zur den Kirchgemeinden
Erinnerungen von Maria Wermter
"Sie müssen Dassow sofort verlassen"
Schikanen und Kontrollen war sie gewohnt: Als Seelsorgerin arbeitete Maria Wermter in Dassow mitten im Sperrgebiet, bis sie 1961 von einem Tag auf den anderen ausgewiesen wurde. 

Seit 1961 lebt sie in Fürstenberg.
Foto: D. Dubiel

Seelsorge im Sperrgebiet der DDR: Im 5-Kilometerbereich entlang der innerdeutschen Grenze war das nur möglich, wenn jemand dort wohnte und den eigens im Ausweis eingetragenen Sichtvermerk besaß. Oder jemand hatte einen gültigen Passierschein. Wer im Sperrgebiet wohnte oder unterwegs war, hatte seinen Ausweis  ständig bei sich zu tragen und auf Verlangen vorzuzeigen. "Wenn ich dienstlich in den 500-Meter-Streifen zu Hausbesuchen oder zum Religionsunterricht wollte, musste ich ein bis zwei Stunden vorher zur Grenzpolizei und einen Extra- Passierschein holen. Oft ließen sie einen dann so lange warten, bis zum Beispiel die Zeit für den Religionsunterricht verstrichen war." Maria Wermter erinnert sich an die immer schwerer werdenden Bedingungen, als Katechetin und später als Seelsorgehelferin in der katholischen Seelsorgestelle von Dassow zu arbeiten. 1948 hatte die aus Ostpreußen Stammende 18jährig ihren Dienst als Katechetin begonnen. "Mit einem Mal waren ja so viele katholische Kinder durch die Flüchtlinge da!" Maria Wermter gehörte selbst zu diesen Flüchtlings- und Vertriebenenfamilien, deren Väter oft  lange Jahre in Gefangenschaft waren.
"Bischof Berning hatte gesagt: JETZT muss etwas geschehen! Da wurden Witwen und junge Frauen zu Katechetinnen ausgebildet und es ging los. Und diese Frauen haben Großes geleistet; in mancher Gemeinde gab es 5 oder 6 Katechetinnen, die sorgten dafür, dass in ihren Dörfern und deren Umgebung die Kinder unterrichtet, die Kranken besucht und Menschen in ihren Nöten nicht allein waren. Ihnen war auch zu verdanken, dass Räume für den Gottesdienst so würdig wie nur möglich waren." Ausgebildet wurden diese Frauen in vier Kursen von je zwei Wochen. Frau Wermter war eine von ihnen; Pfarrer Stankiewicz, der 1945 mit vielen Flüchtlingen aus seiner ostpreußischen Gemeinde von Kreuz nach Dassow gekommen war, hatte Maria Wermter angesprochen. So ab 1952, weiß sie, "hat man immer wieder von Leuten gehört, die  ohne Vorwarnung ausgesiedelt wurden. Na, die passten dem Regime nicht, waren Besitzer von großem Eigentum oder Kritiker, die etwas gegen Verordnungen der Regierung gesagt hatten." Seit 1952 wurde systematisch das Sperrgebiet entlang der Grenze in der DDR eingerichtet: der 10-Meter-Kontrollstreifen unmittelbar vor der Grenze, der spätere Todesstreifen, dann der 500-Meter-Streifen und schließlich das 5-Kilometer-Gebiet, um Übertritte von DDR-Bürgern in den Westen Deutschlands zu verhindern.
In der herbstlich geschmückten Stube in Fürstenberg, am ganz anderen Ende Mecklenburgs und weit weg von der ehemaligen Grenze, lebt Frau Wermter heute. Vor der 79jährigen liegt auf dem Couchtisch eine Klarsichttüte, in der einige offizielle Dokumente aufbewahrt sind. "Anmeldung zur Veranstaltung", gedruckt in fetten schwarzen Lettern, mit dem Thema "Liturgie", Referent: Hubert Stankiewicz, Veranstalter: Maria Wermter, erwartete Personenzahl: 50, Datum, Ort und Uhrzeit. Und auf der Rückseite des Blättchens - Datum, Dienstsiegel der Polizeibehörde und Unterschrift.
