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Erzbischof Stefan Heße
Bildquelle: Erzbistum Hamburg / Giuliani / von Giese

Gedenken an das Kriegsende vor 75 Jahren

„Seit dem Zweiten Weltkrieg gab es keine Herausforderung an unser Land mehr, bei der es so sehr auf unser gemeinsames solidarisches Handeln ankommt" – mit diesen eindringlichen Worten wandte sich die Bundeskanzlerin Angela Merkel in ihrer ersten und bislang einzigen direkten TV-Ansprache an die Bürgerinnen und Bürger, um in Zeiten der Corona-Pandemie zur Besonnenheit und Verständnis für die Maßnahmen zu appellieren.

Der Zweite Weltkrieg – mag er schon 75 Jahre her sein – ist in unserer Geschichte immer noch ein starker Bezugspunkt. Das Gedenken an die Ermordeten und Gefallenen, an die Verwundeten und Traumatisierten, an die Vertriebenen und Leidenden vergeht nicht – egal in welcher Zeit und in welcher Situation wir uns als Gesellschaft befinden. Als 1945 die Waffen schwiegen, kostete dieser Krieg in Europa und Fernost mindestens 55 Millionen Menschen das Leben - die meisten davon waren Zivilisten. An die 12 Millionen Menschen suchten vor und nach Kriegsende eine neue Heimat oder sie wurden vertrieben.

Die Spuren dieses Krieges sind auch nach 75 Jahren nicht verschwunden. Wir können Sie noch immer sehen: An den Zeitzeugen mit ihren eindrücklichen und erschreckenden Erzählungen, an deren Nachfahren, die mit der familiären Vergangenheit in ihrer Gegenwart konfrontiert wurden, an unseren Städten, deren Narben noch sichtbar sind und an unserer je eigenen Sensibilität für diesen Teil der deutschen Geschichte. Bis heute denken wir an den 8. Mai 1945 – an den Tag der Befreiung – wie ihn der damalige Bundespräsident Richard von Weizsäcker in seiner historischen Rede zum 40. Jahrestag des Ende des Zweiten Weltkrieges bezeichnete.

Die Geschichte der Bundesrepublik Deutschland fängt mit dem 8. Mai 1945 an. Und dabei denke ich auch an die Geschichte des Erzbistums Hamburg. Ich denke dabei an die Nachkriegsmenschen und oft auch Nachkriegskinder, die im Wesentlichen dieses Erzbistum mit aufgebaut haben und an vielen Stellen das katholische Gemeindeleben initiiert haben. Aber ich denke auch an die Teilung Deutschlands, die das Kriegsende ebenso mit sich brachte. Das Erzbistum Hamburg besteht zu fast gleichen Flächen im ehemaligen Osten und Westen Deutschlands. Seit 25 Jahren sind wir eine Diözese. Das konnten wir in diesem Jahr dankbar feiern.

Die Welt und besonders Europa erinnert mit vielen Gedenkveranstaltungen an das Ende des Zweiten Weltkrieges. Europa erinnert dabei an seine Geschichte, die auch sehr mit einem Neuanfang zu tun hat. Europa ist nicht nur ein Kontinent, sondern eine Gemeinschaft, die sich in guten wie in schlechten Zeiten solidarisch zu zeigen hat. Dass sehen wir in der großen Flüchtlingsfrage, aber auch in der gerade auszuhaltenden Corona-Pandemie. In all diesen und noch kommenden Fragen und Krisen stehen wir alle in einer globalen Verantwortung. Solch eine Zeit überstehen die Staaten nicht alleine, sondern nur zusammen.

An das Ende des Zweiten Weltkrieges muss immer wieder erinnert werden. Frieden ist nicht selbstverständlich und die Achtung der Menschenwürde leider auch nicht. Das zunehmende Erstarken des Antisemitismus muss uns mehr und mehr warnen und in uns einen Alarm auslösen. Stehen wir gerade auch als katholische Kirche weiter für die Verantwortung des 8. Mai ein, auch nach 75 Jahren und gerade in dieser für uns außergewöhnlichen Zeit.