine doppelte Herausforderung: einerseits muss ich mich in das neue Amt als Bischof einfinden, andererseits in das für mich neue Bistum Hamburg.

    Ich konnte in den letzten Monaten viele Menschen und Einrichtungen kennenlernen: in unseren Gemeinden, in der Ökumene und in der Gesellschaft. Dafür bin ich sehr dankbar!
    Ich sehe dabei eine Reihe von Aufgaben vor uns liegen: an erster Stelle die Weiterentwicklung der Pastoralen Räume, dann die Sorge um die Jugend und um geistliche Berufungen, um unsere Schulen und die Caritas.

    Ich bin froh, dass wir bald wieder – wie es das Kirchenrecht vorsieht – pastorale Gremien auf Bistumsebene haben, z.B. die Pastoralforen in den drei Regionen, den Priesterrat und den Diözesanpastoralrat. Sie sind mir zur Bewältigung der anstehenden Aufgaben besonders wichtig. Ich setze auf die Mitarbeit vieler Frauen und Männer in unserem Bistum!

    Liebe Schwestern und Brüder,
    vor kurzem fragte mich jemand, welche Visionen ich für das Erzbistum Hamburg hätte. Gern gebe ich Ihnen allen heute darauf eine Antwort mit drei Gedanken:

    1. Gefeierter Glaube

    Als Kirche von Hamburg eint uns der gemeinsame Glaube an den Dreifaltigen Gott. Ich habe die Vision, dass dieser Glaube in jedem einzelnen Christen lebt und seinen Alltag bereichert. Dabei ist es wichtig, die wesentlichen Inhalte unseres Glaubens zu kennen. Noch wichtiger ist aber das, was wirklich unser Herz erreicht und für den Einzelnen ein echter Schatz des Glaubens ist (vgl. 2 Kor 4,7).
    Der Jesuit Karl Rahner hat vor fünfzig Jahren davon gesprochen, dass der Christ von morgen – und das sind jetzt wir – „ein Mystiker sein wird oder er wird nicht mehr sein“ . Mit Mystiker meint er hier jemanden, der wirklich etwas erfahren hat und der aus persönlicher Betroffenheit heraus glaubt. Ich lebe von der Vision, dass wir im Erzbistum Hamburg eine Kirche der Mystiker sind. Deswegen ist die würdige, festliche und andächtige Feier der Heiligen Messe, aber auch der anderen Sakramente und vieler anderer Gottesdienste so wichtig für uns. Deswegen sind das tägliche Beten und das Lesen in der Bibel wie ein Sockel, auf dem alles andere aufbaut.

    2. Geteilter Glaube

    Wer mit Gott in Kontakt ist, will auch andere mit ihm in Kontakt bringen. Ich bin fest davon überzeugt, dass man Christ nicht allein sein kann. Glaube ist immer geteilter, ja, mitgeteilter Glaube. Als solcher kann er nur von Person zu Person bezeugt werden. Diese gemeinschaftliche Dimension unseres Glaubens muss deutlich erkennbar bleiben in unseren Gemeinden und Pastoralen Räumen. Ich habe die Vision, dass es in unseren Pastoralen Räumen viele kleine Gruppen gibt, in denen der Glaube miteinander geteilt wird. Zum Beispiel denke ich an Familien- und Hauskreise, Jugendgruppen, Glaubenskurse, Gebetskreise, Bibelrunden oder Geistliche Gemeinschaften.
    Ein Bischof aus Tansania, der im letzten Oktober unser Bistum besuchte, erzählte mir, dass in seiner Heimat jeder Christ einer solchen kleinen Gemeinschaft angehört. Das ist da der Normalfall.
    Ich bin überzeugt, dass dies auch uns gut tut. Es hält unseren Glauben lebendig und vital. Dadurch bekommt er sozusagen eine immer neue Frischluftzufuhr.

    3. Gelebter Glaube

    Unser christlicher Glaube zeichnet sich dadurch aus, dass er in die Tat hineinführt. Christlicher Glaube ist nicht bloß eine Verstandessache. Er ist auch nicht bloß ein Herzensanliegen. Das ist er ganz gewiss auch. Aber christlicher Glaube führt ins Tun. Deswegen sollten wir uns in unseren Gemeinden und Kreisen immer auch fragen: Was heißt das jetzt für mein Leben? Wie kann ich das, was ich glaube, in die Tat umsetzen?
    Der Schweizer Weihbischof Peter Henrici SJ meinte dazu kürzlich: Der gelebte Glaube, das Tun, die Diakonie muss „der Predigt vom Gott der Liebe den Weg bereiten … Diese Werke werden heute bei uns anders aussehen müssen als früher… auch in den staatlichen sozialen Netzen gibt es immer noch allzu viele Lücken, durch die gerade die Unglücklichsten durchfallen … Die neue Evangelisierung wird von tätiger Liebe und liebendem Verständnis getragen sein, oder sie wird nicht sein“ .

    Ich erinnere nur kurz daran, dass wir uns im Jahr der Barmherzigkeit befinden. Wenn wir wirklich an den barmherzigen Gott glauben, ist Barmherzigkeit der Grundton unseres Miteinanders.

    Liebe Schwestern und Brüder,
    drei Dimensionen, die mir für unser Erzbistum wichtig sind. Alle drei beginnen sie mit dem Buchstaben G: sozusagen die drei „G‘s“ für unser Erzbistum: im Gottesdienst gefeierter bzw. gebeteter Glaube; geteilter und gemeinschaftlicher Glaube; in die Tat umgesetzter, gelebter Glaube.

    Diese drei G‘s prägen meine Vision für unser Erzbistum. Ich wünsche mir, dass Sie diese Vision weiter vertiefen und darüber miteinander in den Austausch kommen. Noch mehr aber freue ich mich darüber, wenn diese Visionen zum konkreten Handeln bei Ihnen führen.
    Dazu ermutige und bestärke Sie alle der barmherzige Gott: der Vater und der Sohn und der Heilige Geist. Amen.

    Ihr
    + Stefan
    Erzbischof von Hamburg

  • Predigt zum Abschluss der St. Ansgar-Woche / Hauptkirche St. Michaelis Hamburg / 07. 02. 2016

    Es gilt das gesprochene Wort


    Liebe Schwestern und Brüder,

    „Ich war fremd und…“ Dieses Wort stand als Überschrift über der diesjährigen St. Ansgar- Woche und es zog sich durch die vielen Gottesdienste und Veranstaltungen wie ein roter Faden durch: in Predigten, in Gebeten, in Referaten, in Schulprojekten bis hin zur Musik in die Händels Oratorium „Israel in Ägypten“.

    Die Fremde, das Fremde und der oder die Fremde sind gar nicht so weit von uns weg. Sie stecken in jedem Leben drin. Gehört es nicht von früh an zum Menschen dazu, dass er fremdelt?

    Mich haben sehr bewegt Lebenszeugnisse von Schülerinnen unserer Ansgarschule im Festgottesdienst am vergangenen Mittwoch. Vor ihren Mitschülerinnen und Mitschülern erzählten sie freimütig davon, wie es ihnen in fremden Situationen ergangen ist. Wie es war, als sie beim Schulaustausch die Fremde zu spüren bekamen. Wie es war, als sie die Klasse wechselten und auf einmal fremd in einer neuen Klasse waren.

    Ich konnte diese Zeugnisse gut nachvollziehen, gerade aus meiner persönlichen Erfahrung heraus, in ein unbekanntes, fremdes Bistum als Bischof geschickt worden zu sein.

    Jeder von uns wird wohl solche Erfahrungen des Fremdseins schon gemacht haben oder machen. Für viele wird das Wort des Evangeliums „Ich war fremd“ Gegenwartsbezüge haben, sie könnten formulieren: „Ich bin fremd“. Erst recht denken wir an die vielen Fremden, die als Flüchtlinge in unser Land kamen und kommen.

    Fremdheit, Fremdsein: Das ist eine Menschheitserfahrung, die sich durch alle Zeiten und Regionen dieser Welt hindurchzieht.

    Deswegen verwundert es nicht, dass das Thema Fremdsein sich auch durch die Heilige Schrift zieht. Das Volk Israel hat diese Erfahrung am eigenen Leib gemacht. Es hat sich als fremd in einem fremden Land Ägypten empfunden. Es hat die Unterdrückung als Fremde erfahren, und diese Erfahrung und die Befreiung daraus zum Bestandteil der eigenen Erinnerung gemacht.

    Solche Erfahrungen machen sensibel für die Fremdheit der Anderen. Sie machen wach für das Gefühl, das Fremde in der Fremde mit sich herum tragen. Und es lässt Respekt wachsen für die Nöte und Fragen der Fremden, der Anderen. So finden sich im Alten Testament viele Hinweise auf Gerechtigkeit, die der Fremde in unserer Mitte erfahren soll: „Einen Fremden sollst du nicht aus-nützen oder ausbeuten“ (Ex 22,10; 23,9). Der Fremde, der Flüchtling muss geschützt werden! Ihm darf der Lohn nicht vorenthalten werden, sein Recht darf nicht gebeugt werden (Dtn 24,14.17). Fremde sollen Anteil am Zehnten erhalten (Dtn 26,12 f). Das Volk Israel lebt davon, dass es im Land Gottes eigentlich kein Fremdsein mehr geben darf: „Gott liebt die Fremden … auch ihr sollt die Fremden lieben, denn ihr seid Fremde in Ägypten gewesen“ (Dtn 10,18).

    Liebe Schwestern und Brüder, auch im Neuen Testament taucht das Thema Fremdsein an unzähligen Stellen auf. Es beginnt mit Jesus selbst. Von ihm wird im Prolog des Johannesevangeliums gesagt: „Er kam in sein Eigentum, aber die Seinen nahmen ihn nicht auf“ (Joh 1, 11). Bei aller Vertrautheit in seiner Familie, mit seinen Jüngern, mit den befreundeten Frauen: Jesus bleibt immer auch der Fremde. Er selber hat Fremdheit, ja Heimatlosigkeit am eigenen Leib erfahren: „Der Menschensohn hat nichts, wo er den Kopf hinlegt“ (Mt 8,20b). Diese Heimatlosigkeit verlangt er auch seinen Jüngern ab (Mt 5,11).

    Auch die junge Kirche war sich bewusst, dass sie „in der Fremde“ lebt. Der erste Petrusbrief richtet sich an Gläubige, „die als Fremde …in der Zerstreuung leben“ (1 Petr 1,1). Später heißt es im gleichen Schreiben: „Ihr seid Fremde und Gäste in dieser Welt“ (1 Petr 2,11). Mit solchen Sätzen wird die Überzeugung ausgesprochen, dass wir es uns in der Welt nicht zu heimisch, gemütlich machen sollen.

    Liebe Schwestern und Brüder, die Erfahrung des Fremdseins gehört offenbar zum Leben und auch zum Leben eines Gläubigen dazu. Wir sollten diese Erfahrung nicht allzu schnell harmonisieren und mit heimatlichen Gefühlen und Gedanken umkleiden.


    Könnten nicht in dieser Erfahrung auch Chancen liegen?

    1. Eine erste Chance: Wir sprechen immer wieder von der Nähe Gottes und von einem ganz großen vertrauten Umgang zwischen Gott und dem gläubigen Menschen. Aber für viele Menschen ist der Gott, an den wir glauben, ziemlich fremd – und manchmal auch für uns. Könnte nicht die Fremdheit Gottes ein Erweis seiner Größe und Erhabenheit sein? Könnte es uns nicht neu herauslocken, diesen noch unbekannten Gott immer stärker kennenzulernen?!

    2. Eine zweite Chance: Christen in der Fremde, eine Kirche in der Fremde – liegt darin nicht die positive Herausforderung, die Jesus in die Formel münzt: „Bei euch aber soll es nicht so sein!“ Könnten Christen, könnten wir durch unser Leben, durch unsere Gemeinschaft nicht zeigen, dass es in dieser Welt ganz anders zugehen müsste?!

    3. Und eine dritte Chance: Wenn andere Menschen hier fremd sind oder wenn ich anderen fremd bin, könnte das nicht das Interesse aneinander vertiefen? Der jüdische Talmud, also die Auslegung des Alten Testaments, bietet eine geradezu revolutionäre Deutung des Fremden. Danach gibt es eigentlich keine Fremden, sondern lediglich Menschen, die sich noch nicht begegnet sind. Vor diesem Hintergrund kann jeder Fremde zum Freund wer-den – vorausgesetzt wir öffnen uns füreinander und nehmen uns einander an. In dem Wort Jesu „Ich war fremd, und ihr habt mich aufgenommen“ liegt somit eine Aufforderung: Im Fremden begegnet uns Christus. Der Fremde wird zum Ort der Gottbegegnung.


    Liebe Schwestern und Brüder! Fremdsein ist Teil des Menschseins. In ihm liegt eine Chance zum menschlichen, gemeinschaftlichen Neuanfang; eine Chance zur persönlichen Christusbegegnung im Anderen; und eine Chance zu einer größeren Nähe zum ganz Anderen, das wir Gott nennen.

  • Predigt zur Eröffnung der Ansgarwoche / St. Marien-Dom Hamburg / 31. 01. 2016

    Es gilt das gesprochene Wort

    Liebe Schwestern und Brüder,

    es ist ein Kinderspiel: „Ich sehe was, was du nicht siehst und das ist …“. Sie erinnern sich, dass es für Kinder gar nicht so leicht ist, genau das zu sehen, was der andere im Blick hat. Dabei sehen wir doch alle – und übersehen doch vieles. Ist also das Kinderspiel gar kein Kinderspiel, sondern gehört es zum Leben einfach dazu?

    Der heilige Ansgar, unser Diözesanpatron, war ein Mensch mit einem wachen Blick. Auf dem kleinen Reliquiar hier in der Domkirche - gestaltet im Jahr 1983 von Klaus Balke - ist eine aussagekräftige Ansgarfigur zu sehen. Sie zeichnet sich durch seinen aufrechten Gang und seinen schnellen Schritt aus, aber auch durch die feinen Augen und durch den klaren nach vorn gerichteten Blick des heiligen Ansgar. Es verwundert also nicht, dass der Biograph des Ansgars, Rimbert in seiner Ansgarbiografie unseren Patron als einen Menschen charakterisiert, der sogar für die „Blinden Auge“ ist (Rimbert, Leben des heiligen Ansgar, 35). Damit steht Ansgar in einer großen Tradition der sogenannten Seher und Propheten, die es schon im alten Bund gab. Sie waren nicht so sehr Menschen, die in die Zukunft blickten und weissagten, sondern vielmehr solche, die in der Gegenwart offene Augen hatten für das, was ist: „Ich sehe was, was du nicht siehst“.

    1. Der Blick auf die Um – Mitwelt

    Ansgar ist ein Mensch, der in die Weite dieses Landes blickt, der aber auch hineinblickt in die Weite des Lebens, der Menschen, die damals hier gelebt haben. Wenn also Ansgar unser Mitchrist ist, unser Vorläufer und entscheidend für die Geschichte unseres Erzbistums, dann legt er uns diesen klaren Blick ans Herz. Christen müssen immer Menschen sein, die einen umfassenden Blick haben auf das, was in der Welt, was in ihrem Land, was in ihrem Ort, was in ihrer Gemeinde vor sich geht. Wir sollten wahrnehmen, was in einer Gesellschaft, wie der unsrigen sich heute tut. Die Augen davor zu verschließen, bringt überhaupt nichts! Wir sollten wahrnehmen, was in Politik und Gesellschaft, in Wirtschaft und Wissenschaft sich an großen Linien abzeichnet und natürlich auch, was im Kleinen passiert. Nur um ein Beispiel zu nennen: Wir können den Blick nicht verschließen vor den vielen Menschen, die in unser Land kommen und auf der Flucht sind. Wir müssen aber auch immer wieder konkret auf das Kleine schauen, was hier und da passiert. Als Sonderbeauftragter der Deutschen Bischöfe bekomme ich viel in diesem Prozess mit, auch das große Ringen und Streiten in der Politik. Aber ich bin auch oft unterwegs und besuche verschiedene Einrichtungen, um Menschen zu begegnen, die auf der Flucht sind, und neu denen zu begegnen, die sich in großer Zahl für sie einsetzen. Das hilft mir einen konkreten Blick auf unsere Gesellschaft und auf das, was sich konkret bei uns abspielt, zu tun.

    2. Der Blick auf Gott

    Dieser Blick, den der heilige Ansgar in dieser Figur am Reliquiar hat, atmet für mich eine große Weite oder eine große Tiefe. Als Mönch, als Bischof ist er jemand, der davon lebt, Gott zu schauen. Natürlich gilt: „Niemand hat Gott je gesehen“(1. Joh 4, 12). Aber es gilt seit der Menschwerdung Jesu Christi eben auch: “Wer mich sieht, sieht den Vater“(Joh 14, 9). Als Christen sind wir darauf angewiesen, diesen Gott immer wieder in den Blick zu nehmen. Wir müssen unsere Augen auf ihn ausrichten. Wir sollten ihn wahrnehmen. Und sein „sanftes leises Säuseln“ (1. Kön 19, 12) aufgreifen.

    Aus der Frömmigkeitsgeschichte kennen wir die Praxis der „Betrachtung“. Dabei geht es nicht nur darum, einen Gegenstand zu betrachten oder sich Gedanken über dieses und jenes aus dem geistlichen Leben zu machen, sondern es geht darum, Gott anzuschauen und sich von Gott an-schauen zu lassen. Ich betrachte ihn, und noch viel mehr betrachtet er mich. Und weil Gott eben kein Gegenstand dieser Welt ist, gleicht diese Betrachtung einer ganz bewussten Wahrnehmung der Gegenwart Gottes in meinem Leben.

    Wir leben heute in einer Zeit, in der viele diesen Blick auf sich gar nicht mehr wahrnehmen, und in der viele, diesen Ausblick auf Gott nicht mehr wagen. Manche sprechen von einer „Gottvergessenheit“. Andere, wie der bedeutende jüdische Philosoph Martin Buber, wählen den Ausdruck von der „Gottesfinsternis“. Flehentlich bittet Buber seine Zeitgenossen darum, aus dieser Finsternis herauszutreten hinein in das Licht und die Herrlichkeit Gottes.

    Das Besondere eines Ansgars liegt darin, dass es ihm gelingt, den Blick auf seine Zeit mit dem Blick Gottes zusammenzubringen. Er weiß, dass Gott ihn und seine Zeitgenossen längst in den Blick genommen hat. Deswegen kann Ansgar seine Zeit und die Menschen dieser Zeit geradezu mit dem Blick Gottes anschauen.


