zur den Kirchgemeinden
20 Jahre Mauerfall
Der Berliner Mauerfall von 1989 - Erinnerungen von Michael Hollmann
Immer, wenn wieder der 9. November naht, kommt mir all das ins Gedächtnis, was wir damals in den Berliner Spätherbsttagen von 1989 erleben durften und was doch klingt, als sei es ausgedacht, aus einem Buch, einem Film oder vielleicht einem Traum …

Der Start des letzten Studienjahres war schon stark beeinflußt von den Geschehnissen des Sommers in Ungarn und Prag, aber auch von der permanenten Unruhe in den großen DDR-Städten und den Repressalien der Staatsmacht dagegen. Nichtsdestotrotz befanden wir uns alle mitten in den wichtigen Abschlußprüfungen, hatten parallel dazu den üblichen Studienbetrieb und mußten unsere Diplomarbeiten zuende schreiben. Das Radio auf unserer Studentenbehausung lief den ganzen Abend, so daß wir neben der Vorbereitung auf irgendeine Prüfung auch noch mit einem halben Ohr die interessanter gewordenen Sendungen verfolgen konnten. Den bornierten Parteigenossen unter uns geschuldet, lief natürlich nur DT 64, und niemand traute sich umzuschalten. So kamen wir denn auch live in den Genuß der denkwürdigen Pressekonferenz, auf der Günther Schabowski die Öffnung der Grenze bekanntgab. Wir ließen konsterniert unsere Bücher und Hefter liegen, sahen uns verständnislos an, und sogar die Genossen stellten jetzt den RIAS ein, war es doch etwa 7 Minuten vor den nächsten Nachrichten … Die Nachrichten kamen, der Wetterbericht, anschließend Musik. Wir wendeten uns wieder den Büchern zu. Plötzlich, nach vielleicht 20 Minuten, wurde die Sendung mitten im Titel unterbrochen. Die Sprecherin war total erregt; die Grenze sei offen, erste Ostberliner seien an den Übergangsstellen nach Westberlin gelassen worden, Jubel war zu vernehmen, nebenher machte sich Ungewißheit darüber breit, wie es weitergehen sollte; es gab anscheinend keine festen Regeln für diese Art von Grenzverkehr. Für mich taten sich existenzielle Fragen auf: Wußte meine Verlobte von dem Geschehen – sie war gerade jetzt mit einer Freundin zur Uraufführung des Filmes „Comming out“? Soll ich die Chance nutzen und sofort nach Westberlin gehen? Würde man mich morgen wieder zurück lassen? Würde ich nach so einem Besuch beim Klassenfeind mein Studium beenden dürfen? … Ich entschied mich zu bleiben. Meine Verlobte zu kontaktieren war unmöglich, da es keine Telefone gab. Außerdem hatte mich am nächsten Morgen zu 7:00 Uhr mein Mentor einbestellt, was entscheidend für das Gelingen meiner Diplomarbeit sein sollte. Und der Mentor war einer von denen, die sich als Parteikader hochgedient hatten. Kein Ausweichen möglich … Sunna erfuhr erst beim Aufwachen von den Ereignissen der letzten Stunden. Zuerst glaubte sie noch zu träumen, dann aber eilte sie sofort los. Zusammen mit einer gemeinsamen Freundin, mit der sie das Zimmer teilte. Sie wußte so ungefähr, wo sie mich suchen müßte und fand mich schließlich auch im hintersten Zimmer des hintersten Flures, wo ich bei meinem nervigen Mentor wie auf Kohlen saß und doch keine Miene verziehen durfte. Nachdem ich endlich entlassen war, flog ich fast das Treppenhaus hinunter, immer mit der Panik im Nacken, der graue Genosse könnte mich noch einmal zurückrufen. Im Lichthof der Akademie wartete meine Verlobte auf mich, die Freundin kam gerade aus der Kaufhalle zurück, wo sie etwas Eßbares für den Tag im Westen gekauft hatte, besaßen wir doch keinen Pfennig Westgeld. Und dann ging es los. Richtung Grenzübergang Invalidenstraße, keine 500 Meter von dem Ort entfernt, an dem wir nun schon vier Jahre aus- und eingingen. Dort war ja eigentlich die Welt zuende, begann so etwas wie der Mars. Außer uns standen da noch weitere 40 bis 50 Leute.

