zur den Kirchgemeinden
"Wir hatten noch viel vor"
Der Weg zum 9. November
Die Revolution kam nicht von selbst. Viele Menschen haben mit Mut und Einsatz Veränderungen bewirkt und das System der DDR zum Einsturz gebracht. Von ihnen wiederum waren viele Christen – so wie Eva Storrer. 1989 war sie Sozialarbeiterin der Caritas Mecklenburg und Mitbegründerin des Neuen Forums in Güstrow.
Wann hatten Sie zum ersten Mal den Eindruck: Hier bewegt sich was?
 
Es war im April 89 bei einem Treffen mit Theologen im Erfurter Priesterseminar. Der Philosophieprofessor Konrad Feiereis vertrat die Meinung, die DDR werde sich verändern, so ginge es nicht mehr lange weiter.
Ich habe gedacht: Lass ihn daran glauben. Ich habe bis zum Mauerfall nicht daran geglaubt, dass die DDR einmal nicht mehr existieren werde.
 
Trotzdem haben Sie sich einige Monate später in der Bürgerbewegung engagiert ….
 
Für uns ging es darum, die DDR zu verändern, ihr ein menschlicheres Gesicht zu geben. Mehr haben wir nicht für realistisch gehalten, viele haben auch gar nicht mehr gewollt.
 
Das Neue Forum war dann eine gemeinsame Plattform.
 
Das Neue Forum ist ja schon am 10. September gegründet worden. Aber in Mecklenburg kommt bekanntlich alles ein bisschen später. In Leipzig stand schon alles auf der Straße, da gab es in Schwerin gerade die erste Info-Veranstaltung des Neuen Forums. Wenige Tage danach haben wir auch das Neue Forum in Güstrow gegründet. Unsere erste Demo war am 27. Oktober.
 
Die Partei betrachtete das Neue Forum als staatsfeindlich. Wie gefährlich war es, dabei mitzumachen?
 
Man musste auf jeden Fall sehr vorsichtig sein. Per Telefon lief überhaupt nichts. Ich habe die Liste der Güstrower, die dem Neuen Forum beigetreten waren, selbst nach Berlin mitgenommen. Anlaufpunkt war die Wohnung von Bärbel Bohley. Vor dem Haus stand ein großer LKW. Es war klar, dass die Wohnung abgehört wurde. Ich habe nur die Liste übergeben, dann wollte ich nach Hause. Als ich zwei Haus- ecken weiter war, zogen mich zwei Leute von der Kriminalpolizei in einen Hauseingang. Ich wurde zu einem Verhör auf das nächste Polizeirevier gebracht, wo die Stasi an diesem Tag Einzug gehalten hatte. Dort waren schon alle, die ich bei Bärbel Bohley in der Wohnung gesehen hatte. Ich kannte nur einen, und zwar von der Ökumenischen Versammlung: den Physiker Sebas- tian Flugbeil. Aber der flüsterte mir zu: „Wir kennen uns nicht.“
 
Hatten Sie keine Angst?
 
Doch, natürlich. Aber ich habe die Angst durch Aufmüpfigkeit überdeckt. Ich wurde als eine der ersten verhört, und ich habe versucht, die Offiziere zu bequatschen. Ich habe gedroht: ich werde meinen Bischof informieren. Wer bei der Kirche war, war eben etwas geschützter als andere. Am Ende wurde keiner von uns verhaftet. Die Festnahme war nur ein Einschüchterungsversuch.
 Was wollte das Neue Forum erreichen?
 
Zuerst einmal wollten wir den Dialog mit den Staatsvertretern. Wir wollten nicht die DDR abschaffen, aber wir wollten Veränderungen. Freie und saubere Wahlen, Mehrparteiensystem, Reisefreiheit, ideologiefreies Bildungssystem, Meinungsfreiheit, Rechtsstaatlichkeit, ökologische Politik.
 
Hat man sich auf der anderen Seite auf einen solchen Dialog eingelassen?
 
Es gab Gespräche, unter anderem mit dem stellvertretenden Vorsitzenden des Rates des Kreises. Aber ein echter Dialog war das nicht. Mit den alten Köpfen ging so etwas nicht. Die hatten ja Angst vor dem Volk. Sie haben sich Knoten in den Hals geredet, natürlich ohne wirklich etwas zu sagen. Und was sie gesagt haben, hat ihnen keiner mehr abgenommen.
 
 Die Parole dieser Zeit hieß „Wir sind das Volk“. Waren Sie repräsentativ für das Volk oder eine Minderheit?
 