    3. Gemeinsamer Blick

    Das war in der Kirche schon immer eine Herausforderung: Wie kann mein Blick, meine Erkenntnis, meine Schau, meine Betrachtung Gottes zusammengehen mit all den anderen Blicken der anderen Menschen. Denn unser Blick auf die Menschen, auf unsere Zeit, auf Gott ist keine selbstvergessene Privataudienz. Es ist immer schon ein gemeinsamer Blick, ein kirchlicher Blick.

    Bei dem Spiel „Ich sehe was, was du nicht siehst …“ geht es ja auch mit darum, die Mitspieler zum genauen Schauen aufzufordern. „Schau hin“ sage ich, „ich sehe etwas, das lohnt sich näher anzuschauen. Ich glaube, das könnte dich interessieren.“ Das Spiel macht letztlich keinen Spaß, wenn ich mit keinem mein Geheimnis teilen kann, wenn ich allein bleibe mit meinem Wissen, mit meinem Blick.

    Liebe Schwestern und Brüder, wenn wir heute gemeinsam Ansgar feiern, dann brauchen wir diesen wechselseitigen Blick: Jeder von uns ist ein Augen-Blick Gottes. Aus Gottes barmherzigen Blick heraus dürfen wir auf unsere Mit- und Umwelt schauen. Und wir blicken gemeinsam auf den, der „in den Himmel aufgenommen wurde und sich setzte zur Rechten Gottes“ (Mk 16, 19).

  • Predigt anlässlich der Bundesjugendtagung des DJK Sportverbandes in Hamburg / Ökumenisches Forum Hafencity / Hamburg / 16. 01. 2016

    Es gilt das gesprochene Wort

    Evangelium: Joh 2,1-11

    Liebe Schwestern und Brüder,

    ich möchte Ihren Blick lenken auf den Mann, der für das Festmahl in Kana Verantwortung trägt. Man könnte ihn vielleicht als den Leiter des Küchenteams bezeichnen oder modern als den Chef des Caterers oder noch eine Spur spezieller, als eine Art Sommelier, ein richtiger Weinkenner. Vielleicht sind Sie einem solchen Menschen schon einmal begegnet bei einer Weinprobe in einem Winzerkeller. Als Spezialisten nehmen sie die sogenannte Blume des Weines auf, riechen an dem Wein, schlürfen ihn, wägen ihn auf der Zunge hin und her. In einem nächsten Schritt trinken sie den Wein oder spucken ihn aus, um mit ein wenig Brot den Gaumen für die nächste Kostprobe bereitzumachen. Aber all das könnte Ihnen ein Fachmann sicherlich wesentlich eindrücklicher erklären als ich.

    Einen solchen Fachmann haben wir im Evangelium. Er ist nicht nur für die Speisen und Getränke verantwortlich, sondern er ist auch der Koster des Weins, ja der Vorkoster.

    Dieser Vorkoster probiert den Wein, der ihm nach der „Verwandlung“ vorgesetzt wird. Er entdeckt seinen fabelhaften Geschmack. Dieser Geschmack ist offenbar so bestechend, dass er den Bräutigam für sein unkluges Verhalten geradezu tadelt. Diesen guten Tropfen hätte man schließlich zuerst vorsetzen sollen, nämlich dann, wenn die Leute noch nicht als zu angeheitert sind. Sie sollen ja den herrlichen Wein erst einmal wertschätzen. Danach kann man ihnen dann weniger edle Tropfen vorsetzen. Das bekommt dann nicht mehr jeder so mit. Der Vorkoster hat also bemerkt, dass er es mit einem besonders edlen Tropfen zu tun hat.

    Weinkenner haben ihre Geschmackssinne bestens geübt, gleichsam trainiert. Sie gehen klug und vorausschauend mit ihnen um, damit sie ihren Geschmack nicht verderben. Weinkenner betrinken sich nicht.
    Der Wein: Er ist ein Bild für das Reich Gottes, für dessen Freude und Schönheit (wie die Kirchenväter das interpretiert haben). Es geht also darum, dem Reich Gottes auf den Geschmack zu kommen. Es geht darum, an Gott Geschmack zu finden. Das Evangelium lädt uns ein, auf den Geschmack nach Gott zu kommen. Dazu müssen wir gleichsam unsere Geschmacknerven trainieren. Wir müssen sie sensibilisieren, damit wir wie bei einem guten Wein Gott selber herausschmecken in allem, was uns in die Sinne kommt.

    Ich bewundere solche Feinschmecker, „Gottesschmecker“. Auch wenn man immer davon aus-geht, dass Priester (und erst recht Bischöfe) gute Weinkenner sind, ich bilde mir das nicht ein. Ich müsste viel üben und probieren, bis ich einen richtig guten von einem weniger guten Wein unter-scheiden könnte. Aber als Christ und als Priester und als Bischof glaube ich im Laufe der Jahre ein wenig Erfahrung gesammelt zu haben, so dass ich sagen könnte, das riecht nach Gott, das schmeckt nach Gott. Und ich bin im Laufe meines Lebens dem einen oder anderen Menschen begegnet von dem ich behaupten würde, dass er ein Gottesschmecker ist.

    1. Meines Erachtens schmeckt es immer da nach Gott, wo es froh und schön zugeht. Eine Hochzeit ist ein Fest der Freude. Bezeichnenderweise resümiert der Evangelist Johannes dieses erste Wunder mit der Bemerkung: „So offenbarte Jesus seine Herrlichkeit“. Da, wo es fröhlich, wo es schön, wo es herrlich zugeht, da kommen wir dem Reich Gottes auf die Spur. Eine oberflächliche Freude oder gar das Gegenteil davon – wie die Ereignisse der letzten Silvesternacht zeigen- sind auch das krasse Gegenteil des Reiches Gottes auf Er-den

    2. Das Wunder der Verwandlung geschieht geradezu im Hintergrund, gleichsam im Verborgenen, nicht auf offener Bühne, nicht mit großen Effekten. Für mich schmeckt es immer da besonders nach Gott, wo Menschen zurückhaltend auftreten, wo sie echt, authentisch, demütig und bescheiden tätig werden. Christus schlägt in seiner Menschwerdung den ganz normalen Weg des Menschseins ein. Vielleicht ist deswegen auch das erste Wunder ausgerechnet bei einer Hochzeit passiert, bei einem urmenschlichen Ereignis. Ich glaube, immer da wo es echt menschlich zugeht, kommen wir auf den Geschmack nach Gott.

    3. Gott ist da am Werk, Gott können wir da herausschmecken, wo Menschen sich investieren, wo sie die Angst davor verlieren, sich einzusetzen und zu wirken. Oder um es noch einmal zu vergleichen: Einen Wein, der bloß im Regal liegt, werde ich nicht schmecken können. Der mag noch so gut sein, aber auf seinen Geschmack komme ich jedenfalls nicht. Der Korken muss herausgezogen werden. Die Flasche muss in die Gläser gefüllt werden und diese sollen getrunken werden. Und genauso dürfen wir als Christen nicht unter Verschluss bleiben. Gleichsam schön sortiert in Strukturen, in Gemeinden, in Verbänden. Nein, wir müssen unseren Geschmack entfalten können und einbringen. Und wenn wir das tun, werden wir auch Geschmack an Gott finden und werden andere diesen Geschmack an Gott mit uns teilen können.

    Der Heilige Ignatius von Loyola hat einmal gesagt: „Nicht das Vielwissen sättigt die Seele, sondern das Verkosten von innen her“.

    Liebe Schwestern und Brüder, vielleicht können Sie sich in diesem verantwortlichen Menschen, in diesem Feinschmecker, in diesem „Gottesschmecker“ ein wenig wiederfinden. Vielleicht können Sie selber zu jemandem werden, der ein Verkoster des Reiches Gottes ist. Vielleicht lernen Sie Gott herauszuschmecken, lernen in den schönen Dingen auf ganz schlichte Art und Weise. Viel-leicht können Sie sich selbst einsetzen und investieren. All das müssen wir so gut üben und trainieren wie es eben im Sport – das ist ja ihr Fachgebiet – üblich ist.

  • Festansprache auf dem Neujahrsempfang der Landesinnung der Gebäudereiniger Nordost / Hamburg / 08. 01. 2016

    Leistung, Herkunft, Arbeit – Was bestimmt den Wert eines Menschen?

    Sehr geehrte Damen und Herren,
    was bestimmt den Wert eines Menschen?
    Drei mögliche Antworten auf diese Frage sind im Titel meiner Ansprache genannt: Leistung, Herkunft, Arbeit. Sie werden verstehen, wenn ich hinter diese drei Antwortmöglichkeiten ein großes Fragezeichen mache. Denn ich bin nicht der Meinung, dass eines dieser Worte auch nur annähernd den Wert eines Menschen umschreibt. Oder lassen Sie mich es anders sagen: Der Wert oder die Würde – die beiden Begriffe möchte ich hier synonym gebrauchen – des Menschen hängt nicht daran, was er leistet. Sie hängt auch nicht von seiner geografischen oder gesellschaftlichen Herkunft ab. Die Würde eines Menschen leitet sich auch nicht aus der Arbeit ab, die ein Mensch tut.
    Aber alles der Reihe nach. Lassen Sie mich auf diese drei Worte schauen und kurz erläutern, weshalb ich diesen Begriffen in Bezug auf unser Thema so skeptisch entgegen trete.

    Leistung
    Das Wort Leistung hat einen zwiespältigen Zungenschlag. Zum einen macht es im Zusammenhang mit der Rede von der Leistungsgesellschaft – positiv – klar, dass wir unsere gesellschaftliche Position dadurch verändern können, dass wir etwas leisten. Wir sind nicht, wie in einer Ständegesellschaft, auf unser soziale Position festgelegt. Indem wir etwas leisten und etwas Großes bewegen, können wir uns und unsere Gesellschaft verändern. Und die Generation, die nach uns kommt, kann ähnliches tun. Die gläserne Decke, die gesellschaftliche Schichten voneinander trennt, ist längst durchlässig; ein Tellerwäscher schafft es zum Millionär, wie es der sprichwörtliche amerikanische Traum ins Bild bringt.
    Leistung kann uns auch zur Kreativität ermuntern, einen Schöpfergeist in uns aufwecken. Wo wir in gutem Sinne gefordert und motiviert werden, da können wir als Menschen über uns hinauswachsen. Wir können uns persönlich, aber auch unsere Gesellschaft einen Schritt weiterbringen.
    Gleichzeitig hat Leistung aber auch einen negativen Klang. Denn unser Wille zur Leistung kann sich auch schnell in ein „stahlhartes Gehäuse“ verwandeln, wie es der Soziologe Max Weber einmal ausdrückte. Gefangen sind wir dann in all den mechanischen, elektronischen und vernetzten Möglichkeiten unsere Leistung zu steigern. Diese Möglichkeiten fordern uns ständig auf, schneller, besser, flexibler zu werden. Leider werden wir dabei blind für all jene, die nicht das Letzte aus sich heraus holen können; die nicht im Akkord Hotelzimmer putzen können; die es aufgrund einer Behinderung schwer haben, im ersten Arbeitsmarkt unterzukommen.

    Herkunft
    Positive und negative Bedeutungen halten sich beim Begriff der Leistung die Waage. Ähnlich ist es bei der Herkunft.
    Die Herkunft – sozial und geografisch – prägt einen Menschen. Die Herkunft prägt seine Sprache, seine Sitten, seine Weltanschauung, seine politische Einstellung. Besonders in den vergangenen Monaten haben wir uns intensiv mit der Frage auseinander gesetzt, was passieren muss, dass Menschen aus einem fernen Land und aus einer anderen Kultur sich gut bei uns in Deutschland integrieren können. Welche Hürden müssen wir dafür abbauen? Welche inneren Hürden müssen die „Neuen“, die zu uns kommen, abbauen?
    Dabei stellen wir immer wieder fest: Herkunft ist für uns wichtig. Sie gibt uns Sicherheit, ein Gefühl von Heimat. Sie prägt unsere Weltanschauung. Herkunft verbindet uns auch stark mit anderen Menschen. Das erlebe ich immer sehr, wenn ich eine der vielen fremdsprachigen Gemeinden in unserem Erzbistum besuche.
    Herkunft darf aber der Integration nicht im Wege stehen. Sie darf auch uns nicht in die Quere kommen, wenn wir über die Würde eines Menschen sprechen. Denn diese Würde ist von der Herkunft eines Menschen vollkommen unabhängig. Ob ein Mensch aus Hamburg oder Bayern oder wie ich aus Köln, aus Deutschland oder der Türkei kommt ist für seine Würde unerheblich. Das gleiche gilt für das soziale Herkommen eines Menschen. Raumpflegekraft und Professorin – beide Personen haben die gleiche Würde, sind als Mensch gleich viel wert. Egal, wo ein Mensch herkommt: Es gilt immer der Satz, dass alle Menschen gleich-wertig, gleich-würdig sind. Das müssen wir uns immer wieder einprägen.

    Arbeit
    Die katholische Soziallehre sieht in der Arbeit „weder Strafe noch Fluch“. Vielmehr trägt die regelmäßige Arbeit sehr dazu bei, dass Menschen sich wertgeschätzt und angenommen fühlen. Die Arbeit ist ein wesentlicher Teil des Menschen und macht einen großen Teil unserer Lebenszeit aus. Darum ist es für jeden Menschen ein immenser Verlust, wenn er seinen Arbeitsplatz verliert. Gespräche mit unseren Caritas-Beratungsstellen vermitteln mir ein ums andere Mal den Eindruck, dass die allermeisten arbeitslosen Menschen arbeiten wollen. Gleichzeitig gibt es oft Gründe, die eine unkomplizierte Arbeitsaufnahme verhindern: körperliche oder psychische Krankheiten, ein behindertes Kind, eine pflegebedürftige Mutter, eine Erfahrung von Sucht oder Abhängigkeit, Lese- und Schreibschwierigkeiten.

    Aber auch hier gilt es festzuhalten: Für unser Selbstwertgefühl ist Arbeit sehr wichtig. Arbeit gibt uns auch in unserem Alltag Halt und Orientierung. Da muss allerdings gelten, dass die Arbeit mit adäquater Entlohnung und entsprechenden Arbeitsbedingungen einhergeht. Nicht umsonst setzen sich die Kirchen im In- und Ausland für faire Handelsbeziehungen und Arbeitsbedingungen ein.
    Arbeit ist aber nicht alles. Unsere Würde als Mensch hängt nicht von unserer Arbeit, der Tätigkeit als solcher oder dem Lohn dafür ab. Das wäre zu kurz gegriffen und würde einem Auf und Ab Tür und Tor öffnen.

    Was bestimmt den Wert eines Menschen?
    Sie fragen sich nun vielleicht: Herr Erzbischof, was macht denn nun die Würde, den Wert eines Menschen aus. Diese Frage möchte ich Ihnen gerne beantworten. Sie wird es nicht wundern, wenn ich im Folgenden auf einige Stellen aus der Bibel Bezug nehme.
    „Denn alles Fleisch, es ist wie Gras
    und alle Herrlichkeit des Menschen
    wie des Grases Blumen.
    Das Gras ist verdorret
    und die Blume abgefallen.“
    Die Worte sind Ihnen vielleicht bekannt. Sie stammen aus dem Deutschen Requiem von Johannes Brahms. Brahms hat diese Worte der Bibel entnommen – aus dem 1. Petrusbrief (1 Petr 24-25) sowie aus dem Buch Jesaja (Jes 40, 6-8).
    Die Worte bilden den einen Pol eines biblischen Spannungsbogens. Dieser Pol sagt aus: Der Mensch ist vergänglich. Wert hat aber letztlich nur, was unvergänglich ist. Also wieder eine Fehlanzeige?!

    So sieht es auch das biblische Buch Kohelet. Dort liest man den nüchternen Ton eines unbekannten Predigers (3, 19-20): Menschen und Tiere „haben ein und dasselbe Geschick. Wie diese sterben, so sterben jene. Beide haben ein und denselben Atem. Einen Vorteil des Menschen gegenüber dem Tier gibt es da nicht. Beide sind Windhauch. Beide gehen an ein und denselben Ort. Beide sind aus Staub entstanden, beide kehren zum Staub zurück.“
    Das Bild vom Staub kennen wir von Beerdigungen. Beerdigungen sind ja bedrückende Erinnerungen daran, dass der Mensch davon muss; dass sein irdischer Wert zerbrechlich ist. Woher kommt dann die Würde des Menschen? Die Würde wird dem Menschen von außen zu gesprochen.
    Wer ist dieses Außen?
    Wir könnten nun sagen, dieses Außen, das sind die anderen Menschen. Oft machen wir die Erfahrung, dass unser Selbstwertgefühl sehr davon abhängt, was andere Menschen von uns denken und wie sie über uns sprechen.
    Bestimmte Berufe und Berufsgruppen in unserer Gesellschaft sind nur deshalb angesehener als andere, weil wir als Gesellschaft den Berufen unterschiedliche Bedeutung beimessen; und dementsprechend unterschiedlich entlohnen. Das ist aber noch lange keine Aussage darüber, welchen Wert an sich eine bestimmte Berufsgruppe für unser Zusammenleben eigentlich hat.
    Das gleiche gilt für einzelne Menschen. Wenn allein die Aussage anderer Menschen darüber entscheidet, wieviel ich wert bin, dann ist das eine äußerst wacklige Angelegenheit. Das kennen wir aus Diskussionen über den Wert des Lebens an seinem Anfang und an seinem Ende. Vor kurzem noch haben wir darüber im Zusammenhang mit dem assistierten Suizid diskutiert.


    Wenn mein Wert, meine Würde davon abhängt, was andere von mir denken und wie andere dieses Denken in Gesetze und Verordnungen gießen, dann lebe ich gefährlich. Manche Fragen können und dürfen eben nicht politisch entschieden werden. Dazu zählt die Frage nach der Würde des Menschen.
    Das Außen, das über unseren Wert entscheidet, das könnte auch die Natur sein. Dieser sogenannte naturrechtliche Gedanke ist uns heute etwas fremd geworden. Er lässt sich folgendermaßen umschreiben:
    Unsere menschliche Natur – zu der auch die Vernunft gehört – hat einen Wert an sich. Egal, was Menschen sagen oder wie die Gesellschaft urteilt: Weil wir von Natur aus Menschen sind, deshalb besitzen wir einen natürlichen Wert. Wir haben folglich das natürliche Recht darauf, als Menschen mit Wert und Würde angesehen zu werden; ganz gleich welche gesellschaftliche Stellung wir innehaben.
    Auf dieser Basis formulierten die Väter und Mütter unseres Grundgesetzes dessen ersten Artikel: „Die Würde des Menschen ist unantastbar.“ Vor jeder politischen Entscheidung, vor jeder gesetzlichen Regelung, vor jeder gesellschaftlichen Stimmungslage erklären und setzten wir, dass jeder Mensch eine natürliche Würde hat. Weil der Mensch Mensch ist, besitzt er einen Wert. Punkt!
    Das Außen, von dem ich hier rede, kann auch Gott sein; damit komme ich zurück zum biblischen Zeugnis. Dieses kennt neben dem Pol der menschlichen Vergänglichkeit noch einen weiteren Pol: jenen der Gottesebenbildlichkeit.
    „Gottesebenbildlichkeit“ – das heißt nicht, dass wir Menschen Gott sind. Es heißt, dass Gott uns Menschen schafft und dass er in jeden von uns etwas von seinem Wesen hineinlegt.


