zur den Kirchgemeinden
Erinnerungen von Franz-Peter Spiza
Die Öffnung der Grenze am 9. November kam unerwartet. Auch für die Kirche begann eine neue Zeit.
Die Seligsprechung Nies Stensens in Rom 1988 war eine der wenigen Gelegenheiten, bei denen eine größere Zahl von Christen ins "Westliche Ausland" reisen durfte.
Vorn Ordinariatsrat Franz-Peter Spiza
„Auf alles waren wir vorbereitet – nur nicht auf Kerzen und Gebete.“ Mit diesem viel zitierten Satz bestätigte der SED-Politiker Horst Sindermann die prägende Rolle der Kirchen in der friedlichen Revolution 1989. Christen hatten maßgeblichen Anteil am Zusammenbruch der DDR. Der 9.
November 1989 kam aber auch für die Kirchen völlig überraschend. Franz-Peter Spiza (59), heute Generalvikar des Erzbistums Hamburg, erinnert sich.
 
 „Für mich ist nicht der 9. November das entscheidende Datum, sondern der 9. Oktober. Der eigentliche Durchbruch war die Demonstration in Leipzig. Denn damals ist etwas passiert, was ich nie für möglich gehalten hätte. Die Leute haben ihre Angst überwunden und haben sich auf die Straße getraut.
“ Franz-Peter Spiza war damals Ordinariatsrat der Apostolischen Administratur Schwerin – weit weg von Leipzig, aber auch in Mecklenburg ahnten die Menschen, was die Stunde geschlagen hatte. „Das eigentlich Unerhörte daran war: Man fand sich mit einer Kerze auf der Straße wieder, und links und rechts standen Menschen, denen geht es nicht anders als einem selber.“
 
Kein Tag ohne neue Schlagzeilen

Im Herbst 1989 ging es rasant weiter. Kaum ein Tag ohne Schlagzeilen: Demonstrationen, Friedensgebete, Festnahmen, Rücktritt Honeckers. Als schließlich am 9. November die Grenzübergänge in Berlin sich öffneten, saßen die Generalvikare der DDR-Bistümer in einer Klausurtagung in Leipzig beisammen. Franz-Peter Spiza: „Wir hatten den ganzen Tag darüber beraten, wie wir auf die neue Situation reagieren sollten. Um 23 Uhr stellten wir dann das Radio ein und hörten Nachrichten.“ Die „neue Situation“ war also schon wieder überholt, viel mehr: auf den Kopf gestellt. Als der Ordinariatsrat am folgenden Tag zurück nach Schwerin fuhr, befand er sich in einem Strom von Trabanten, Wartburgs und Ladas, die in Richtung Grenzübergang Gudow steuerten. Zeit zum Nachdenken: Was bedeutete das Loch in der Mauer? War die Reisefreiheit von Dauer? War das der Zusammenbruch der SED-Herrschaft? Vielleicht schon das Ende der DDR?
„Niemand wusste in diesen Tagen, wie es weitergehen sollte. Ich kannte ja viele der handelnden Personen und halte es heute noch für ein Wunder, dass sie sich kaum wehrten. Denn die alten Machtstrukturen gab es noch. Und diejenigen, die etwas ändern wollten, waren politisch unerfahren. Sie kamen aus den Kirchen, aus der Friedensbewegung und aus ökologischen Gruppen.“ Wie schwer sich die neuen Demokraten taten, erlebte Spiza wenige Wochen später. Damals leitete er den Runden Tisch des Bezirks Schwerin. Die Gespräche wurden im Rundfunk übertragen. „Das war ein kunterbunter Kreis.
Aber das Sagen hatten immer noch die alten Genossen. Ihre Gegner trauten sich nicht, ihre Forderungen auf den Punkt zu bringen. Sie waren sich einig in dem, was sie nicht wollten. Was fehlte, waren klare Vorstellungen und Alternativen. Deshalb blieb vieles, was am runden Tisch besprochen wurde, belanglos. Es ging um Güllebeseitigung und ähnliche Nebensachen.“
 
Christen blieben eine ­Minderheit in der DDR

Schnell habe sich auch gezeigt, dass die kirchlichen Gruppen – die in der ersten Phase der Wende den Ton angaben – nur wenig Rückhalt hatten. Eine zeitlang beherrschten Intellektuelle wie Christa Wolf oder Stefan Heym die Szenerie, „aber dann kippte die Stimmung. Die Menschen wollten keine sozialen Utopien verwirklichen, sie wollten keine Experimente mehr.“ Katholische Christen spielten DDR-weit eine kleinere Rolle beim politischen Aufbruch als evangelische. „Die kleine Zahl der Katholiken in der DDR darf nicht täuschen“, gibt Generalvikar Spiza zu bedenken. „In den Gottesdiensten kamen jeden Sonntag mehrere Tausend Menschen zusammen. Die Kirche war der einzige ideologiefreie Raum in der DDR, keine andere nichtstaatliche Organisation konnte so viele Menschen mobilisieren.“
 
Jede Menge Vettern und Cousinen in Osnabrück

Dass der Herbst ’89 auch den Keim für das neue Erzbistum Hamburg in sich trug, ahnte damals noch niemand. „Wir waren mit Osnabrück verbunden. Dieser Kontakt ist nie abgebrochen. Schon zu DDR-Zeit hatte ich ’zig ,Vettern‘ und ,Cousinen‘ im Bistum Osnabrück, die mich besuchten.“ Nach dem 9. November
1989 wurden aus den ,Verwandtenbesuchen‘ Dienstreisen. Ordinariatsrat Spiza und Weihbischof Werbs fuhren abwechselnd jede Woche 350 Kilometer von Schwerin nach Osnabrück und nahmen an den Sitzungen der Bistumsleitung teil. „Auf die Osnabrücker konnten wir in jeder Hinsicht zählen.“ Viele Mecklenburger bedauern noch heute, dass die gewachsene Einheit unter Osnabrücker Dach einem neuen Bistum Platz machen musste. „Aber die Entscheidung für die Metropole Hamburg war eine kluge Entscheidung“, glaubt Spiza.
Was bewegt ihn, wenn heute Altkommunisten an vielen Stellen wieder obenauf sind, gewählt werden und sogar Landesregierungen stellen? „Vom Kopf her gedacht ist das eine Konsequenz von Demokratie. Im Bauch aber spüre ich Wut. Denn viele dieser alten SED-Politiker waren für Verbrechen mitverantwortlich. Eine Vergangenheitsbewältigung findet bei ihnen bis heute nicht statt. Und ein Wort der Entschuldigung habe ich nie gehört.“


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Beitrag in der Neuen KirchenZeitung
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