"Wir mussten doch jeden Gottesdienst im Sperrgebiet anmelden und genehmigen lassen. Wir haben dann einfach beim Thema immer `Liturgie´ geschrieben - woher sollte der Pfarrer denn auch zwei Wochen vorher wissen, was er predigt!" Diese ständige zusätzliche Arbeit war sehr beschwerlich, "sie hat einen ganz schön aufgerieben", setzt Frau Wermter hinzu, "auch dass keiner zu Besuch kommen konnte, schon gar nicht aus dem Westen! Selbst von hier konnte niemand einfach zu Besuch kommen, nur wer einen Passierschein hatte, der vier Wochen vorher beantragt werden musste."
Etwas nervös legt sie beide Hände über ihren Knien zusammen: "Manchmal waren sogar Passierscheine ausgegeben worden, die dann kurz vorher in Grevesmühlen wieder weggenommen wurden. Einmal sollte Firmung in Dassow sein. Wir hatten alles vorbereitet. Kurz vorher riefen sie aus Grevesmühlen an, dass der Bischof nicht nach Dassow kommen kann."
Ohne Bitterkeit, aber mit deutlicher Traurigkeit in der Stimme weiß die couragierte Ruheständlerin, wie selbst treue und gute Katholiken alles, was in der Gemeinde geschah, den Sicherheitskräften berichteten. Ob nun die Ablehnung der Jugendweihe, kritische Äußerungen zu bestimmten Verordnungen oder was im benachbarten Schönberg während der Religiösen Kinderwoche passierte - alles wurde registriert.  So war einmal ein Pater zum Vortrag nach Dassow gekommen. Als ob es gerade geschieht, zitiert Frau Wermter seine Anfangsworte und deren Wirkung: "Guten Abend. Ich begrüße alle, die zu meinem Vortrag gekommen sind und ich begrüße auch alle, die sich hier heute für meine Worte interessieren und sie weitergeben. - Da sprang eine Frau auf und schrie los. Sie fühlte sich getroffen. Eine ganz gute Katholikin ..."  
Alles, was die Kirche in der DDR tat, wurde ohnehin kritisch beäugt und stand im Sperrgebiet einmal mehr unter Beobachtung.  Maria Wermter nimmt einen zweiten Zettel aus der Tüte,  ebenfalls Format DIN A 6, holzhaltiges, inzwischen vergilbtes Papier. "Wohnungszuweisung" steht fett gedruckt oben, darunter mit Schreibmaschine eingetragen "Hastorf, Kreis Bad Doberan". Ein Datum trägt der Zettel nicht, aber Amtssiegel und Unterschrift auf der Rückseite.
Hastorf - da braucht es schon eine sehr genaue Karte. Hanstorf ist eher zu finden.
"Nachdem die Grenze dicht war, wurden Unruhe und  Angst im Sperrgebiet größer. Am 1. Oktober 1961 war auf einmal viel Militär in Dassow unterwegs. Lauter Fremde. Am nächsten Morgen, am 2. Oktober klopfte es um 6 Uhr an meine Wohnungstür. Ich wohnte über der Bäckerei, wo ja morgens schon was los war. Als ich öffnete, standen Offiziere und Leute von den Kampfgruppen vor der Tür." Die Ereignisse sind in Kopf und Herz von Maria Wermter lebendig; fast ist die Befehlsstimme des Majors im Originalton zu hören: "Ich habe Ihnen Mitteilung zu machen, Sie müssen sofort Dassow verlassen!" Sofort. Jetzt gleich. -   Aber warum?
Es war die Zeit, als die Leute nach Wismar zur Arbeit fuhren. Wieder der Befehlston:
"Ziehen Sie sich erst mal an."
Die Bilder sieht Maria Wermter vor sich: „Ich war ja noch im Schlafanzug. Wieder die klaren Ansagen des Majors: `Wir werden jetzt alles für Sie einpacken. Unten steht ein Wagen, der hat genau das Ladevermögen für Ihre Wohnung.´
Und sie packten alles ein. Gestern war mein Bruder da gewesen - wir hatten Kaffee getrunken, einen nachgeholten Geburtstagskaffee...  Kaffeegrund war noch in den Tassen, weil ich gestern Abend nicht mehr abwaschen wollte. Sie packten die Tassen ein, wie sie waren.