    In der Schöpfungsgeschichte am Anfang der Bibel steht:
    „Gott sprach: Lasst uns Menschen machen als unser Abbild, uns ähnlich. Sie sollen herrschen über die Fische des Meeres, über die Vögel des Himmels, über das Vieh, über die ganze Erde und über alle Kriechtiere auf dem Land. Gott schuf also den Menschen als sein Abbild; als Abbild Gottes schuf er ihn. Als Mann und Frau schuf er sie.“ Gen 1, 26-27
    Und im Buch der Psalmen ist zu lesen:
    „Seh ich den Himmel, das Werk deiner Finger, Mond und Sterne, die du befestigt: Was ist der Mensch, dass du an ihn denkst, des Menschen Kind, dass du dich seiner annimmst? Du hast ihn nur wenig geringer gemacht als Gott, hast ihn mit Herrlichkeit und Ehre gekrönt. Du hast ihn als Herrscher eingesetzt über das Werk deiner Hände, hast ihm alles zu Füßen gelegt. All die Schafe, Ziegen und Rinder und auch die wilden Tiere, die Vögel des Himmels und die Fische im Meer, alles, was auf den Pfaden der Meere dahinzieht.“ (Ps. 8, 4-9)
    Der Mensch erhält seine Würde und seinen Wert von Gott. Er ist sozusagen das Angesicht Gottes auf der Welt. Wenn ich einem Menschen begegne – bei der Arbeit, auf der Straße, in der Familie – dann begegnet mir sozusagen ein alltägliches Angesicht Gottes. Alltäglich, aber nicht minder Gott.
    Für mich als Christen ist also wichtig: Gott als die erste und letzte Instanz garantiert die Würde jedes einzelnen Menschen. Ich glaube aber nicht an einen weltabgewandten Gott, sondern an einen, der an Weihnachten Mensch wird und damit ein unglaubliches Zeugnis der Würde des Menschen abliefert.
    Sie haben aber vielleicht gemerkt, dass mit der Würde des Menschen noch ein weiterer Aspekt verbunden ist. Die Würde der Gottesebenbildlichkeit geht einher mit einer Aufgabe des Menschen. Diese Aufgabe möchte ich als Verantwortung des Menschen über seine Mit- und Umwelt umschreiben.


    So wie Gott all dem Geschaffenen mit Liebe und Zuneigung begegnet – denn das ist Gottes Art zu herrschen – so sollen wir Menschen uns der Welt zuwenden: mit Liebe und Zuneigung. Darin erfüllen wir den irdischen Zweck unseres Daseins. Darin gewinnt unser Leben Würde und Wert.
    Lassen Sie mich es so ausdrücken: Unsere von Gott geschenkte Würde als Mensch ist da, immer schon da ohne, dass wir etwas leisten müssen. Diese Würde ist aber verknüpft mit einer Verantwortung für unsere Mit- und Umwelt: in Beruf und Arbeit, in Gesellschaft und Politik, im öffentlichen und im privaten Bereich.
    Die Übergriffe, wie sie in der Silvesternacht in Köln, aber auch hier in Hamburg, begangen wurden, sind das glatte Gegenteil von dem, was wir Würde nennen. Deshalb treiben uns diese Untaten ja auch so um. Denn die Würde des Mitmenschen, besonders die Würde der Frau, war diesen Tätern nichts wert. Weder anerkannten sie, dass alle Menschen – gleich welchen Geschlechts, welches Glaubens, welcher Herkunft – Würde besitzen; noch kamen sie ihrer Verantwortung nach, diese Würde zu bewahren. Mich macht sehr, sehr traurig, dass all dies im Schatten des Kölner Doms geschehen ist.

    Schluss
    Leistung, Herkunft, Arbeit: Diese Begriffe geben Facetten unseres eigenen Selbstverständnisses als Menschen wieder. Sie sollen der Würde des Menschen ganz gewiss entsprechen. Allein von ihnen können wir aber nicht unsere Würde ableiten. Denn der Wert und die Würde des Menschen hängen an mehr. Sie hängen daran, dass unser Zusammenleben als Menschen von Wertschätzung und Achtung geprägt sind. Sie hängt auch daran, dass wir anerkennen, dass uns im anderen Menschen ein würdevolles und wertvolles Wesen entgegen tritt, gleichgültig, wo dieser Mensch herkommt, was er leisten und arbeiten kann.
    Was kann dies für Ihre Innung und Ihre alltägliche Arbeit konkret bedeuten? Ich lade Sie herzlich ein, hierüber heute und im weiteren Verlauf des Jahres in Ihren Gremien weiter ins Gespräch zu kommen.

  • Silvesterpredigt von Erzbischof Stefan Heße / St. Marien-Dom Hamburg / 31. 12. 2015

    Liebe Schwestern und Brüder,

    der Jahreswechsel kommt mir immer wieder vor wie das Durchschreiten eines großen Portals. Man lässt vieles hinter sich, tritt durch das Portal hindurch und geht hinein in einen neuen Raum, der noch leer und unberührt erscheint. Das, was am Jahreswechsel in so besonderer Weise geschieht ereignet sich eigentlich Tag für Tag im Kleinen. Jeder Morgen ist ein Durchschreiten eines Portals in einen neuen Tag. Und so ist es nicht verwunderlich, dass wir das nicht nur am Jahreswechsel im Sinn haben, sondern immer wieder.

    Auch der Übergang vom Leben zum Tod ist solch ein Tor. Mir fallen spontan die Namen einiger Verstorbener des zu Ende gehenden Jahres ein; alle haben sie etwas mit dem Norden zu tun: Sieger Köder – er gestaltete den Altar in unserer Kirche in St. Heinrich Kiel; Günther Grass als literarische Größe aus der Hansestadt Lübeck; Pierre Brice, den viele aus seinen Tagen aus Bad Segeberg kennen; Egon Bahr, der Gestalter der bundesdeutschen Ostpolitik; und natürlich Helmut Schmidt.

    Liebe Schwestern und Brüder, für mich persönlich war der 17. Januar ein Tor von dem einen, gewohnten Raum hin zu anderen, neuen Raum. An diesem Tag erhielt ich einen Telefonanruf des damaligen Diözesanadministrators Ansgar Thim mit der Nachricht: „Das Hamburger Domkapitel hat dich heute zum neuen Erzbischof gewählt“. Zunächst war diese Botschaft für mich vollkommen unerwartet und klang auch vollkommen unglaubhaft. Mir war nicht danach zumute, durch ausgerechnet dieses Tor hindurch zu gehen. Wenige Tage später bin ich dann tatsächlich zum ersten Mal durch die Tore des Hamburger Flughafens auf das Gebiet des Erzbistums Hamburg getreten und durch die Tore dieses Portals in den Hamburger Mariendom. Am 14. März habe ich hier die Bischofsweihe empfangen. In den vergangenen Monaten bin ich durch unzählige Tore hindurch gegangen, in die Gemeinden, in die Pastoralen Räume, in viele Einrichtungen zu Menschen in unserem Erzbistum, zu vielen Seelsorgern …. Ich bin dankbar, dass mir in den vergangenen Monaten so viele Menschen die Tore ihrer Gemeinden, ja auch ihre persönlichen Lebenstore weit geöffnet haben. Ich kann sagen: Mir wurde eigentlich nie die Türe vor der Nase zugeschlagen. Stück für Stück kann ich hineintreten in die Weite unserer riesigen Erzdiözese. Ich kann – wie man so sagt – Land gewinnen, indem ich meine Füße Schritt für Schritt auf bisher unbekanntes Terrain setzen darf. Und dabei mache ich eine Erfahrung: So leer, so unbekannt, so unberührt und ungestaltet ist dieses Land bei weitem nicht. Es ist ein Land, in dem Gott längst seine Spuren hinterlassen hat und immer wieder hinterlässt. Es ist ein Land, in dem ich, wenn auch in Diasporaverhältnissen, den christlichen Glauben und Gläubigen begegnen darf. Gott sei Dank!
    Als ich zu Beginn des Jahres meinen Dienst hier in Hamburg begann, hätte ich nicht gedacht, dass Migration und Flucht und Vertreibung so bestimmende Themen für mich würden. Und nicht nur für mich, sondern für unser ganzes Land. Ich hätte nicht gedacht, dass die Frage nach den Grenzen, nach dem Öffnen und nach dem Schließen so bestimmend würde. Die Fragen nach Obergrenzen, nach Asyl, nach Willkommen, nach Integration. Vor allem hätte ich nicht daran gedacht, als jüngstes Mitglied der Deutschen Bischofskonferenz gerade diese Aufgabe als „Sonderbeauftragter für Flüchtlingsfragen“ zugesprochen zu bekommen.

    Liebe Schwestern und Brüder. Diese riesige Migrationsbewegung, die derzeit die Welt bestimmt, lässt sich nicht mit einer wie auch immer gestalteten Mauer aufhalten oder lösen. Ich bin dankbar für die vielen Zeichen des Willkommens, die viele Menschen in unserer Stadt, in Mecklenburg und Schleswig-Holstein gesetzt haben und setzen. Auch für die vielen Zeichen aus unseren christlichen Gemeinden und Einrichtungen heraus. Aber es wird weitergehen und weitergehen müssen. Die Integration der vielen Menschen, die bei uns bleiben werden, wird ein langwieriger, schwieriger und sicher auch teurer Prozess werden. Vor allem werden wir daran arbeiten müssen, uns auszutauschen, den Dialog zwischen den Kulturen, den Religionen, ja, zwischen den Menschen zu pflegen. Das wird nicht leicht werden. Auch hier braucht es einen Dialog – wie wir so gerne in anderen Zusammenhängen sagen – „auf Augenhöhe“. Es bringt nichts auf die Menschen, die zu uns kommen, auf irgendeine Art und Weise herab zu schauen. Und es geht erst recht nicht an, eine zweigeteilte Welt zu konstruieren: hier wir und da die anderen. Versuchen wir mit allen unseren Kräften – auch mit der Kraft unseres Verstandes, aber noch mehr mit der Kraft unseres Herzens – den Weg vom Willkommen zur Integration Schritt für Schritt im neuen Jahr weiterzugehen.
    Liebe Schwestern und Brüder. Vor einigen Wochen hat Papst Franziskus anlässlich der Eröffnung des Heiligen Jahres die Heiligen Pforten am Petersdom und in den großen Patriarchalbasiliken in Rom geöffnet. Und wir hier in unserem Erzbistum am Mariendom und in den Propsteien in Kiel, Schwerin und Lübeck. Ich sehe den Papst noch vor mir, wie er die schweren Portale der Heiligen Pforte in Rom öffnet und aufstößt. Ich habe den Eindruck, es geht unserem Papst um eines: Dass wir durch die Pforten der Barmherzigkeit Gottes hindurch treten; dass wir nicht nur die Schwere dieser alten, großen Türen sehen und damit die Schwere der Ereignisse, die wir alle zu bewältigen haben und die auch 2016 auf uns zukommen werden. Im Gegenteil, wir könnten sagen: Die Pforte ist niemals verschlossen, sondern der Weg zu Gottes Barmherzigkeit ist immer offen. Die Tür ist immer angelehnt, du brauchst sie eigentlich nur aufzustoßen, und dann kannst du durch gehen. Und wie ein Leitwort stellt Papst Franziskus für dieses Jubiläum der Barmherzigkeit uns sozusagen als Überschrift über jedes Portal vor Augen: Super omnia misericordia eius: Über allem sein Erbarmen. Über allem seine Barmherzigkeit.

    Ich wünsche Ihnen, dass es Ihnen 2016 gelingt, beim Hindurchschreiten der vielen Toren und Türe in Ihrem Leben, der großen und kleinen, der schweren und leichten, stets die Spur von Gottes Barmherzigkeit entdecken zu können.

    Amen.

  • Weihnachtspredigt von Erzbischof Stefan Heße / St. Marien-Dom Hamburg / 24. 12. 2015

    Es gilt das gesprochene Wort

    Liebe Schwestern und Brüder!

    Die letzten Tage vor Weihnachten sind für viele hektische Tage, mit zähfließendem Verkehr, mit Stau, nicht nur auf den Straßen, sondern auch in den Fußgängerzonen und vor den Kassen der Geschäfte.

    Weihnachten bietet die Chance der Unterbrechung, des Innehaltens. Die Staus lösen sich auf, es wird auf einmal ruhig. Jetzt unterbrechen wir sogar den Rhythmus von Tag und Nacht und kommen zu einer der ungewöhnlichsten Zeiten zur Christmette zusammen. Weihnachten will auch die „inneren Stauungen“ auflösen helfen.

    Wir dürfen uns neu orientieren und über die Richtung unseres Lebens Klarheit verschaffen: Worauf kommt es an? Worauf kommt es mir an?

    Zuerst fällt dabei mein Blick jetzt auf das Kind: das Neugeborene in der Krippe. Emil Hansen, geboren 1867 in Nolde/Nordschleswig, besser bekannt als: Emil Nolde, dessen Werke gerade in unserer Kunsthalle ausgestellt werden, er hat es in seinem Polyptychon „Leben Christi“ 1912 so gemalt: Maria hält ihr Kind mit ausgestreckten Armen in die Höhe. Sie steht nicht daneben und schaut herab und hat dabei die Hände gefaltet. Nein, sie ergreift das Kind und hält es voller Stolz in die Höhe und in die Mitte des Bildes. Darauf kommt es an Weihnachten zuerst an: Jesus Christus zu ergreifen und mit ihm das Leben zu ergreifen, das neue, ursprüngliche, unverbrauchte und unverdorbene Leben. Keiner will doch ein Leben, das abgestanden ist, längst ungenießbar, verfault, verkracht und kaputt. Weihnachten will ich das neue, zarte, zerbrechliche und doch ganze schöne und vollkommene Leben begreifen und in meinen Händen halten. Mir wird deutlich: Nicht das große Theater rettet mich, nicht Machtgepränge, nicht Reichtum – all das macht nicht die Größe des Lebens aus. Die Größe liegt im Kleinen, die Vollendung im Ursprung, das Besondere im Einfachen. Weihnachten will ich dieses, mein Leben, in Händen halten. Und doch irgendwie das Leben dieser Welt, um deren Überleben wir uns sorgen, nicht nur die Politiker beim Klimagipfel in Paris, sondern auch wir hier beim Klimapilgerweg, der in Flensburg begonnen hat. Denn die Bewältigung des Klimawandels – in der großen Politik, aber auch bei den vielen, kleinen Schritten vor Ort – ist Ausdruck dieser Sorge um unser Leben und das Überleben der Erde und auf unserer Erde.

    Und ein Zweites: Dieses Leben kommt in einer Krippe zur Welt, auf der Wanderung, in der Gesellschaft von Hirten, die im Freien leben. Wenn dem Kind selbst und seinen Eltern auch alles Mögliche fehlen mag, eines fehlt nicht: die menschliche Wärme.

    Ich denke in dieser Nacht an so viele, deren Leben aus lauter Dunkelheit und Kälte besteht: Ohne Obdach, auf der Flucht, direkt hier neben unserem Dom, am Hauptbahnhof, aber auch in Krieg und Terror, in Krankheit, Arbeitslosigkeit und vielem anderen mehr. Überall zu wenig, über und überall ein Mangel an Mitteln zum Leben, aber hoffentlich kein Mangel an Leben, weil Leben immer Beziehung ist. Da wo Beziehungsmangel besteht, besteht Lebensmangel. Weihnachten will unsere Beziehungen vertiefen – unter einander, zu uns selbst und nicht zuletzt zum Ursprung und Ziel des Lebens, zu Gott, von dem die Bibel sagt: Du bist ein Gott des Lebens.

    Und schließlich: Maria hält dieses Kind auf dem Bild hoch. Sie hält es in die Welt hinein. Es wird sich kontinuierlich in dieses Leben einleben. Es wird sich einleben in diese Welt, wie sie ist. Aber nicht nur das: dieses Kind wird sich nicht nur in die Welt einleben, wie die Welt eben ist, sondern es wird in diese Welt hineinleben, wie sie gedacht und gewollt ist. Dieses Kind, ja dieser Mann, dieser Jesus von Nazareth, lebt wie kein anderer die Echtheit zwischen dem Ursprung des Lebens von Gott her und den Realitäten dieser Erde. Er, er allein, bringt Anspruch und Wirklichkeit zusammen. Bei ihm sind Wort und Tat eins. Später wird er sagen: „Nicht jeder der zu mir sagt: ‚ Herr‘ wird in das Himmelreich kommen, sondern nur wer den Willen meines Vaters im Himmel erfüllt‘ “ (Mt 7,21). Echtes Leben ist da, wo es diese Echtheit gibt, diese Einheit von Wort und Tat, von Anspruch und Wirklichkeit.

    Weihnachten will uns in Berührung bringen mit dem Leben. Weihnachten will uns aufhelfen unser Leben wieder anzunehmen, ja in die Hand zu nehmen: Als ganz einfaches, kleines, ursprüngliches Geschenk, als ein Leben in Beziehung und ein Leben in Einheit, in Einheit von Anspruch und Wirklichkeit.

  • Eröffnung der Heiligen Pforte zu Beginn des Jahres der Barmherzigkeit / St. Marien-Dom Hamburg / 12. 12. 2015

    Liebe Schwestern und Brüder,

    der heutige 3. Adventsonntag erhält sein unverwechselbares Gesicht von dem Wort des heiligen Paulus aus der 2. Lesung. Gaudete: „Freut euch im Herrn, denn er ist nahe“. Paulus schreibt dieses Wort nicht etwa aus einer komfortablen Situation, sozusagen aus dem bequemen Sessel heraus. Nein, dieses Wort schreibt er aus dem Kerker. Der Philipperbrief gehört zu den sogenannten Gefangenschaftsbriefen. Paulus schreibt ihn um das Jahr 55 aus dem Gefängnis in Ephesus. Ein damaliges Gefängnis - das stelle ich mir wenig komfortabel vor. Aber in einer solchen Situation ist damit zu rechnen, dass jederzeit die Tür aufgeht und der Gefangene zu seinem letzten Gang weggeführt wird. Wer in einer solchen Situation von Freude und Hoffnung sprechen kann, ja die Gewissheit hat, dass Gott ihm nahe ist, der muss wirklich ein tiefgläubiger Mensch sein. Paulus muss offenbar etwas von dem verstanden oder noch besser beherzigt haben, was der Prophet Zefanja in der ersten Lesung so ins Wort bringt: Das Urteil gegen dich ist aufgehoben. Auf gut Deutsch: Du bist freigesprochen.

