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Ansgar und Luther

Predigt von Bischof Feige

Mit einer feierlichen Pontifikalvesper im Großen Michel klang am vergangenen Sonntag die 44. St. Ansgar-Woche der katholischen Kirche in Hamburg aus. Gastprediger war Bischof Dr. Gerhard Feige aus Magdeburg:

Ansgar und Luther.
Eine ökumenische Perspektive

Liebe Schwestern und Brüder,

der Kalender hat es so gefügt, dass die 44. Ansgar-Woche und die Erinnerung an Luthers Thesenanschlag vor 500 Jahren diesmal in einen Dialog eintreten. Oder anders gesagt: Ein Benediktiner des 9. Jahrhunderts und ein Augustiner-Eremit des 16. Jahrhunderts finden zusammen unter einem ganz neuen, eher ungewohnten Blickwinkel. Ansgar und Luther – Wie kann das zusammengehen? Was verbindet diese beiden Glaubenszeugen miteinander? Was verbindet uns mit Ansgar und Luther, die wir durch Jahrhunderte von ihnen getrennt sind – und wohl nicht nur durch einen zeitlichen Abstand, sondern auch durch eine jahrhundertelange evangelisch-katholische Trennungsgeschichte?

Verbindendes

Ansgar und Luther – Was beide miteinander verbindet, ist zunächst einmal die Heilige Taufe. Die eine Taufe ist das Sakrament der Einheit – einer Einheit, die uns niemand und nichts gänzlich zerstören kann. Alle Spaltungen und Trennungen gehen nicht bis in die Wurzel und reichen auch nicht bis in den Himmel. Durch das "gnadenreiche Wasser des Lebens"[1] sind beide in die unzerstörbare Lebenseinheit mit dem Vater, dem Sohn und dem Heiligen Geist hineingetaucht worden. Was in der Taufe seinen Anfang genommen hat, wird in ihrer beider Tod vollendet. Denn Ansgars und Luthers Sterbetag ist für beide "Geburtstag zum ewigen Leben". Und zusätzlich noch hat der Kalender es gefügt, dass sie derselbe Sterbemonat Februar verbindet: Ansgars himmlischer Geburtstag ist der 3. Februar, Luthers der 18. Februar.

Ansgar und Luther sind Glaubenszeugen, die durchaus Widersprüchliches miteinander zu verbinden wissen. Was wir eher gewohnt sind, scharf zu trennen, findet bei beiden zu einer Einheit, zu einer gewiss spannungsreichen, aber dadurch wirklich spannenden (!) Einheit. Wo wir sagen "entweder – oder", entdecken wir bei Ansgar und Luther ein "zugleich", ein "simul", eine Synthese. Ansgar ist nach innen hin "Mönch", nach außen hin "Apostel".[2] Aktion und Kontemplation gehören für ihn unlösbar zusammen. Und bei Luther entdecken wir ebenfalls eine Synthese. Er ist Katholik und Reformer. Mein Mitbruder im Bischofsamt, Bischof em. Joachim Wanke von Erfurt, hat es einmal so gesagt: "Luther hat bekanntlich keine neue Kirche gewollt. Er hat die Kirche reformieren wollen. Ja – er war ein Reformkatholik."[3] Katholizität und Reform gehören bei Luther unlösbar zusammen.

Trennendes

Aktion und Kontemplation, Katholizität und Reform sind gleichsam Geschwister. Geschwister können sich heiß und innig lieben, aber sie können auch heftig miteinander streiten. Doch sie gehören zusammen, sind verbunden durch den gemeinsamen Ursprung. Der gemeinsame Ursprung im Glauben an den dreieinigen Gott verbindet auch Ansgar und Luther. Mitunter kann das aus dem Blick geraten, auch unter christlichen Brüdern. Hier in Hamburg schauen der katholische "Kleine Michel" und der evangelisch-lutherische "Große Michel" gleichsam wie zwei Brüder auf eine Zeit des Konfliktes, aber – Gott sei Dank – auch auf eine Zeit neu entdeckter Gemeinschaft. Es gab Zeiten in Hamburg, da konnten die nicht-lutherischen Christen, etwa Reformierte oder Katholiken, nur vor den Toren der Stadt Gottesdienst feiern. Dass 1811 eine katholische Gemeinde ein offizielles Kirchengebäude inmitten Hamburgs erhielt, war schon ein kleines Wunder – auch wenn sich nicht wenige seinerzeit nur wunderten.

