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Das Recht, sich zu verteidigen
Bildquelle: Neue Kirchenzeitung / Matthias Schatz

Friedensethiker Prof. Justenhoven im Interview

Fast jeder Mensch will den Frieden, die meisten Menschen wünschen sich auch Freiheit und Wohlstand. Was aber, wenn eine aggressive Diktatur alles das bedroht? Ist Gewalt gerechtfertigt? Mit dem Ukrainekrieg bricht eine alte Streitfrage wieder auf. Der Hamburger Friedensethiker Prof. Heinz-Gerhard Justenhoven sagt, wo wir stehen.

Russland führt Krieg gegen das Nachbarland Ukraine. Die NATO ist alarmiert. Der russische Präsident droht mit Atomwaffen. Man könnte meinen, wir sind in wenigen Tagen in den Konflikt der achtziger Jahre zurückgeworfen worden. Ist es so?

Ich sehe das nicht ganz so dramatisch. Ich kann mir nicht vorstellen, dass Putin auf Dauer seinen Kurs durchhalten kann. Selbst wenn er sich an der Macht hält; die ökonomischen Sanktionen sind so gravierend, dass der engste Kreis um den Machthaber das nicht mitmachen wird.

Was spricht dafür?

Gucken wir, was jetzt schon läuft: Russland kann weniger Gas verkaufen. Der Rubel rauscht in den Keller. Russland ist von den internationalen Finanzmärkten abgeschnitten. Die Währungsreserven sind kaum etwas wert. Die Wirtschaftselite kommt nicht mehr an ihr Geld heran. Dazu kommt die Lage im eigenen Land: Die Legende, der Angriff sei eine Spezialoperation ausschließlich gegen das ukrainische Militär und die politische Elite, ist nicht aufrechtzuerhalten. Die Russen sollen über den Krieg gar nichts erfahren. Aber die Mütter der russischen Soldaten fragen, wo ihre Söhne sind. Die Wahrheit über diesen Krieg lässt sich nicht verheimlichen. Sie wird trotz Medienzensur in die russische Bevölkerung durchsickern.

Aber wird sich dadurch etwas ändern?

Das wird zwar den Vormarsch in der Ukraine nicht stoppen. Aber die Konsequenzen des Krieges werden zur Gefahr für die Herrschaft der russischen Elite werden. Die Perspektive für die Ukraine sehe ich tatsächlich sehr skeptisch. Ich fürchte, dass wir Szenarien wie in Tschetschenien erleben. Dort haben russische Truppen systematisch und rücksichtslos die zivile Infrastruktur zerstört. Ähnliches geschieht in der Ukraine schon jetzt; Raketenbeschuss auf Wohnhäuser, Krankenhäuser, Schulen. Denn was ursprünglich geplant war, hat nicht funktioniert: nämlich schnell nach Kiew durchzustoßen und die politische Führung der Ukraine zu entmachten. Offensichtlich hat Russland den Widerstandswillen der Ukraine völlig unterschätzt.

Wenn Putin Gefahr für sich wittert, ist es denkbar, dass er Atomwaffen einsetzt?

Das ist nie völlig auszuschließen. Aber ich glaube es nicht. Erstens kann er nicht alleine Nuklearwaffen einsetzen. Es bedarf dazu, wie in den USA, einer Kette von Entscheidungsträgern. Und selbst wenn der Präsident einen Nuklearkrieg wollte – ob die ihn tragende Führungsgruppe auch dazu bereit ist und die Konsequenzen in Kauf nimmt, das ist fraglich. Denn diese Leute haben eine Menge zu verlieren. Ich halte die Wahrscheinlichkeit nicht für Null, aber für nicht wahrscheinlich. Denn ich sehe nicht, was damit gewonnen werden soll. Und ich glaube, dass eine nukleare Eskalation ein wirklicher Kategoriensprung wäre.

Um zu einer ethischen Frage zu kommen: Hätte der Westen die Ukraine vorher besser unterstützen sollen, auch mit Waffen?

Im Nachhinein ist man immer klüger. Ich habe mir diese Frage einige Tage vor dem Angriff gestellt und bin als Ethiker zu der Antwort gekommen: Jeder einzelne und jedes Volk hat ein Recht auf Selbstverteidigung. Wenn ich als Dritter hinzukomme und einem Schwächeren helfen kann, sich gegen Unrecht zu wehren, bin ich zur Hilfe verpflichtet. Wo sind die Grenzen? Erstens beim Können. Ich muss zur Hilfe in der Lage sein. Die zweite Grenze ist: Hilfe, die die Gewalt noch stärker eskalieren lässt, ist keine Hilfe. Genau vor der Frage standen wir.