    Die vier heiligen Pforten, die jetzt zu Beginn des Jahres der Barmherzigkeit in unserem Erzbistum errichtet worden sind, könnten unterschiedlicher nicht sein. Im Mariendom ist es der Eingang zum Statiogang, in der Propsteikirche in Kiel eine Tür, die mit dem Logo des Jahres der Barmherzigkeit verziert ist, in Schwerin das Portal zur Schlossstraße. Aber in der Propsteikirche Lübeck hat man in den Eingangsbereich eine Zellentür gesetzt. Sie erinnert an unsere vier Lübecker Märtyrer, die im Dritten Reich hinter solchen Gefängnistüren sitzen mussten. Auch von ihnen wissen wir ähnliches wie vom heiligen Paulus, nämlich diese große Freiheit, die sie gerade in den letzten Stunden ihres Lebens erfahren haben, wo ihnen klar war, dass sie eben nicht alles verloren, sondern alles gewonnen haben.

    Gerade in diesen Tagen hat Papst Franziskus, der die Idee der heiligen Pforte nicht nur an den römischen Hauptkirchen verwirklicht wissen will, sondern in allen Diözesen, vor Gefangenen davon gesprochen, dass ihnen ihre Zellentür zur Pforte der Barmherzigkeit werden kann. Ich glaube: Jede Tür kann zu einer solchen Pforte der Barmherzigkeit werden.

    Wir stehen Tag für Tag in unzähligen Schwellensituationen, sozusagen an der Tür. Und immer haben wir es in der Hand, an diese Tür zu klopfen bzw. von der anderen Seite her diese Tür zu öffnen. Das ist ja das Entscheidende an einer Tür. Sie muss sozusagen von zwei Seiten angegangen werden, damit es zu einer Begegnung, zu einem Zusammentreffen kommen kann. Auf der einen Seite braucht es jemanden, der klingelt und anklopft, und auf der anderen Seite jemanden, der bereitwillig öffnet. Es braucht einerseits den Mut, gerade an dieser Tür zu klingeln oder zu klopfen. Manchmal finden wir uns ja auch in Situationen, wo wir überlegen, soll ich das oder lass ich es lieber. Und umgekehrt braucht es von dem, der drinnen hinter der Tür ist, den Mut aufzumachen. Früher hat man dann und wann gesehen, dass die Gardinen ein wenig wallten, weil offenbar jemand dahinterstand und nur mal schauen wollte, wer da draußen klingelt. Aber geöffnet hat er dann unter Umständen nicht. Heute haben wir unsere Kameras und Haustelefone und können das viel versteckter tun. Beide Seiten müssen in Freiheit sich einander öffnen.

    Und solche Türsituationen, die gibt es nicht nur an der Haustür oder Wohnungstür. Die gibt es x Mal am Tag: z.B. die Tür zur Küche oder die Tür in das Zimmer eines anderen: Trau ich mich gerade jetzt dort anzuklopfen und um Einlass zu bitten? Bin ich drinnen bereit, mich stören zu lassen und bereitwillig zu öffnen? Die Tür am Büro beim Arbeitskollegen oder eine Tür im Krankenzimmer. Auf der einen Seite vielleicht jemand, der sich so danach sehnt, dass endlich mal jemand klopft und um Einlass bittet. Oder aber der Arzt, der sich meldet, um unter Umständen eine schwierige Diagnose zu verkünden …

    Papst Franziskus will uns alle diese verschiedenen Türsituationen vor Augen führen und wir haben es alle miteinander in der Hand, ob diese Situationen geöffnet werden für die Barmherzigkeit oder wir sie ihr verschließen.

    Lassen wir uns also durch die Pforte der Barmherzigkeit hier an der Kirche, durch die wir in diesem Jahr oft ein- und ausgehen, an die vielen Türschwellen in unserem Leben erinnern, die wir miteinander öffnen und durch die wir Gottes Barmherzigkeit in unser eigenes Leben, aber auch in das Leben vieler Menschen hereinlassen können. Amen.

  • Predigt in der Heiligen Messe anl. des Gedenkens der Lübecker Märtyrer / Propsteikirche Herz Jesu zu Lübeck / 10. 11. 2015

    Es gilt das gesprochene Wort

    (Evangelium: Mt 9,9-13)

    „Sag niemals drei, sag immer vier!“ – Darauf bestand der ehemalige Mitgefangene Adolf Ehrt-mann, als er im Frühjahr 1979 im Sterben lag. Eines seiner Kinder hatte ihn damit stärken wollen, er werde bald nun zu „seinen“ drei Kaplänen kommen. Es sind die vier Lübecker Geistlichen, an die wir heute denken: der evangelische Pfarrer Karl Friedrich Stellbrink, der Kaplan Johannes Prassek, Vikar Hermann Lange und Adjunkt Eduard Müller.

    Aber bevor wir vier sagen, meine ich, müssten wir eins sagen. Bevor wir von der Gruppe der vier Geistlichen sprechen, müssen wir auf jeden Einzelnen schauen. Alles beginnt einzig – artig.

    Ich schaue auf das Evangelium dieses Gottesdienstes, die Berufung des Apostel Matthäus. Er wird vom Zoll weggerufen, plötzlich und unerwartet in die Nachfolge Jesu. Er scheint alles stehen und liegen zulassen und ihm nachzufolgen. Vielleich kennen Sie auch jenes berühmte Bild des Malers Caravaggio aus der Römischen Kirche San Luigi dei Francese. Ich habe es vor Augen dieses Lichtspiel, Matthäus, der durch seine Gesten, aber mehr durch seinen Blick zum Ausdruck bringt: Ich? Ja, meinst du mich? …

    Christ sein beginnt damit, dass ein Einzelner merkt: „Ich bin gemeint. Ich bin gerufen. Ich stehe im Fokus des Interesses Gottes.“

    So beginnt die Geschichte der Vier im Einzelnen: Karl Friedrich Stellbrink, geboren 1894, Eduard Müller und Johannes Prassek, beide Jahrgang 1911 und schließlich Hermann Lange, 1912.

    Während „Gleichschaltung“ das Charakteristikum des Dritten Reiches war, meint Berufung genau das Gegenteil: Du bist mit deinen Anlagen, mit deinen Begabungen gemeint. Die sollst du in die Welt und in das Reich Gottes mitten in dieser Welt einbringen. Und so verwundert es nicht, dass jeder Einzelne der Vier ganz verschieden ist: Der eine äußerst kritisch und wagemutig, eigenständig im Urteil, begeisterungsfähig, der andere mit Sinn für Zweifler und Strauchelnde. Der eine, der mutig und frei redend Worte findet, der andere, der nichts ohne Konzept und gute Vorbereitung von sich gibt. Manch einer intellektuell anmutend und der andere eher einfältig daherkommend. Der eine zum Scherzen aufgelegt, der andere eher ernst.

    Genauso werden sie zum Dienst gerufen, zum Priester geweiht und zum Pfarrer ordiniert. Mit diesem Anliegen sagen sie ihr: „Hier bin ich. Adsum. Ich bin bereit."
    Ich habe den Eindruck: Die Einzelnen wissen um ihre Individualität sehr genau. Sie nivellieren sie nicht, sondern sie bringen sie ein ins Ganze. Die drei katholischen Geistlichen harmonieren offenbar so sehr, dass Johannes Prassek einmal sagte: „Wir sind die Brüder vom gemeinsamen Leben“. Völlig außergewöhnlich für die damalige Zeit ist die Freundschaft und das gemeinsame Wirken mit dem evangelisch-lutherischen Pastor Stellbrink. Aus dem Ich wird das Wir, aus der Eins wird die Vierzahl. Diese Gemeinschaft lässt sich dann durch die Gefangenschaft und selbst den Tod nicht mehr auseinander dividieren.

    Am Morgen des 10. November 1943 wird ihnen mitgeteilt, dass sie am Abend enthauptet würden. Im Abstand von drei Minuten fällt an jenem Abend von 18.00 Uhr an viermal das Fallbeil.

    Liebe Schwestern und Brüder, dieses Zusammenspiel von Ich und Wir – das leben uns Stellbrink, Lange, Müller und Prassek vor: Eins und Vier. „Sag niemals drei – sag eins und sag vier“. Diese Spannung, die schreiben sie nicht nur den Christen in Lübeck, sondern der ganzen Christenheit ein. Die Spannungseinheit von Christ und Mitchrist, von Geistlichem und Mitgeistlichem, ja die ökumenische Spannungseinheit von verschiedenen Konfessionen. Das Zueinander von Person und Gemeinschaft, von Personalität und Solidarität braucht die Kirche und unsere Gesellschaft – gerade jetzt. Bewahren wir deshalb dankbar ihr Gedächtnis. Amen

  • Gründung der Malteser-Caritas gGmbH / Kleiner Michel / 06. 11. 2015

    Evangelientext: Lk 16,1-8

    Der heutige Evangelientext über die Klugheit des unehrlichen Verwalters ist nicht etwa von einer Vorbereitungsgruppe ausgewählt worden und für diesen Anlass herangezogen worden, sondern die Liturgie für den heutigen Freitag der 31. Woche im Jahreskreis sieht diesen Text einfach vor: Lukas 16,1-8. Er passt bestens zu dem, was wir heute feiern. Die Gründung der Caritas-Malteser-gGmbH hier in Hamburg.

    Kernpunkt dieses Evangeliums ist ein Lob Jesu auf die Klugheit. Mir ist aufgefallen, dass Jesus in verschiedenen Zusammenhängen die Klugheit hervorhebt. So sendet er etwa seine Jünger aus wie Schafe unter die Wölfe und gibt ihnen den Ratschlag mit auf den Weg: „Seid klug wie die Schlangen und arglos wie die Tauben“. Oder jeder von uns kennt das Lob auf die klugen Jung-frauen, die ihre Lampen bereitet hatten, genügend Öl dabei und deswegen mitten in der Nacht den Bräutigam mit hellem Licht empfangen konnten. Im heutigen Evangelium wird dieses Lob der Klugheit sogar noch auf die Spitze getrieben am Beispiel eines Verwalters, der nicht gerade zu den ehrlichsten Vertretern seiner Zunft gehört. Jesus geht es also darum aufzuzeigen, was Klug-heit ist und wie wichtig sie ist.

    In der mittelalterlichen Ethik wurde die Klugheit gern als auriga virtutum bezeichnet, also als Wa-genlenker, als Steuermann für die Persönlichkeit des Einzelnen. Klugheit will den Einzelnen auf einen guten Weg führen, will ihm helfen seine Möglichkeiten und Mittel möglichst gut einzuset-zen.

    Deswegen ist der Kluge gut beraten, wenn er nicht einfach mit der Brechstange daherkommt
    oder die Realität gar nicht erst wahrnimmt, sondern die Wirklichkeit möglichst gut analysiert und sich ein Urteil über die betreffende Situation verschafft. Der Kluge muss die Chancen und Risiken, die in einer Situation liegen, abwägen, um dann zu einer Entscheidung über seine Strategie und seine Mittel zu kommen.

    Manche sagen, damit das gelingen kann, braucht der Kluge eine wichtige Voraussetzung. Er muss sich über seine Dummheit im Klaren sein. Oder um es etwas feiner zu sagen: Er braucht Einsicht in die eigene Endlichkeit. Er benötigt die Tugend des Maßes und die Fähigkeit, sich selber nicht zu überschätzen. Es geht letztlich darum, dass dem Klugen deutlich wird: Ich darf nicht alles, was ich will bzw. kann!

    Klugheit – und das bringt unser Evangelium deutlich zum Ausdruck – Klugheit muss gepaart sein mit Wahrheit, mit Ehrlichkeit, mit Richtigkeit. Das wird uns in Deutschland gerade jetzt in einer geradezu historischen Stunde deutlich. Während wir hier Gottesdienst feiern und die Gründung der gGmbH begehen, diskutieren in Berlin die Abgeordneten des Deutschen Bundestages über das Gesetz der Beihilfe zum Suizid. Geschäftsmäßig organisierte Hilfe zum Suizid darf es in Deutschland nicht geben! Die Assistenz zum Suizid gehört nicht zu den Aufgaben eines Arztes. Dies wäre ein völlig falsches Signal und würde ältere und kranke Menschen unter Druck setzen, sich dafür rechtfertigen zu müssen, leben zu wollen. Stattdessen müssen wir alles tun, um die Sterbebegleitung auszubauen und totkranke und sterbende Menschen gerade in der letzten Pha-se ihres Lebens bestens zu begleiten zusammen mit ihren Angehörigen. Wir brauchen eine neue Qualität der Palliativmedizin und eine Ausweitung der Hospiz- und Palliativversorgung. Das müsste eigentlich der Normalfall, ja die Grundversorgung sein, damit niemand allein stirbt und niemand mit Schmerzen sterben muss. Hier müssen wir alle miteinander – und natürlich auch wir seitens der Kirche – unsere Beiträge erhöhen, dass jeder Wunsch nach Sterbehilfe verschwindet.

    Ich würde mir wünschen, dass der letzte Satz des Evangeliums „Der Herr lobte die Klugheit des unrechten Verwalters“ im Hinblick auf unsere Malteser-Caritas-gGmbh ein wenig anders lauten würde, nämlich: Der Herr lobte die Klugheit der ehrlichen Verwalter.

    So wünsche ich Ihnen einen guten Start. Ich wünsche Ihnen Klugheit aber auch Wahrheit. Brin-gen Sie beides miteinander in eine gute Verbindung, um so für die vielen Menschen in ihren Ein-richtungen gute Verwalter zu sein. Amen

  • Predigt an Allerseelen im St. Marien-Dom / Hamburg / 02. 11. 2015

    Es gilt das gesprochene Wort.



    Liebe Schwestern und Brüder,

    das heutige Gedenken aller Verstorbenen führt uns eine Vielzahl von Toten vor Augen. So, wie wir gestern an Allerheiligen die unzählbar große Schar der Heiligen vor Augen hatten so heute die der Verstorbenen. Bei jedem Einzelnen von uns sind es unterschiedliche Verstorbene, die er am heutigen Tag im Blick hat: Vielleicht die eigenen Eltern, oder den Ehepartner, Kinder, Kollegen, die Toten von Krieg und Gewalt, einen Lehrer …

    Wir schauen aber nicht nur auf die Verstorbenen, wir schauen auch auf ihr Sterben. Manche von ihnen sind plötzlich gestorben, andere haben vielleicht ein langes Leiden durchgemacht und es hat lange gedauert, bis sie endlich sterben konnten.

    So mancher von uns hat seine Angst: Nicht unbedingt vor dem Tod (wie viele sagen), sondern vielmehr vor dem Sterben. Und genauer: Vor dem Alleinsein, vor evtl. Schmerzen oder die Angst, nicht mehr über sich selbst bestimmen zu können, sondern fremdbestimmt zu werden. Wo wer-de ich sterben, kann ich zu Hause sterben, besteht die Möglichkeit, im Kreis meiner Liebsten sterben zu können?

    In dieser Woche wird sich der Deutsche Bundestag mit der Gesetzgebung zum assistierten Suizid befassen. Als Christen stehen wir eindeutig gegen jede Form organisierter Sterbehilfe und auch gegen ärztliche Sterbehilfe. Der Tod ist kein Therapieziel. Ich habe Angst vor einer Gesellschaft, in der die Schwachen, die Kranken und Sterbenden, diejenigen, die nicht viel leisten können, sich für ihr Dasein rechtfertigen müssten. Wir stehen für Sterbebegleitung für die Schwerstkranken und ihre Angehörigen. Wir stehen für den Ausbau der Palliativ- und Hospizversorgung.

    Am gestrigen Allerheiligenfest hat mir der Apostolische Nuntius hier im Mariendom das Pallium über die Schultern gelegt als Zeichen für meine Aufgabe als Metropolit in der Kirchenprovinz Hamburg. Pallium und palliativ stammen von ein und demselben lateinischen Wort ab. Es meint diesen Stoffstreifen bzw. den Mantel, den man um die Schulter legt. Und dann ist man geschützt. Das ist es, was wir brauchen und wonach sich jeder von uns in seinem Sterben und im Tod sehnt: Nach einem Schutzraum, nach einer Atmosphäre, wo wir sicher und geborgen sind, wo wir medizinische Hilfe erhalten, aber auch gut gepflegt werden. Und vor allen Dingen menschlich begleitet werden, seelsorglich gestützt werden und andere um uns haben, die uns nicht verlassen, sondern auf die wir uns dann verlassen können.

  • Heilige Messe mit Auflegung des Palliums / Hamburg / 01. 11. 2015

    „Ich bin drin“ – endlich – nach über einem halben Jahr konnte ich in der vergangenen Woche in meine Wohnung gleich hier am Mariendom einziehen. Nach Wochen und Monaten auf einem kleinen Zimmer mit nur ganz wenigem, bin ich jetzt endlich wieder in einer Wohnung.

    Umso mehr kommen mir in diesen Tagen die Menschen in den Sinn, die nicht drin sind. Die keine Wohnung, kein Dach über dem Kopf haben, sondern die aus ihrer Heimat fliehen mussten und unterwegs sind und noch längst nicht am Ziel. Sie sind nicht mehr in ihrer Heimat drin und nicht in einer neuen. Viele von ihnen sehen wir hier in unmittelbarer Nähe am Hauptbahnhof. Manche schlafen im Saal der Kirchlichen Dienste, Nacht für Nacht. Ich denke an die vielen Menschen, die sich für sie einsetzen und ihnen helfen. Meine Gedanken gehen aber auch zu jenen, die sich sorgen und fragen, ob das alles gut geht, wie wir das schaffen können? Ja: Ob wir das schaffen können? Natürlich braucht es Regelungen, es braucht Vereinbarungen, es braucht eine Organisation, aber es braucht zu allererst Menschen mit offenen Herzen und offenen Händen, die sich für die vielen Flüchtlinge einsetzen. Ich bin dankbar, dass in unserem Erzbistum das so viele so selbstverständlich tun. Wir sind ja eine Diözese, die nach dem zweiten Weltkrieg aus der damaligen Fluchtbewegung entstanden ist. Gott sei Dank können hier in unserem Erzbistum heute viele Menschen von sich selber sagen „Ich bin drin – in diesem Land, in dieser Gesellschaft, ja in dieser Kirche…“ Ich hoffe, dass es uns miteinander gelingt, auch die Herausforderungen dieser Tage zu bewältigen und mit dazu beizutragen, dass auch heute die Menschen, die uns kommen, von ganzem Herzen sagen können „Ich bin drin – endlich“.

