zur den Kirchgemeinden
"Ihr Blut floss ineinander"
Chronik in Kürze


29. März 1942: Pastor Karl-Friedrich Stellbrink predigt am Tag nach einen Bombenagriff auf Lübeck: "Gott hat mit mächtiger Sprache geredet. Die Lübecker werden wieder lernen zu beten."

7. April 1942: Stellbrink wird in  "Schutzhaft" genommen.

18. Mai 1942: Die Gestapo durchsucht das Pfarrhaus von Herz-Jesu. Johannes Prassek wird verhaftet.

15. Juni 1942: Vikar Lange wird verhaftet.

22. Juni 1942: Adjunkt Müller wird verhaftet, ebenso  18 Laien.

17. April 1943: Die Gefangenen werden ins Untersuchungsgefängnis vorübergehend nach Hamburg  gebracht

22. bis 24. Juni: Gemeinsamer Prozess gegen die vier  Geistlichen und 18 Laien in Lübeck

23. Juni 1943: Der Senat des Volksgerichtshofes in Lübeck verurteilt die vier Lübecker Geistlichen zum Tode.

24. Juni 1943: Adolf Ehrtmann wird zu fünf Jahren  Freiheitsstrafe verurteilt, die anderen Laien zu je  einem Jahr Gefängnis.

9. Juli 1943: Die Lübecker Pastorenschaft sendet ein Gnadengesuch an den Reichsjustizminister

10.11.1943, 18.20 Uhr: Im Hamburger Gefängnis am Holstenglacis werden Karl-Friedrich Stellbrink, Johannes Prassek, Eduard Müller und Hermann Lange im Abstand von drei Minuten durch das Fallbeil getötet. 


24. Juni 1993: Die Nordelbische Lutherische Landeskirche veröffentlicht eine Erklärung zur Rehabilitation und Würdigung des Märtyrers Karl  Friedrich Stellbrink.

5. November 1993: Die 17. Strafkammer des Landgerichts Berlin hebt das Todesurteil gegen Karl Friedrich Stellbrink auf.

10.  November 2003: Feier des 60.  Todestages der Lübecker Geistlichen  mit Kardinal Lehmann

10.Mai  2004: Mit der Ernennung des Postulators Dr. Ambrosi  beginnen die Vorbereitungen für das Seligsprechungsverfahren

November 2004: Der Historiker Prof. Dr. Peter Voswinckel  entdeckt verschollen geglaubte Abschiedsbriefe von Hermann Prassek und Karl-Friedrich Stellbrink

26. November 2004: Erste Sitzung des diözesanen Seligsprechungsverfahrens

10. November 2005: Abschluss der ersten, diözsanen Phase des Seligsprechungsverfahrens. Überleitung der Prozessakten zur römischen Kongregation für Heilig- und Seligsprechungsverfahren 
Das Urteil
"Im  Namen des deutschen Volkes ... Die Angeklagten haben  jeder Rundfunkverbrechen, landesverräterische Feindbegünstigung und Zersetzung der Wehrkraft begangen. Wer den Staat angreift, kämpft damit unmittelbar gegen die geschlossene und einige Gemeinschaft der Deutschen ....Die  Angeklagten sind hartnäckige, fanatisierte und auch  gänzlich unbelehrbare Hasser des  nationalsozialistischen Staates. Für  solche Verbrecher am Volksganzen wie die Angeklagten Prassek, Lange und Müller es sind, kann es nur die härteste Strafe geben, die das Gesetz zum Schutz des Volkes zulässt, die Todesstrafe!"

So das Urteil des Volksgerichtshofes vom 23. April 1942. Der Prozess gegen die vier Geistlichen Johannes Prassek, Hermann Lange, Eduard Müller und Karl Friedrich Stellbrink dauerte kaum zwei Tage (22. Und 23. April).

Die Bewertung späterer Historiker ist eindeutig: Von einem Gerichtsprozess kann eigentlich keine Rede sein. Das Urteil stand bereits vorher fest. Es sollte zur Abschreckung gegen alle kritischen Kirchenleute dienen.
Die Reaktionen der Kirchenleitungen
Sowohl die Lübecker Pastoren als auch  der Osnabrücker Erzbischof Wilhelm Berning setzten sich  für die Angeklagten ein.

Der Osnabrücker Erzbischof Wilhelm  Berning beauftragte Rechtsanwälte, wandte sich an das Berliner Justizministerium und besuchte die inhaftierten Kapläne. In einem Gnadengesuch verurteilte er die Handlungen, die den Kaplänen zur Last gelegt wurden, stellte aber ihr Eintreten für die Kirche als  "falsch verstandenes Pflichtgefühl" dar. Es  stimmt nicht, dass Bischof Berning die Kapläne  "fallengelassen hat". Diesen Eindruck versuchte die Gestapo den Gefangenen zu vermitteln. Allerdings gibt es keinen Hinweis dafür, dass der  Bischof die regimekritischen Aktivitäten Langes und  Prasseks (Vervielfältigung von Flugblättern, "Feindsender"-Hören) gebilligt hat.