Ich wollte meinem Bruder Bescheid sagen, der wohnte ja nicht weit weg - nein, ging nicht; den Pfarrer benachrichtigen - nein! Selbst zur Toilette durfte ich nicht allein gehen. Schließlich war alles aufgeladen, auch Holz und Kohlen aus dem Keller - die Stube war leer.
Der Major befahl: `Steigen Sie hinten auf!´  Auf der Ladefläche war ein Sitz.
`Alles mach ich, aber das können Sie nicht von mir verlangen!´"
Maria Wermter fügt hinzu: "Ich weiß nicht, woher ich die Kraft dazu hatte, aber der Major wollte auch keine Szene haben; genug Leute waren ja da, die alles mitbekamen. Ich hätte mich auf keinen Fall hinten auf die Ladefläche gesetzt. 
`Also setzen Sie sich vorn hin!´ lenkte der Major ein und nahm selbst hinten auf der Ladefläche Platz.. Er fürchtete wohl Tränen oder Aufruhr. Die Leute aber hatten auch Angst, dass ihnen etwas geschehen könnte.  Als ich neben dem Fahrer saß, einem jungen Unteroffizier, steckte der mir aus seiner Tasche ein Frühstücksbrot zu und flüsterte dabei: `Wir können nichts dafür, wir haben heute früh erst den Auftrag bekommen Sie abzuholen.´ Ich hatte natürlich an kein Frühstück gedacht, ich hätte wohl auch nichts herunterbekommen. Wohin es ging? - Keine Ahnung, wo das ist: Hastorf - nie gehört!“
Frau Wermter zeigt auf ihre Wohnungszuweisung ohne Datum, aber mit Siegel und Unterschrift.
Dann erzählt sie ihre Geschichte weiter: "Es war im Wagen total still, reden durfte keiner mit mir. Ein schöner Sonnentag, der 2. Oktober 1961. Ich wusste nicht, wie lange und wo wir lang fuhren, bis da ein Motorrad an der Straße stand. Hastorf! Der Polizist von dem Motorrad winkte den LKW durch, weg von der Straße, durch das Dorf, dann auf einen unbefestigten Landweg. Dort lag ganz am Ende ein Gehöft, ziemlich heruntergekommen, eine verlassene Gegend. Ein paar Schweine liefen rum, ansonsten schien alles verlassen. - Zwei alte Leute lebten auf dem Gehöft. `Ach, Sie sind die junge Frau, die hierher kommen soll!´ begrüßte mich die alte Frau. Für mich war in dem Haus ein Zimmer gemalert, na besser: übergepinselt worden. Alles wurde abgeladen. Der Major zeigte auf den Motorradlotsen, den ABV (= Abschnittsbevollmächtigten): `Der Genosse hier wird Sie betreuen, wenn Sie etwas brauchen. Bei der Kirche brauchen Sie nicht mehr zu arbeiten - hier sind überall genug.´  Also waren sie auch hier voll im Bilde; es stimmte ja - überall arbeiteten Katechetinnen. `Sie bekommen eine Stelle im Büro auf der LPG, da werden welche gebraucht wie Sie!´"
Maria Wermter steckt ihre alte Wohnungszuweisung zurück in die Klarsichttüte.  "Ich hatte für den Major nur eine klare und unmissverständliche Antwort: `Das wird nicht sein!´  `Ach, das ist ja der Major A. aus Rostock´, erkannte plötzlich die alte Dame aus dem Haus den Einsatzleiter. Ich habe diesen Namen nie vergessen, so tief hatte er sich in der damaligen Situation eingegraben. Am nächsten Tag kam tatsächlich der ABV, brachte mir frische Brötchen zum Frühstück und wollte mich zum LPG-Büro bringen. `Das können Sie vergessen, dort arbeite ich nicht!´  Ich wusste nicht, ob der Pfarrer oder der Bischof wussten, wo ich steckte. Offensichtlich aber doch - denn die Kollegin aus Bad Doberan kam vorbei: `Der Bischof schickt mich, ich soll mal sehen, wie es dir geht! Hast du irgendwelche Auflagen?´  Ich wusste nicht, ob ich ortsverpflichtet bin oder sonst irgend etwas. Deshalb ging ich zum Bürgermeister. `Was sollen Sie denn hier!´ meinte der nur.