    Wir feiern heute Allerheiligen. Wir denken an die vielen Heiligen, die bekannten, aber auch die unbekannten. Wir denken an einen heiligen Ansgar, der als erster Missionar hier im Norden gewirkt hat. Wir denken an den heiligen Answer, der in Ratzeburg als Mönch gelebt hat und als Märtyrer für den Glauben gestorben ist. Wir denken an den seligen Niels Stensen, der besonders in Mecklenburg verehrt wird, wobei er die letzten Jahre in Schwerin gewirkt hat. Wir erinnern uns an die Lübecker Kapläne, die von den Nationalsozialisten ermordet wurden und hier in Hamburg für den Glauben gestorben sind. Wir denken an die vielen Patrone unserer Kirchen. Wir denken an unsere eigenen Namenspatrone: Eine unzählbar große Schar von Seligen und Heiligen. Und auch hier gilt: „Ich bin drin“. Die Heiligen sind nicht abgehoben, die Heiligen sind nicht weit von uns weg, sondern wir gehören zu ihnen und sie gehören zu uns. Wir sind eine große Gemeinschaft. Deswegen wird bei jeder Taufe die Allerheiligenlitanei gebetet.

    Und damit noch nicht genug: Wir sind nicht nur in der Gemeinschaft der Heiligen drin, sondern wir sind in Gott drin. Communio Sanctorum, wie es im lateinischen Glaubensbekenntnis heißt, meint nicht nur die Gemeinschaft der Heiligen, sondern meint zu allererst die Gemeinschaft am Heiligen, meint die Gemeinschaft mit dem, der der Heilige schlechthin ist, mit Gott selbst. Allerheiligen, das bedeutet: Ich bin in Gott drin und nur weil ich in Gott drin bin, bin ich in dieser Gemeinschaft der Heiligen aufgehoben und drin.

    Das wird am heutigen Tag auf besondere Weise deutlich. Der Apostolische Nuntius hat mir zu Beginn der heiligen Messe das Pallium aufgelegt. Ich erinnere mich noch gut an den 29. Juni diesen Jahres, an das Fest Peter und Paul. Damals war ich mit einer kleinen Gruppe aus unserem Erzbistum in Rom gewesen. Schon am Vortag sind wir im Petersdom in Rom gewesen. Dort sind die Pallien von Papst Franziskus gesegnet worden. Aber nicht nur das, sondern sie haben vom Vorabend über die Nacht bis zum Fest Peter und Paul direkt am Petrusgrab unter dem Altar im Petersdom gelegen. Das Pallium ist also ein Zeichen für die Verbindung mit dem Bischof von Rom, mit dem ersten Bischof von Rom damals, dem heiligen Petrus und mit dem jetzigen Bischof von Rom, Papst Franziskus. Der Papst ist der Garant für die Einheit der Kirche und in dieser Kirche sind wir alle drin.

    Ich dachte mir: dieses Pallium wird dir nicht wie eine Kette um den Hals gelegt und liegt nicht ganz eng an, sondern es ist viel Spielraum darin. Nicht nur, damit man es gut über den Kopf bekommen kann. Ich habe den Eindruck, das Pallium symbolisiert die Weite und Größe der Kirche, aber auch die Weite der Liebe Gottes. Der heilige Paulus sagte im Epheserbrief einmal, wir sollen die Höhe und die Tiefe, die Weite und die Breite der Liebe Gottes ermessen, die sechs Kreuze auf dem Pallium stehen für diese Liebe, die bis zum Äußersten gegangen ist (Eph 3,17).

    Dieses Pallium ist aber nicht nur ein Ehrenzeichen. Es ist eine Verpflichtung. Es ist ein Auftrag, es ist eine Sendung. So wie in manchen Bildern Christus dargestellt wird, der ein verletztes Schaf auf den Schultern trägt, so ist dieses Pallium für mich als neuer Erzbischof von Hamburg ein Auftrag, diese Menschen zu tragen, wenigstens ein wenig, diese Kirche zu tragen, so gut ich es kann, manches zu ertragen, was sich so leicht nicht ändern lässt, Menschen zu tragen, die selber schwer an sich tragen, solchen ein wenig Erleichterung zu schaffen, die selbst nicht mehr können.

    Nicht von ungefähr ist genau dieses Zeichen von Christus, der das Schaf auf den Armen trägt, das Logo für das Jahr der Barmherzigkeit, das in wenigen Wochen von Papst Franziskus eröffnet wird. „Selig sind die Barmherzigen, denn sie werden Erbarmen finden“. Jeder von uns ist immer auch wie ein Schaf, das getragen wird. Aber jeder Einzelne von uns, kann auch einer sein der trägt und der damit der Barmherzigkeit den Weg bereitet.

    „Ich bin drin“ – in meiner Wohnung, aber noch mehr: in Gott und in seiner Kirche. Helfen wir einander, drin zu bleiben, und helfen wir denen, die noch draußen sind.

  • Predigt im ökumenischen Gottesdienst zum Klimatag am 26.09.2015, Blankeneser Marktkirche / Hamburg / 26. 09. 2015

    Es gilt das gesprochene Wort

    Liebe Pilgerinnen und Pilger,
    liebe Schwestern und Brüder,

    „Ihr seid das Salz der Erde“.
    Es ist gerade einmal zwei Tage her, dass ich in der Zeitung davon gelesen habe, dass in Bolivien eine Bestimmung erlassen worden ist, wonach auf den Tischen in den Restaurants keine Salzstreuer mehr stehen dürfen. Der durchschnittliche Bolivianer verzehrt täglich offenbar viel zu viel Salz, so dass Bluthochdruck in Bolivien eine Volkskrankheit ist. Die Regierung weiß offenbar keinen anderen Rat, als die Salzstreuer von den Tischen zu verbannen. Salzlos!

    Eine Speise ohne jedes Salz schmeckt fad, ist gleichsam geschmacklos. Eine Speise, die versalzen ist, die total versalzen ist, ist genauso ungenießbar. Es braucht eine gute vernünftige Portion Salz in unseren Speisen und es braucht – das ist das Bild Jesu – uns Christen, denn wir sollen das Salz in der Welt, das Salz für die Welt sein, das ihr den richtigen Geschmack verleiht.

    Das, was Sie mit dem Klimaweg hier unternehmen, ist eine gute Portion Salz für unsere Welt. Genau darum geht es mit Ihrem konsequenten Einsatz für den Klimaschutz. Darum geht es, wenn die Kirche den Mächtigen ins Gewissen redet, wie Kardinal Frings es einmal ausgedrückt hat.

    Eine gute Portion Salz sollte uns zuerst zu schmecken und dann zu denken geben. Ohne gleich alles zu versalzen, dürften Sie mit Ihrem Engagement doch ein paar Körner mehr in die Suppe der Welt hineinwerfen. Denn ich glaube, das hat eine heilsame Wirkung: Wir unterbrechen dann nämlich unsere Gewohnheiten und Routinen. Wir pausieren und denken gründlich nach. Wir stoppen unsere Fahrt und schlagen eine neue Richtung ein. Jesus nennt das: „Metanoia“, Umkehr. Um-kehr, das heißt zunächst einmal anhalten, unterbrechen und dann eine neue Richtung aufnehmen und zielstrebig verfolgen.

    Auch Papst Franziskus schreibt in seiner Enzyklika „Laudato Si“, die vor einigen Wochen veröffentlicht wurde, von der Umkehr. Der Papst fordert, dass wir eine gemeinschaftliche Umkehr, dass wir eine ökologische Umkehr brauchen (§ 219). Gerne gebe ich Ihnen allen einige kleine Impulse von Papst Franziskus aus diesem Schreiben mit auf Ihren Pilgerweg.

    Franziskus spricht in dieser Umweltenzyklika immer wieder davon, dass alle Menschen, die jetzt Lebenden aber auch schon unsere Vorfahren und erst recht unsere Nachfahren in ein und dem-selben Haus miteinander leben. Es ist nicht wie in einer „Reihenhaussiedlung“, wo ein Haus neben dem anderen steht und am besten noch ein gutes Stück der Abgrenzung dazwischen. Nein, die Menschen aller Zeiten haben nur ein einziges Haus, das sie gemeinsam bewohnen und das ist diese eine Erde. Im Grunde genommen kann man das Wort „Ökologie“ damit aus dem Griechischen ins Deutsche übersetzen. Es geht darum, dass wir begreifen, dass wir die Lehre akzeptieren, dass alle Menschen nur dieses eine Haus haben, und in diesem einen Haus gemeinsam miteinander leben und ihr Leben miteinander gestalten.

    Und das ist dann auch schon der zweite Gedanke, den Papst Franziskus in „Laudato Si“ immer wieder anspricht. Lösungen für die umwälzenden Probleme in der Ökologie kann keiner alleine finden. Solche Lösungen hat auch die Kirche alleine nicht parat. Im Gegenteil: Wir sind auf ein großes Miteinander angewiesen und wir können die Lösungen nur auf einem gemeinsamen Weg finden. Wenn Politik, wenn Wirtschaft, wenn Verwaltung, wenn Forschung und alle möglichen Lebensbereiche miteinander kooperieren und sich gemeinsam ihrer Verantwortung stellen. Dazu braucht es von uns allen eine gehörige Portion Umkehr.

    Und schließlich: Wenn wir als Christen von unserer Welt, der Erde, den Pflanzen, den Tieren sprechen, dann ist das nicht einfach nur Natur. Wir sprechen ganz bewusst von der Schöpfung, weil wir daran glauben, dass in den Geschöpfen der Schöpfer selbst lebendig wird. Deswegen hat schon der Heilige Franz von Assisi vor vielen hundert Jahren in seinem berühmten Sonnengesang, der ja auch mit den Worten beginnt „Laudato Si“, alle möglichen Geschöpfe aufgezählt. Die Son-ne, den Mond, das Wasser, das Feuer und vieles andere mehr. Aber er redet sie nicht einfach in der „Es“-Form an, sondern er tritt mit ihnen in einen Dialog. Er bezeichnet sie als seine Brüder und Schwestern. Franziskus spricht von der Schwester Sonne, vom Bruder Mond und u.a. auch von der Schwester Wasser. Vielleicht nehmen Sie gerade die Schwester Wasser mit in Ihre Betrachtung auf Ihrem Pilgerweg auf, wenn Sie gleich über die Elbe gehen. In vielen Teilen unserer Erde ist der Kampf um das Wasser längst heftigst entbrannt. In der Westlichen Hemisphäre gibt es eine Reihe von Firmen, die Land kaufen, nicht um den Landes Willen, sondern um diesem Land das nötige Waser abzugewinnen.

    Liebe Schwestern und Brüder „Ihr seid das Salz der Erde“. Bringen Sie mit Ihrem Pilgerweg, der Sie von Skandinavien aus über Flensburg im Norden unseres Erzbistums Hamburg heute über die Elbe führt bis hin nach Paris zum Klimagipfel. Bringen Sie auf diesem Weg eine gehörige Portion Salz in die Suppe dieser Welt.

  • Predigt zur Sendungsfeier der neuen Gemeindereferentinnen / Hamburg / 05. 09. 2015

    Liebe Frau Meisner, liebe Frau Rothermann, liebe Frau Weng, liebe Schwestern und Brüder!

    Zwei Boote am Ufer, ein Boot auf dem See, eines das übervoll ist mit einem reichen Fischfang, so dass noch andere Boote hinzukommen – immer wieder ist vom Boot in unserem Evangelium die Rede.
    Vielleicht haben Sie dieses Evangelium bewusst gewählt, weil Sie alle drei Ihren Einsatz in pastoralen Räumen und Gemeinden haben, die am Meer oder an Seen liegen: Schwerin mit seinen Seen, Waren mit der Müritz und schließlich Wismar und der pastorale Raum Nordwest Mecklenburg mit einer Küstenlänge von immerhin 115 km. Bei so viel Wasser gibt es auch Boote.

    1. Christus steigt ein.
    Jesus sieht die Boote am Ufer liegen. Am Tag sind sie leer, die Fischer haben ihre Arbeit hinter sich und die Boote liegen vor Anker. Jesus steigt nun in ein solches Boot ein. Das geschieht nicht beiläufig und auch nicht zufällig, sondern mit dem Einsteigen kommt es auch direkt zu einem Dialog mit Petrus, der seinen ganzen Frust vor Jesus ablädt: „Wir haben nichts gefangen“. Man könnte sagen: Jesus steigt in das Boot, ja in das Lebensboot des Petrus ein, und macht sich damit dessen Leben zu eigen. Jesus steigt dort mit ein, wo Frust und die Enttäuschung herrschen.
    Das ist die Lebensbewegung Jesu Christi: Einsteigen. Einsteigen in das Leben der Menschen. Und diese Bewegung ist uns als Kirche und Ihnen als Gemeindereferentinnen vorgezeichnet. Wir müssen uns fragen, wo und wie können wir in das Leben der Menschen hineinkommen. Es sind also keine Aussteiger gefragt, sondern pastorale Dienste sind Einsteiger. Nicht nur so lange sie „Anfängerinnen“ sind, steigen sie in den Beruf ein, sondern dauerhaft sollten sie immer wieder in das Leben, in die Schicksale aber auch in die Freude und Hoffnung der Menschen hineingehen, und versuchen sie sich zu eigen zu machen.
    Wenn wir vom Boot sprechen, können wir in der gegenwärtigen Situation unmöglich vorbeigehen an den Booten auf den Weltmeeren, dem Mittelmeer, den Meeren Südostasiens. An den vielen kleinen Booten mit unzähligen Menschen. An Booten, die für Flüchtlinge mit größten Hoffnungen verbunden sind und oft genug ohne jede Sicherheit und Fürsorge betrieben werden. An Booten, die leider nicht in einen sicheren Hafen hineinkommen, sondern auf offener See kentern und, wie Papst Franziskus sagt, das Meer zu einem der großen Friedhöfe der Welt werden lassen. Als Kirche, als einzelner Christ und erst recht als pastoraler Dienst sind wir aufgefordert auch in die Leben dieser Menschen einzusteigen.

    2. Das gefüllte Boot.
    Das Boot, in das Jesus sich hineinsetzt und mit Petrus hinaus zu einem erneuten Fischfang auf den See fährt, ist am Ende bis zum Rand gefüllt. Mehr geht offenbar nicht. Ein himmelweiter Unterschied besteht offenbar zwischen dem vergeblichen Fang der Jünger in der letzten Nacht, von dem sie mit leeren Booten zurückgekehrt sind, und dem Fang am helllichten Tag, der überbordend voll ist. Schärfer kann der Kontrast wohl kaum bezeichnet werden! Wer auf Jesu Wort hin die Netze auswirft, der darf mit einem reichen Fang rechnen.
    Sind unsere Netze vielleicht manchmal deswegen so leer, weil wir nicht auf Jesu Wort hin, sondern auf unseren eigenen Willen hin Netze auswerfen? Oder fahren wir vielleicht gar nicht auf sein Wort hin auf die See hinaus, weil wir es gar nicht hören? Bleiben wir nicht manchmal am Land sitzen, weil wir keine Motivation haben, auf Gottes Willen zu reagieren und hinauszufahren?
    Und noch etwas: Den Fang holen sie in ihr Boot hinein. Ich halte das für etwas sehr wichtiges: Die Erfahrung der Fülle ereignet sich im Boot. Das will wohl bedeuten: Die Erfahrung der Fülle und des reichen Fischfanges ereignet sich mitten im Leben. Sonst könnten wir sie wohl kaum erfahren!
    Eine der wesentlichen Aufgaben des pastoralen Dienstes, egal ob als Priester, Diakon oder Pastoral- oder Gemeindereferent, besteht doch darin, einen Raum zu eröffnen, dass Menschen die Erfahrung Gottes und seiner reichen Fülle mitten in ihrem eigenen Leben machen können. Und nicht irgendwo daneben oder in einer Sonderwelt.
    Ich glaube jeder von Ihnen hat schon einmal diese Erfahrung der Fülle und der reichen Netze im eigenen Leben machen können. Jedenfalls einiges haben Sie mir davon berichtet. Sonst würden Sie heute hier nicht in den pastoralen Dienst des Erzbistums aufgenommen. Machen Sie sich also das Wort aus dem Buch Josua zu eigen: „Sei mutig“ (Josua 1,6.9). Seien Sie so mutig auf Gottes Wort hin mitten auf die offene See hin zu fahren und die Netze auszuwerfen!

    3. Mit dem Boot fahren.
    Die Boote am Land liegen einfach da. Sie sind leer. Kein Fang! Aber das herausfahrende Boot, das wird zum Ort der Gotteserfahrung. Jesus lässt seine Jünger diese Erfahrung nicht rein theoretisch machen. Er doziert sie ihnen nicht am Ufer auf dem Sand, sondern diese Erfahrungen machen die Jünger nur weil sie fahren, weil sie mit dem Boot hinausfahren.
    Eine der wichtigsten Kennzeichen der Gegenwart ist die Mobilität. Die Mobilität von uns Menschen, die Mobilität von Fahrzeugen, die Mobilität von Daten …
    Ich wünsche mir pastorale Dienste, die ein hohes Maß an Beweglichkeit haben, weil ich glaube, dass wir in den nächsten Jahrzehnten viele Veränderungen erleben werden und weil ich davon überzeugt bin, dass wir als Pilger durch die Zeit hindurch gehen sollen. Die ersten Christen wurden Menschen eines neuen Weges genannt (Apg 22, 4). Lassen Sie sich auf die vielen Veränderungen ein. Seien Sie mobil und beweglich. Im wahrsten Sinne des Wortes – aber auch im übertragenen. Bewahren Sie sich eine äußere Mobilität – und Bewegung ist ein wichtiger Gesundheitsfaktor auch für pastorale Dienste – bewahren Sie sich aber auch eine innere Mobilität hin zu den Menschen und hin zu Gott.

    Liebe Schwestern und Brüder, vor einigen Tagen habe ich in einer Zeitung gelesen, dass am See Genezareth eine neue Kapelle gebaut wurde. Man kann aus einem Fenster der Kapelle direkt auf den See schauen. Und dabei hat man unwillkürlich das heutige Evangelium vor Augen: Denn der Altar dieser Kapelle ist wie ein großes Schiff gestaltet. Wenn wir jetzt hier miteinander Eucharistie feiern, und wenn Sie das immer wieder in Ihren Gemeinden miteinander tun, dann hören wir nicht nur das Evangelium, sondern dann wird es Gegenwart. Dann ist der Altar das Boot, in dem wir aus der Fülle Jesu Christi empfangen können, auch heute und hier. Amen.