Diese Zeiten ängstlich gepflegten Misstrauens sind vorbei, und wir sollten ihnen wirklich nicht nachtrauern. Papst Benedikt XVI. sagte es 2011 bei seinem Besuch im Erfurter Augustinerkloster: "Es war ein Fehler des konfessionellen Zeitalters, dass wir weithin nur das Trennende gesehen und gar nicht existentiell wahrgenommen haben, was uns mit den großen Vorgaben der Heiligen Schrift und der altchristlichen Bekenntnisse gemeinsam ist."[4]

Vergessenes

Ansgar und Luther erinnern uns an das Gemeinsame: die Heilige Taufe, den Glauben an den dreieinigen Gott, das Evangelium von der Erlösung. Die Hamburger Kirchenordnung von 1529, maßgeblich von Luthers Mitstreiter Johann Bugenhagen verfasst, hatte den gemeinsamen Ursprung noch klar im Blick. Die Reformatoren wussten sehr wohl, dass nicht erst mit ihnen die Kirche Gottes beginnt, sondern dass sie in einer gemeinsamen Tradition des Glaubens stehen. Wer glaubt, ist nie allein. Er glaubt nicht nur in der Gemeinschaft der Schwestern und Brüder hier und jetzt, sondern immer auch in der Gemeinschaft der Mütter und Väter im Glauben vor ihm.

In der Gemeinschaft der Kirche hat der heilige Ansgar seinen besonderen Platz. Darum legt auch die reformatorische Kirchenordnung Hamburgs ausdrücklich fest, dass das Gedenken an den heiligen Ansgar Anfang Februar, also an seinem "Geburtstag zum ewigen Leben", weiterhin gottesdienstlich begangen wird. Denn ihm, dem Mönch und Apostel des Nordens, verdanke diese Region und Stadt "die erste Offenbarung des Namens Christi". "Dass der Name und das Leiden Christi und die Artikel des christlichen Glaubens durch Ansgar und die ersten Prediger bis zu uns gekommen sind", soll und darf nicht vergessen werden.[5] Aber weil auch Christen durchaus vergessliche Leute sind, ist das jährliche Ansgar-Gedenken für Luther und die Reformatoren gleichsam ein probates Mittel gegen den christlichen Gedächtnisschwund.

Zwiespältige Erinnerungen

Wenn wir in diesem Jahr 2017 auf die Reformimpulse zurückschauen, die vor 500 Jahren von Wittenberg ausgegangen und insbesondere mit Person und Werk Martin Luthers verbunden sind, dann ist auch dieses Reformationsgedenken eine eigene Form der Erinnerungskultur. Der "Gedenktag der Reformation", wie er in der liturgischen Tradition des Luthertums offiziell genannt wird,[6] will Vergessenes in Erinnerung bringen. Ganz allgemein gesprochen kann das Erinnern von Geschehenem etwas Zwiespältiges in sich tragen. An manches erinnert man sich gerne, an manches nicht. Auch im geistlichen Leben gibt es zwiespältige Erinnerungen – allein das Wort "zwiespältig" weist ja schon auf Spaltung und Trennung hin. Ganz gewiss gibt es ein dankbares Erinnern. Von ihm heißt es in den Psalmen: "Vergiss nicht, was der Herr dir Gutes getan hat." (Psalm 103,2). Doch es gibt eben auch schmerzliche Erinnerungen. Manche tragen Erfahrungen einer ganz persönlichen konfessionellen Trennungsgeschichte mit sich; denn Kränkungen und Verwundungen gingen leider von katholischer wie von evangelischer Seite aus. Und ebenso ist die Kirchengeschichte auch und gerade des 16. Jahrhunderts zur Geschichte einer folgenreichen Trennung geworden.

Allein die Nennung des Namens "Luther" löst bis heute durchaus unterschiedliche Gefühle aus: Für die einen ist er der Zerstörer kirchlicher Einheit, für die anderen der ersehnte Begründer protestantischer Freiheit. Im Laufe der Jahrhunderte haben sich zwischen katholischen und evangelischen Christen Hass und Unverständnis, Lieblosigkeit und Gleichgültigkeit gleichsam aufgehäuft. Hier sind katholische und evangelische Christen aneinander schuldig geworden und werden aneinander schuldig. Dass die Kirche des 16. Jahrhunderts der inneren Erneuerung bedurfte, davon war Luther zutiefst überzeugt. Er litt an seiner Kirche, aber er mochte diese seine Kirche leiden; eine neue Kirche zu gründen, wäre ihm nie in den Sinn gekommen. Freilich, der Ton der Kritik wurde im Laufe der Zeit schärfer, oft auch verletzend und ohne Maß. Und bei manchen Lutheranhängern gab es eine Tendenz zur Abgrenzung und Spaltung, die das grundsätzlich Verbindende des Glaubens mehr und mehr aus den Augen verlor. Auf der Gegenseite sah es leider nicht anders aus. Das Reformanliegen Luthers wurde zurückgewiesen; man unterschied nicht mehr, was an seiner Kritik berechtigt, ja notwendig war und was nicht. Auch hier ersetzte Polemik und vorschnelle Ketzermacherei liebevolles Verstehen.