`Der Bischof hat mir sagen lassen, er würde mich wieder woanders anstellen´, antwortete ich. Der Bürgermeister entgegnete: `Soll er, von uns aus ist alles klar. Sie können machen, was Sie wollen. Aber denken Sie daran, Sie werden immer noch beobachtet.´ Das wusste ich auch ohne die Worte des Bürgermeisters und war mir dessen sicher. Irgendwie war es dem Pfarrer aus Dassow gelungen, das Moped nach Hastorf zu überführen. Jedenfalls konnte ich damit losfahren, um in der katholischen Gemeinde von Kühlungsborn zu arbeiten. Da kam auch schon die Anfrage von Weihbischof Schräder, ob ich wegziehen könne. Der Bürgermeister meinte nur: `So schnell wie möglich, noch vor dem Winter!´ 
Wieder einpacken, diesmal mit Zeit und mit Hilfe meines Bruders aus Wismar. Mein neues Ziel hieß Fürstenberg. Dort war die Schwester zur Ausbildung fortgeschickt worden. `Ist ja weit weg von Ihren Eltern, aber dafür werden Sie dann auch nicht mehr versetzt!´ hatte der Weihbischof mir mitgegeben. Auch die Anfrage bei dem Fürstenberger Pfarrer Hilbig, ob ich mich vorstellen soll, beantwortete dieser schnell: `Ich nehme Sie unbesehen, ich brauche jemanden und wir werden uns schon vertragen.´  Am 25. November 1961 zog ich dann nach Fürstenberg um, nahm auch wieder Holz und Kohlen mit. Beim Holz mussten die Fürstenberger schmunzeln, denn davon hatten sie in der waldreichen Umgebung genug.
In der Stadt gab´s kein Zimmer für mich, also mussten sie mich im Pfarrhaus aufnehmen.  Da hatte ich dann ein Zimmer. Aber ich hatte so einen schönen Start und wurde so gut aufgenommen, dass ich 36 Jahre hier im Dienst ausgehalten habe.“
Für eine kurze Weile sinnt die rüstige Rentnerin ihrer Erzählung nach, sie ist auch im Ruhestand „ihrer“ Fürstenberger Gemeinde treu geblieben: „Als ich hier nach Fürstenberg kam, da war das, als ob ich jetzt in den Himmel kam. Längst nicht mehr soviel Polizei und Grenzer - aber ich merkte genau, dass man sich für mich interessierte, dass ich beobachtet wurde, was ich sagte und machte.“ 
Nachdenklich legt sie die Stirn nachdenklich in Falten:
„Ich habe zuerst keinem von meiner Ausweisung aus Dassow erzählt. Sollte ich auch nicht. Nachdrücklich hatte mir der Major aufgetragen: `Wir wünschen nicht, dass Sie Propaganda machen und vielleicht den Leuten etwas erzählen und Unruhe stiften!´
Als ich ausgewiesen war, durfte ich nicht mehr ins Sperrgebiet. Als meine Mutter starb, bekam ich nur einen Passierschein für die Beerdigung! Erst nach 10 Jahren durfte ich einen Passierschein beantragen. Das war eine Unverschämtheit, nicht mal im eigenen Land konnte man seine Verwandten zu Hause besuchen. Wir Geschwister haben uns dann immer bei meinem Bruder in Wismar getroffen - soviel zum Thema Menschenrechte in der DDR.“
Nun schweigt Frau Wermter wieder, diesmal eine lange Zeit. Sehr verhalten beendet sie ihre Erzählung: „Manches ist mir noch ganz lebendig in Erinnerung, als wär´s heute gerade gewesen.
Heute bin ich dankbar, dass ich das alles gut überstanden habe...“

Dorothea Dubiel


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