  • 100 Tage im Amt - Brief an Gemeinden, Mitarbeiter und Gläubige / Hamburg / 26. 06. 2015

    An die Priester & Diakone,
    Pastoral- und GemeindereferentInnen,
    MitarbeiterInnen im Erzbistum Hamburg
    und die Mitglieder der diözesanen, regionalen
    und lokalen Gremien

    Liebe Mitbrüder,
    liebe Schwestern und Brüder,

    in diesen Tagen bin ich verschiedentlich zu Interviews angefragt worden, weil ich etwa 100 Tage als Ihr neuer Erzbischof in Hamburg im Amt bin. Ehrlich gesagt, habe ich persönlich die einzelnen Tage gar nicht nachgezählt. Sie sind wie im Flug vergangen. Von Anfang an habe ich mich im Erzbistum Hamburg sehr wohl gefühlt.

    Ganz herzlich möchte ich Ihnen allen danken für die freundliche Aufnahme, die ich bis heute immer wieder erfahre: bei vielen Gemeindebesuchen, aber auch in den Einrichtungen, bei den Verbänden und vielen Gruppierungen in unserer großen Erzdiözese. Dafür – und nicht zuletzt auch für die vielen, die mir versprochen haben für meinen Dienst und unser ganzes Bistum zu beten, bin ich sehr dankbar!

    Ich habe in diesen Wochen viele Eindrücke gesammelt, die ich gut verarbeiten möchte und muss. Ich will nicht ins Detail gehen, aber ein Eindruck, der sich bei mir sehr eingeprägt hat, ist folgender: Die vielen Menschen in unserer Diözese möchten gesehen und wahrgenommen werden. Immer wieder kamen mir Stellen aus den Evangelien in den Sinn, wo es ganz schlicht und einfach von Jesus heißt: „Und er blickte ihn an“. Man kann diese kleinen Sätze schnell überlesen, aber sie sind wichtig. Menschen anschauen, sie wahrnehmen und ihnen Aufmerksamkeit schenken – und das schlicht und einfach durch einen Blick, einen An-Blick. Das kann gar nicht hoch genug eingeschätzt werden. Ich dachte mir: Vielleicht kann ich als Ihr neuer Erzbischof diesen liebevollen Blick Jesu ein wenig weitergeben. Und hoffentlich können sich viele Menschen in unseren Blicken so geborgen wissen, wie damals im Anblick Jesu. In dem kleinen Gebet von Kardinal Suenens, das auf der Rückseite des Bildes zu meiner Bischofsweihe abgedruckt ist, lautet eine Bitte schlicht und einfach: „Gib uns deinen Blick“.

    Mir schwirren viele Überlegungen durch den Kopf, wie ich als Bischof die große Erzdiözese mit ihren vielen einzelnen Teilen im Blick behalten und mit Ihnen in Kommunikation bleiben kann. Ich suche nach Formen, wie ich dies verlässlich tun kann. Ich glaube, dass die Besuche und Begegnungen vor Ort dazu sehr wichtig sind. Mit den ehemaligen Vorständen des Diözesanpastoralrates und des Priesterrates suche ich auch nach solchen Formen für die Zukunft.
    In der Verwaltung des Bistums tagt seit einiger Zeit regelmäßig der sogenannte Erzbischöfliche Rat, in dem alle Abteilungsleiter des Generalvikariates versammelt sind zusammen mit Generalvikar Thim, Weihbischof Jaschke und Vertretern aus den Regionen.

    In dieses Gremium möchte ich nach der Emeritierung von unserem langjährigen Weihbischof Norbert Werbs, den wir am 20. Mai in Schwerin in einer sehr schönen Feier verabschieden und für sein treues Wirken danken konnten, Propst Horst Eberlein berufen. Als neuer Domkapitular soll Horst Eberlein nicht nur in diesem Gremium für die Anliegen der Region Mecklenburg stehen, sondern auch umgekehrt in der Region mein Vertreter sein, dies vor allem im Hinblick auf die Arbeit mit unseren regionalen Gremien und auf die ökumenischen Kontakte.

    Schließlich werde ich am Fest Peter und Paul in Rom das Pallium von Papst Franziskus überreicht bekommen. Mit einer kleinen Gruppe, in der unter anderem unsere Seminaristen vertreten sind, aber auch aus jeder Region unserer Diözese eine ehrenamtliche Mitarbeiterin aus dem Caritasbereich, werde ich nach Rom fahren. Nach der neuen Ordnung soll dann der jeweilige Nuntius dem neuen Erzbischof in einer eigenen Feier in der Diözese das Pallium über die Schultern legen. Dies soll am Sonntag, 1. November im Gottesdienst um 10.00 Uhr im St. Marien-Dom in Hamburg stattfinden. Ich möchte dies zum Anlass nehmen, die Ministranten aus unserem ganzen Erzbistum nach Hamburg einzuladen. Dieses Fest beginnt am Nachmittag zuvor (31. Oktober 2015) mit einem bunten Programm.

    Schon heute möchte ich Sie darauf hinweisen – aber das dürfte nichts Neues für Sie sein: Vom 26. bis 31. Juli 2016 findet der Weltjugendtag in Krakau statt, zu dem ich selbstverständlich hinfahren möchte und mich freuen würde, wenn viele Jugendliche und Seelsorger aus unserem Erzbistum dabei sein könnten.

    Weil zum Weltjugendtag bekanntlich nur Jugendliche von 16-30 Jahren eingeladen sind, laden wir bewusst auch unsere Jüngeren schon heute schon zur 3. nord-westdeutschen Ministrantenwallfahrt vom 17.-19. Juni 2016 nach Paderborn ein.

    Viele von Ihnen werden in den nächsten Wochen Urlaub machen. Ich freue mich auch schon auf meinen eigenen Urlaub und hoffe durchatmen und mich gut erholen zu können. Ihnen allen wünsche ich eine erholsame Zeit, in der Sie wirklich ausspannen und neue Kräfte sammeln können.

    Mit herzlichen Segenswünschen verbleibe ich

    Ihr

    + Stefan

  • Predigt zum Gedenktag der Lübecker Märtyrer / Hamburg / 25. 06. 2015

    Am 9. März 1942 werden Pastor Karl Friedrich Stellbrink die Augen geöffnet. Bei der Beerdigung einer Lübecker Nazigröße wird in der Friedhofskapelle das Kruzifix bewusst mit einem Mantel verhüllt. Für Stellbrink ist das ein überdeutliches Zeichen für die Gottesferne und Verlogenheit des Regimes.

    Das Wirken von Pastor Stellbrink und derdrei Kapläne Johannes Prassek, Hermann Lange und Eduard Müller können wir so lesen: Sie ent-hüllen. Die Vier durchbrechen die Verschleierung, das perfide Versteckspiel des Regimes, Sie durchbrechen die Lüge, die ja auch eine spitzfindige Weise der Verhüllung ist, indem sie nichts anderes tun als zu ent-hüllen. Sie nennen das, was sie für wahr und richtig halten, schlicht und einfach beim Namen. Sie reden Klartext.

    Damit setzen die Lübecker Märtyrer das um, was Jesus Christus von seinen Jüngern eingefordert hat: Am hellen Tag und auf den Dächern sich zur Wahrheit bekennen. „Denn nichts ist verhüllt, was nicht enthüllt wird. Und nichts ist verborgen, was nicht bekannt wird“ (Mt 10,26).

    Der Märtyrer, der Zeuge ist jemand, der „nichts anderes“ tut, als die Hülle, die über der Wahrheit liegt, wegzunehmen. Damit bringt er die Wahrheit zum Vorschein. Das griechische Wort für Wahrheit lautet Aletheia. Es meint übersetzt: die Unverborgenheit, die Unverhülltheit.
    Ich ertappe mich immer wieder dabei, dass ich gerne das sogenannte „Mäntelchen des Schwei-gens“ über die Wahrheit versuche zu legen. Dann frage ich mich: Kann es nicht sein, dass wir Menschen ganz gerne die Dinge nicht in ihrer Radikalität und Nüchternheit anschauen, sondern sie uns schönfärben und damit auch verkleiden? Wieviel Verhüllung gibt es nicht in meinem per-sönlichen Leben und in unserem Zusammenleben als Gesellschaft?
    Wir brauchen Enthüllungen, gerade im geistlichen Leben. Johannes der Täufer, dessen Geburts-tag wir gestern feierten, war ein Enthüllungsmeister. Seine Worte hämmerten den Menschen ein: Kehrt um! Seine Offenheit war für das Establishment mehr als unangenehm. Das Regime konnte die Wahrheit nicht ertragen. Es brachte ihn um.

    Und der heilige Paulus fasst sein apostolisches Tun in dem einen Satz zusammen: „Ich soll enthül-len wie jenes Geheimnis Wirklichkeit geworden ist, das von Ewigkeit her in Gott dem Schöpfer des Alls verborgen war“ (Eph 3,9).

    Ein aktuelles Beispiel für diesen Dienst an der Wahrheit hat uns vor wenigen Tagen Papst Franzis-kus geliefert mit seiner Enzyklika Laudato Si. In großer Nüchternheit enthüllt er die derzeitige Si-tuation der Schöpfung. Eine Fülle von Themen spricht er an: Klimawandel, Abfall, Wegwerfkultur, Wasserfrage, Verlust biologischer Vielfalt, Verschlechterung der Lebensqualität, sozialer Nieder-gang und soziale Ungerechtigkeit.

    Papst Franziskus ist klar, dass bei dieser Fülle von Problemen keine einfachen Lösungen zum Ziel führen. Man wird das Ganze nicht technokratisch, erst recht nicht bürokratisch, aber auch nicht einfach ökologisch lösen können. Deswegen fordert er eine „ganzheitliche Ökologie“. Diese um-fasst eine Umweltökologie, eine Wirtschaftsökologie, eine Sozialökologie, eine Kulturökologie, ja eine Ökologie des Alltags.

    Und bei all dem sieht Papst Franziskus die Verantwortung bei uns. Der Mensch muss radikal um-kehren. Wir müssen unser Leben ändern.

    Papst Franziskus: ein Zeuge der Wahrheit, ein Mensch, der sich diesem oft mühsamen Prozess der Enthüllung unterzieht. Schicht für Schicht legt er frei, um an die Wahrheit der Dinge, die Wahrheit des Menschen und der Schöpfung heranzukommen.

    Die Lübecker Märtyrer haben sich vor siebzig Jahren diesem Dienst in dunkler Zeit gestellt. Jeder von uns kann mit ihnen ein solcher Zeuge sein und sich diesen Auftrag der Enthüllung, der Wahr-heitsfindung zu eigen machen.

  • Ramadan 2015 - Grußbotschaft des Erzbischofs Dr. Stefan Heße / Hamburg / 17. 06. 2015

    Sehr geehrte Gläubige,

    die Zeit des Ramadan beginnt am kommenden Donnerstag, den 18. Juni. Der Fastenmonat beinhaltet Besinnung und Reflexion. Das eigene Leben in den Blick nehmen, die Ihnen heilige Schrift des Korans lesen und hören und sich selbst prüfen sind Kennzeichen dieser Zeit.
    Aber auch die Gemeinschaft spielt eine große Rolle. Der Mensch steht nicht allein vor seinem Schöpfer, sondern er ist eingebettet in die Gemeinschaft der Menschen. Dies wird deutlich am Fastenbrechen, dem Iftar. Die Menschen kommen zusammen, um dem Schöpfer für diese Gemeinschaft zu danken, die Hilfe und Unterstützung bietet.

    Es ist ein schöner Brauch, dass Muslime viele Menschen unterschiedlichen Glaubens zum Fastenbrechen einladen. Die große Gastfreundschaft, die darin zum Ausdruck kommt, können wir Christen annehmen als ein Zeichen für den Glauben, dass alle Menschen von Gott und auf ihn hin geschaffen sind.

    In der heutigen Zeit gibt es viele Herausforderungen, die die Menschen nur gemeinsam lösen können. Gewalt, Hass, Vertreibung und Krieg sind große Übel, die nur gelöst werden können, wenn sich die Menschen ihrer gemeinsamen Verantwortung vor dem Schöpfer bewusst sind. Mit Respekt und Hochachtung müssen Menschen miteinander umgehen, unabhängig von ihrer Religion, Konfession oder ihrem kulturellem Hintergrund. Alle Gläubigen sind aufgerufen, Zeichen für eine gegenseitige Wertschätzung und Achtung zu setzen, um die Anforderungen des Schöpfers zu erfüllen.

    Die Begegnung der Religionen im Erzbistum Hamburg ist vorbildlich und hilft Grenzen und Vorurteile zu überwinden und so ein Zeichen zu setzen. Ich wünsche allen Muslimen eine segensreiche Zeit des Ramadan, Frieden und Gesundheit.

    + Stefan Heße
    Erzbischof von Hamburg

  • Auszug aus Predigt zur Priesterweihe von Diakon Ferdinand Moskopf / Hamburg / 23. 05. 2015

    Die Aufgaben des Priesters sind sehr vielfältig. Das Berufsbild ist bunt, interessant. Es ist umfas-send, ganzheitlich. Die Stellenausschreibung für einen Priester gerät lang – manchmal so lang, dass sie überfordernd wirken kann.

    Vieles davon hat unser Weihekandidat in seinem Diakonatspraktikum in Schwerin erfahren. Nach den Jahren des Studiums scheint ihm das richtig gut getan zu haben. Denn er sagt: „Schöner als in Schwerin kann es im Himmel nicht sein.“ (Warten Sie ruhig mal ab!)
    Alles Mögliche haben Sie dort erlebt: Jugendarbeit, die Schule, die religiöse Kinderwoche, den Gottesdienst, Jugendfreizeiten, Krankenbesuche, Predigtvorbereitung, die ersten Sakramenten-spendungen … Wenn man all das sich vor Augen führt, dann kann der priesterliche Dienst gera-dezu zersplittern. Da kann er sich in ein Vielerlei verlieren. Zur Identität kommt das priesterliche Leben dann, wenn es eine Mitte hat. Es braucht einen „roten Faden“. Es braucht so etwas wie einen Ruhepunkt, von dem alles seinen Ausgang nimmt.

    1. Freund

    Einen solchen Ruhepunkt haben Sie ins Auge gefasst in dem heutigen Evangelium, das Sie sich selber gewünscht haben: „Ich nenne euch nicht mehr Knechte; ich nenne euch Freunde“. Dieses Wort spricht nicht von den Aufgaben, von den Erwartungen oder der Verantwortung. Ein Freund hat nicht nur Interesse an dem, was man tut, sondern vor allen Dingen, an dem, was man ist und wie es einem geht. Freundschaft lebt davon, dass Freunde sich begegnen, aneinander denken und miteinander sprechen. Sie müssen sich austauschen. Sie wollen das Beste füreinander. Bei einem Freund kann man sich ausru-hen. Man kann sein Herz ausschütten und sich Luft machen. Dort findet man Verständnis und neuen Mut, Anerkennung. Von einem Freund nimmt man Rat und auch Korrektur an.
    Priester sein heißt zu allererst Freund Jesu Christi zu sein. So wie Jesus Christus immer in der Beziehung zu seinem Vater lebte, und sein ganzes Wirken darin aufging, diese Bezie-hung uns Menschen lebendig zu vermitteln, so soll der Priester in der Beziehung zu Chris-tus leben. Und das genau bedeutet es, Freund Jesu Christi zu sein.
    Gleich, wenn Sie geweiht worden sein werden, wenn Sie bereits die Paramente des Pries-ters angelegt haben, Ihre Hände gesalbt sind, und Sie die Gaben von Brot und Wein emp-fangen haben, folgt gleichsam als Abschluss der Priesterweihe die Umarmung des Neupriesters. Und dabei könnte die Schola den Gesang anstimmen „Jetzt seid ihr nicht mehr Knechte – ihr seid Freunde“. Der Ritus sieht das so vor. Zum Priester geweiht zu werden, heißt also Freund Jesu Christi zu sein und zu bleiben.

    2. Dornbusch

    Freunde haben keine Geheimnisse voreinander. Sie teilen alles einander mit und vertrauen aufeinander. Deswegen finde ich es wunderbar, dass Sie mit der alttestamentlichen Le-sung aus dem Buch Exodus – und hier wird uns allen deutlich, dass das Alte Testament für uns Christen unverzichtbar und ein wahrer Schatz ist –eine der Schlüsselstellen aus dem Alten Testament ausgewählt. Mose darf die Offenbarung Gottes erfahren, die Nähe Got-tes, das Feuer, den lebendige Gott, das Leben Gottes schlechthin: „Ich bin der Gott Abra-hams …“
    Ich hoffe, dass dieser brennende Dornbusch stets mit Ihnen zieht. Respektive: Dass Sie mit diesem brennenden Dornbusch durch Ihr Leben ziehen. Und dass Sie so immer wieder heiligen Boden unter den Füßen haben (Nicht nur in Schwerin!). Vielleicht kommt Ihnen Papst Johannes Paul II. in den Sinn, der immer, wenn er ein neues Land betrat, beim Aus-steigen aus dem Flugzeug zuerst die Erde geküsst hat, weil er wusste: auch dieser Land-strich ist Gottes heiliger Boden. Denken Sie daran, wenn Sie in der stillen Betrachtung auf die Knie gehen und mit Ihren Knien die Erde berühren. Sie haben heiligen Boden unter den Füßen, und Gott will Ihnen im brennenden Dornbusch nahe sein.
    Vielleicht hilft Ihnen dann ein kleines Gebet des langjährigen Generaloberen der Jesuiten weiter, Pedro Arrupe. Sie haben ja bei Jesuiten in Frankfurt St. Georgen studiert. „Lass dein Licht für mich sein, was der brennende Dornbusch für Moses, die Vision vor Damas-kus für Paulus, der Cardoner für Ignatius gewesen sind. Ein Anruf aufzubrechen auf einen Weg, der dunkel sein mag, der sich aber vor mir auftun wird, wie es Ignatius widerfuhr als er ihm folgte“.

    3. Das Tun

    Damit sind wir jetzt wirklich bei Ihrem zukünftigen Dienst angelangt. Aus dieser Identität des Freundes, die immer wieder gespeist wird in der Begegnung mit dem brennenden Dornbusch, so dass Sie selber immer wieder neues Feuer fangen, können sie herausge-hen und Ihren Dienst tun. Das, was heute hier beginnt und was in der Priesterweihe grundgelegt wird, das müssen Sie jeden Tag aktualisieren. Fangen Sie jeden Tag im Gebet, fangen Sie jeden Tag in der Freundschaft mit Jesus an und verrichten dann Ihr Tagewerk, wo immer es Sie auch hinführt. Dann können Sie wirklich ein „guter Verwalter der Gnade, der vielfältigen Gnade Gottes sein“. Dann werden Sie ganz gewiss in der Spur Jesu blei-ben. Sie werden seine Freundschaft und sein Feuer zu den Menschen bringen. Und das werden die Menschen spüren. Dann werden nämlich alle Ihre Aktivitäten von diesem in-neren Geist und von dieser Freundschaft durchdrungen sein. Erst so gewinnt all Ihr Tun Tiefe, Substanz und Transzendenz. Auf diese Weise werden Sie davor gefeit sein, dass sich Ihr Dienst in ein Vielerlei verliert. Sie werden mit dem Grund ihrer Berufung in Berüh-rung bleiben und so ein authentischer Priester sein können – einer, der dem Priester Jesus Christus entspricht. Dann werden um Sie herum viele Freunde und Freundinnen Gottes sein. Vielleicht wird es den einen oder anderen geben, der als Priester oder Diakon diese Freundschaft zu leben versucht oder in einer Ordensgemeinschaft.

