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Hl. Ansgar - Patron des Erzbistums Hamburg
Ansgar. Apostel des Nordens. Von David Fraesdorff.
Das neue Ansgarbuch des Historikers David Fraesdorff bietet nicht nur eine spannende Geschichte des Heiligen, sondern beschreibt auch die Sicht auf den Norden im frühen Mittelalter.
Der Reisende, der von Süden kommend das Ufer der Elbe erreichte, wusste, dass er an das Ende der Welt gekommen war. Hinter dem Geesthang gab es zwar noch Land. Aber Kultur, staatliche Ordnung, Sicherheit, endeten an dieser Grenze. Ebenso endete im Bewusstsein der Menschen dort auch die christliche Welt. Das war nicht ganz richtig. Auch nördlich des Flusses lebten im 9. Jahrhundert getaufte Sachsen, die von Karl dem Großen besiegt worden waren und den Glauben der Siegermacht angenommen hatten. Aber spätestens an der Schlei war damit Schluss. Dort hatten sich die Dänen mit einer Mauer, dem Danewerk, abgeschirmt. Für christliche Missionare war hier zunächst „kein
Hineinkommen“. Wer es trotzdem versuchte, brauchte sehr viel Mut und glückliche Umstände. Einer der ersten, der dieses Wagnis unternahm, war ein Mönch, der später „Apostel des Nordens“ genannt werden sollte: Ansgar.

Über das Leben des heiligen Ansgar ist jetzt ein neues Buch erschienen. Autor ist der Kieler Mittelalterspezialist David Fraesdorff. Der Historiker hat sich schon in seiner Dissertation „Der barbarische Norden“ mit dem Bild Norddeutschlands und Skandinaviens im Urteil mitteleuropäischer Zeitzeugen beschäftigt. Ein entsprechend großes Gewicht hat dieses Umfeld in seiner Ansgar- Biografi e. Die Angst der mittelalterlichen Kultur vor „dem Norden“ ist nicht unwichtig für die Mission nördlich der Elbe. Denn von dieser Stimmung hing ab, welche Chancen sich Kaiser, Papst und Bischöfe ausrechneten, als sie Missionare in das finstere Gebiet nördlich der Elbe sandten und dort später Bistümer gründeten. Sachsen, Dänen, Schweden, Wikinger, Slawen – für die Bürger des Kaiserreiches gab es da keinen Unterschied. Südlich der Elbe war christliches Land, nördlich davon lebten die Götzendiener, increduli (Ungläubige), infi deles (Untreue), ignoti (Unwissende), improbi (Unzuverlässige) infelices (Unglückliche). Der Norden, das war für fränkische Autoren ein Schimpfwort, das auf jede Art von Barbarenland angewandt wurde, so Fraesdorff: auch für Polen oder Russland im Osten des Reiches.
Wo die Sonne nicht scheint, ist Gottesfi nsternis Aus dem Süden kommt die Erleuchtung durch den wahren Glauben. Der Norden ist dagegen lichtlos, geistlos, gottlos. Für dieses Urteil gab es biblische Belege: In den Prophetenbüchern, etwa bei Jesaia (z.B. Jes 14,13) wird der Norden als Sitz des Bösen und Quelle des Unheils bezeichnet.
Von den lateinischen Worten, die den Norden bezeichnen können, taucht in den fränkischen Texten des 9. Jahrhunderts nur der negativste auf: „Aquilo“. So hieß der Nordostwind, dem die Römer eine zerstörerische, tödliche Kraft zuschrieben. Noch in den Dokumenten über spätere  Bistumsgründungen begegnet man statt dem Wort „ultra albiam“  (jenseits der Elbe) diesem Schimpfwort „aquilo“. Wer freiwillig in ein Land geht, das so furchtbar ist wie das Land nördlich der Elbe, muss verrückt sein. Das glaubten die Mitbrüder  des Benediktinermönchs Ansgar, der sich zu der Mission an der Seite des dänischen Königs Harald freiwillig gemeldet hatte. Dass sie ihn nicht zurückhalten konnten, hatte zwei Gründe. Erstens war Ansgar in einer Vision die Krone des Martyriums versprochen worden, wie wir von Ansgars Nachfolger und Biografen Rimbert wissen. Im Kloster Corvey an der Weser, mitten im gesicherten Frankenreich, war es unwahrscheinlich, dass jemand sein Leben durch den Märtyrertod beendete. Im Norden dagegen
blühte einem Missionar ein solches Los so gut wie sicher, mussten die Zeitgenossen denken. Der zweite Grund, weshalb Ansgar in den Norden ging: Er glaubte offensichtlich nicht daran, dass die gängige Auffassung, die Barbaren des Nordens seien von Natur aus gottlos, stimmte. Denn dann wäre jede Mission zwecklos gewesen. Wenn es nur bei den Barbaren bleiben würde! Waren es Anzeige überhaupt Menschen, die man antreffen würde, wenn man tatsächlich ans Ende der Welt vorstieß? Das wusste mangels Erfahrung niemand zu sagen. Die antike Literatur  spekulierte darüber, welche Kreaturen den äußersten Norden bevölkerten. „Entweder handelte es sich um idealisierte Völker, die ein glückliches und sorgenfreies  Leben führten, oder sie stellten abnorme und Schrecken erregende Wesen dar“, schreibt David Fraesdorff. Dazu zählten Hundsköpfi
ge, Amazonen, die sich die Brüste amputierten, einbeinige Hüpfwesen, einäugige Zyklopen oder Anthropophagen (Menschenfresser). Von diesen krausen, aber einstweilen
aber kaum widerlegbaren Annahmen ließ sich der Mönch Ansgar nicht abschrecken. Er verstand seine Missionsreise als Peregrinatio, als Pilgerschaft. In Dänemark angekommen, suchte er nicht den Tod, sondern errichtete eine Schule und begann mit Eifer zu predigen.