Heilvolles Gedenken

Damit die zwiespältige Erinnerung heilen kann, ist es notwendig, "dass alle Gläubigen sich in gemeinsamer Buße zu Gott bekehren und gemeinsam sein Lob verkünden, damit die Spaltung der Christenheit ein Ende nimmt und wir in voller Kirchengemeinschaft das Reich Christi erwarten".[7] Mit diesen Worten haben wir noch vor wenigen Tagen in der Gebetswoche für die Einheit der Christen gebetet.

Wahrhaft ökumenisches "Gedenken", "memoria" im biblischen Sinn, ist die gemeinsame Bitte an Gott, dass Er uns trotz unserer Spaltungen und in unseren Spaltungen nicht vergesse: "Denk an dein Erbarmen, Herr, und an die Taten deiner Huld." (Psalm 25,6) "Denk an deine Gemeinde, die du vorzeiten erworben hast." (Psalm 74,2). Wer in Gottes heilvollem Gedenken seine schmerzvollen konfessionellen Erinnerungen aufgehoben weiß, der findet zum heilenden Frieden trotz der erlittenen Kränkungen durch Misstrauen, Vorurteile, Gleichgültigkeit oder Polemik – auf katholischer wie auf evangelischer Seite. Gott vergisst keinen, dem Leid geschehen ist. Doch wir dürfen ihn, der unser gedenkt, dann auch darum bitten, unserer Verfehlungen nicht mehr zu gedenken – nicht mehr daran zu denken, dass wir an unserem Nächsten aus der jeweils anderen Kirche schuldig geworden sind, indem wir ihn in Gedanken, mit Worten, Werken und durch Unterlassungen gekränkt und verletzt haben. Wenn wir so gemeinsam zu Gott umkehren, dann finden wir auch zu neuer Gemeinsamkeit im Gotteslob.

Geistliche Ökumene

Es gehört für mich zu den beglückendsten Erfahrungen, dass die Gesangbuch-Ökumene zwischen katholischen und evangelischen Christen schon seit langem wirklich sichtbare Früchte zeigt. Wir singen zwar noch nicht aus demselben Gesangbuch, aber wir singen zu einem großen Teil schon dieselben Lieder! Das sind gewiss nicht nur und nicht in erster Linie gemeinsame Triumph- und Jubelgesänge, sondern vielleicht gerade die eher leisen Töne wiedergefundenen Vertrauens und neu erwachender Hoffnung. Katholiken singen mit Worten und Melodien lutherischer Liederdichter; Lutheraner singen mit Worten und Melodien katholischer Liederdichter. Singend bekennen wir vor Gott und voreinander unseren gemeinsamen Glauben! Und wer singt, betet doppelt – betet in der Gemeinschaft aller Getauften. Das ist klingende geistliche Ökumene.

Theologische Ökumene

Und neben die geistliche Ökumene des gemeinsamen Singens und Betens tritt die theologische Ökumene, die nun schon seit über 50 Jahren Katholiken und Lutheraner in einem fruchtbaren Dialog zusammenführt. Nur einige wichtige Etappen in diesem gemeinsamen Gesprächs- und Erkenntnisprozess seien hier genannt: 1983, zum 500. Geburtstag Martin Luthers, hat die im Auftrag des Vatikans und des Lutherischen Weltbundes tätige „Gemeinsame Römisch-katholische / Evangelisch-lutherische Kommission" eine Stellungnahme veröffentlicht, die den Titel trägt: „Martin Luther – Zeuge Jesu Christi".[8] Dieses wichtige Dokument möchte, wie es im Vorwort heißt, „der Versöhnung und Verständigung dienen" und „auf das gewandelte Verständnis aufmerksam machen, das evangelische und katholische Forschungen vorlegt haben, und so ein früher oftmals verzerrtes Lutherbild überwinden helfen".[9] Gemeinsam würdigen beide Seiten Martin Luther als „Zeuge des Evangeliums, Lehrer im Glauben und Rufer zur geistlichen Erneuerung"[10]. Am 31. Oktober 1999 wurde in Augsburg seitens des Lutherischen Weltbundes und der Katholischen Kirche feierlich erklärt, dass im Blick auf die Rechtfertigung, also der Frage, wie uns Menschen das Heil Gottes zuteil wird, grundlegende Übereinstimmung besteht.[11] Und 2013 schließlich erschien das Dokument "Vom Konflikt zur Gemeinschaft. Gemeinsames lutherisch-katholisches Reformationsgedenken im Jahr 2017".[12] Darin heißt es: "Was in der Vergangenheit geschehen ist, kann nicht geändert werden. Was jedoch von der Vergangenheit erinnert wird und wie das geschieht, kann sich im Lauf der Zeit tatsächlich ändern. [...] Mit Blick auf 2017 geht es nicht darum, eine andere Geschichte zu erzählen, sondern darum, diese Geschichte anders zu erzählen."[13] Die Trennungsgeschichte ökumenisch zu erinnern und sie ökumenisch zu erzählen ist möglich, wenn sie ins gedenkende Gebet vor Gott gebracht und in seinem Gedenken heilvoll aufgehoben wird.