  • Predigt bei der Ökumenischen Andacht zur Gedenkfeier anlässlich des 70. Jahrestages des Kriegsendes / St. Marien, Lübeck / 04. 05. 2015

    Es gilt das gesprochene Wort


    Lesungstext: 1.Thess. 5, 2-11

    Liebe Schwestern und Brüder,

    „Gott hat mit mächtiger Sprache geredet – die Lübecker werden wieder lernen zu beten“.
    Diese Worte stammen von Pastor Karl Friedrich Stellbrink. Er sprach sie bei einer Predigt am 29. März 1942, einen Tag nach einem verheerenden Luftangriff auf die Stadt Lübeck. Als Reaktion auf die Predigt wurde Pastor Stellbrink von der Gestapo festgenommen. Seine Worte stehen am Beginn der Prozesswelle gegen den lutherischen Pastor und die drei katholischen Kapläne Hermann Lange, Eduard Müller und Johannes Prassek. Diese Welle führte hin zur Ermordung der vier Lübecker Geistlichen am 10. November 1943 in Hamburg.

    „Gott hat mit mächtiger Sprache geredet – die Lübecker werden wieder lernen zu beten“. Ein starkes Wort, das mich berührt hat!

    „Gott hat mit mächtiger Sprache geredet“. Da lebt ein Pfarrer in der Gewissheit, dass Gott sich zu Wort meldet, dass er hineinspricht in die Zeit, dass er hörbar wird in den Ereignissen und Zusammenhängen des Lebens. Wir sprechen heute gerne von den sogenannten „Zeichen der Zeit“, in denen Gott sich äußert.

    Die Nationalsozialisten hatten Hass und Feindschaft, Böswilligkeit und Krieg gesät. Und sie haben Zerstörung geerntet und den Tod und das Leid vieler ziviler Opfer. Pastor Stellbrink war mutig genug, dies beim Namen zu nennen, und damit den Appell nach Beendigung dieser Katastrophe, nach Umkehr zu verbinden.

    Mitten in der Finsternis des Krieges mit all seinen Unbilden wie Vertreibung, Flucht, -Lübeck war bereits in der zweiten Hälfte des Krieges eine ausgesprochene Flüchtlingsstadt- Hunger, Gewalt, Terror, aber auch mitten in der Hölle der Konzentrationslager und der Schoa leben Pastor Stellbrink und viele andere Christen aus der Überzeugung: „Ihr alle seid Söhne [und Töchter] des Lichts und des Tages. Wir gehören nicht der Nacht und nicht der Finsternis“ (1 Thess 5, 5).
    Die vier Lübecker Märtyrer waren das nicht aus sich heraus. Nicht aus sich heraus waren sie rein und unschuldig, lauter und gut. Von Pastor Stellbrink ist bekannt, dass er sich über Jahre hinweg erst von der Finsternis einer falschen Ideologie lossagen musste. „Kinder des Lichts“ werden wir nicht durch unsere eigenen Mühen. Nicht durch unser eigenes Werk. Ein Anderer leuchtet mit seinem Licht in uns: Jesus Christus. Der Glaube an Christus, die Hoffnung auf Christus und die Liebe zu Christus machen uns stark. Sie rüsten uns für die Kämpfe unseres Lebens, wie es Paulus mit den Bildern vom Panzer und Helm ausdrückt. Es ist eben kein militärischer Helm oder Panzer, sondern der des Glaubens und der der Hoffnung. Für die existentiellen Kämpfe, aber auch für die gesellschaftlichen und politischen.

    „Gott hat mit mächtiger Sprache geredet – die Lübecker werden wieder lernen zu beten“.
    Heute erinnern wir uns an die Zerstörung und den Tod vieler Menschen zwischen 1939 und 1945. Erinnerung – ist das nicht auch schon längst Gebet?! Unsere Erinnerung bleibt nicht im Gestern und damals stehen, sondern verpflichtet uns, im Heute unsere Verantwortung zu tragen. Unser Erinnern führt uns in Berührung mit Gott, dem Ursprung und dem Vollender unseres Glaubens. All unser Gedenken ist Denken vor ihm, bezieht ihn mit ein.

    „Gott hat mit mächtiger Sprache geredet – die Lübecker werden wieder lernen zu beten“. Ein geradezu prophetisches Wort damals und heute!

  • Eröffnung der Podiumsdiskussion "Sterben in Würde" im Rahmen der Woche für das Leben 2015 / Hamburg / 18. 04. 2015

    Sehr geehrter Herr Kardinal Marx, lieber Mitbruder,
    sehr geehrter Herr Ratsvorsitzender Bischof Bedford-Strohm,
    sehr geehrter Herr Professor Nassehi,
    sehr geehrter Herr Dr. de Ridder,
    sehr geehrter Herr Geyer,
    sehr geehrte Damen und Herren,
    herzlich begrüße ich Sie in unserer Katholischen Akademie!

    „Sterben in Würde“ – unter diesem Motto steht die Woche für das Leben 2015. „Sterben in Würde“ – wenn ich dieses Motto verinnerliche, dann steigen in mir Bilder auf von einer Art idealen Sterbens: eine kurze Zeit der Schwäche ohne große Schmerzen; im Kreis der erweiterten, versöhnten Familie; gestärkt von den Sakramenten der Kirche, wie es heißt. Sterben in Würde eben.

    Auf solch ein Sterben in Würde hoffen viele. Es spielt in der gesellschaftlichen Diskussion als ein hintergründiges Wunschbild eine große Rolle.

    Die Angst vor dem krassen Gegenteil dieses idealen Sterbens spielt in der Diskussion für viele Menschen heute aber eine wesentlich größere Rolle: das Sterben, das einhergeht mit vollkommenem Autonomie- bzw. Kontrollverlust. Wir kennen Krankheiten, die in ihrem Endstadium mit solch einem vollkommenen Verlust einhergehen. Für die Betroffenen bedeutet das unsagbares Leid. Davon berichten mir Seelsorger in den Krankenhäusern.

    Wenn wir über Sterben in Würde sprechen, dann hat zu gelten: Unsere Worte müssen sich messen lassen an dieser für den Betroffenen schicksalshaften Situation. Pastorale Floskeln, Durchhalteparolen und philosophische Argumente zerbrechen hier.

    Es gibt Situationen, in denen jede Hilfe – auch palliativer Art – versagt. Sie machen mir persönlich deutlich, dass all unsere medizinische Hilfe und seelsorgerliche Begleitung manchmal nur bis zu einem bestimmten Punkt hinreichend ist. Irgendwann beginnt eine existentielle Dunkelzone, die für alle Beteiligten sehr belastend ist. In dieser Dunkelzone steht der betroffene Mensch allein und formt eine sehr persönliche Entscheidung, seine persönliche Gewissensscheidung.

    Wichtig ist, dass wir diese existentielle Gewissensentscheidung eines Menschen nicht sofort in ein Schema von richtig und falsch pressen. Wichtig ist auch, dass wir Menschen nicht dorthin drängen, wo wir sie haben möchten. Wichtig ist für uns als Gesellschaft, dass wir nicht peu à peu einen Druck aufbauen, der eigentlich nur noch die eine Entscheidung vorsieht.
    „Sterben in Würde“ heißt für mich, dass wir als Seelsorger den Menschen bis zum Ende, bis zum oft „bitteren Ende“ nicht von der Seite weichen. Dass wir den Menschen Hoffnung machen. Dass wir auch da sind, einfach nur da sind, wenn sich das Dunkel und der Schmerz nicht mehr lindern lassen. Dass wir auf diese Weise deutlich machen, dass wir an einen Gott glauben, der von sich sagt: „Ich bin der „Ich bin da“.“ (Ex. 3, 14).

    Auf diese Weise – so ist meine Hoffnung – tun wir allen Sterbenden einen Dienst. „Sterben in Würde“ ist dann mehr als eine gesellschaftliche Forderung. Es ist eine Aufgabe auch für uns selbst, für die Kirchen. Wir helfen überall dort mit, wo wir es mit Expertise, Personal und Mitteln können; wissend um die begrenzten Möglichkeiten aller angesichts der vielen Arten des Sterbens in unserer Gesellschaft.

    Sehr geehrte Damen und Herren! Ich freue mich nun auf eine spannende und lehrreiche Diskussion. Vielen Dank!

  • Predigt in der Osternacht / St. Marien-Dom Hamburg / 05. 04. 2015

    Die Frauen kommen nach dem Sabbat an das Grab Jesu. Sie wissen genau, was sie wollen. Sie haben ihr Salböl dabei und wollen ihn einbalsamieren, wie gehabt. Das einzige Problem: Der dicke Stein vor dem Grab – wer mag ihn uns wohl wegrollen?
    Für diese Frauen ist der Fahrplan eindeutig. Sie haben einen festen Plan, diesem wollen sie sich jetzt widmen. Vielleicht ist das das Einzige, was ihnen in ihrer Trauer hilft und sie ein wenig ablenkt.

    Aber irgendwie ist dann alles anders. Der Stein ist längst weg. Und nicht nur der Stein ist weg: Auch der Tote ist weg. Stattdessen findet sich ein junger Mann mit weißem Gewand. Den Toten hätten sie mit ihrem Öl leicht in den Griff bekommen, aber dieser junge Mann, der löst Erschrecken aus. Erschrecken darüber, dass es anders ist, als die Frauen sich vorgestellt hatten. Anders als das, was man kennt, was man erwartet.

    In den vergangenen Tagen habe ich einige ältere Priester in unserem Erzbistum besucht. Einige, die am Montag nicht bei der Chrisammesse hier im Dom dabei sein konnten. Ich sehe noch einen vor mir, weit über achtzig, in einem Altersheim, aber geistig hellwach, seine funkelnden klaren Augen spiegelten das wider. Und nachdem wir über das Erzbistum, über seine Stellen, über seine Freuden aber auch über seine Enttäuschungen miteinander gesprochen hatten, hielt er ein wenig inne und sagte ganz am Ende des Gespräches: Wenn das stimmt, was wir da jetzt feiern, wenn er wirklich auferstanden ist, dann ist alles anders … dann ist alles anders.“
    Diese Worte gingen mir in den letzten Tagen nicht mehr aus dem Sinn: „Dann ist alles anders“. Was heißt „anders“? Wie anders?

    Das Osterevangelium dieser Nacht legt uns eine Spur, die ich mit Ihnen beschreiten möchte.
    1. Die Frauen wollen zum Grab und natürlich wollen sie den Leichnam einbalsamieren. Sie wollen wieder mit Jesus in Berührung kommen. Auch wenn sie wissen, dass er tot ist, aber ihn zu packen kriegen, ihn zu greifen kriegen, wieder anknüpfen können beim Tod, das ist ihr Wunsch. Ihnen geht es um Fortsetzung. Sie suchen nach einem Anknüpfungspunkt. Und dann haben sie die Idee, den Faden weiter zu spinnen. Aber: „Dann ist alles anders“, sagt der alte Mitbruder. Ostern heißt offenbar nicht, dass alles immer so weitergeht „wie im Anfang so auch jetzt und Allezeit“. Ostern ist nicht einfach Fortentwicklung, Fortschreibung. Ostern ist zu allererst der Riss. Es ist wahrscheinlich nicht von ungefähr, dass im Moment des Todes Jesu der Vorhang im Tempel mitten entzwei gerissen wird. Und dieser Umstand, dass der Tote nicht mehr da ist, zeigt uns, Ostern ist alles andere als die kontinuierliche Fortsetzung. Ostern will das allzu Glatte, die Abläufe und Prozesse, die wir alle so schön organisiert haben, unterbrechen.

    Vielleicht setzt genau hier der Münsteraner Theologe Johann Baptist Metz an, der sagt: „Die kürzeste Definition von Religion ist Unterbrechung!“. Ostern erschreckt und ist nicht zunächst die altbekannte Botschaft. Ostern lässt zunächst nicht in Geborgenheit zurück, sondern reißt die Wände gleichsam nieder. Und Ostern ist auch nicht zuerst der feste Boden, auf dem ich stehen kann, sondern Ostern reißt einem zu allererst den Boden unter den Füßen weg. Ostern heißt nicht: Ich habe alles im Griff. Sondern Ostern hat zu allererst mit Unübersichtlichkeit zu tun. Ich kapiere gar nichts.

    2. Eine zweite Spur: Die Frauen fragen sich, „Wer mag uns wohl den Stein vom Grab wegwälzen?“ Nach der Unterbrechung geht Ostern hier einen deutlichen Schritt weiter. Das Schwere, die Last, die Steine, die manchmal auf uns niedergehen, sind längst beiseite gerollt. Die großen Probleme sind durch Ostern gelöst. Die Lasten sind nicht mehr so schwer, wie wir meinen. Der alte Mitbruder sagt: „Es ist alles anders“. Vielleicht können wir das Ganze aber auch mit einem anderen Bild begreifen, das mir in den vergangenen Tagen in einer unserer Schulen zugefallen ist.

    Ich wurde vom Schulleiter durch diese und jene Räume geführt und dann landeten wir schließlich in der Physik. Sie erinnern sich an die Apparaturen, mit denen interessante Experimente vorgeführt werden. Das ist alles schon weither, aber an der Tafel stand eine Aufgabe, die nach meinem Verständnis etwas mit dem sogenannten Auftrieb zu tun hatte. Jeder von uns kennt das. Lasten sind manchmal ziemlich schwer. Aber im Wasser können sie durch den sogenannten Auftrieb ziemlich leicht werden. Und wenn wir das Bild ein wenig weitertreiben, könnten wir vielleicht sagen: Ostern stellt uns in das Meer der unübersichtlichen Größe und Liebe Gottes hinein, das unsere Lasten erleichtert, das uns Auftrieb gibt.

    3. In diesem Evangelium taucht der Auferstandene noch gar nicht auf. Sondern nur dieser junge Mann im weißen Gewand richtet aus: Er ist auferstanden. Er geht euch voraus. Aber es ist offenbar nicht so, dass er vorausgeht und wir das Tempo nur ein wenig erhöhen müssten, um ihn dann einzuholen, festhalten zu können. Nein, der Maria von Magdala sagt er ausdrücklich: „Halte mich nicht fest“ Er geht uns bleibend voraus. Er ist nicht einzuholen. Er ist nicht einzufangen. Ostern meint die Vollendung des Lebens. Meint die Fülle, die immer größer ist als das, was wir uns vorstellen und ausmalen können. Ostern meint die permanente Überbietung. Ostern meint Entgrenzung. Es gibt keine Grenzen mehr. Es fällt uns schwer, das zu denken und uns vorzustellen, weil unsere Vorstellungen immer räumlich sind, innerhalb von Grenzen sich bewegen. Aber auch sechsundzwanzig Jahre nach der deutschen Einheit könnten wir vielleicht eine Ahnung davon entwickeln. Um es positiv zu formulieren: Ostern meint unzerstörbare Freude. Ostern heißt abgrundtiefes Vertrauen. Ostern führt zu hingebender Liebe.

    Die Schriftstellerin Marie Luise Kaschnitz hat dies in einem ihrer Texte ausgedrückt, und ich glaube, das gilt nicht erst für das Leben nach dem Tod, sondern das gilt für unser Leben nach der Auferstehung Jesu. Sie schreibt:
    „Glauben Sie, fragte man mich,
    an ein Leben nach dem Tode?
    Und ich antwortete: Ja
    Aber dann wusste ich
    keine Auskunft zu geben,
    wie das aussehen sollte …
    Ich wusste nur eines:
    Keine Hierarchie ….
    Kein Niedersturz …
    Nur Liebe, freigewordne
    Niemals aufgezehrte
    Nicht überflutend …
    Liebkosung schöne Bewegung …
    Und deine Hand wieder in meiner …
    Mehr also, fragen die Frager
    erwarten Sie nicht nach dem Tod?
    Und ich antwortete:
    Weniger nicht.“

  • Predigt von Erzbischof Stefan Heße am Gründonnerstag / St. Marien-Dom Hamburg / 02. 04. 2015

    Es gilt das gesprochene Wort


    „Begreift ihr, was ich euch getan habe?“ Jesus wäscht seinen Jüngern die Füße, um anschließend dieses Zeichen zu deuten.

    Es ist nicht nur die Frage an die Jünger, sondern auch eine an uns: Begreifen wir, was er da tut?

    1. Schmutzige Füße werden gewaschen. Im alten Israel war es üblich, dass Gästen die Füße gewaschen wurden. Nach der Hitze und der langen Reise waren sie oft sandig, verstaubt, schmutzig. Wir tun heute ziemlich viel und brauchen nur in den Supermarkt hinein zu gehen, um eines von vielen Produkten auszuwählen, um „unangenehmen Fußgeruch vorzubeugen“. Wir wissen darum, dass auch heute Füße unangenehm riechen können.

    Fußwaschung heißt also dann, dass das Leben nicht immer klinisch rein ist. Fußwaschung heißt, dass es manchmal ziemlich übel riechen kann. Wenn Jesus die Füße wäscht, dann um deutlich zu machen: Ihr müsst gereinigt werden, ihr müsst befreit werden, ich müsst erlöst werden.
    Papst Franziskus schärft uns das immer wieder ein und Bischof Bode hat vor einigen Wochen bei der Bischofsweihe diesen Gedanken in seiner Predigt hier im Mariendom aufgegriffen. Der Papst wünscht sich Hirten, die den Geruch der Schafe kennen und in der Nase haben. Oder gerade in den vergangenen Tagen hat Papst Franziskus sich an Theologiestudierende gewandt und ihnen deutlich gemacht: ihr könnt nicht nur hinter euren Büchern sitzen in den Vorlesungssälen und Bibliotheken, sondern ihr müsst den „Geruch der Straße“ in der Nase haben.

    Vielleicht ist es gut, statt der vielen Parfüms und Sprays, die es so gibt, die das Ganze immer wieder kaschieren, immer mal wieder diesen intensiven und unangenehmen Geruch in der Nase zu spüren, weil er uns aufmerksam macht: Jesus will dich waschen, will dich reinigen. Jesus will dir gut sein. Und manchmal gibt es liebe Menschen, die uns diesen Dienst tun.