Wie sehen sie das heute?

Im Nachhinein glaube ich: Es wäre besser gewesen, wenn Deutschland militärische Hilfe ausdrücklich angeboten hätte. Das tun wir jetzt. Aber für viele Bereiche der Ostukraine kommt diese Wendung zu spät. Ob eine Militärhilfe von außen zu einer Eskalation des Krieges führt, das wissen wir vorher nie. Das ist eine Frage der politischen Klugheit, nicht der Ethik.

Die Westeuropäer haben unterschiedlich gehandelt. Polen, Tschechien, die Türkei, vor allem England haben militärische Hilfe in Form von Raketensystemen und anderen Waffen gegeben, Deutschland hat Waffenlieferungen abgelehnt ...

Ich halte das Argument, das gegen eine Militärhilfe vorgetragen wurde, für falsch. Man hat gesagt: Aus historischen Gründen darf Deutschland der Ukraine keine Waffen gegen Russland liefern. Ich dagegen meine: Gerade aufgrund unserer Geschichte hätten wir uns viel konsequenter gegen diese Aggression stellen müssen.

Also gerade deshalb, weil Deutschland eine eigene Vergangenheit als Kriegsverursacher hat?

Wir haben schlichtweg eine andere geschichtliche Erfahrung als England: England hat die Erfahrung, sich im Zweiten Weltkrieg erfolgreich gegen einen Aggressor gewehrt und militärische Gewalt für die richtige Sache eingesetzt zu haben. Deutschland hat die gegenteilige Erfahrung. Deutschland hat militärische Gewalt im Dienst einer faschistischen Diktatur eingesetzt, für einen Bruch mit jedem humanitären Prinzip. Deshalb tun wir uns heute so schwer mit militärischen Einsätzen. Eigentlich wollten wir weg von einer Welt, in der es militärische Gewalt gibt. Und jetzt müssen wir bitter lernen, dass auch in Europa brutale Gewalt eine Realität ist, gegen die wir uns wehren müssen – damit nicht noch mehr Leid entsteht.

In den achtziger Jahren war genau diese Haltung noch sehr umstritten.

Das stimmt, schauen Sie sich nur die kirchlichen Verlautbarungen aus dieser Zeit an. Sie sind zutiefst von einem Vorbehalt gegen jede militärische Gewalt geprägt. Warum? Weil Krieg unvermeidbar Leid bedeutet und Menschen Unrecht getan wird. Es ist ja auch richtig, für eine Welt zu kämpfen, in der Krieg strukturell überwunden ist. Aber gleichzeitig müssen wir lernen: Wenn eine Diktatur in brutaler Weise versucht, ihre Interessen militärisch durchzusetzen, dann hilft es nichts – es muss dagegen eine Brandmauer errichtet werden.

Die ukrainische Gemeinde in Hamburg bittet um Spenden, es gibt Konten für die Hilfe für Flüchtlinge, aber auch ein Spendenkonto für die ukrainische Armee. Ist es ethisch gerechtfertigt, da etwas einzuzahlen?

Ich kann die Ukrainer verstehen, wenn sie sagen: Ich habe ein Recht auf Selbstverteidigung, deshalb haben wir auch das Recht, die Mittel dazu zu beschaffen. Ich sehe nicht, dass die ukrainische Armee etwas anderes tut, als das angegriffene Volk zu verteidigen. Allerdings: Das die Grenzen des ethisch Erlaubten im Krieg eingehalten werden, ist immer schwierig. Der Krieg hat seine eigenen Gesetze. Das ist leider so.

Nach dem Fall der Mauer und dem Ende des Sowjetimperiums dachten viele Menschen, nun würden sich Demokratie und Freiheit in der ganzen Welt durchsetzen. Müssen wir diese Hoffnung aufgeben? Müssen wir mit aggressiven und machthungrigen Diktaturen leben?

Hätten Sie meinem Großvater gesagt, die europäischen Völker würden gemeinsam eine Ordnung errichten, in der Krieg durch eine Herrschaft des Rechts ersetzt ist, hätte er das nicht glauben können. Dass so etwas doch möglich ist, zeigt das Beispiel der EU. Und bei allen Differenzen, die wir mit Ungarn oder Polen haben – niemand käme auf die Idee, diese Differenzen mit Gewalt auszutragen. Genau das hat aber Putin mit der Ukraine jetzt gemacht. Worum geht es in diesem Krieg? Putin hat die Ukraine angegriffen, weil das Modell, für das sich die Ukraine entschieden hat, eine existentielle Gefahr auch für seine Herrschaft ist.

Weil die Russen dem Beispiel der Ukraine folgen könnten?