Wann wurde Ansgar Erzbischof? David Fraesdorff ist übrigens der Meinung, dass Ansgar mit seiner Bischofsweihe nicht Erzbischof, sondern nur Bischof von Hamburg wurde. Diese Frage steht seit langem im Raum. Der Autor begründet seine Zweifel damit, dass der Ansgar-Biograph Rimbert an einigen Stellen nur von Bischof, nicht Erzbischof Ansgar spricht. Das deute auf eine spätere Fälschung hin, die in der Zeit nicht unüblich war. Erst im Jahr 864 gibt es ein sicheres Dokument, das Ansgar als Erzbischof benennt. Grundsätzlich jedoch folgt der Autor der Biografi e Rimberts, die auch die einzige Quelle für das Denken und den Charakter des ersten Hamburger Bischofs darstellt.
Fraesdorff gelingt es, den Leser ohne Verwirrung durch die recht komplizierte Materie des politischen Machtgeschiebes in Ansgars Zeit zu steuern. Mangel an Spannung muss der Leser nicht beklagen. Im Leben des hl. Ansgar gab es keine langweiligen Abschnitte.

Quelle: Neue KirchenZeitung Nummer 21. 24. Mai 2009

David Fraesdorff wurde 1974 in Elmshorn geboren.
Der Historiker war wissenschaftlicher Mitarbeiter und Lehrbeauftragter in Hamburg.
Seit 2007 ist er Lehrer für Geschichte und Latein am Gymnasium Lütjenburg. Zu seinen
Veröffentlichungen gehören die Bücher der „Herrscher des Mittelalters“ und „Der barbarische Norden“.

Das Buch „Ansgar, Apostel des Nordens“ ist mit einem Vorwort von Erzbischof Werner Thissen, im Toposplus
Taschenbuch, erschienen.

127 Seiten,
ISBN 978-3-8367-0633-9, 8,90 Euro.

Zu bestellen beim St. Ansgar- Verlag Hamburg,
Tel. 040 / 248771-123,
E-Mail: info@ansgar-verlag.de