Den ganzen Morgen über hatten immer wieder wechselnde Gerüchte die Runde gemacht: Alles sei ein Versehen … Die Grenzen werden 8:00 Uhr wieder geschlossen … Die Grenzen werden 10:00 Uhr wieder geschlossen … Sie werden niemanden mehr zurück lassen … Man benötigt erst ein Visum von der zuständigen Polizeimeldestelle … Auch von den anderen Wartenden kannte keiner eine verläßliche Antwort auf all die Fragen. Inzwischen hatten sich noch zwei Freunde zu uns gesellt, auch ein Pärchen. Irgendwann wurde ein Stapel Karten herumgereicht, in die Name, Adresse, Personenkennzahl … einzutragen waren. Mittlerweile hatten die Soldaten am Postenhäuschen begonnen, die ersten Personen zu kontrollieren. Es versprach, eine zeitaufwendige Prozedur zu werden; jedoch wenig später entstand eine neue Bewegung: Einer der Posten stellte einen Tisch mitten auf die autoleere Straße und winkte Sunna und mich zu sich heran. Wir reichten ihm unsere Ausweise und die kleine graue Karte, bekamen einen Stempel und waren entlassen. Wenige Schritte weiter auf der einsamen Straße mitten in der Großstadt stockten wir, um auf unsere Freunde zu warten. Aber momentan folgte uns einfach niemand. Also beschlossen wir, das unheimliche Niemandsland zwischen wilhelminischen Klötzen mit vergitterten Erdgeschoßfenstern möglichst schnell zu durchqueren. In die fast gespenstische Stummheit mischte sich ein quirliges Brodeln, dessen Herkunft wir uns nicht erklären konnten. Dann bogen wir um die Ecke des einen wuchtigen Gebäudes und sahen vor uns so etwas wie das Tor zum Westen: Eine kleine Menschenmenge von vielleicht hundert Leuten, die Verursacher jenes rätselhaften Geräusches. Augenblicklich brauste dort ein Jubel auf, mit Rufen wie „Kommt schnell!“ und „Ihr schafft es!“ Die Menge öffnete sich wie ein Trichter und nahm uns auf. Wildfremde umarmten uns, man streckte uns Becher mit Sekt entgegen, manche liefen vor uns her, filmten oder fotografierten, uns wurde Geld in die Jackentaschen geschoben. Wir zwei lagen uns in den Armen, Sunna schluchzte, ich lachte. Reporter sprachen uns an, bemerkten, daß wir leidlich englisch sprachen. Sunna mußte dem BBC Fragen beantworten, ich versuchte dem Reporter eines schottischen Senders etwas zu erklären, was ich auch auf Deutsch nicht erklären konnte. Dann kam eine Westberlinerin auf uns zu, die erzählte, sie sei mit ihrem Mann schon die ganze Nacht auf den Beinen und wo wir denn als nächstes hin wollten. Da bemerkten wir erst einmal, daß wir von Westberlin überhaupt keine Vorstellung hatten; aus den DDR-Atlanten kannten wir es lediglich als grauen Fleck. Die Frau überließ uns sofort ihren Stadtplan. Schließlich trafen wir endlich auch wieder auf unsere anderen drei Freunde. Gemeinsam mit ihnen zogen wir zum Lehrter Stadtbahnhof, von wo aus wir mit der S-Bahn zur TU fuhren. Dort versuchten wir am Münzfernsprecher – Geld besaßen wir ja inzwischen – Freunde in Westberlin zu erreichen. Durch die Studentengemeinde hatten wir ja verbotenerweise heimliche Kontakte zum Klassenfeind. Und das Glück war mit uns: Eine Freundin lud uns nachmittags zum Kaffee ein, eine andere holte uns nach zehn Minuten vor der TU ab. Die Mehrheit von uns wollte zum Kurfürstendamm, also zogen wir los. Bald war uns jedoch klar, daß wir uns mitten in einen Hexenkessel begaben: Die Straße war verstopft, der Verkehr kam zum Erliegen. Videotafeln verkündeten, daß es keine Brötchen mehr gäbe, begrüßten herzlichst alle Ostberliner und priesen die nächsten Kinohighlights an. Wir flohen erst einmal in die Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche, weg vom allergrößten Trubel. Als wir wieder auf die Straße traten, entspann sich spontan ein Gespräch mit einer Passantin. Alle Menschen kamen sich auf einmal so nahe. Dann bemerkten wir, wie eine Dreiergruppe begann, irgendwelche Instrumente aus deren Hüllen zu wickeln. Ich gab den anderen zu verstehen, daß wir besser weitergehen sollten. Aber die Anführerin des Fernsehteams holte uns schnell ein und versuchte