    2. Begreift ihr, was ich da tue? – Jesus beugt sich nieder. Die Jünger haben mit Sicherheit damals auf dem Boden gesessen. Er musste also ganz nach unten, um an die Füße dran zu kommen. Er hat ihnen ja nicht den Kopf gewaschen. Fußwaschung bedeutet also, sich beugen müssen. So wird in diesem Gestus das ganze Leben Jesu zusammengefasst: Er, der reich war, wird arm. Er, der über allem steht, beugt sich unter alles. Christus lässt sich herab.

    3. Begreift ihr, was ich da tue? – Begreifen ist für uns ein Wort, das wir auf den Verstand beziehen, wenn wir etwas mit dem Verstand erfassen. Ursprünglich kommt es aber von unseren Händen. Es geht darum, mit den Händen zu tasten und mit den Händen zu greifen. Und wahrscheinlich hat nur derjenige, der einen Gegenstand einmal wirklich berührt und mit Händen ergriffen hat, eine geistige, eine abstrakte Vorstellung davon. Aber zunächst meint dieses Wort etwas sehr Konkretes. Begreift ihr, was ich da getan habe? Wirklich Ja können wir wohl erst dann antworten, wenn wir es selber so tun.

    Der Gründonnerstag hört nie auf! Schmutzige Füße und unangenehme Gerüche wird es immer geben; das Hinabbeugen Christi kommt an kein Ende. Und heute sind wir es, die mit unseren Händen nach den schmutzigen Füßen, nach den Wundmalen und den Belastungen der anderen greifen.

  • Predigt von Erzbischof Stefan Heße zur Chrisam-Messe / St. Marien-Dom Hamburg / 30. 03. 2015

    Es gilt das gesprochene Wort


    Liebe Schwestern und Brüder, liebe Mitbrüder!

    Der letzte Dienstag hat uns alle aufschrecken lassen: Ein Flugzeug auf dem Weg von Barcelona nach Düsseldorf stürzt ab. Wenig später erfahren wir von den einhundertfünfzig Passagieren sind viele junge Menschen, die zu einem Austausch in Spanien waren. Wieder ein paar Tage später ereilt uns die Nachricht: Der Copilot soll die Maschine absichtlich zum Absturz gebracht haben.
    Das Ganze wird noch weiter untersucht. Aber die Vorstellung ist schlimm genug. Da geht ein Copilot hin, nutzt die Gelegenheit, dass sein Kollege gerade einmal auf die Toilette verschwunden ist, versperrt ihm den Zugang zum Cockpit und bringt die Maschine zum Absturz.

    Liebe Mitbrüder, auf diesem Hintergrund ist mir in den vergangenen Tagen für die heutige Chrisammesse das eben gehörte Evangelium aus dem 10. Kapitel des Lukasevangeliums in die Hände gefallen. Jesus sendet seine Jünger zu zweit und zweien aus, nicht alleine. Er sendet sie aus wie Co-Piloten, wie Co-Operateure, wie Con-Fratres.

    Ich bin froh, dass ich vor acht Tagen hier im Mariendom zwei Männer zu Diakonen weihen konnte. Ich weiß auch, dass manchmal die Weihekurse so klein sind, - und in einigen Wochen haben wir Priesterweihe, da wird das wieder so sein -, dass nur einer geweiht werden kann. Ich habe das selber gespürt bei meiner Bischofsweihe vor wenigen Wochen. Es ist ein himmelweiter Unterschied gewesen zu meiner Priesterweihe vor fast zweiundzwanzig Jahren. Damals waren wir dreiundzwanzig, die vor dem Altar gelegen haben. Deswegen ist mir in den vergangenen Tagen so wichtig geworden, dass ein neuer Bischof direkt – so sieht es jedenfalls das Kirchenrecht vor – in das Presbyterium seiner neuen Diözese aufgenommen wird. Mit der Bischofsweihe am 14. März bin ich sozusagen automatisch nicht mehr Priester des Erzbistums Köln, sondern Priester des Erzbistums Hamburg.

    Deswegen bin ich sehr dankbar für die ersten Kontakte und Begegnungen, für die überaus freundliche Aufnahme in den Gemeinden, aber auch unter den Mitbrüdern. Und deswegen liegt mir sehr am Herzen, in den nächsten Wochen und Monaten viele Priester, Diakone, aber auch Pastoral- und Gemeindereferenten und -referentinnen zu besuchen, zu sprechen und kennenzulernen.

    Nicht erst die größeren pastoralen Räume, die Diasporasituation oder der sogenannte Priestermangel stellen uns vor die Notwendigkeit der Zusammenarbeit und des Zusammenlebens. Nein, schon das Beispiel Jesu und die Art und Weise, wie er die Jünger aussucht und sendet, eben zu zweit und zweien, verpflichten uns darauf, diese Communio existenziell zu sehen und zu leben.

    Keiner von uns tritt als Solist auf, erst recht nicht als Alleinunterhalter geschweige denn als Einzelkämpfer, sondern wir sind Bischof im gesamten Weltepiskopat. Jeder Bischof ist hineingestellt in das Presbyterium seiner Diözese. Es gibt den Priester nie ohne den Mitbruder und den Diakon nie ohne den Mitbruder. Jedes kirchliche Amt ist Kommunikation, Beziehung und Ziel jeder Berufung ist Gemeinschaft. Wir werden nicht für uns selbst berufen; wir werden nicht geweiht zu unserem Heil, sondern immer für andere!

    Ein Kirchenvater deutet die Sendung zu zweit mit dem Doppelgebot der Gottes- und Nächstenliebe. Der eine Jünger weist den anderen sozusagen auf die notwendige Ergänzung durch die andere Seite der Botschaft hin. Unsere Verkündigung wird dadurch stärker und überzeugender, vielleicht manchmal auch einfacher, weil wir uns die „Bälle“ zu spielen können. Überdies ermöglicht der Mitjünger auch dann und wann eine correctio fraterna, indem er mich auf Dinge hinweist, die ich übersehe oder ausblende.

    Ich bin sehr darauf gespannt zu hören, zu sehen und auch zu spüren, wie Sie hier im Erzbistum dies schon leben. Ich weiß nur, dass es unter Priestern manche Einsamkeit und manchen Rückzug gibt. Gerade in solchen Situationen ist es gut, einen anderen zu haben, der einem die frohe Botschaft zusagt. Wir sollen ständig verkünden, aber wir brauchen auch jemanden, der uns die frohe Botschaft zuspricht: „Das Reich Gottes ist euch nahe!“

    Ich erinnere mich an ein Gespräch in den Exerzitien vor der Bischofsweihe, das ich mit meinem Begleiter geführt habe. Der Pater sagte mir eines Abends: „Sehen Sie es einfach so. Sie werden nach Hamburg geschickt, um den Menschen eine frohe Botschaft zu bringen.“ Jeden Tag bei der Heiligen Messe sagen wir das: Evangelium unseres Herrn Jesus Christus. Gute Botschaft. Es gilt auch für uns persönlich.

    Und schließlich: Die Jünger kehren nach einer gewissen Zeit wieder zu Jesus zurück und erzählen ihm von alldem, was sie erlebt haben. Zunächst finde ich es wirklich bemerkenswert, dass Jesus auf seine Jünger wartet. Und dann habe ich den Eindruck, er freut sich. Er freut sich an dem, was sie erlebt haben. Er freut sich an den Erfahrungen, die sie gemacht haben.

    Christus wartet auf mich. Er wartet darauf, dass ich ihm einfach erzähle, was so alles passiert ist, was ich erlebt habe. Und er will sich mit mir daran und darüber freuen. Und dann will er diese Freude zur größtmöglichen Tiefe führen. Nicht nur das, was wir getan und gemacht haben, freut ihn, sondern ihn freut noch viel mehr, was wir sind: Freut euch, dass eure Namen bei Gott im Himmel verzeichnet sind. Freut euch, dass eure Namen in die Hand Gottes eingeschrieben sind. Freut euch, dass er euch von Mutterleib an berufen hat.

    Heute in einer Woche werden wir am Ostermontag das Evangelium von den beiden Emmausjüngern hören. Sie sind zu zweit unterwegs und teilen ihre Enttäuschung miteinander. Auch das tut gut, aber bitte nicht zu viel! Zu den beiden tritt als dritter der Auferstandene selbst dazu und weitet ihre Angst und Enttäuschung in die Fülle des österlichen Lebens.

  • Dankeswort von Erzbischof Stefan Heße zur Bischofsweihe / St. Marien Dom Hamburg / 14. 03. 2015

    Es gilt das gesprochene Wort


    Liebe Schwestern und Brüder im und um den Mariendom herum und über die Medien jetzt mit uns hier verbunden,

    da stehe ich nun zum ersten Mal mit den bischöflichen Insignien vor Ihnen: mit Stab, Mitra, Ring und Kreuz – noch ungewohnt – neuer Träger eines neuen Amtes.

    Ich will weitertragen, was vor mir Ludwig Averkamp und Werner Thissen getragen haben. Das Kreuz aus dem Nachlass von Kardinal Paulus Melchers, Leiter des Apostolischen Vikariates der Nordischen Missionen und von 1866 – 1885 Erzbischof von Köln, das die beiden schon vor mir getragen haben, ist ein Zeichen für dieses Weitertragen. Als Christen und damit auch als Bischöfe fangen wir nicht im Nichts an, sondern stehen in einer langen Reihe: wir empfangen, nehmen auf, geben ab und tragen weiter.

    Dabei darf ich mich zuallererst von Gott selber getragen wissen, „unterfangen“ wie es wohl Hans Urs von Balthasar gesagt hätte, gestützt auf den Stab, behütet durch die Mitra. Auch das Kreuz sagt mir dies – nach einem Wort des Thomas von Kempen: Trage du das Kreuz, dann trägt das Kreuz dich!

    Ich weiß mich auch getragen von vielen Menschen: meinen Eltern, der Familie, den Freunden, Mitbrüdern und so vielen, die mir gerade jetzt ihre Verbindung, ihre Sympathie und ihr Gedenken zusagen.

    So will ich versuchen und Ihnen versprechen, Sie ein wenig mitzutragen, Sie, die Priester, Diakone und Ordensleute, die Pastoral- und Gemeindereferenten/innen, die Jungen und die Alten, die Gesunden und Starken sowie die Kranken und Schwachen, die Menschen in der Mitte der Kirche und der Gesellschaft, in Politik und Verwaltung und diejenigen am Rand, die Menschen auf der Suche, die Gläubigen anderer Konfessionen und Religionen, alle Zeitgenossen in Hamburg, Schleswig-Holstein und Mecklenburg.
    Ja, Amts-Träger – besser: Christusträger – oder noch eigentlicher: Gefäß, in dem Christus sich selber hineinträgt. Getragene Träger – Sie und ich - Tragen wir miteinander und aneinander zu diesem Projekt Gottes bei!

  • Publikationen Erzbischof Dr. Stefan Heße / Hamburg / 16. 01. 2012

    „Gesellschaftliche Teilhabe und gesellschaftliche Integration: Der Einsatz der Kirche für gelingende Integration“, in: FORUM-Schulstiftung Schwerpunkt: Flucht und Integration. (06/2017)

    „Fürchtet euch nicht! – Über das kirchliche Verständnis von Sorge“, in: Magazin GEORG, PTH St. Georgen, Ausgabe 2. (06/2017)

    „Kirchliches Engagement für Menschen auf der Flucht“, in: Kluger, Florian (Hg.): Sammelband Flucht, Forum K’Universale Eichstätt, Band 5, S. 33-44. (05/2017)

    „Seelsorge für Flüchtlinge und Migranten“, in: Missio Aachen (Hg.): Theologie in der Einen Welt, Sammelband: Flucht und Migration (April 2017). (04/2017)

    „Kein Grund zur Schreckstarre“, Gastkommentar in: Herder-Korrespondenz, 71. Jahrgang, Heft 3, S. 6. (03/2017)

    „Das Engagement der Christen ist von herausragender Bedeutung“, in: Bonifatius-Werk (Hg.): Lebendiges Zeugnis – Migration und Flucht, 72. Jahrgang, Heft 1, S. 3-4. (03/2017)

    „Licht der Hoffnung in dunkler Zeit“, unter: http://www.katholisch.de/aktuelles/aktuelle-artikel/licht-der-hoffnung-in-dunkler-zeit. (12/2016)

    Engagiert für Flüchtlinge“, in: Zahlen und Fakten 2015/16, Katholische Kirche in Deutschland, DBK Arbeitshilfe 287, S. 9-10. (Ausgabe 2016/17: in Arbeit) (05/2016)

    „So schaffen wir das!“, unter: http://www.katholisch.de/aktuelles/dossiers/so-schaffen-wir-das-die-debatte-zurfluchtlingskrise/so-schaffen-wir-das. (05/2016)

    „Die Kirche und das liebe Geld : der Umgang mit den Bistumsfinanzen“ in: Lebendiges Zeugnis, 69 (2014), 1, S. 14-24.

    „Kirche im Dialog“ in: Christentum im Dialog, (2014), S. 19-28.

    „Treue Christi, Treue des Priesters“ in: Lebendiges Zeugnis, 66 (2011), 2, S. 110-119.

    „Maria - Mensch und Kirche im Ursprung. Mariologische Leitlinien im Werk von Hans Urs von Balthasar“ in: Spes nostra firma, (2009), S. 125-137.

    „Rufbar sein und bleiben. Über die Berufung in der Nachfolge Jesu und den Dienst der Kirche“ in: Lebendiges Zeugnis, 57 (2002), 1, S. 36-43.

    „Berufung aus Liebe zur Liebe. Auf der Spurensuche nach einer Theologie der Berufung, unter besonderer Berücksichtigung des Beitrags von Hans Urs von Balthasar“ EOS-Verlag 2001.

  • Predigt bei der Feier der Heiligen Messe mit der Vollversammlung des ZdK / St. Lamberti / Münster / 16. 01. 2012

    Es gilt das gesprochene Wort


    Liebe Schwestern und Brüder,

    der 101. Deutsche Katholikentag in diesen Tagen hier in Münster steht unter dem Psalmwort: „Suche Frieden“. Wo sollen wir den Frieden suchen? Manchmal scheint es, als würden wir die Welt und auch unser eigenes kleines Leben auf den Kopf stellen und jeden Winkel durchsuchen nach dieser Ursehnsucht von jedem Menschen, nach dem Frieden. Es hat fast den Eindruck, als würden wir jeden kleinen Winkel ausleuchten und ihn befragen: Ist er hier, der Friede? Oder ist er da, der Friede? Wo können wir ihn finden, diesen Frieden?

    Der Friede liegt nicht irgendwo herum wie etwas, was man per Zufall fände oder das jemand irgendwo vergessen hätte. Friede hat wenig gemein mit Friedhofsruhe.

    Der große „Apostel“ des Friedens, gleichsam ein „Liebhaber des Friedens“ – wie er schon zu Lebzeiten genannt wurde – ist der Heilige Bruder Klaus von der Flüe. Er sagt: „Friede ist alle Wege in Gott.“ Gott quillt gleichsam vor Friede über. Er ist so sehr Friede, dass es in ihm keinen Unfrieden gibt. Er ist „Der Gott des Friedens“ wie das Neue Testament immer und immer wieder sagt. Gott, der also sich nicht nur für den Frieden einsetzt, der für ihn kämpft und ringt, sondern der in sich selber Friede ist. Das alte Wort Shalom bringt es zum Ausdruck. Shalom meint sinngemäß: Alles ist in Ordnung. Alles ist im rechten Lot und Maß. Der Mensch ist mit Gott im Reinen, mit sich selbst und seinen Mitmenschen. Shalom ist die Versöhnung mit Gott und der menschenfreundliche Umgang miteinander.

    Liebe Schwestern und Brüder, mich bewegt gerade in diesen österlichen Tagen immer wieder, wenn der Auferstandene in die Mitte seiner Jünger kommt, und als allererstes dieses programmatische Wort zu ihnen spricht: Shalom – Friede – Friede mit euch. Jesus Christus hat diesen Frieden ein für alle Male aufgerichtet. Er hat ihn dahin gebracht, wo purer Unfriede herrscht. Er hat den Unfrieden zwischen Gott und uns Menschen ausgehalten, ausgelitten und in Frieden verwandelt. Er, Jesus Christus selbst, ist unser Friede (vgl. Eph 2,14). Wenn er also als der Auferstandene in die Mitte seiner Jünger kommt und ihnen als erstes diesen Frieden wünscht, dann ist das das Umfassendste, was man sich nur denken kann. Dann wünscht der Auferstandene ihnen den Frieden, den unverbrüchlichen Frieden mit Gott selber. Dann wünscht er ihnen den Frieden mit sich selber (vielleicht ist das das Allerschwerste) und dann wünscht er ihnen den Frieden in die Gemeinschaft der jungen Kirche hinein.

    Schwestern und Brüder, diesen Frieden sollen wir aufgreifen. Dazu braucht es eine innere Haltung. Eine Haltung, die in allen Seligpreisungen zum Ausdruck kommt. Eine Haltung der Offenheit, die offenbar bei den Sanftmütigen, bei den Milden, bei den Gütigen, bei den Barmherzigen, bei den Friedensstiftern vorhanden ist. Wenn wir uns bereithalten, dann können wir diesen Frieden aufnehmen. Dann werden nicht nur wir selbst, sondern dann wird die ganze Welt von Gottes innerem Klima erfüllt und verändert. Dann werden wir diesen Frieden tun und verwirklichen können. Papst Franziskus hat in seinem jüngsten Schreiben über die Heiligkeit Gaudete et exultate ausdrücklich gesagt: „Das Christentum ist nämlich vor allem dafür gemacht, gelebt zu werden“ (109). Es darf nicht „entleiblicht“ werden (40). Im Gegenteil: Jeder von uns soll ein „Handwerker des Friedens“ (89) sein. Es gilt dann für den Frieden zu arbeiten. Ganz konkret im eigenen Leben: Lerne Frieden mit dir selbst zu schließen. Es geht dann um den Frieden miteinander: Lerne Frieden zu schließen mit deinen Angehörigen, deiner Familie, deinen Nachbarn, deinen Kollegen, deinen Kommilitonen, mit allen. Die Quelle für all das ist der Friede mit Gott: Mensch, kämpfe nicht gegen Gott. Schließe Frieden mit ihm. Suche ihn, den Gott des Friedens.

    Wenn wir in diesen Tagen bei unserem großen Katholikentag nach dem Frieden suchen, darüber diskutieren, um ihn beten, dann ist das schon ein Megaereignis für die Kirche in Deutschland. Aber vielleicht fängt der Friede ja ganz klein und ganz still an, fast so wie Nelly Sachs es in einem Gedicht am Ende zum Ausdruck bringt:

    Frieden,
    du großes Augenlid,
    das alle Unruhe verschließt
    mit deinem himmlischen Wimpernkranz.
    Du leiseste aller Geburten.