zur den Kirchgemeinden
Erinnerungen von Pater Karl Meyer
Ein Trabi-Konvoi in Richtung Westen
Der Dominikanerpater Karl Meyer war am 10. November fast allein in Richtung Osten unterwegs - ihm entgegen kamen in endloser Schlange die Trabis auf den Weg in den Westen.

Für den 9. November 1989 hatte ich schon länger die Einreise in die DDR beantragt und auch bewilligt bekommen. Ich wollte unseren Konvent in Leipzig visitieren, und wir wollten Gedanken konkretisieren, zusätzlich an einer anderen  Stelle in der DDR tätig zu werden.  Am 9.November stand aber nachmittags das Gespräch  des Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz mit dem Vorsitzenden der Ordensoberenkonferenz, der ich damals war,  in Mainz an, und das Gespräch zog sich länger als erwartet hin, so dass ich nicht mehr den Mut hatte, bei Dunkelheit noch den ganzen Weg, den ich über den Grenzübergang  Meiningen geplant hatte,  bis Leipzig zu fahren. Also blieb in Lohr am Main bei unseren Schwestern. Morgens früh hieß es: Die Grenze ist offen.  Ich machte mich sehr bald auf den Weg, und schon unterwegs  kamen mir die ersten Trabbis entgegen.  Direkt vor der Grenze schaute ich wie vor jeder Einreise in die DDR nach, ob irgendetwas am Auto nicht in Ordnung war. Zwei Reifen hatten Auswaschungen.   Zurück nach Neustadt/Saale und neue Reifen aufgezogen! Zurück zur Grenze! Da herrschte Hochbetrieb in der Gegenrichtung. Die Vopos waren unglaublich freundlich.  Gerade kamen einige zehn-bis zwölfjährige Jungen, um mit dem Fahrrad eine Spritz-Tour in den Westen zu machen. Ganz väterlich begrüßte der Vopo den Unternehmungsgeist der Jungen.  Mit meinen Stempeln versehen fuhr ich dann an einer viele Kilometer langen Auto-Schlange fröhlicher und geduldiger Menschen entlang, die alle in den Westen wollten. Später in Eisenach wurde ich angehalten und freundlich ermahnt, dass mein Fernlicht nicht in Ordnung sei. Auf meine Einlassung, dass das von den DDR-Straßen gekommen sein müsse, gab es keine missgestimmte Zurechtweisung über die gute Qualität der Straßen im sozialistischen Staat. Bei Freunden in Eisenach bekam ich sogar eine neue Birne. Abends war ich endlich in Leipzig, wo natürlich auch alles Kopf stand.  Am nächsten Morgen der gewohnte Gang aufs Amt, nun aber mit vielen Menschen zusammen, in deren Ausweise – einige kamen mit 10 Ausweisen - pausenlos  Stempel zur Ausreiseerlaubnis gesetzt wurden.  Die Menschen trauten ihren Augen nicht, dass das, was sonst so gut wie unmöglich war, nun en  gros vergeben wurde.  Anschließend habe ich vor dem Dimitroff Museum an einer verhältnismäßig  spärlich besuchten SED-Kundgebung teilgenommen, auf der die Erneuerung des Sozialismus beschworen wurde. Am Sonntag war unsere Kirche in Leipzig-Wahren natürlich ziemlich leer, denn alles Volk war auf West-Ausflug.  Die Visitation fiel genauso ins Wasser.  Ein großes Erlebnis war schließlich am Montagnachmittag die große Demonstration nach dem Friedensgebet in der Nikolaikirche. Bei starkem Nebel zogen wir mehr als 100000 Menschen über den Leipziger Ring, und bevor die Zentrale der Stasi in der Nähe der Thomas-Kirche erreicht wurde, wurde immer wieder mit Megaphonen gemahnt: „ Keine Provokation! Keine Gewalt!“ Es blieb auch alles friedlich.  Gefährlich war da schon so gut wie nichts mehr, ganz anders als einen Monat zuvor am 9. Oktober, als es auf Messers Schneide stand, ob die Staatsmacht mit Gewalt einschreiten und dabei Hunderte Tote in Kauf nehmen würde. Die Pläne dafür lagen bereit. Damals gingen einige meiner jungen Mitbrüder im Habit vorn im Demonstrationszug mit.  Zunächst hatte es im Konvent Unklarheiten gegeben, ob sie das tun sollten. Da riefen sie in Köln bei mir an, was zu tun sei. Noch heute bin ich dem Herrn dankbar, dass ich damals ohne zu zögern, gesagt habe. „Geht da hin!“  - Bewegende Tage im Herbst  1989, und immer noch bin ich von Herzen dankbar, dass Deutschland seine durch Hitler verspielte Einheit wieder gefunden hat, und das, ohne dass ein einziger Schuss gefallen ist. Ein Wunder, für das wir gar nicht genug Gott danken können.

Pater Karl Meyer OP


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Beitrag in der Neuen KirchenZeitung
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