uns zu überreden, eine Reportage mit ihr zu drehen, die am Abend im französischen Fernsehen, Antenne 2, gezeigt werden sollte. Wir hatten alle Angst vor den Konsequenzen, wenn herauskommen würde, daß wir mit dem Sender eines Klassenfeinds zusammengearbeitet hätten. Aber unsere Westberliner Freundin nahm uns unsere Bedenken und wir willigten tollkühn ein. So folgte uns das Team dezent und jedesmal, wenn irgendetwas unsere Aufmerksamkeit in Anspruch zu nehmen schien, bauten sie sich vor uns auf und stellten Fragen: Wie wir dies und das fänden. Was wir über die Preise in den Schaufenstern dächten. Ob uns Musik auf Müllinstrumenten gefiele. Und und und. Die zwei Taxis, die sie bestellt hatten, quälten sich durch das Gewühl auf den Straßen. Sunna sang „In einem Taxi nach Paris …“ Schließlich ging es nicht weiter, und wir liefen das letzte Stück durch den Tiergarten Richtung Brandenburger Tor zur Mauer. Zur Mauer von Westen her! Oben standen dichtgedrängt viele Menschen. Auch wir schafften es mit einiger Anstrengung auf das seltsame Bauwerk. Zwischen uns und dem Brandenburger Tor standen ungewöhnlich viele Grenztruppen-Soldaten, sie bildeten eine lockere Kette und kehrten dem Westen im wesentlichen den Rücken zu.  Dabei schwatzten sie miteinander, einige rauchten. Unerhört! Solch ein Verhalten beim Postendienst! Als wir wieder sicher auf Westberliner Boden standen, holte Kerstin, unsere Freundin, die vorsorglich im Osten eingekauft hatte, die Flasche Cabernet hervor. Ich öffnete sie mit dem Taschenmesser und wir ließen sie kreisen. Die Franzosen waren höflich und nahmen auch einen Schluck. Und dann sollten wir zum Abschluß reihum noch ein Statement abgeben, was wir dächten, wie sich die Situation in den nächsten Tagen und Wochen entwickeln würde. Anschließend bot uns die Reporterin an, uns ein Video der fertiggestellten Sendung zukommen zu lassen. Wir lehnten ab, da wir nicht erwarteten, in absehbarer Zeit Zugriff auf einen Videorecorder zu bekommen. Und Geld bekamen wir noch: Etwa 200 DM. Dann ging es weiter Richtung Wannsee, wo wir zum Kaffee erwartet wurden. Unsere Freunde dort waren gerade vom Dienst gekommen, Iris hatte einen Kuchen gebacken, aber irgendwie war an ihnen die Aufregung des Tages noch vorübergegangen. Erst, als sie uns nun leibhaftig vor sich sahen und uns erzählen hörten, dämmerte ihnen, daß sie möglicherweise gerade mittendrin in einem Kapitel der Weltgeschichte steckten. Sie ließen sich anstecken. Da wir inzwischen nur noch zu dritt waren, paßten wir in den BMW der beiden. Erst einmal fuhren wir – es war inzwischen dunkel geworden – einkaufen, zu „Kaisers“. Dort suchten Sunna und ich für jeden aus der Familie ein kleines Mitbringsel aus. Etwas aus dem Westen: Kaffee, eine Ananas, Schokoladenadventskalender, Süßigkeiten, die man aus der Fernsehwerbung kannte. Und dann fuhren wir zum zweitenmal an diesem Tag an  die Mauer beim Brandenburger Tor. Zu diesem Zeitpunkt muß mich wohl etwas wie ein leichter Schwächeanfall überrannt haben: Mir zitterten eine Minute lang die Beine, so daß ich Mühe hatte, mich aufrecht zu halten. Nachdem wir auch am Reichstag kurz bei den Kreuzen für die Mauertoten stehengeblieben waren, fuhren uns unsere Freunde zum S-Bahnhof Friedrichstraße, der gleichzeitig Grenzübergangsstelle war. Wir verabschiedeten uns in Ungewißheit, ob wir einander wiedersehen würden, aber mit der Gewißheit, einen Tag lang Weltgeschichte erlebt zu haben. Der Übergang in den Osten, auf die andere Seite desselben Bahnhofs, vollzog sich problemlos. Wir wurden praktisch nicht kontrolliert. Und als wir schließlich mitten in der Nacht im letzten Zug Richtung Süden saßen, murmelten wir ein um das andere Mal das Wort, das die folgenden Tage und Wochen prägte: Wahnsinn.
Foto: Michael Hollmann und seine Freundin Sunna am 10. November unterwegs durch West-Berlin.

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Beitrag in der Neuen KirchenZeitung
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