Ja. Es gibt enge Verbindungen zwischen der ukrainischen und russischen Gesellschaft. Die Ukraine führt seit Jahren einen Kampf um Freiheit und um individuelle Selbstbestimmung. Und wenn ein solcher Kampf geführt wird, ist das eine Herausforderung für eine Autokratie, die das genaue Gegenteil will.

Glauben Sie, dass die Ukraine überhaupt zu Standards finden kann, wie sie in der EU herrschen?

Ich bin kein politischer Prophet, sondern mache politische Ethik. Ich kann Ihnen nicht sagen, was wird, sondern was werden soll. Am Ende ist das eine Entscheidung der ukrainischen Gesellschaft. Die Ukraine befindet sich seit 25 Jahren in einem Prozess von einer postsowjetischen Gesellschaft in eine Gesellschaft mit individueller Selbstbestimmung, mit politischer und ökonomischer Teilhabe. Dieser Wandel geschieht gegen den erbitterten Widerstand einer Clique, die bisher von den sowjetischen Strukturen profitiert hat. Und niemand gibt Macht freiwillig ab, das sehen wir auch in unserer Kirche. Ein solcher Prozess der Umwandlung muss hart erkämpft werden. Und er braucht Zeit.

... und sicherlich auch Unterstützung von außen. Also von uns Europäern.

Dass die EU diesen Prozess unterstützen kann, ist ein entscheidender Punkt. Wichtiger noch ist aber der politische Wille im Land selber. Den können wir von außen nicht herbeiführen. Die Ukrainer müssen den Wandeln wollen. Afghanistan ist eben daran gescheitert. Der Wille zur Veränderung war dort nicht da.

Was können wir jetzt, in der gegenwärtigen Lage, für die Ukraine tun?

Nicht sehr viel. Wir sind natürlich zur Nothilfe verpflichtet, auch für die Flüchtenden. Im Moment können wir das tun, was wir in der Ethik Ausdruckshandlung nennen: Beistand und Solidaritätsbekundungen - wie jetzt nach der Rede des Präsidenten Selenskyj im EU-Parlament. Da ändert sich scheinbar nichts, aber es wird gezeigt: Wir lassen euch nicht hängen. Ich bewundere den Mut, mit dem sich die Ukrainer wehren. Und ich frage mich: Hätten wir mehr tun müssen? Ich war selber mehrmals zu Tagungen in der Ukraine, und mir wurde klar. Allein die schiere Präsenz im Land ist sehr wichtig. Wir werden mit Sicherheit noch sehr viel politische und ökonomische Aufbauhilfe leisten müssen - wenn dieser Krieg irgendwann einmal vorbei ist.

Interview: Matthias Schatz, Andreas Hüser / Neue Kirchenzeitung

Zur Person:
Prof. Dr. Heinz-Gerhard Justenhoven (63) ist Theologe mit dem Schwerpunkt Ethik und Friedensforschung. Seit 1995 leitet er das „Institut für Theologie und Frieden" in Hamburg, eine wissenschaftliche Forschungseinrichtung der Katholischen Militärseelsorge. Heinz-Gerhard Justenhoven ist außerdem als außerplanmäßiger Professor an der Universität Freiburg, Mitglied des Zentralkomitees der deutschen Katholiken und der Kommission „Justitia et Pax" der Deutschen Bischofskonferenz.

Veranstaltungshinweise:

Podiumsgespräch über Ukraine

In Kooperation mit dem Institut für Theologie und Frieden veranstaltet die Katholische Akademie (Herrengraben 4) am 13. April um 19 Uhr ein Podiumsgespräch anlässlich des russischen Angriffskrieges auf die Ukraine. Angefragt dafür ist Bischof Bohdan Dzyurakh, Apostolischer Exarch für katholische Ukrainer des byzantinischen Ritus in Deutschland und Skandinavien. Weiter nimmt Frank Golczewski, Professor für Osteuropäische Geschichte an der Universität Hamburg, an der Diskussion teil. Anmeldung und weitere Informationen auf der Website www.kahh.de

Online-Abendveranstaltung zum Krieg in der Ukraine

Die Kath. Pfarrei St. Ansverus lädt zu einer Online-Abendveranstaltung mit Prof. Dr. Heinz-Gerhard Justenhoven ein.
Termin: Dienstag, 29. März 2022 um 19.30 Uhr auf der Plattform Zoom. Der Zoom-Raum öffnet um 19.15 Uhr. Interessierte können sich per E-Mail bis zum 29. März um 12.00 Uhr anmelden news@sankt-ansverus.de und erhalten dann die Zugangsdaten zugeschickt.

 

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