Pastor Stellbrink stand noch schlechter da. Nach seiner Palmsonntagspredigt wurde ein kirchliches Amtsenthebungsverfahren eingeleitet. An der Spitze der Kirchenleitung stand nach der Einberufung des Bischofs ein Kaufmann namens Sievers, ein überzeugte  NSDAP-Genosse und Mann der "Deutschen  Christen".

Einzig die Lübecker Pastoren sandten ein Gnadengesuch mit psychologischem Gutachten an den Justizminister. Tenor dieses Gesuchs: Die Hinrichtung des "ehemaligen" Pastors würde  "Schmach" über den Berufsstand bringen. Das psychologische Gutachten attestierte dem  "notorischen Querulanten" Stellbrink eine Trübung des Denk- und Urteilsvermögens "an der Grenze eines Wahns". (vgl. Hoffmann, Kohlwage 2001)
Die Hinrichtung
Wenige Tage nach der Gerichtsverhandlung wurden die vier Verurteilten in das Zuchthaus Hamburg-Holstenglacis verlegt. Die letzten Monate verbrachten sie in Einzelhaft, durften aber  Besuche (u.a. von Bischof Berning) empfangen. Die  Besucher schildern die Stimmung der Todgeweihten als gelöst, ja glücklich. "Ich habe lange Zeit nicht  mehr so ruhig und selig gelebt, vielleicht noch nie, wie  jetzt", schrieb Johannes Prassek. "Ich habe nur eine Sorge: Es könnte das Urteil vielleicht zurückgenommen werden".

Am Mittag des 10. November 1943 erhielten die Häftlinge Nachricht, dass ihre Hinrichtung am gleichen Abend sein werde. Die Notiz lautete: "Heute 18 Uhr Urteilsvollstreckung: Tod durch Enthauptung".

Die Geistlichen schrieben Abschiedsbriefe (die Briefe von Stellbrink und Lange galten lange als vernichtet). Kurz vor 18 Uhr wurde die Häftlinge aus dem Gebet gerissen, und einer nach dem anderen gefesselt zum Schaffot geführt. Im Abstand von drei  Minuten sterben zuerst Eduard Müller, dann Herman Lange, dann Johannes Prassek und zuletzt Karl-Friedrich Stellbrink.

"Ihr Blut ist förmlich ineinander geflossen", schreibt die Biografin Else  Pelke.

Die Leichen von Hermann Lange und Karl Friedrich Stellbrink wurden im Ohlsdorfer Krematorium eingeäschert. Die Urne mit dem sterblichen Überresten von Herrmann Lange befindet sich in Krypta der Herz-Jesu Kirche Lübeck, die von Pastor Stellbrink in der Lutherkiche Lübeck.
Die sterblichen Überreste von Johannes Prassek und Eduard Müller sind verschwunden.
Die Würdigung
In der katholischen Kirche ist das  Andenken an die drei Kapläne seit ihrem Tod  wachgehalten worden. Der Todestag wird in der Herz-Jesu Kirche Lübeck in jedem Jahr gefeiert. Viele Einrichtungen tragen die Namen der Kapläne.

Das gemeinsame Gedenken an die "vier Lübecker Märtyrer" ist heute eine feste ökumenische Angelegenheit der Lübecker Christen.

Die evangelische Kirche tat sich schwerer mit der Würdigung des Pastors Stellbrink. Erst  im Juni 1993, vor dem 50. Todestag, veröffentlichte die  Nordelbische Evangelisch-Lutherische Kirche eine  Stellungnahme. Darin heißt es: "Mit Schmerz und  Scham ist festzustellen, dass die Lübecker Landeskirche  sich sofort von Pastor Stellbrink distanzierte und ihn fallen ließ." 

Die Landeskirche stellt fest, dass es nach Kriegsende keine Rehabilitierung durch den  Kirchenrat erfolgte. "Die Kirchenleitung der Nordelbischen Evangelisch-lutherischen Landeskirche  bedauert dieses Versäumnis. Sie kann Unrecht nicht  wiedergutmachen. Sie kann nach 50 Jahren nur mit  Erschrecken feststellen, wie willfährig kirchenleitende  Persönlichkeiten sich dem Unrecht beugten und einen  Amtsbruder und seine Familie ihrem Schicksal  überließen. ... Die vier Lübecker Märtyrer stehen  für die Kirche Jesu Christi, die nicht lavieren und sich nicht in den Dienst des Unrechts stellen  darf."

Der 50. und der 60. Todestag der Lübecker Geistlichen wurden mit großen ökumenischen Feiern begangen. Den 60. Todestag am 10. November 2003 feierten die Lübecker Christen mit dem Vorsitzenden der deutschen Bischofskonferenz, Kardinal Karl Lehmann, in  der Krypta der Herz-Jesu-Kirche. Nach dieser Feier erklärte der Hamburger Erzbischof Dr. Werner Thissen die Absicht, die Seligsprechung der drei Kapläne Prassek, Müller und Lange zu beantragen.
Eduard-Müller-Haus in Neumünster
Die Einweihung des Eduard-Müller-Hauses in Neumünster.
Nach der Renovierung bekam das Pfarrzentrum in der Linienstraße den Namen des aus Neumünster stammenden Kaplans. (Foto: Thoma)