zur den Kirchgemeinden
Erinnerungen von Gabiela Hufnagel
Tausend Anträge und ein Brief an Honecker

In der DDR hat sie von Paris geträumt. Dann verliebte sich die Organistin Gabriele Hufnagel (48) in einen „Wessi", stellte einen Ausreiseantrag und konnte 1984 nach Hamburg ziehen. Die Rückkehr wurde ihr verwehrt. Am 9. November weilte sie, der Zufall wollte es wohl so, in Paris.

Nächstes Jahr feiern Gabriele und Jürgen Hufnagel Silberhochzeit. Als sie sich ineinander verliebten, stand die Mauer noch unüberwindbar zwischen ihnen. Jürgen Hufnagel kam früher mit seinen Eltern regelmäßig als „Westbesuch“ nach Magdeburg, wo die Großmutter im gleichen Haus lebte wie Gabriele Hufnagel mit ihrer Familie. Schon als Kinder sind sie sich so über den Weg gelaufen. „Meine und seine ältere Schwester waren eng befreundet, und ich hatte damals eine tolle Brieffreundschaft mit seiner jüngeren Schwester Ulrike“, erzählt die 48-Jährige. Näher kennen gelernt hat sie ihren künftigen Mann aber erst 1982 an einem Wochenende in Leipzig, zu dem Ulrike mit Freund und Bruder aus dem Westen angereist war. Nach diesem Treffen hatte die 21-jährige Musikstudentin einen wundervollen Liebesbrief aus Hamburg im Postkasten, doch sie reagierte zurückhaltend: „Über mein Engagement in der Kirche hatte ich etliche Westkontakte. Aber wie sollte man über die Mauer hinweg eine Liebesbeziehung aufbauen?“.
Sporadisch folgten weitere Besuche des Hamburgers in Magdeburg oder Berlin.
Beide diskutierten dann nächtelang über Gott und die Welt. Sie sprachen zwar eine gemeinsame Sprache, lebten jedoch in ungleichen Welten. Sie erzählte von ihren Träumen, dass sie gern einmal Paris sehen würde. Irgendwann war es dann passiert, war es Liebe. „Stell doch einen Ausreiseantrag“, schlug er vor.
 
„Ich hatte einen ziemlichen Freiheitsdrang“ „Es war unterschwellig schon so, dass ich nicht vorhatte, ewig in diesem Land zu bleiben“, sagt Gabriele Hufnagel heute. Schon als Kind habe sie Fernweh gespürt, wenn ihre Tanten aus dem Westen zu Besuch waren. „Deshalb war neben der großen Orgelbegeisterung immer schon ein Hintergedanke: Sollte sich einmal ein Auslandskonzert ergeben, setze ich mich ab.“ Schöne und unvergessliche Zeiten mit vielen Freunden und einer großen Familie habe sie in der DDR erlebt. „Aber ich hatte einen ziemlichen Freiheitsdrang, Lust, die Welt zu sehen. Ich fühlte mich eingesperrt.“ Aus dem erhofften Orgelstudium an einer staatlichen Musikhochschule wurde trotz bestandener Aufnahmeprüfung nichts – aus politischen Gründen. Als engagierte Katholikin bekam sie die Härte des sozialistischen Systems zu spüren, sie galt als politisch „unzuverlässig“, so die Beurteilung im Abi-Zeugnis. Zum Glück gab es die Evangelische Kirchenmusikschule in Halle/Saale, an der Katholiken als Gaststudenten unterrichtet wurden. Nach drei Jahren hatte sie die B-Prüfung in der Tasche, aber es gab kaum Stellenangebote. So versuchte sie es erneut in Weimar, spielte vor und bekam tatsächlich einen Studienplatz. „Damit hatte sich ein Traum erfüllt!“ Aber wie sollte es mit der Liebe weitergehen? Als sie 1983 schließlich einen Ausreiseantrag stellte, um zu ihrem künftigen Mann ziehen zu können, wurde sie nach nur zwei Wochen Studium von der Weimarer Musikhochschule exmatrikuliert.
Sie zog zurück zu den Eltern nach Magdburg und jobbte als Hilfskraft in dem katholischen Krankenhaus, in dem ihre Mutter als Krankenschwester tätig war:
„Wer in der DDR einen Ausreiseantrag stellte, dem gab keiner eine Arbeit.
“ Wöchentlich wurde sie auf der Behörde für Innere Angelegenheiten vorstellig, führte endlose Gespräche, die Verhören glichen, quälte sich durch viele Anträge. Eine aufreibende Prozedur mit vielen Schikanen war das, bis plötzlich der Bescheid kam: „Sie reisen in fünf Tagen aus.“ Ihr Freund Jürgen holte sie an jenem 12. März 1984 direkt in Magdeburg ab. Vier Obstkisten und zwei Koffer packte sie in sein Auto – alte Briefe, Bücher, Noten, ein paar Erinnerungsstücke. Ihr ganzes Leben. „Der Abschied war sehr schwer, wir wussten alle nicht, wann wir uns wieder sehen.“ Bei der Ausreise über den Grenzübergang Marienborn sah Gabriele Hufnagel zum ersten Mal die Grenzsperren: „Mir wurde klar, wie undurchdringlich dieser Zaun war. Es machte mich sprachlos. Dass die Revolution fünf Jahre später so friedlich verlief, ist ein wahres Wunder!“ Dass sie in diesen fünf Jahren ihre Heimat nicht mehr betreten durfte, wusste sie da noch nicht. Jede Einreise wurde ihr verwehrt. Ebenso die Besuchsreise von Eltern und Geschwistern zu ihrer Hochzeit. „Ich habe tausend Anträge gestellt und sogar an Erich Honecker geschrieben. Alles vergeblich.“ Sehen konnte sie ihre große Familie nur über Umwege in Prag oder Budapest: „Wir trafen uns dort meistens Pfingsten.“ Trotz aller Probleme hat sie diesen Schritt nie bereut.
1984 führte ihre erste Reise nach Paris, 1985 heirateten Gabriele und Jürgen Hufnagel in der St. Sophien-Kirche in Barmbek. Gabriele Hufnagel ging in Hamburg noch einmal zur Uni: Sie studierte Musikwissenschaft und Germanistik. Die Mutter von zwei Kindern spielt heute unter anderem als Organistin in St. Antonius Winterhude und arbeitet als Assistentin für den Musiker Claus Bantzer.
 
„Natürlich war eine große Angst da“
Im Herbst 1989 beobachtete sie mit sehr gemischten Gefühlen, was in der DDR vor sich ging. „Auch Teile meiner Familie leisteten aktiv Widerstand, ich habe die Menschen, die zu den Demos gingen, bewundert. Aber natürlich war nach den chinesischen Ereignissen eine große Angst da, dass das DDR-Regime ebensolche Gewalt ausüben würde.“ Im November 1989 reiste Gabriele Hufnagel mit Freunden nach Paris, der Kurztrip war lange ge-plant. Doch am 9. November wäre sie dann doch lieber woanders gewesen: „In unserem Hotelzimmer saßen wir stundenlang vor einem winzigen Fernseher und sahen die unfassbaren Bilder vom Mauerfall! Wir jubelten und weinten zugleich. Diese ,friedliche Oktoberrevolution‘ bleibt für mich unvergessen.“
 

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Beitrag in der Neuen KirchenZeitung
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