Vielen ging das, was wir machen wollten, nicht weit genug. Nach unserer Gründung hatten wir den Beschluss gefasst, erst einmal keine Demo zu organisieren. Aber bei einer Informationsveranstaltung des Neuen Forum war die Stimmung ganz anders. Die Leute sagten: Wenn ihr nicht auf die Straße gehen wollt, machen wir es. Also haben wir die Demo gemacht. Es kamen 20 000 Leute vor dem Dom zusammen. Güstrow hat 40 000 Einwohner. Es war eindrucksvoll. Bei einer Gesprächsrunde im Dom hat sich zum Beispiel eine Lehrerin bei ihren Schülern entschuldigt für die ganze Ideologie, die sie ihnen beigebracht hat.
 
Die Ereignisse im Herbst hatten eine Vorgeschichte. Wie haben die Massenflucht über Ungarn und die Prager Botschaft, auf Sie gewirkt?
 
Mein Bruder hat selbst versucht, über Ungarn herauszukommen, wurde aber geschnappt und konnte erst in den Westen, als die Ungarn die Grenze nach Österreich aufmachten. Mich hat damals eher erschreckt, wie viele da plötzlich abhauen wollten. Die fehlten uns ja, wenn wir etwas in der DDR erreichen wollten. Auch die Nachricht vom Rücktritt Honeckers hat uns verunsichert. Nach ihm kam Krenz. Und wir hatten Angst, dass Krenz nun die Panzer losschickt.
 
Dann kam der 9. November. War das ein Triumph für Sie?
 
Um es zuerst zu sagen: Ich bin für diesen Tag sehr dankbar. Ich möchte nichts, was vorher war, wieder haben. Damals aber passte mir der Mauerfall nicht wirklich. Denn wir hatten noch viel vor. Aber die Leute, die mit uns demonstriert hatten, waren auf einmal weg. Ich gehörte auch nicht zu denen, die sofort in den Wes-ten gefahren sind. Erst Anfang Dezember war ich in Lübeck, in völlig überfüllten Zügen.
 
Was bedeutete der Mauerfall für das Neue Forum?
 
Es war schon ein Einschnitt. Vor dem 9. November war ich so gut wie jeden Abend für das Neue Forum unterwegs. Und im Morgengrauen wurden Demonstrationsplätze gereinigt und Kerzenwachs abgeschabt. Wir lebten in einem ständigen Ausnahmezustand. Nachher war alles anders. Jetzt kamen die Diskussionen. Einige wollten das Forum als Partei nach dem Motto: hinein in die Parlamente! Andere wollten Bürgerbewegung bleiben, wieder andere schlugen sich zur SPD. Im Grunde ging es von diesem Tag schon auseinander.
 
Von Veränderung der DDR war bald keine Rede mehr. Auch nicht von gesellschaftlichen Alternativen. Gab es Enttäuschung darüber, dass andere Gesellschaftsmodelle als das bundesdeutsche keine Rolle mehr spielten?
 
Enttäuscht waren diejenigen von uns, die den Kapitalismus nicht wollten.
Viele zogen sich zurück und sind heute nur noch verbittert. Andere nahmen ihre Chancen wahr, machten sich selbstständig und gründeten Betriebe. Nur wenige gingen in die Politik. Ich selbst war nicht enttäuscht von der Entwicklung, die dann zur Wiedervereinigung führte. Ich fühle mich auch nicht vom Westen vereinnahmt. Es war klar: Mit der Öffnung der Mauer zählte erst einmal der Bauch. Alles andere trat in den Hintergrund.
 
Wäre auch ein anderer Verlauf der Dinge möglich gewesen, mit einem ganz anderen Ergebnis?
 
Unser ursprüngliches Ziel, Veränderung der DDR, war letztlich unrealistisch.
Man konnte die DDR nicht verändern. Ich sage auch nicht, dass alles zu schnell gegangen ist. Denn wir hatten nicht viel Zeit. Dass Gorbatschow politisch überleben würde, war nicht sicher. 1989 war ein historisch günstiger Zeitpunkt. Den mussten wir nutzen.
Interview: Andreas Hüser
Nachher mussten die Veranstalter den Platz räumen und Wachsreste abschaben.

Demonstration in Güstrow am 27. Oktober 1989

Das neue Forum
„In unserem Land ist die Kommunikation zwischen Staat und Gesellschaft offensichtlich gestört“. So begann der Gründungsaufruf des Neuen Forums am 10. September 1989. Es definierte sich als „unabhängige politische Vereinigung von Bürgerinnen und Bürgern, die Demokratie in allen Lebensbereichen durchsetzen wollen.“ Bis Ende 1989 unterschrieben den Aufruf 200 000 Bürger. davon etwa 10 000 feste Mitglieder. Das Neue Forum schloss sich im Februar 1990 mit den Bürgerbewegungen Demokratie Jetzt und Initiative Frieden und Menschenrechte (IFM) zum Wahlbündnis „Bündnis 90 “ zusammen. Nur in Mecklenburg-Vorpommern trat das Neue Forum direkt zur Landtagswahl an und bekam 2,9 Prozent der Stimmen.

weiterführende Links:

Beitrag in der Neuen KirchenZeitung
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