Das ökumenische Reformationsgedenken und das ökumenische Ansgargedenken gehören darum zusammen – nicht nur im Jahr 2017. Es gibt eine gemeinsame evangelisch-katholische "memoria", ein Gedenken, das vertieft, gepflegt, bewahrt und bewährt werden will. Wir haben es eben in der Lesung aus dem Epheserbrief gehört: "Bemüht euch, die Einheit des Geistes zu wahren durch den Frieden, der euch zusammenhält" (Eph 4,3). Genau diese Worte ließ der französische Architekt Jean-Charles Moreux, der nach dem Zweiten Weltkrieg hier in Hamburg für den Wiederaufbau des "Kleinen Michel" mitverantwortlich war, über dem erneuerten Hauptportal anbringen: "Servate unitatem spiritus in vinculo pacis."

Prophetische Ökumene

"Bewahrt und bewährt die Einheit des Geistes" – Das hat auch etwas von prophetischer Ökumene. In der Gemeinschaft aller Getauften, in der Gemeinschaft des Gedenkens, der Buße und des Gotteslobes, in Gemeinschaft mit Ansgar und Luther und allen Zeugen des Glaubens sind wir auf einem guten Weg – auf dem Weg von der Trennung zur Versöhnung, vom Konflikt zur Gemeinschaft. "[Es] ist Zeit nötig für den Prozess der Versöhnung und Heilung. Nicht alles kann sofort getan werden, aber wir müssen tun, was wir heute tun können, in der Hoffnung auf das, was morgen möglich sein wird."[14]

Dass der Papst und der Präsident des Lutherischen Weltbundes einmal einen Ökumenischen Gottesdienst zum Reformationsgedenken feiern würden, davon hätten wir vor etlichen Jahren noch nicht einmal zu träumen gewagt. Am Reformationstag 2016 ist dieser Traum in der Kathedrale im schwedischen Lund Wirklichkeit geworden. Papst Franziskus und Bischof Munib Younan unterzeichneten zudem eine Gemeinsame Erklärung, in der es heißt: "Im Bewusstsein, dass die Art und Weise, wie wir [als Katholiken und Lutheraner] miteinander in Beziehung treten, unser Zeugnis für das Evangelium prägt, verpflichten wir uns selbst, in der Gemeinschaft, die in der Taufe wurzelt, weiter zu wachsen, indem wir uns bemühen, die verbleibenden Hindernisse zu beseitigen, die uns davon abhalten, die volle Einheit zu erlangen. Christus will, dass wir eins sind, damit die Welt glaubt (vgl. Joh 17,21)."[15]

"Damit die Welt glaubt" – das ist Grund und Ziel der Ökumene. Die volle sichtbare Einheit der Kirche ist kein Selbstzweck, sondern ein Auftrag unseres gemeinsamen Herrn. In Hamburg gehören noch etwa 40% einer christlichen Kirche an, in manchen Gebieten Deutschlands sind es noch weniger, in Eisleben, dem Geburts- und Sterbeort Luthers, sogar nur noch 5% evangelische und 3% katholische Gläubige. Allein Gott kann die Herzen der Menschen öffnen, doch er tut dies nicht ohne uns, sondern durch uns – durch unser gemeinsames Zeugnis für den einen Herrn, den einen Glauben, die eine Taufe. Wachsamkeit und Sensibilität sind dazu vonnöten, Mut und Fantasie. Achten wir auf die Zeichen der Zeit und lassen wir uns von Gottes mächtigem Geist bewegen!